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Full text of "Neue litterarische blätter; monatsschrift für freunde zeitgenössischer litteratur und künste .."

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für 


Freunde zeitgenössischer Litteratur 

tun! 

Mooatsblatt der „Litterarisciien Gesellschaft Psychodrama ! 1 


Herausgegeben 


von 

Franziskus Hähnel. 


I. Jahrgang. 

("Oktober 1392 -September 1893.) 


BREMEN. 

Verlag von J. Kühtmann's Buchhandlung (Gustav Winter.) 

1893. 


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Inhalts -Verzeichnis. 


< 




Seite 


Seit** 

I. Psychodramatische Dichtungen. 

Ernst, Otto: 

Ilöse Stunde . 

tu 

Becker. Wilhelm. Zit Emle 

tu 


so 

Gaudy, Alice Freiin von, Sankt» .lulia . . 

110 

Friedmann, Alfred: 

Epigramme 


Hähnel. Franziskus. An der Weiche 

54 

. r»4 

Hoffmann, Max, Im Hochgebirge 

158 

Hoffmann von Wannenheim, Pauline. Weilt- 


Fuchs. Reinhold : 

Letzte Liebe 

99 

nacht 

in 



Hoffmann von Wangenheim, Pauline. Siet; 


Garde-Prien. Arnold: 



46 

127 

Müde 

. 32 

Kiesnen, Laurenz. .Imins 

Abschied von der Sonne 

■ «> 

Kreici, M. A., Le ver iuisant 

17 

Geissler, Max: 


Meerheimb. Richard von. Graf Mansfelds 


Beileiden 

. 34 





Roeder. Ernst, Abt von Oroyland 

HO 

('her Nacht 

. 4!) 

Schubert. Wilhelm. Paganini-I’lianlasic . . . 
Schwab. Frida. l T ne tnerc antiromaine 

112 

Im Heidchntis 

4M 

18 

Mai 

07 

Zimmermann, Felix, Marens L'tirtius 

4 

Gläser. Johannes: 




O buht Glauben an den Glauben 

1t» 

II. Gedichte. 


Sieir 

. GO 


Die Liehe 

141 

Backhaus. Wilhelm Emanuel: 


Greif. Martin : 


Mein Lied . . 

— tu 


64 

Trost 

:»•> 

Hähnel. Franziskus: 

Mit einem Liclitldlde 


In lucinoriaiii 

60 

*22 

Hie Stützen der Gesellschaft 

101 

Verschiedene Wirknmr 

. 22 

Slcrnenliebc 

i:w 

Dem Leser zum Grussc 

VIII 

Becker. Wilhelm : 


Hasselbach, Anna: 




Aus „nnassionattr 

. 81 

Qiiollwassot 

80 

Hauth. Emil: 



1 10 

Wehmut 

20 

Bever. Johann : 

Ein Gottsucher 

33 






Am Abend 

59 

Verloren 

K2 

Hirschfeld. Franz: 


Dittrich. Max : 


Wunseli 

Hl 

ln der Fremde 

H« 

Körnig. Aurelie: 

Mach’ dich zum Herren deiner rrticht. 



101 

6 

Erfurth. Richard: 

Friihlingsmahnen 



8 


Ein Lied dem Lenz 

. 07 


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A 


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(RECAP; 


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IV 


Si-Ilil 


Hoffmann. Max : 

Anmarsch der tiladiatoren 18 

■liilm Knux A4 

Traum nn'l Erwachen äü 

Weltfern 60 

Morgenstimmen 81 

Parzenchor 115 

Tantalus 133 

Hoffmann von Wangenheim. Pauline: 

Ich wciss cs wohl 7 

Freude und Schmerz 8 

Lcnzlied 37 

Aphoristischen 101 

Jacobl, Joh. : 

An Richard von Mecrhciiab 36 

Jüngst, Hugo: 

Zu spät 99 

Morgendämmerung 115 

Sonnenblick 135 

Klehne, Hermann: 

Satisfaetion 21 

Zum Test der Maien US 

Kiesgen, Laurenz: 

Im Sturm 33 

Itu Tann 38 

Kliemke. Ernst: 

Vor Sonnenaufgang i>8 

Klings. Carl : 

Prüfnngszcit 141 

Krüger. Johannes: 

Homo sinn et nil liumani alienum l(JO 

Liebhold, Anna: 

Klage iler Schifferbrant . !)!t 

Lüdenoer. Wolfgann: 

Rill Mitternacht üü 

An Charon 81 

Frillilingskleinigkeiten 97 

Kill einfach Lied LU 

Der letzte Ritt. . ...... 159 

Meerhelmb, Richard von : 

l’oesie „ 36 

Meinen, Johannes: 

Liehe 113 

Zweifel 136 

Möbis, Emil: 

Lebewohl! ti 

Eitles Hoffen . 30 

Mahnung 82 

Mein Weggenosse 10O 

l'msonst 135 


Seile 


Müller, Ewald: 

Winternacht 19 

Albumhlatt 35 

Wenn du es wüsstest 59 

Wanderers Bitte 9H 

Nitschke, Anna: 

Abend 59 

Ich weiss es 58 

Sehnsucht 81 

Aus Domen 114 

Pfungst, Arthur: 

Resignation 132 

Preuschen, Hermine von: 

Wetterleuchten 96 

Ich schritt in weltverlorner Einsamkeit. 113 
Dans l’hombrc d'un incnngc 159 

Reder, Heinrich von: 

Federzeichnungen . 63 

Federzeichnungen 82 

Es war einmal 133 

Roeder, Ernst: 

Morgen im Walde 98 

Sturm 139 

Roth, Georg Barthel: 

Dichter mul Menge 20 

Mainz 31 

Winter 62 

Siiniiiierregcn 137 

Ruland, Wilhelm : 

Karneval an der Riviera 63 

} Ruseler, Georg: 

Ein (lleirhnis 36 

1 Haube „ . 135 

SehaukaL Richard: 

Meine .lugend . 137 

Schindler, Wilhelm : 

Winterwonnc 62 

Die neue Kunst 96 

Schmid-Braunfeia. Josef ; 

Morgenandacht 18 

i Abschied 59 

Sonnentraiini 110 

Schmidt-Cabanis, Richard: 

Prolog 63 

Schmidt-Brädikow, W. : 

Des Wilderers Tod 8 

Nacht hihi uns dem Havelinch 18 

Für Wahrheit 115 

Schmitt. Christian : 

i Waldrast 7 


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S‘‘ lt<- 


Seite 


Schmitt. Christian: 


Nach Adolf Stöber» Tod 

20 

Fallendes Laub 


Sehnsucht 

100 

Im Wechsel der Tage 

114 

Selbstbestimmung 

130 

Schreiber. Ferdinand: 


Lied 

99 

Schubert, Wilhelm: 


Er kommt ! er ist da ! 

136 

Schütze, Karl : 


Am Wege 


Keinen Durst 

140 

Sierenberg. Julius: 


Ende 

141 

Sommerfeld, A. von: 


Vor der Schlacht 

19 

Stimmungen 32 

Allein 

50 

Maskenball 

62 

Strandbild 

139 

Stauf. Ottokar, v. d. March: 


Das menschliche Leben 


Weltgeschichte 

8 

Abendfriede 

20 

Zuruf 

81 

Meine Sendung 

100 

Ein Traum 

140 

Stern. Maurice von: 



Abstieg . . 32 

An Konrad Ferd, Meyer 86 

Heimweh nach der Schweiz (11 

Utingstdftmmerung 
Stilke, Fritz: 

Unsere Liebe . . 

Du liebst mich nicht 

Z iimcke, Heinrich: 

Cliarlreitagsglocken . 

Der Adler von Sils Marin 
Traudt, Valentin: 


Am Abend 7 

Es hat heut in der Heide dort 20 

ln stiller Nacht 13(1 

Wintergliick 3 t 

Heidegrab 49 

Unbekannter Dichter . fil 

Waldgang 1)9 

Gedankensplitter I lö j 


Uhlmann-Bixterheide: 

Aiu Grabe Hermann C'onradis litt 

Anstrag IHR 

Weber. Richard: 

Das ulte Lied 13!) 

I Wissel, Karl von : 

Ballade 138 

Wundtke, Max : 

Kleine Bosheiten 101 

Kriitcneitclkeit 1511 

Zimmermann, Felix: 

Winterbild 33 

Die Japancsin R2 

Nachtgesang 7!) 

Anakrcon 100 

SeelenrStsel 132 

Zoozmann. Richard: 

Der Dämon lill 

III. Aufsätze, Skizzen etc. 

Beyer, Johann, Uber das Dramatische in 
Richard Wagner’s Tondichtungen ... . äß 
Bolza, Dr.W., Zur Aufführung von Gottfried 

Keller's „Therese 1, 58 

Ernst. Otto, Dramen von Georg Rnscler.. 69 
Hähnel, Franziskus, Über die Verbreitung 
der psychodrain. Dichtungsform I. , . . 4 

Hoffmann, Ottilie. Der Anteil der Frauen 

am geistigen Leben 10t 

Kraus, Karl. Anna Nitschke 48 

„ „ Baumeister Solncss 142 

Kriifler, Johannes, Mnsterverleger 153 

Menkes, Hermann, Deutsche Lyrik 79 


Hähnel. Franziskus: 

Weckruf 13 

l.itteratnr und Familie „ 29 

(lute und böse Geister 4jj 

Ana. ..der .Zeit lilr-ilie.Zcit-, 01 

Stille nach dem Sturm II 

Dass irli's doch erlebte iiä 

Unsere Leser 1. 11 109. 125 

Kin Jahr 157 


98 


59 

> 

35 

134 


Stiimcke. Heinr.. M. G. Conrad 129 

Traudt, Valentin. Die Freiheit der Kunst 82, 95 
Zimmermann, Felix, Was ist ein Psycho- 
drama? 3 

IV Leitartikel. 


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VI 


Seile I 

V. Psychodramatisches Echo. 


I'rleil v»n Dr. M <■. t'onrad 3 

, . Max Dittrich 18 

, . Dr. It. Fastenrath 32 

, , Frol. I)r. F. Schulze 36 

, . . Hermann Hettner 56 

, l’niil Heinzc U. K. Uw Ho , 78 

. , Pr. Pani Schumann »5 

, , Dr. Otto von Leisner 1 13 

, . Pr»f. l)r. I*. Hohl leid 120 

„ .. l)r. A. Kolmt 13i> 


VI- Aus der litterarischen Gesell - 
schaft Psychodrama. 

Begründung und Entwicklung derselben : 
Seile 2. 11. 30, -10, A4, 78, IIP, 127. 
Preisausschreiben : Seite 2. 14. 78. !H. 
Zweigverein Dresden : S. 30. 

, . Erfurt: . 90. 54.78. 

, Berlin : . öl, 78, 91, 1 1(1. 127. 158. 

, . Bremen: . 78, IIP, 127. 

. , Posen: ,158. 

VI i. Litterarische Rundschau. 

Seile 8, 22, .47. 01, 84. 1UJ, 110. ljj, 160. 

VIII. Eingesandte Neuerscheinungen. 

Seite 8, 23, 38, 50, 06, 86. 10-’. 116, 14 j. 


IX, Beurteilungen. 

Bardewiek. Erich: 

O. Ilotzen, Oer Kreuztahrer 120 

H. Schaffer, Noblesse obligc 121 

A. Friedmann, Pie Danaidcn. Pie Hecken- 
rose ISO 

Reinhohl Fuchs, Strandgut 161 

Max Ucisslcr, Ansfahrt 161 

Paul Fritsche, Bilderbuch eines Schwer- 
mütigen 162 

Franz Wichmann, Dichter-Ehe 163 

Bernhard. Dr. Karl: 

W. Bode, Indivi 151 

Bolza. Dr. W.: 

W. E. Backhaus. Allen die Erde 105 

11. Ciartelmann, Sturz der Metaphysik . . 152 
Drei I.yrika 162 

Bunne. Rudolf: 

Anton Ohorn, Der Ordensmeiater 40 | 


Seite 


Dittrich. Max: 

Anna Lau, Excelsior 11 

W. Fischer, Zeitgeilichte 117' 

Erdmann 6. A. : 

Karl Henckell. Ans meinem Liederbuchc 147 

Ernst, Otto: 

Dramen von (leorg Knseler 6I> 

Gläser. Johannes: 

(', Henri, l'rania 116 

I Hähnel. Franziskus: 

Herrn. Kiehne. Kleine Lieder it 

Arthur v, Loy, Aus der Wirklichkeit . . 10 

V. Trandt. Auf einsamen Pfaden 10 

A. Swoboda, Kleine Musikgeschichte II 

H. Schmidt-t'ahanis. Dachende Dieder , , 24 

H. Kiehne, Hausbuch deutscher Lyrik . . 26 

i'lir. (iriiss, Herzensklänge 26 

J. Locwenberg, ln Gängen und Höfen. . 27 

A. v. Sommerfeld. Wetterleuchten 30 

Otto Mora, Ein Revolutionär 41 

H. Elm, Dresden 42 

R. Dehinel, Erlösungen 51 

P. K. Rosegger, Allerlei Menschliches . . 51 

Prinz Emil von Schöncicli-Cnrolath. 

Dichtungen • 66 

Hubert Müller, tledichle !ii 

U. E. llartlehen. Albert ..(iirautPa Pierrut 

Lunaire. ..... liS 

Max Böttcher. Bilder des Leliens 71 

' Max Ucisslcr. Die Penaten 22 

II, Sohnrcv. Das Fand 72 

H. v. Poschinger, Dieder der Waldfrau 86 

Maurice v. Stern. Aus den Panieren eines 

Schwärmers U13 

| M. O. Conrad, Ketzerblut 106 

Kurt Bäcker, Die Volksuntorhaltnng . . 132 
Paul Grotowsky, Der toten Mutter .... 161 

Adolf Frankl. Dachende Wahrheiten . . 163 
P. K. Rosegger, (inte Kameraden . 163 

Hammer. W A.: 

11. fl. Kosel, Lieben und Streben 118 

Hauth Emil: 

Max Hoffmann, Irdische Lieder 30 

Dr. K. Dreher, lirundzilge einer Gedacht - 

nislehre Hiß 

Franz Held, Gross Natur 117 

Leop. Jaeobv, Deutsche l.icdcr aus Italien 1 18 
Hoffmann. Max: 

H. Oraebke. Plattdeutsche Gedichte . Ml 

(I .1 Riorhnum Moderner Miiseimlinanai li 
für 1 8!)3 tili 


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VIT 


Seite 

Moffmann. Ottilie: 

Dr. K. Walckcr, Der Anteil der Frau am 


geistigen laslten 101 

Hohenhausen. Fr. von : 

Gabriele von Bitlow 15t 

Jacobi. Johannes: 

G. B. Roth, Deutschlands Siegsschwert . 39 

Kiehne. Herrn. : 

Adels- und Saloiiblatt 22 | 

Kraus. Karl: 

A. Engel, Das Buch der Eva 71 

Die Gesellschaft 122 

G. Schauinberg, Dies irac 147 

Lindner. Anton: 

M. Wundtke, Wildlinge 140 

Möbis. Emil: 

H. Blum, Jennnc Mithcne 87 

R. Braune. Thllring. Dorfgeschichten. . . 121 
R. Erfurth, Auf bewegten Gassen 151 

Müller, Ewald: 

R. Kuehlich, Aus einsamen Stunden. ... 00 

Nitschke, Anna: 

H. v. Reder, Rotes und blaues Blut ... 119 

Pitlik, Carl: 

Stern, Mattgold 16.1 

Proteus (Dr. F. K.i: 

Bruno Weiss, Yolkssitten 4 t 

V. Ziegler. Dichter iin deutschen Schnl- 

hnnse 08 

Stein der Weisen 71. 122 

Sta uf v . d. M arch. Ottokar: 

Ew. Müller. Morknsko 39 

A, Pfungst, I.askaris I 40 

„ . II 120 

W. Riiland und I.. Kiesgen. Himmel 

und Erde liü 


Seit«! 


Schindler, Wilhelm: 

II. v. Basedow. Ein Testament 149 

Schmid-Braunfels. Josef: 

l'nter der Friedensnalme 26 

H. Gartelmann. Dramatik 20 

M. Böttcher. Sie liebt! 70 

Arthur Schnitzler. Anatol 87 

Franz Held, Manometer auf 99! 120 

M. Manuela, Rudolf v. d. Wart 161 

Schmitt, Chr.: 

A. Garde, Menschliche Tragödie 24 

Otto Emst, Nene Gedichte 25 

A. Stöber. Gedicht« 67 

Viktor Hardung und Hermann Stegemann 80 
Hans Eschelbach, Wildwnchs 162 

Stümcke, Heinr. : 

f M. G. Conrad, Bergfeuer 88 

Paul Barth, Tiberius Gracchus 120 

Anna Croissant-Rust, Feierabend 121 

0. J. Bierbaum, Studentenbeichten 151 

Wundtke, Max: 

R. Nordhausen, Joss Fritz der Band- 
streicher 87 

Zimmermann, Felix: 

Fanny Bimdt, Licht- und Schattenbilder 41 


X. Zur Antikritik 

Hähnel, Franziskus, I.itter. Wcgelagcrtum 151 


Hauth. Emil, ln eigener Sache 86 

Schreiber, Ferdin.. Auch eine Kritik ... 86 


XI. Litteraturtafel und Anzeigen. 

Seite 12. 28, 43, 52, 71. 90. 107. 123, 155, 161. 






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VIII 


Dem Leser zum Grusse. 

— «e~«-=f* — 


i. 

Ein kleines SchiRlein war's, das durch die Wespen 
Ein Jahr gekreuzt und oftmals heimgctricbcn : 
Die Mannen sind ihm treu und fest verblichen, 
Wenn auch manch wilderGischt den Bng umzogen. 

Ob auch der Sturm den kleinen Mast gebogen. 
Manch Felsenriff die I'lanken auch gerieben. 
Wir stcli'n im SchiRlein festen Muts und lieben 
Solch Wellenbrandcn, wie tvir's oft durchflogen. 

Zwar hat nicht grosse Fracht dasSc.hiR getragen, 
Nicht immer Ferien bracht’ es heim den Treuen, 
I'nd mancher sali's mit Zittern und mit Zagen. 

Doch nimmer wird uns eine Fahrt gereuen. 
Wir werden weiter nach der Schönheit jagen 
l'nd nnsern Fang an alle Küsten streuen 


Vergangenheit und Gegenwart im Ringen! 
j Ein Schauspiel, wie’s kaum eine Zeit gesehen. 
Ein gegenseitig tolles Missverstehen, 

Im Geisteskumpf ein helles Schwerterklingen. 

Hier mag man nicht den Zeitengeist durchdringen : 
Dort will man im Vergang’nen nicht vergehen. 
Zur Gegenwart und Zukunft treulich stehen 
Und jene kampffroh mit der Tlint bezwingen. 

Wir kämpfen ehrlich, wenn wir streiten sollen, 
Wir werden nimmer And'rer Meinung höhnen 
Und Achtung jedem tapfren Gegner zollen. 

Das eine Ziel wird einst uns doch versöhnen: 

„Dem Volk mit ganzer Kraft ein edles Wollen 
Und Friede durch die heil’ge Macht des Schönen!“ 


tu. 

Nie ist im Kampf der Hätfenlaut verklungen. 
Und nie erstarb der Dichter heil’ges Mahnen, 
Sic zogen unverdrossen ihre Bahnen 
Bis oft die letzte Saite herb zersprungen. 


Und doch, — habt Ihr auch treu und heiss gerangen. 
Rieft Ihr auch viele zu den heifgen Fahnen. 

Klein ist die Schar der treuen Unterthanen, — 

Wer lauscht dem Wort, 4ns Euer Herz gesungen? 

Auf, auf, die noch an Wahrheit, Schönheit hangen, 
Lasst freudig uns zum heifgen Tempel wallen. 

In jedem deutschen Hans weckt solch' Verlangen. 


„Es soll, — den Schwur lasst feurig, froh erschallen. 

„Was die Propheten uns'rer Zeit uns sangen 
„Zur That in uns’ren Hefzen widerhallen !“ 

Bremen, im August istw F. H 



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2 


Psychodramen weit. 

Die Begründung und Entwicklung der 
,.Litterar. Gesellschaft Psychodrama.“ 

Ara 1. Oktober d. J. trat unsere am I. Allt- 
el. J, begründete Oesellsohalt in ihr erstes Ge- 
schäftsjahr ein. Möge dieselbe nicht mir der 
Förderung paychodramatisrher Dichtung in den 
weitesten Kreisen dienen, sondern auch ein 
.Scherflein dazu lieitragen, dass das Interesse 
für deutsche Litteratur und Kunst mehr und 
mehr erweckt werde. Die nach längeren Bc- 
ratimngen festgestellten Satzungen haben in 
diesem Geschäftsjahre zwar bindende Gültigkeit, 
sollen aber zugleich Veranlassung gehen, ihre 
nutzbringende Gestaltung für die erste Haupt- 
versammlung, die im Laufe des nächsten Jahres 
abgehalten wird, vorzubereiten. Um der irrigen 
Meinung vorzubeugen, es dürften nur Schrift- 
steller und besonders auf dein Gebiete der 
psvehodramntischen Dichtung Schaffende der 
Gesellschaft beitreten, bemerken wir, dass jeder 
Litterntnrfrcund derselben als Mitglied hoch 
willkommen ist. Je mehr Mitglieder die Ge- 
sellschaft zählt, desto grösser wird auch ihre 
Leistungsfähigkeit sein. Wir bitten deshalb 
unsere Mitglieder, nette Freunde in möglichst 
grosser Zahl zu werben. Wir verfolgen nicht 
selbstische Zwecke. Unserer Literatur und 
Kunst zu dienen, ist unser aufrichtiges Be- 
streben. Bisher sind fast 90 Mitglieder der 
Gesellschaft beigetreten. In einigen Orten, wie 
Bremen. Dresden. Erfurt und Strassburg wird 
bereits die Bildung von Zweigkränzchen, bezw. 
Vereinen vorbereitet. Der Zweigverein Bremen 
des .deutschen Privatbeamten Vereins“ (Vors. 
Hr. Geo Becker-Bremen) und der Zwickauer 
.Goetheverein“ i7äO Mitgl , Vors. Hr. Prof. 
Dr. H. C. Kellneri sind unserer Gesellschaft als I 
korporative Mitglieder beigetreten. Die voll- 
ständige Mitgliederliste wird für unsere Mit- 
glieder im Januar den .Neuen litterarischen 
Blättern“ lieigclegt werden. 

Ursprünglich war der Verlagsbuchhändler 
G. Kölner in Leipzig durch die von ihm lieraus- 
gegehene Zeitschrift .Unser Verkehr“ für die 
Gesellschaft verpflichtet wurden. Der Vorstand 
sah sich jedoch veranlasst, den Vertrag mit 
Herrn G. Körner als gelöst anznsehen. da der- 
selbe in keiner Weise seinen Übernommenen 
Verpflichtungen trotz wiederholten Entgegen- 
kommens nachkam. Dadurch hat die Heraus- 
gabe des die Mitglieder mit einander verbinden- 
den Organs sicii leider verzögert. Dasselbe liegt 
jetzt in den .Neuen littcr. Blättern“ in an- 
spruchslosem Gewände vor, deren Leserzahl in 
nicht allznfcrner Zeit hoffentlich so sehr wächst, 
dass sie häufiger und in grösserem Umfange 
erscheinen können. Herr G. Körner wagt es 
freilich, seine Zeitschrift augenblicklich auch 
als unser Organ mit der unrechtmässigen Ver- 
öffentlichung des ihm bereits am 20. Oktober 


; aligcforderten Manuskriptes lieratisgegeben. Wir 
I sehen uns deshalb veranlasst, in der nächsten 
Nr. unseres Organs das Verhalten des Verlags- 
bnrhhändlers G. Körner eingehend zu lielcnchten, 
so uneri|tticklicli auch eine solche Darstellung 
sein mag. Wir bemerken jetzt nur, dass es 
lediglich das Interesse unserer Gesellschaft war, 
welches uns noch rechtzeitig zur Kündigung 
des Vertrages mit dem Verlagsbuchhändler 
G. Körner veranlasste und uns zwang, auf dem 
Wege des Rechts gegen denselben vorzngeben. 
Unsere junge Gesellschaft wird hoffentlich um 
so fester gegründet sein und sicii in der bis- 
herigen Weise erfreulich entwickeln. 

Der Vorstand der 

„litterarischen (Jcaellschaft Psychodrama.'' 

1. Vorsitzender: Oberst Richard von 
Meerheimbin Dresden. Stellvertreter: 
Pauline Hoffiunnn v. Wangenlieim 
in Erfurt. 1. Schrift- und Geschäftsführer: 
Reallclirer u. Schriftsteller Franziskus 
Hälinel in Bremen. 2. Schriftführer: 
Felix Zi m mermann in Dresden. Bei- 
geordneter: Dr. jur. J. Jacobi (J. Otto) 
in Bremen. 


Preisausschreiben. 

Durch die Liebenswürdigkeit eine» Mit- 
gliedes ist die (iesellschaft in den Stand gesetzt 

150 Mark 

für preisgekrönte psycliodrnmatische Dich- 
tungen zu verwenden. Der Vorstand derselben 
setzt danach einen 1. Preis von »O Mk. und 
einen 2. Preis von 60 Mk. fiir die beiden 
besten eingereichten „Psychodramen“ aus 
unter nachfolgenden 

Bedingungen: 

1. Es darf von einem Autor nur eine psycho- 
drainatischc Dichtung iiu Manuskripte zum Prcis- 
hevverh eingereicht werden. Dieselbe darf vorher 
noch nicht veröffentlicht sein und muss denjenigen 
zum geistigen l’rheber haben, der sich damit an 
dein Preisausschreiben beteiligt. 

2. Der Umfang der psychodramatischen 
Dichtung wird nicht näher bestimmt, doch gilt 
Kürze, plastische Darstellung und packende 
Vortragsfühigkcit als ein Vorzug. 

3. Die Schrift des eingesandten Manu- 
skriptes darf nicht von der Hand des Verfassers 
herrühren. Das nur auf einer Seite beschriebene 
Manuskript muss ohne Namen und Brief, 
nur mit Titel und Motto versehen bis zum 
1. März 1KD2 an den Geschäfts- und 1. Schrift- 
führer der Gesellschaft Beallehrer und Schrift- 
steller Franziskus Hähne) in Bremen ein- 
gereicht sein. 

4. In der diesem Termine folgenden Nummer 
des offiziellen Organs der „ litterarischen Ge- 
sellschaft Psychodrama“ werden sämtliche ein- 
gelaufcnen Manuskripte «ach Titel und Motto 
als Beleg der Empfangnahme veröffentlicht. 


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5. Die preisgekrönten Psychodrama tischen 
Dichtungen lileilien Eigentum tler (Gesellschaft ; 
doch können (licscllien nach besonderer Verein- 
barung mit dem Vorstande der Gesellschaft 
weiter verwertet werden ij{ 22 der Satzungen). 
Nicht preisgekrönte und doch wertvolle Manu- 
skripte werden vom Vorstände nach Verein- 
barung mit den Autoren literarisch zu ver- 
werten gesucht. 

!>. Etwaige, das Preisausschreiben betref- 
fende Anfragen können im Interesse der Unpar- 
teilichkeit nur dann beantwortet werden, wenn 
dieselben unter bestimmter Chiffre post- 
lagernd erbeten werden. 

7. Der Sprach der Preisrichter w ird in der 
Aprilnuimucr des oftiziellcn Organs der Gesell- 
schaft „Nene litter. Blätter" (Verlag von Kilht- 
matin's Buchhandlung [O. Winter), Bremen) 
zuerst veröffentlicht. 

8. Gleichzeitig erfolgt die Barauszahlung 
der bereits deponierten Preise an ilie betreffenden 
Autoren durch den Geschäftsführer. 

it. Das Preisricbteramt haben bisher gütigst 
für das laufende Geschäftsjahr übernommen : 
Hermann Kiele ne. Nord hausen 
it'hefredaktcur des Hausbuches deutscher 
Lyrik), Pauline Hoff mann von 
Wangenheim, Erfurt, Dr. J. Jacubi 
(J. Otto), Bremen. Franziskus 
Hähnel, Bremen. 

10. Die Beurteilung der eingesandten Dich- 
tungen geschieht nach ihrem dic hterischen Werte 
im Allgemeinen und nach ihrem psychodramn- 
tischen Chnrakter im besonderen. Preisrichter 
und Vorstandsmitglieder der Jittern rischen Ge- 
sellschaft Psychodrama“ beteiligen sich nicht 
an der Preisbewerbung. 

Der Vorstand der „litterarischen | 
(iesellschnft Psychodrama!' 


Was ist ein Psychodrama? 

Skizze von Felix Zimmcrinann. 

Die Frage .Was ist ein Psychodrama“? 
lässt sich mit wenigen Worten nicht erschöpfend 
beantworten. Es ist eine völlig nette, einheit- 
liche Dichtungsforni, eigentlich eine Misciiform 
aus dramatischen, epischen und lyrischen Grund- 
elementen, ein Drama in denkbar einfachster, 
idealster Ausführung. Jeder äusserliche Appa- 
rat fehlt: denn nicht für die äusseren Sinne 
des Hörers sind die Vortragsdichtungen ge- 
schrieben. sondern die innigste Mitarbeit der 
erregten Psyche ist nötig, damit der Hörer 
dieses Drama in seiner ganzen Feinheit be- 
greife und fühle. Aber eben dieses rein geistige 
Wesen des Psychodramas macht es möglich, dass 
die Zeit und Baum überflügelnde Phantasie 
solch' einen dramatischen, in Wirklichkeit viel- 
leicht Stunden währenden Vorgang, von den 
geistigen Wellen der Sprache und des Klanges 
getragen, mit allen Abstufungen und Auf- 
regungen der Gefühle in wenigen Minuten 
durchleben kann. Dem Psychodramatiker fällt 


demnach eine doppelte Aufgabe zu. In den 
Mittelpunkt einer dramatisch regelrecht geglie- 
derten Handlung stellt er den Psycbodrnmeu- 
helden. in dessen Worten allein sich Wort 
und That aller anderen initliandelnden Personen 
mit greifbarer Plastik abspiegeln muss X u s s er- 
liche, fortschreitende Handlung und Gegen- 
handlung wird dabei zu unzweifelhafter, geistig- 
sichtbarer Klarheit gebracht. Zweitens aber 
lässt der Psychodramatiker in psychologischer 
Vertiefung und Zerfaserung die innere Moti- 
vierung der That, den Seelcnknmpf des Helden, 
die Lösung eines seelischen Problems u. s. w. 
zu gleicher Zeit zum Ausdruck gelangen. Hier- 
bei müssen ihm alle sprachlichen Hilfsmittel 
zur wort plastischen Malerei von Personen und 
Szenerie untertlian sein, so dass epische Schilde- 
rungskraft und lyrische Glut der Sprache diesem 
„Drumenextraktc“ zu Dienste stehen Dabei 
aber .bedingt die Form“ nach des Ästhetikers 
Hermann Hettners Aussprache .Kürze, feste 
Begrenzung, epigrammatische Schärfe, klare 
Gruppierung, grossen Stil" Mit solchen rein 
geistigen Mitteln der Sprache vermag diese 
dem Kultus der Schönheit neue Bahnen eröff- 
nende Form Geist und Phantasie des Hörers 
oder Lesers in ungeahnter Weise zu beschwingen. 
Die Hauptgesetze des Psychodramas lassen sich 
also in drei Punkte, zusammenfassen : An der 
Handlung nehmen erstens wie im Bühnendratna 
mehrere Personen teil; zweitens rollt sieh die 
Handlung wie im Drama in fortschreitender 
Entwicklung gegenwärtig und unter thätiger 
Teilnahme, nicht blosSchilderung oder Erzählung 
des Sprechenden ab; drittens endlich erman- 
gelt das Psychodrama jeder szenischen Dar- 
stellung nnd wirkt unmittelbar vom Geiste auf 
den Geist. — 

Aber Probieren gebt auch liier über Stu- 
dieren. und das Wesen dieser edlen Blüte der 
Dichtkunst wird beim Genüsse der psyehodrama- 
tiseben Schöpfungen Richard von Meerheimbs 
von seihst klar. 

Nachschrift. Diesen trefflich charakteri- 
sierenden Worten möchten wir noch die Be- 
merkung hinznfügen, dass eine ausführliche 
.Psyehodramatik", also eine Technik der psycho- 
dmmatischen Dichtung, sich in Vorbereitung 
befindet. Dieselbe dürfte in ästhetischer Hin- 
sicht von grossem Interesse sein. Es soll unter 
anderen darin gezeigt werden, dass die psyeho- 
dramatische Dicbtungsfonu durchaus kein Zwang 
für den Dichter ist, wie von anderer Seite wohl 
mit Unrecht behauptet wurde. Der Begründer 
dieser Diclitungsform. Richard von Meerhcimb, 
hat dieselbe nicht absichtlich als Fracht langen 
Denkens geschaffen, sondern sie entstand un- 
bewusst in seiner eigenartig veranlagten dichte- 
rischen Individualität. Der Werdegang dieser 
eigenartigen reizvollen Diclitungsform wird inter- 
essante Lichtblicke auf die Entstehung anderer 
Kunstfurmen werfen. Die Red. 


,Qle 



4 


Über die Verbreitung der 
psychodramatischen Dichtungsform. 

I. 

Über die zahlreichen Interpreten und Re- 
zitatoren. die das Psychodrama in ihr Vortrags- 
Programm anfgenommen haben, werden wir in 
einer der nächsten Nummern berichten. Das 
Psychodrama hat nicht nur in verschiedenen 
Anthologien Eingang gefunden, sondern fand 
auch in verschiedenen Zeitschriften und Tages- 
blättern eine offene Stätte. Wir erwähnen nur 
das .Dresdener Sonntagsblatt“, „Quellwasser 
für das deutsche Haus 1 ', „Strassburger Tage- 
blatt“, „Bremer Courier“, „Bremer Nachrichten“, 
„Selbsthilfe“, „Nach Feierabend“ (Beilage von 
„Sachsens Elbgaupresse“) u. a. m. Unter den 
Dichtem des Psychodramas nennen wir: Richard 
von Meerheimb (den genialen Begründer dieser 
Dichtungsform), Paniine Holtmann von Wangon- 
heini, Prof. Dr. Fritz Schulze, Ernst Boeder, 
Gaorg Wobst. Felix Zimmcrmann, Richard 
Lippen, Eranziskus liähnel n. a. In vielen 
Konservatorien, Lesekreisen und -krttnzchen, in 
Familienabenden und Vereinsabenden ist das 
Psychodrama eingebürgert Durch die Einfach- 
heit seiner Darbietung wird die psychodrama- 
tische Dichtung zu einer unerschöpflichen Quelle 
reinsten Genusses, wie Felix Zimmcrmann es 
in folgender Strofc an den Dichter ausspricht: 
„Die That ins strenge Wort gebannt. 

Das uns ein Zauberroieh erscliliesst, 

Aus dem, wie wir sie nie gekannt, 

Der Schönheit Offenbarung fliesst: 

Das hat. dein Psycliodram gethan : 

Es wühlt den Grund der Seele auf 
Und trägt auf holder Rosenbahn 
Der Phantasie das Herz hinauf!“ 

Bedarf doch die psychodramatische Dichtung 
nur eines gewandten Vorlesers, um in jeder 
gebildeten Familie gepflegt werden zu können 
und „deklamieren lehrt euch dieser Dichter“, 
schrieb einst unser hochverehrtes Mitglied, der 
geistvolle Kritiker und Dichter Dr. R. Fasten- 
rath. Dass das Psychodrama seihst, in ländliche 
Kreise sich einzubiirgem vermag, davon ward 
uns unlängst die ebenso erfreuende, wie inter- 
essante Nachricht, dass in einem kleinen Dorfe 
im Osnabriickischcn seihst schlichte Landlcutc 
in sogenannten Familienahenden an der von 
Richard von Meerheimb ersonnen Dichtungsform 
sich erfreuten und in ihrem Kreise Interpreten 
fände. 

Eine Anzahl der Psychodramen von Meer- 
heimb wurde von unserm sehr geehrten Mitgliede, 
der Schriftstellerin Frl. A. >1. Krejei (E. Veni 
in Prag ins Französische übertragen. Diese in 
Kürze erscheinende Übersetzung ist von 
massgebenden Autoritäten bereits als eine vor- 
zügliche bezeichnet worden. 

Demnächst erscheint eine neue Sammlung 
„psychodramatischer Dichtungen" verschiedener 
Autoren, auf die bereits von verschiedenen Tages-« 
blättern als auf eine „hervorragende Novität“ 
hingewiesen wurde. 


Die zur Förderung der psychndramatischen 
Dichtung begründete „litterarische Gesellschaft 
Psychodrama“ konnte ihr erstes Geschäftsjahr 
mit fast. 80 Mitgliedern beginnen Über 7(1 
Tagesblatter etc haben von der Gründung der 
Gesellschaft Notiz genommen und zum teil mit 
warmer Empfehlung zum Beitritt in dieselbe 
ihre Leser aufgefordert. 

Vorwärts im Dienste deutscher Kunst und 
Poesie! ist die Parole der Gcsellschaft.smitglieder. 
Mögen den alten Freunden des Psychodramas 
sieh immer nette zugcsellen. H. 


Marcus Curtius. 

Psychodrama von Felix Zimmermann. 

0 dass doch der Parteien Hass 
Kill mächtig Volk zerspalten kann, 

Dans Zwietracht, List und Niedertracht 
Kings aut der Knie schalten kann! 

Nur grosse, freie Oplerthat 
Verlorenen Frieden wiederbringt. 

Hat Dcutsehlaml keinen Curtius, 

Der in den Abgrund niederspringt ! 

Z. 

Nun hört, ihr Männer Roms, was Jupiter 
Durch seinen Oberpriester Euch verkündet. 
Noch steht ihr da in zitternder Erwartung, 
Von Furcht gelähmt und sturrer Göttersrheu ; 

, Noch hallt in eurem Ohr der Donner 
Grollenden Götterzorns — 

Des Forums writgedehnten Platz 
Hat abgrundtief der Blitz gespalten. 

Ist'» nicht, als wäre Bornas Herz. 

Das Herz der ganzen Welt 

Im tiefen Spalte mitten durchgerissen ? 

Des Kapitoles ernster Bau, 

Ringsum der Hallen sätilcnrngemlc Herrlichkeit 
Blicken auf uns hernieder, 

Und wir, Roms stolzes Volk, wir seh'n mit 
Schauern 

Sehwefliehter Dämpfe dichte» Gebrodel. 

Hören der Unterwelt grollende Stimme 
Aus schwarzem Rachen des Riesenspalts, 
fleht ihr die Hände flehend empor? 

Steigt euer Bitten zu Jovis Sitz? 

O wollte er das bangende Volk 
Aufrecht halten mit ehernem Arm! 

Doch lasst nun schweigen eure lauten Klagen, 
Wie könnte Rom Zusammenstürzen, 

Solange noch ein echter Mann, 

Ein einz'ger Römer zur rettenden That lebt? 

Es bleibt Gewitterschwüle bleiern lasten 
Rings auf dem Volk kein Jubel tönt mir zu 
Ihr Römer, hört: 

Der Zukunft ewig wahre Verkündigung. 

Der sibyllin’schcn Bücher heilige Dreizahl 
Enthüllt uns dies: 

Ein lichtes, Mühendes Leben, 

Iiu freien Opfer dem schwarzen Abgrund 
Innig vermählt, 

Das wird vom Volke Roms 
i Abwehren der Götter dräuenden Zorn! . . . 


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5 


(.'ml nur ein dampfe* Murmeln. 

F’nrchUam und scheu. 

Schlügt mir an's Ohr — es wogt und wallt 
Hin und her im versammelten Volke. 

Tritt keiner hervor zu rühmlichem Opfer? — 
Weh! fliehenden Kusses, 

Wie von des Cerberus Hunden geschreckt, 
Weichen sic wieder, die in den Ahgrund 
Schaudernde Blicke warfen, und keiner 
Stürzt sich dem Tartarus opfernd entgegen! 

Horch! und nun jauchzet das Volk! 

Der Retter erscheint! 

Ha, herrlicher .liingling auf weissem Rosse, 
Rist du der Held, du, Marcus Curtius? 

Wie er hervorsprengt aus der Schar — 

So wirft sich Mars in’a Getümmel der Schlacht! 
Drängend iw Ranzerschmuck, 

Schwert in der Kaust, 

Wallend das Lockenhnar, 

Sprühend der Blick — 

Jüngling, Jüngling, errette du Rom! 

Jubelruf himmelan braust durch die Menge - 
Seht, wie sie alle zu ihm sich drängen ; 
Tosender Lärm verschlingt meine Stimme 
Still rings! — Nun höre mich, Curtius! 

Willst du dein herrliches, blühendes Lehen 
Freiwillig bieten zum grossen Opfer, 

Um den beleidigten Gott zu versöhnen? 

Wirlst du dich kühn in die Todesnacht ? 

Heil dir, o Jüngling, du Retter Roms! 

Ewiger Ruhm blüht auf aus dem Tode. 

Höre, schon jauchzt ilir dankbar das Volk! 

Gellend ein Schrei, wie Schmerz und Jubel — 
Was drängt dort — ein Weih! — so lasst sie 
liindurch. . . 

t'laudia, Götter, was sch’ ich? 

Die eigene Tochter tritt aus dej Menge, 

Stürzt sich dem Jüngling 
Liebeglühend an’s wogende Herz! 

Sehet, er neigt sich zu ihr, 

Küsst ihr die lockennmflattcrte Stirne, 
Schmerzlich sprühet Auge in Auge, 

Innig klammert sich Leih um Leih! 

Claudia, Tochter, du liebst den Jüngling? 
Schmerzliche Liebe! Unseliges Weih! . . . 
Nein, du hist glücklich, Claudia, 

Auch du hist eine echte Römerin. 

Zeige des römischen Jünglings dich wert! 

Wie sich ihm bleicht die gebräunte Wange — 
Schrecklicher Kampf in der liebenden Brust. 
.Wer halb nur opfert, opfert nichts!“ — 
Vernehmt cs alle, das rief Curtius. 

O seht wie die Schlanke empor sich richtet, 
Göttliche Glnt flammt holl ihr im Antlitz, 

Hohe Begeist'rung im rollenden Auge — 

Dank euch, ihr Götter, für solche Tochter — 
Jüngling, nun folge dem Wink ihres Armes, 
Der dich zur klaffenden Tiefe weist, 

Reisse dich von deiner Göttin! — — 

Seht, mm sprengt er vor. Nun flehet, 

Fleht mit ihm, der seine Arme 


Betend hebt zum Sitz der Götter, 

Für des Vaterlandes Rettung. 

Horcht ! wie cs donnert schon, — 

Bebt nicht der Boden ? 

Jetzt an dem Rand der Kluft — 

Einmal noch, Curtius. 

Lenkst du den Blick zurück, — 

Fast verhüllt vom wallenden Dampfe 
Claudia, teures Kind, in meinen Arm! 

Da Römer, schaut : hochaufge bäumt — — 

Verschwunden Reiter und Ross! — — 

Ha, wie die Erde sich schüttelt und rüttelt, 
Jupiter, Jupiter, Vater der Menschen! 
Donnergetösc — dumpfes Gebrausc 
Schmettert herab sich das Kapitol? — — 

Erhebt euch von der Erde wieder, Römer, 
Blickt um euch, seht: in wildem Trümmerschutt 
Verdeckt, verschwunden ist der Schreckensspalt, 
Verschlungen Curtius, der Heldcnjüngling. 

Nun zündet Opfer an, dem grossen Gotte 
Zum Danke und zur hcrzerlabemlen Wonne ! — 

1 Claudia, teure Tochter, 

Jetzt mag auch deine Throne rinnen frei, 

Jetzt mag die Brust im wilden Wogengang 
Des Schmerzes wallen hier an meiner Brust. 
Mein süsses Kind, du römisch Heldenweih! 

Vernehmt, ihr Römer, was der Gott euch 
kündet : 

Das ist die Bürgschaft ewigen Trimnpfes, 

Das man den ird'schcn Untergang nicht scheut, 
Die That allein kann eine Welt erlösen, 

Die kühne Opfcrthat sühnt alle Schuld. 

Drum wohl dem Volk, dass die That noch 
kennt, 

Drum wohl dem Volk, dass Grosses noch gebiert, 
Stets wird es gross und herrlich sich erhalten, 
find alles Kleinliche gellt auf im Grossen. 

Heil Roma dir, du Mutter alles Grossen, 

Dir jnbl’ ich zu. dir heilig Kapitol! 

Ruft brausend nun: Heil Marcus Curtius!! 


Psychodramatisches Echo. 

lUnter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ragender Kritiker tiber da» l’ayrhodrama bringen.) 

Dr. M. G. Conrad beurteilt Rieb, von Meer- 
heimbs Psychodramen iii „Die Gesell- 
schaft“ 1888, Heft 3 wie folgt: 

. . . Die von Mcerheimbaehen ,,P«yc bodramen“ 
haben mit .Recht die begeisterte Anerkennung hervor- 
i ragender Ästhetiker gefunden die Urteile sind in 
dankenswerter Weise an geeigneter Stell*- mitgeteilt) 
und sind von ersten Meistern des dramatischen Vor- 
trags (Frau Marie See hach, Tttrschmann n. a.) in fein- 
geistigen Gesellschaftskreisen mit grösstem Erfolge 
zu lebendiger Darbietung gekommen. Die ganz eigen- 
i artigen Dichtungen verfehlen zwar auch beim »tutn- 
I men Genüsse ihre tiefe Wirkung nicht, allein erst die 
, Rezitation ist imstande, den Zauber voll zu entfesseln, 
den der geniale Dichter in diese Szenen gebannt bat. 
, So gewaltig ist die Lebensfulle, die in diesem Dramen- 
! extrakt pulsiert, dass man. das Buch in der Hand, 
j stumm zu lesen beginnt, unvermerkt aber in lauten 
I Vortrag ubergeht und zuletzt dein Dichter und — 


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«ich seihst Beifall klatscht: wie schön, wie schön, 
dieser Hexenmeister von Meerhehnb hat ein nenes 
Talent in dir entdeckt und au den Tag gelockt — er 
hat deine Zunge gelöst und deine Phantasie kühn ge- 
macht - Kntnmt doch einmal her, ihr liehen Leute, 
und hört: Nicht wahr, ihr hört nicht bloss, ihr seht 
auch alles leibhaftig vor euch? Eine dramatische 
Vision ohne allen szenischen Apparat? Und ganz 
anders als die bekannten viel belie fiten Solnszenen ? -- 
Ja. ja. ein Wuuderbucli. <liese von Heerheitnbsche 
. . Psychodranieuwelt** ! Doch wohlgemerkt! nicht Ihr 
die gedankenleere Kurzweil der Smncnmetischen und 
für die gemUtsanne Phantasterei der Lebenaspieler — 
für sie bleibt 's tot und versiegelt mit sielten Siegeln. 
Nun macht die Probe! 


Hamburg (Theatersaal bei Sagebiel). I>as Psycho- 
drama und sein Begründer. (Vortrag.) 

An diese Ausführungen schloss sich eine 

kurze biographische Notiz, Richard von Meerheirab, 
am 14. Januar 1823 geboren, in Dresden lebend, hat 
sich in der Schriftstellerwelt einen geachteten Namen 
erworben. Besonders ist auch sein Wohlthatigkeits- 
sinn zu loben: den Ertrag seiner Werke wende er 
wohlthätigen Stiftungen zu. Der Schule und der Er- 
ziehung bringe er ein reges Interesse entgegen. In 
Verbindung mit Lehrern seines Wohnortes habe er 
einen Verein gegründet, der bestreb ist, die Kinder 
zur sinnigen Naturbetrachtung zu führen. Seinem , 
mit Beifall aufgenonimenen Vorfrage schloss Herr j 
tteallehrer und Schriftsteller Hahne), drei Rezi- i 
tat innen aus dem Psychodrama an .die, in vo llen det e r | 
Weise d arge boten, in der That bewiesen, dass der i 
eigenertige Stoff den (leist zu fesseln und das Gemüt 
zu packen vermag. Die Versammlung folgte d«N I 
Rezitationen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit 
und zollte am Schluss** eines jeden Stückes dem Rezi- 
tator laute Anerkennung. Rezitiert 'wurden:,, Der 
Siegesbote von Marathon*^ ..Die ,)ohaiines!ack«d‘'. 
„Des Vampyr Seelenhochzeit 

„Reform" vom 5. XL 90. 


Aus der Litteratur der 
Gegenwart. 

(Wenn w ir auch in erster Linie in den folgenden Spalten 
die Einsendungen unserer Schriftsteller. Mitglieder der 
„litt. Gcsellsch. Psych:* zu berücksichtigen haben, so 
werden wir doch, soweit es der beschränkte Raum 
gestattet, hocherfreut die Mitarbeiterschaft ausserhalb 
der Gesellschaft stehender Schriftsteller begrüssen.) 


Mach’ Dich zum Herren Deiner Pflicht! 

Mach’ Dich zum Herren Deiner Pflichten, 

Sonst wird die Pflicht Herr über Dich 
l'nd wird dereinst Dich strafend richten, 

Dich, der verlängnend feig ihr wich. 

Stehst Du im Anfang Deines Lebens. 

Schaust Du von oben schon die Welt, 

Bist Du am Ziele Deines Strcbens, 

— Was je Du schufst — die Pflicht erhalt! 

Stellt sich die Liebe ihr entgegen. 

O kämpfe nur. Du kommst zum Ziel, 
l'nd Dein ist dann des Kampfes Segen: 
Erfüllter Pflichten Hochgefühl. 


So toll auch dann die Stürme brausen, 

Der Baum steht fest, er wanket nicht. 

Lass um Dich wehen cs und sausen : 

Mach' Dich zum Herren Deiner Pflicht: 

l'nd gieb nicht eher Dich zufrieden, 

Als bis Dein Ich sich schweigend fügt : 

Nur da kannst herrschend Du gebieten. 

Wo überwindend Du gesiegt ! 

Dresden. Anteile Hornig. 

Lebewohl ! 

Du hast ein Würtlcin mir gesagt 
In sel’gcn Maientagen, 

Als wir gejilbelt und geklagt 
Beim Nachtigallenschlägen. 

Da legte ich das müde Haupt 

In Deine Hunde nieder 

Und hah' an Deinen Schwur geglaubt, 

Und an die schönen Lieder. 

Heilt' geh’ ich still des Wegs dahin 
Und mag’s und kann’s nicht lassen. 

Wie ich durch dich so elend bin 
Seit Du mich hast verlassen. 

Hamburg. Emil Möbin. 

Das menschliche Leben.*) 

Was ist das menschliche Lehen? 

Ein ewiges Schwanken, ein ewiges Sehweiten 
Vom Hohen zum Niedern, vom Dunkel zur 
Klarheit, 

Von Weisheit zur Dummheit, vom Irrtum zur 
Wahrheit 

Vom (luten zum Schlechten, vom Falschen zum 
Echten — 

Kein Kühen, kein Basten 
Im kläglichen Hasten 
Und nirgends und nimmer 
Eiu Hoffnungsschimmer 1 . 

Was ist das menschliche Lehen? 

Ein ewiges Wünschen, ein ewiges Wehen 
Um Hassen und Lieben, um Wonnen und Leiden, 
Um Armut und Reichtum, um Haken und 
Meiden, 

Um (Haube und Zweifel, um Gott und um 
Teufel. — 

Kein Ruhen, kein Rasten 
Im kläglichen Hasten 
Und uirgeuds und nimmer 
Ein Hoffnungsschimmer! 

Was ist das menschliche Leben? 

Ein ewiges Zittern, ein ewiges Beben 
In Glück und in Unglück, in Fluchen und 
Beten 

In Lachen und Weinen, in Wohlsein und 
Nöten, 

In Schwächen und Starken, in Worten und 
Werken — 

*| Chor aus der Trilogie „Prometheus". (Manu- 
script) 


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7 


Kein Ruhen, kein Rnsten 
Im kläglichen Husten 
l’nd nirgends nnd nimmer 
Ein Hoffnungsschimmer! 

Wus ist das menschliche Leben? 

Hin ewiges Sinken, ein ewiges Heben 
Vom Tbale zu llerge, vom Berge herunter. 

Und wieder hinauf nnd wieder hinunter 
Anf rollendem Rade die holprigen Pfade — 
Kein Ruhen, kein Kasten 
Im kläglichen Hasten 
Und nirgends nnd nimmer 
Ein Hoffnungsschimmer! 

Was ist das menschliche Leben? 

Ein ewiges Nehmen, ein ewiges (leben 
Von Tugend und Laster, von Grösse nnd 
Kleinheit, 

Von Stumpfsinn nnd Schönheit, von Stolz nnd 
Gemeinheit, 

Von tierischer Rohheit und göttlicher Hoheit 
Kein Ruhen, kein Rasten 
Im kläglichen Hasten, 

Und nirgends nnd nimmer 
Ein Hoffnungsschimmer ! 

Was ist das menschliche Leben ? 

Thor, der du fragst! — das menschliche Leben 
I ms ist das Gestein, woran Zeus hat im Hasse 
Geschwebt den Prometheus, dein Geier zum 
Krasse, 

Das sind die Gedanken, an denen wir kranken 
In Hütten, „auf Thronen 
Seit allen Äonen, 

Und nirgends und niunner 
Ein Hoffnungsschimmer! 

Wien. Ottokar Stauf von der March. 


Ich weiss es wohl. 

Ich weiss es wohl, arm ist das Wort. 

Das laut der Welt verkündet, 

Was tief ein warmes Menschenherz 
In Frend nnd Leid empfindet. — 

Ich weiss cs wohl — nnd doch, ich kann, 
Ich kann es nimmer lassen. — 

Das was durch meine Seele zieht 
Im Liede laut zu fassen. — 

Das Meer muss brausen, wenn der Sturm 
Es peitscht mit seinen Schwingen — 

Und ich — ich muss, was mich bewegt. 
Im Liede laut besingen. 

Rrfnrt. Pantine Hoifmann von Wangenbeine 


Waldrast. 

Im tiefen Wald lag ich. auf Moos gebettet. 
Den Menschen fern und ihrem tollen Treiben, 
Mit mir allein und meinem stillen Schmerz. — 
Ich war ermattet von dem Alltagsringen, 

Von all dem Kampf um silsse Danerwonne, 


1 Die nirgends meine milde Seele fand, — 

Nun war'* so still im Kreis: — Kein rauher 
Klang, 

Kein herber Mission wurde laut umher; 

Nnr über mir im Lauhdach ging ein Säuseln 
So leis, als wollt’ es mich znm Traume wiegen ; 
Ein Vngelruf sprang hier und da vom Ast, 

Und mit den Blumen äugelte die Sonne. 

Da wnrd' ich bald so froh, so wohlgemut. 

Dass zmn Gedächtnis* dieser Feierstunde 
Im Innern mir ein jauchzend Lied entspross. 
Ein Lied znm Preis dem heitren Waldesfrieden. 
Deut Vollgltick, das kein düstrer Schatten trübt. 
Doch wie im Sinn mir Wort und Reime wuchsen, 
Da fiel mein Klick auf eine Krifppelkieler, 

Die stumm im Dunkel einer Buche stand. 

Es drängte sich der Stolzen Sommerlaub 
An jedem Zweiglcin üppiggrün zusammen ; 

Nur hie und da brach keck ein Strahl sich Bahn 
Und warf ein Silhersternlein auf den Rasen 
Ins breite Schattentuch der reichen Herrin. 

Die Arme aber, schmachtend ihr zu Füssen, 
Sog gierig ein das karge Licht des Tags, 
j Das sickernd tiel durchs dichte Blattgewirr. — 
Ein Kind des Elends, knorrig nnd verwachsen, 
Dem Tod geweiht und doch mit letzter Kraft 
Sieh klammernd an das «de Dulderdasein, 

So blickte trauernd sie zu mir herüber, 
Verzweiflnngsvoll — ein echtes Bild des 
Jammers. — 

Und wie ich noch mit teilnahiuvollem Auge 
Hinükcrsah nach jener Lcidgcstalt, 

Da gellte mir zu Häupten jäh ein Schrei, 

Und wie ich anfsprang, durch die Stämme 
spähend, 

Gewahrt ich hocli im Wipfel einer Eiche, 

Ein Täublein niederwürgend, einen Habicht; 
Und als ich zürnend mich dem Kampfplatz nahte, 
Flog er empor, die Beute in den Krallen, 

Laut höhnend mich mit wildem Siegesjubel. — 
Ein schwaches Ächzen hört' ich noch, dann 
flockte 

Zur Erde nieder blutiges Gefieder. 


Ist das der Friede, den du birgst, o Wald? 
Ist dies dein Glück, von dem ich thöricht 
träumte ? — 

1) ie s c 1 he Not ist'*, die die Menschheit knechtet : 
Der Reiche rauht dem Armen Licht nnd Luft, 
Und kalt zertritt die Macht das Recht des 
Schwachen ! 


Ich wandte midi. — Mein Lied blieb ungesungen. 
Von dannen lenkt ich schweigend meinen 
Schritt 

Zmn Dorf zurück, — ein tiefes Weh im Herzen, 
ttlrassburg 1. K Christian Sritmilt. 


Am Abend. 

Des Abends Rot ist mählich leis 
Im weiten West verflogen ; 

Es hat die Nacht ihr Diadem 
Anf's schwarze Haar gebogen. 


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8 


Krinnnnur an der Sonne Glanz: 

I>ie lirlitcn Sterne flimmern, 

Und tlureli der Dämmrung weichen Traum 
Mir alte Freuden schimmern. 

Der Seele Tronersnmt umkränzt 
Hin Glück aus fernen Tagen. 

Da* ich an goldticr Perlenschnur 
Darf bis znm Grube tragen. 

Raiisrlietilicri;. Valent in Traudt. 


Des Wilderers Tod. 

Es fegt durch des Dorfes Strasse 
Der eis’ge Nordost den Schnee; 

Um ilie alten Giebel klagt es. 

Und stöhnt cs wie wimmerndes Weh. 

Vom la benden Turme verkünden 
Schaurig durch tiefschwarze Nacht 
Zwölf zitternde, dumpfe Schläge 
Die Stunde der (leisterwacht. 

Schrill rnft von dem Firste des Hauses 
Der Totenvogl: „Komm mit!“ — 

Da schleicht durch ein düsteres Zimmer 
Lautlos des Todes Schritt. 

Dort liegt ein Wildrer gebettet. 
Durchbohrt von des Försters Blei. — 

Ein leises Seufzen und Röcheln, 

Ein Fluch noch — ein letzter Schrei. — 

Hin jagt in des Sturmes Wiiten 
Durchs Pörflein das wilde Heer, 

Doch auf dem letzten Rappen 
Da ist noch der Sattel leer. 

Ein donnerndes Hussa. - Ein .lilger 
Schwingt sieh auf des Rappen Bug 
Und stürmt und wütet von dannen 
Mit dein wilden, gespenstischen Zug. 
Sirasslairg f. K. Schniidt-Brädikow. 


Freude und Schmerz. 

Pie Freude und der Schmerz, 

Die stritten um die Wette. 

Wer auf das Menschenherz 
Das grösste Anrecht hätte. 

Da trat die Lieh hinzu 

Und sprach: Hört auf zu streiten. 

Mein ist das Menschenherz, 

Ihr sollt es nur begleiten. 

Rrfiirt. Paulfne IlnfFmann von WaiiKcnlicjai. 


Sonst Schweigen rings in Nah und Ferne, 
Bestrahlt von fahlem Mondesglanz, 

Indes» die ew'gcn Himmelssterne 
Sich spiegeln hehr im Wellentanz. 

Und rastlos zieht der Strom von hinnen. 
Bald rauschend wie im Grolle schwer, 

Und wieder friedensiinselnd rinnen 
Die Wellen fort znm weiten Meer. 

Doch stets erstrahlt in gleicher Milde, 

In gleicher Uluth der Sterne Gold, 

Ob kosend auch an s Strundgelilde 
Die Woge, oder zornig rollt. 

Und also denk' ich sinnend, träumend: 

Die Weltgeschichte ist ein Strom, 

Bald lauter und bald leiser schäumend 
Znm Sphärenchor im Weltendom. 

Gar oftmals bäumen sich die Finthen 
Gen Himmel zornig brausend auf, 

Und wieder, wann vorbei die Gluthen. 

Geht friodeathmend hin ihr Lauf. 

Doch oh sie zürnen, ob sie säuseln 
Stets spiegeln sich mit gleichem Strahl 
Die ew'gcn Sterne mild im Kräuseln: 

Die Gottgedanken allzumal. 

Wien. Ottokar Staat von der Hardt. 


Sprüche. 

Bau nicht auf Menschenwort, es ist nur Trug, 
Die nächste Stunde schon hat’* fortgeweht, 

Sei nur ein Mensch, der selber sich versteht, 
Hältst du dir selber Wort, — tlas ist genug. 

Glück, was ist Glück ? Es ist der Schaffensdrang, 
Die thät'ge Hand, sie lehrt uns glücklich sein, 
• • selig, wer sich schaffend Glück errang! 
All’ andres Glück, cs ist nur hohler Schein ! — 
i Dresden. Anrelic Hornig. 


Litterarische Rundschau. 

Von unserem Mitgliede Otto Ernst in 
Hamburg, dem mit dem „Augsb. .Schillerpreise“ 
gektiinten Lyriker, Novellisten mul Essayisten 
wird in Kürze im „Neuen Theater“ in Berlin 
: ein Drama „die grösste Sünde“ dargestellt. 
I werden, dessen Aufführung mau in vielen litte- 
rari sehen Kreisen mit grosser Spannung ent- 
gegen sicht. — 


Weltgeschichte. 

Auf einem Felsen steh' ich träumend. 
Tief unten zieht ein breiter Strom. 
Bald lauter und bald leiser schäumend 
Zum Nachtchoral im Waldesdom. 


Der durch seine vielfachen militärhisto- 
rischen und deutschvaterläudisrhen Schriften in 
weiten Kreisen bekannte sächsische Schriftsteller 
Mas Pittrich in Dresden ist gegenwärtig 
mit der Verabfnssutig eines grossen mehr als 
KtO Druckbogen umfassenden vaterländischen 


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Werkes beschäftigt, welches den Titel führt 
„Die Helden und Führer des Deutschein 
Volks im 19. Jahrhundert. Kin Ge- 
denkbuch deutcher Tapferkeit und 
Treue“ and an der Hand »on Leben-geschichten 
und Zeitbildern die Entstehung, Entwickelung 
und Verwirklichung des Reichsgedankeus nach 
Ausweis der uns vorliegenden Aushängebogen 
in lebender und fesselnder Weise schildert. 
Das interessante und eigenartige Werk zer- 
fällt in 3 Abschnitte: „Das Zeitalter des Königs 
Friedrich Wilhelm III. und die Deutschen Be- 
freiungskriege" — „Das Zeitalter des Kaisers 
Wilhel Im I. uutl die Deutschen Kiuigungskriege“ 

— „Die Neuzeit“ und enthält auch weit über 
100 grosse und kleine Holzschnitte und Licht- ' 
druckbilder in künstlerischer Ausführung, sowie 
zeitgenössische Gedichte. In Auftrag wurde 
dem genannten Schriftsteller dieses Werk ge- 
geben iufolge des grossen Absatzes uml der 
glänzenden Empfehlungen regierender deutscher 
Fürsten und anderer hochstehender Personen, 
welche dessen 1890 erschienenes Werk „Der 
deutsch-französische Krieg 1870/71. 
Gedenkblätter i u Wort und Bild an die , 
Ehrentage der deutschen Nation'* in | 
Nord- und Süddeutschland gefunden hat Es 
sind davon bis jetzt gegen 25,000 Exemplare j 
abgesetzt wordeu , ein litterarischer Erfolg, j 
welcher jedenfalls nicht häutig Vorkommen dürfte. 


Unter dem Titel„M e n sc b 1 i c h e T r a göd I e“ I 
giebt unser geehrtes Mitglied Arnold Garde 
in Bremen in Verbindung mit Max Apffel- 
städt, Hermann Löns. Peter Mer w in, 
Valentin Trau dt und Julius Vanselow 
eine Sammlung Gedichte heraus, welche soeben 
in» Verlage von E. Pierson in Dresden und 
Leipzig erschienen ist. 

Von dem bekannten sozialpolitischen j 
Schriftsteller und Dichter Wilhelm Emanuel 
Backhaus in Bremen erscheint demnächst 
bei W. Friedrich in Leipzig ein hochbe- 
deutsames Werk, betitelt „Im Wendepunkt der 1 
Weltgeschichte** 

ln einigen Wochen erscheint : Deutsche j 
Kunst — Zu Hamburgs Gunst. Ein 
Album mit Beiträgen hervorragender deutscher 
Künstler und Schriftsteller, herausgegeben zum 
Besten der Notleidenden in Hamburg 
und Altona. Gross-Quart. Preis eleg. geh. 
Mk. 0. Liebhaber-Ausgabe aut Kupferdruck- 
papier in Prachteinbaud 31k. 50. Von dieser 
Ausgabe werden nur 20) in der Presse nume* 
rirte Exemplare hergestellt. Der durch den 
Verkauf des interessanten, prächtig ausge- 
statteten Weikes erzielte G e winn wird ohne 
jeden Abzug zur Linderung der infolge 
der Cholera-Epidemie e n t s a n d e n e n Not- 
lage verwendt werden. Im Oktober 1892. 
Der Verlag: Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. 
(vom». J. F. Richter) in Hamburg, künigl. Hof- 


bnchhaudluug. Für die Redaktion : Ott o Ernst, 
erster Vorsitzender der Litterariscken Gesell- 
schaft zu Hamburg. (Wir empfehlen, die Be- 
stellungen auf dieses hochinteressante und einem 
edlen Zwecke dienende Album schon jetzt auf- 
zugeben. Die Red.i 

Konrad Ferdinand 3Ieyer, der unglück- 
liche Züricher Dichter, welcher sich bekanntlicn 
in der Irrenanstalt Künigsfelden befindet, hat, 
wie man den Münchener „N. Nachr“ schreibt, 
neuerdings verschiedene Anfälle von Tobsucht 
gehabt. Der Zustand des Kranken ist besorgnis- 
erregend und Hoffnung auf Genesung kaum 
vorhanden. 


Eingesandte Neuerscheinungen. 

i Die Bcs|ire«‘huHK »*rfo|gi thunlichst in Reihen- 
folge »ler KinsentlungHii. i 

Otto Ernst, Neue Gedichte, Hamburg, 
C. Kloss. 

Heinrich Bulthaupt, Durch Frost und Gluten, 
Gedichte, 2. Auflage. 

Heinrich Bulthaupt, Dramaturgie des Schau- 
spiels. 5. Aufl. Verlag der Schulze’schen Hof- 
Buchhdlg., Oldenburg und Leipzig. 

Christian Schmitt, Alsalieder. Strassburg, 
C. F. Schmidt s Universitäts-Buchhdlg. 

A. Svoboda, Musikgeschichte, 1. Band. 
Stuttgart, Verlag von Grüniuger. 

Fr. Stillcke, Das H«ns der Väter, Festspiel. 
Hannover, Carl Küstor. 

Henri Gartelmann, Dramatik. Berlin, 
S. Fischer. 

A. v. Sommerfeld, Wetterleuchten. Zürich, 
l Verlags-Magazin (S. Schabelitz.) 

Valentin Traudt, Auf einsamen Pfad. Ge- 
dichte. Cassel, Fr. Scheel. 

Hermann Kiehne. Lenzfahrt, Gedichte. 
Dresden, W. Hoffmann. 

Arnold Garde. 3IenschlicheTragödie. Dresden 
und Leipzig. E. Pierson’« Verlag, 1893. 


Beurteilungen. 

Hermann Kiehne. Kleine Lieder. Diamantaus- 
gabe. Nordhauser). Verlag des „Huusb. 
deutscher Lyrik“. In Prachtband mit 
Goldschnitt 1,50. 

Selten werden so tiefempfundene, zu Herzen 
gehende Töne angeschlagen, als es in Hermaun 
Kiehne s kleinen Liedern geschieht. Der Dichter, 
der besonders durch sein trefllicbes „Hausbuch 
deutscher Lyrik“, auf das wir in der nächsten Nr. 
eingehender zurückkommen, weitesten Kreisen 
bekannt geworden ist, bietet hier, so klein die 
(labe dem Ausseren nach auch sein mag, eine 
Fülle herrlicher Poesien. Besonders sind es 
die Spielmannsweisen, die aus dieser Sammlung 
nns am meisten gefallen. Der Liebe Leid und 


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tu 


Freud*. Wein und Lenzes tust Weine unser spiel- 
inanii in oft fast volksliedartige», stimmungs- 
vollen Weisen zu besingen. Wir können es 
uns nicht versagen, eine Perle dieser Lieder 
herauszugreifen: 

Das alte Glück, das süsse Leid, 

Die alte Jugendseligkeit 
Lass fahren, Herz, lass fahren* 

Wild zuckt der Gram herauf zur Nacht, 
Und all mein Weh ist jäh erwacht 
Nach Jahren noch, nach Jahren 

Kein (»oft die Jugend wiedergiebt. 

Den Traum, wie man nur einmal liebt. 
Lass fahren, Herz, lass fahren. 

Br. F. H. 

Excelsior. Gedichte von Anna L a u. Stuttgart. 

Verlag von (»reiner & Pfeiffer 1892. 
Diese sieben Bogen Gedichte mit einigen 
sinnigen Märchen in Prosa als Zugabe sind das 
Erstlingswerk einer in Strassburg lebenden 
Dichterin voll festen Ohri tenglaubens und 
warmer Liebe zu der Menschheit und der Natur. 
Ihre in der Form zumeist tadellosen Gedichte 
athmen innige Frömmigkeit und kindliche Freude 
an der Schöpfung. Es klingt und singt darin 
von Glaube. Liebe, Hoffnung und weckt manche 
Erinnerung aus längst verklungenen ragen iin 
Herzen des Lesers, auch wenn er vielleicht auf 
einem ganz anderen konfessionellen Standpunkt 
steht als die Dichtet iu. Drei Abschnitte weist 
das Büchlein auf: Im Reich der Gnade - Im 
Reich der Natur Im deutschen Reich. Letz- 
terer besteht nur aus zwei Gedichten, verfasst 
an den Todestagen des Kaisers Wilhelm I. und 
des Kaisers Friedrich, die übrigen beiden Ab- 
schnitte enthalten Auslegungen von Bibelstellen, 
Dichtungen zu Kirchenfesten, Sprüche, poetische 
Erzählungen. Uebert Tagungen aus dem Fran- 
zösischen. Meditationen über Mensehenlust und 
Leid. Naturschildenmgen, Parabeln und poetische 
Erzählungen. In knapper frischer Diktion bringt 
die Dichterin eine Fülle von G danken und 
Bildern zum Ausdruck und versteht es meister- 
haft, den Leser geradezu unwiderstehlich zu 
innerlicher Einkehr, zum Nachdenken zu ver- 
anlassen. Die Wehmut und Resignation, welche 
aus vielen Gedichten leise herausklingt, aber 
immer mit der frohen Hoff nung auf eine bessere 
Welt verknüpft ist. wirkt vielfach wahrhaft 
ergreifend und man legt das hübsch ausge- 
stattete Händchen nur mit dem festen Vorsatz 
aus der Hand, dann lind wann doch wieder 
einmal hineinzuschauen und sich zu erquicken 
an der darin pulsirenden Keuschheit eines from- 
men Menschenherzens, gleichwie man auch aus 
der immer öder und ermüdender werdenden 
Hetzjagd des alltäglichen Erwerbs- und Gesell- 
schaftslebens sich gern einmal flüchtet iu einen 
stillen Winkel des Gotteshauses, oder iu die 
Einsamkeit des Waldes, voll Vogelsang und 
Nadelduft. Die Gedichte von Anna Lau ver- 
dieneu vor Allem den deutschen Frauen und 


Jungfrauen bestens empfohlen zu werden: tun 
der Reinheit der Gesinnung und der inbrünstigen 
Frömmigkeit willen, die sie ausströmen. Dem 
Weihnachtstische iu jedem christlichen Hause 
I würden sie nur zur Zierde gereichen. 

Dresden. Max Dittrich. 

Aus der Wirklichkeit. Novellen und Aphorismen. 
Von Arthur von Loy. Berlin. Richard 
Eckstein Nchfg. Preis .ft 3.f>0. 

Unserer neueren Erzühlungslitteratur fehlt 
es nicht an geistreichen, sich über das gewöhn- 
liche Niveau der Erzählungskunst erhebenden 
Werken, aber nicht immer sind dieselben auch 
zugleich interessant genug, um dauernd zu 
gefallen. Beides trifft jedoch für das vorliegende, 
vom Verleger geschmackvoll ausgestattete Werk 
zu. Die Verfasserin weiss iui hohen Grade 
durch ihren angenehmen, flüssigen Plauderton 
zu fesseln. Sic bietet in ihrem Werke „Aus 
I der Wirklichkeit“ zwei Novellen, die von den 
drei Aphorisinengruppen .Über Lob und Tadel“, 
„Vermischte Aphorismen“ und „Vom Wesen des 
j Geizes“ eingeschlossen werden. Die Aphorismen 
i sind, wenn auch nicht alle von gleichem Werte, 

? durch ihre gefällige, pointierte Form seihst da 
noch anregend, wo sie eine alte, wenig be- 
i merkenswerte Wahrheit bieten Von den beiden 
Novellen bildet die erste .Die Ballschuhe“ eine 
anmnthige, von neckischem Humor gewürzte 
Darstellung einer Lehensepisode der Gräfin 
Ida Hahn-Hahn, die andere. .Das Pfingstfest 
der armen Schneiderin“ betitelt, ein vom tiefsten 
Empfinden gezeichnetes Bild aus dem Berliner 
Leben. In dieser Novelle zeigt die Verfasserin 
neben einer ansprechenden Darstellungskunst 
einen tiefen psychologischen Scharfblick und 
ein warmes Verständnis für die Leiden der 
Nichtbegüterten, wie sie es selbst in den be- 
licrzigenswerthen Worten andentet: .Das erst 
würde die wahre Humanität bedeuten, wenn 
die oberen K assen sich heraldiessCn, auch ein- 
mal Rücksicht auf die Individualität deren zu 
| nehmen, die ihnen dienen.“ Wir können dieses 
Werk allen denen empfehlen, die iiu Genüsse 
des Lesens zugleich anhaltende Anregung zu 
erhalten wünschen. 

Br. F. H. 

Auf einsamen Pfad. Gedichte von Valentin 
Trau dt. (assel, Druck und Verlag 
vou Friedr. .Scheel. 1892. 

.Einsam an dem Waldeshügel 
Liegt ein rosenduftig’ Grab. 

Wo aut lebensmüdem Flügel 
Sank mein junges Glück hinab. 

Und mein Knäblcin mir zur Seite 
Ich die schönste Blüte such'. 

Ihm als teures Wessgeleite, 

Zeichen ihm iin Lebensbuch. . . .“ 

So lautet ein kleines, „Buchzeichen“ über- 
schriebenes Gedichtcben aus der obengenannten 
kleinen Sammlung. Valentin Traudt ist dem 


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11 


Kenner der gegenwärtigen Poesie kein l'nbe- 
kannter mehr ; denn eine Reihe poetist her 
Blätter zählen ihn zu ihrem ständigen Mit- 
arbeiter. Durch seine Poesien weht der Hauch 
der Zeit, in ihnen offenbart sich ein tief em- 
pfindendes. glühendes Dichtergemlit. Auch die 
vorliegende Gedichtssammlung legt davon Zeug- 
nis ab. Sie ist seinem unlängst heimgegangenen. 
beissgeliebtcn Weibe gewidmet, und sie atmet 
fast aus jeder Zeile den grossen Schmerz 
wieder, der dos Dichters Seele durchzieht. 
Mitfühlend wird der ernste Leser diese Poesien 
auf sich einwirken lassen. 

„Und durch die Nacht geht leise 

Ein segnender Gotteshauch . . . 

Arme, geplagte Seele. 

So spürst Du die Liebe auch! 

Es schläft der Duft der Blüten! 

Durch die Nacht rauscht es immerzu . . . 

Arme, geplngte Seele: 

Es singt Dich ein Gott zur Ruh !“ 

Erinnerung an die teure Heimgegangene 
giebt dem klagenden Dichter Kraft, „auch 
fürder allein stark stets zu sein!“ Ehrfurcht 
vor dem heiligen Schmerze gebietet der Kiitik 
Schweigen. Freunde tiefempfundener Poesien 
werden sich an den vorliegenden Gedichten er- 
quicken können und bei mnuchein Liede un- 
willkürlich des Dichters eigene Worte darauf 
anwenden: „Es klingt wie das Lied von der 

Menschen Leid, der Unrast und Mühe der 
Erdenzeit !“ 

Br. K. H. 


Illustrirte Musik-Geschichte von Adalbert 
•Svoboda. Mit Abbildungen von Max 
Freiherrn von Branca. 1. Band. Stutt- 
gart, Verlag von Carl Grüninger. 1892. 

Der bekannte Redakteur der „Neuen Musik- 
zeituug“ hat in dem vorliegenden ersten Bande 
seiner Musikgeschichte ein Werk echt deutschen 
Fleisses geliefert, das umsomehr einem fühl- 
baren Bedfirmis entgegeukommt, da es unserer 
Litteratur bisher an einer erschöpfenden, popu- 
lären Darstellung dieses Gebietes fehlte. In 
gemeinverständlicher, niemals ermüdender Form, 
unterstützt von trefflich gewählten Notenbei- 
spielen und zahlreichen, vorzüglich ausgeführteu 
Zeichnungen in Holzschnitt, schildert der Ver- 
fasser in diesem ersten Bande die Musik bei 
den Naturvölkern und bei den Kulturvölkern 
des Altertums, abschliessend mit der Darstellung 
der Tonkunst hei den altitalischeu Völkern. 
Besonders ist in diesem musikhistorischeu Werke ] 
das liebevolle Vertiefen in die Verbindung 
zwischen Volkspoesie und Volksmusik hervor- 
zuheben ; wir neunen in dieser Beziehung nur 
die Schilderung der hindostauischen Volkslieder, 
deren eigenartiger Charakter in allerliebsten, 
vom Verfasser harmonisierten Liedern treffend 
gezeichnet wird. Wie überhaupt die Eigenart 


eines Volkes voiin fl.ii h >ith in suten von ihm 
geschaffenen litdnii i ftu.liut. hat der Ver- 
fasser in vielen Teilen des Wirkte eit gehend 
zum Ausdruck gtbtathl. I tider ti stattet cs uns 
derbe-clirä nktcBsum nie ht.diesi sdutih zahlreiche 
Beispiele aus den. vorliegi t dt n Bande zu et hört tu. 
Nicht nur jeder Gebildete wild aus diesem 
Werke reiche Aitiguig und Etltkiuug ge- 
winnen. vor allem weiden auth die Komponisten, 
da auch die nitsikalischtn listiumente der 
Völker des Alteriun.s einer eingehenden Prüfung 
unterzogen weiden, manches finden, dos in den 
bisherigen musikhistorisiben Datlegtingen nicht 
zur Behandlung gi konnten ist. Mit grossem 
Interesse sehen wir dem zweiten Bande ent- 
gegen, der die Geschichte der Tonkunst vom 
Slittclalter bis auf tiusire Zeit behandeln soll. 

Nicht miei wähnt wollen wir lassen, dass 
dieses Werk, dem wir im Interesse unserer 
Tonkunst die weiteste Verbreitung wünschen, 
dem Dichter Rosegger zugeeignet ist. der be- 
kanntlich von dem Verfasser in seiner trüberen 
Eigenschaft als Redakteur der „Grazer Tages- 
[ post“ zuerst in unsere Litteratur eingeführt 
ward. 

Br. F. H. 


Briefkasten. 

E. M. iu H. Einsendungen sind willkommen; es 
werde« in erster Linie diejenigen unserer Mitglieder 
berücksichtigt. — C. K. in B. Ihre Aufrage be- 
antwortet sich ans der vorliegenden Nr. - T. B. in 
S. Frdl. Grünte! Ich schivibe demnächst ausführlich. 

K. R. in H. Wenn Sie uns neue Freunde und Mit- 
glieder zuführen können, so erwerben Sie sich den 
Dank der Gesellschaft. Die Leistungsfähigkeit wachst 
mit der Mitgliederzahl. M. v. A. iu L. Die Mit- 
gliederliste gedenken wir schon der nächsten Nr. bei- 
legen zu können. — K. H. in G. Siehe erste Be- 
merkung. — C. Z. in E. Meine ..Liter. der Gegenwart“ 
wird in der ersten Hälfte des nächsten Jahres heraus- 
koimnen können. — F. K. in H. Obgleich bereits viele 
Einsendungen ztiriickgelegt werden mussten, sehe ich 
Ihrer gern entgegen. Aufnahme geschieht thunlichst 
in Reihenfolge. — A. M. in F. Polemik ist in Jeder 
Hinsicht ausgeschlossen. — F. S. in B. An die Ver- 
sendung der Rezensionsexemplare kann ich erst in der 
nächsten Woche denken. Frdl. Gruss! G. L. iu M. 
Sie haben recht, nur wenige vermögen heute noch 
unbefangen literarische Erzeugnisse zu gemessen. 
Man liest, um zu kritisieren und kritisiert sich um 
den Genuss. In den weitesten Kreisen ein literarisches 
Interesse zu wecken, ist w ahrlich des Schweisses aller 
Bällen wert. Frdl. Gruss! 


Oer Redaktionsschluss für Nr. 2 findet am 
I. December d. J. statt. 


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12 


Litteraturtafel. 

( Unter dieser Rubrik werden die Neuerscheinungen derjenigen unserer Mitglieder der litterarischen Gesell- 
schaft Psychodrama, die schriftstellerisch thatig sind, gratis namhaft gemacht. Wird die Wiederholung 
gewünscht, so wird im Interesse unserer Zeitschrift ein Insertionspreis von 20 Pf. pro Petitzeile festgesetzt.» 


Otitio lEürm-Sti, 

Gedichte, 2. Auflage. 

(Mit dem Augsburger Schillerpreise gekrönt.) 

(Mit dem Bildnis des Verfassers.) 

Neue Gedichte, 

elegant in Goldschnitt 3 M 
— ^ Verlag von C. IC lo ss - Hamburg. _ — 

Cbx. S©3ax»itfc. 

Alsalieder. 

Strasslrari» C. F. Schmidt* Universitätslmchhdlg. 
Preis Mk. 1. 50. 

C. Ziegler, 

Deutsche Dichter im Schulhause. 

Bielefeld und Leipzig 1802. 

NB. Enthalt auch ein Psychodrama. 

Herrn. Kiehne, 
Kleine Lteder 

(Diamantausgabe). 

Verlag des „Hausbuches deutscher Lyrik“ 

ln Prachtband mit Goldschnitt Mk. 1 50. 

A rnold Garde. 

Menschliche Tragödie. 

Gedichte von 

Max AplTelstldt, Arnold Garde. Hermann 1.3ns, Peter 
Mer* in, Valentin Traudt und Julia« Vanselow 
Dresden und Leipzig. 

E. Pierson. 



-t Aus der Wirklichkeit. •-*- | 

Novellen und Aphorismen. 

Berlin, Richard Eckstein Nachf. 


Arthur Pfungst, 

Ijaskaris J'-vtgeza.d. 

Ein Epos. 

Verlag von W. Friedrich-Leipzig. 

Henri Gartelmann. 

Dramatik. ^ 

Kritik des aristotel. Systems u. Begründung einesNcuen. 

Verlag von S. FISCHER, Berlin. 

Preis 6 Mk. 

Valentin Traudt e 

Auf einsamen Pfad. 

Gedichte. 

Cassel, Yerlag von Friedrich Scheel. 

F ranziskus H ähnel. 

Eike. 

Ein psychodramatisches Halliggemälde. 

3. Auflage. 

Verlag v J-Kühtmanns Bucbbaudlg. (G. Winter), Bremen. 

ERNST ROEDER. 

IDTeixe Gediclite 

Dresden u. Leipzig. 

£. PI EKNOX. 

Georg Ruseler. 

Michael Servet. 

Ein Trauerspiel aus der Zeit Calvins. 

Verlag von J. W. Acquistapace. Varel a. d. J. 

Brosch. 1 Mk., *eb. 2 Mk. 


Inhalt: Die Begründung und Entwickelung der „litter. Gesellsch. Psychi' Preisausschreiben, 
ft. 2. — Was ist ein Psychodrama. Skizze von Felix Zimmermann. 8. 3. — Über die Verbreitung der psychodr. 
Dichtungsform 1. S. 4. — Marcus Curtius. Psychodrama von Felix Zimmermann. 8. 4. — Psychodrama. 
Echo. 8. 3. — Mach' Dich zum Herren Deiner Pflicht Von Aurelie Hornig. Lebewohl! Von Emil Möbls. 
Das menscbl. Leben. Von Ottokar Stauf v. d. March. 8. ®. — Ich weias es wohl. Von P. HofTmann 
v. Wangenhelm. Waldrast. Von Chr. Schmitt. Am Abend. Von V. Traudt. 8. ?. - Des Wilderers Tod. 
Von Schmidt-Br&dikow. Freude und Schmerz. Von P. HofTmann v. Wangenheim. Weltgeschichte. 
Von 0. Stauf v. d. March. Sprüche. Von Aurelie Hörnig. Litterar. Rundschau. 8. H. - Eingesandte 
Neuigkeiten. 8. 9. — Beurteilungen. Briefkasten Litteraturtafel. 


Verantwortl. Redakteur: Franziskus Hähnel in Bremen. Druck von Homeye r & Meyer . Bremen, Rutenhof. 


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v Litterarischen Gesellschaft Psychodrama • 

um) 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 

Heraimgegebeii von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. KUhtmanns Buchhand nng (G. Winter), Bremen. 

< . iirmi . .rrnj-ti ......... i r. . , 

.‘i. l'tl'Tar.achen Blatter" erachemen vnrläultg monatlirl. un.l werden an die Mitglieder der 

..litter. neiellerh. Psych.' frei verann.lt Für Nirhtinitgli<alrr der (ie<e|]«,|,aft sind die „N, I Hl - dnrrl. den 
Verleger: .I.Knl'tmanns Bnchhand Iniig (O. Winter) in Brenien. sowie durch alle Buelihandliiugeu und 
Poatanatalten an beKtelien. Beauga|ireta 3 Mk. jährlich Kinaeluummern 40 Pfg. Anzeigen werden mir -kl PI L' 
fiir die gea|iuUcne Petitzejle bereclinet. 

Na. lidriu k der , w ycbwlramatiKdien Ilichtuiigen mit unter lie, .nderer Veran.lmrung mit den, Herausgeber ge- 
statt.!. N.h tidrm k des übrigen Teiles der ,.N, I Bl." unter t^ ne I len a ng a l.e erwünscht. 


Ein Weckruf. 


So Midi t ein heiterer, billiger 

JleuUeher «lie SchrittMtellrr neiner Nation 
auf einer schönen Stufe mul int ülienunigt, 
da»» sich auch das Pulilikum nicht durch 
einen inissluunisdien Krittler werde irre 
mai'hen lassen. Man entferne ihn ans «1er 
fiesellsdiaft. au> der man jeden ausschlies- 
sen sollte, dessen vernichtende Bemühungen 
nur «lie Handelnden missmutig, «lie Teil- 
nehmenden lässig und die Zuschauer miss- 
trauisch nn«l^ gleichgültig machen könnten. 

W. v. Cloth«*, Littet» rischer 
Sa iicülotr ismiis. 

SS® eiten hat eine Zeit auch in littcrarischer 
Hinsicht sulch frisch pulse n«les Lehen ge- 
zeigt, als «lie gegenwärtige. Neue Meen 
werden gezeitigt und mannhaft verfochten, bis 
«lie rastlos «lahifl rasende Zeit Uber sie zu 
anderen in den Vordergmn«! tretenden Gc«lanken- 
gruppen hinwcgeilt. Hie Litteratur «Jer Gegen- 
wart bietet ein so getreues Spiegelbild unserer 
Zeit, dass es für «len wirklich Mitlebenden kamn 
einen stichhaltigen Grund geben dürfte, um «las 
liehev«dle stete Versenken in «las Lehen dieses 
Hildes g’eichgültig abweisen zu können. Aus 
«lern «leutschen Hiebt erwähle ertönt ein kräftiger 
vielst immiger Chur, als «>l» l'hlands Wort: 
.Singe. wem Gesang gegeben !“ eine der ernstesten 
Forderungen «ler Gegenwart geworden wäre. 
Her wirklich initeiiipfindendc Litteraturhe«d>- 
achter unserer Zeit, der «lie Kritikasterhrille 
ahsetzfe. wir«l sich kaum der lierzerfretiendeu 


Thatsache verschliessen können, «lass selten eine 
solehe Fülle guter litterarischer Erscheinungen 
über «lie Menge des Gewöhnliidien hervorragte, 
als gegenwärtig". 

• Das ist Freude, das ist Lehen, \\ cnn’s von 
allen Zweigen schallt!“ Gewiss, für «len Frenml 
deuts4"her Litteratur muss es eine Freude «ihnr 
Gleichen sein, ileui Pulssrhlag «ler Zeit in seiner 
Litteratur zu lauschen, aber für «lie Harhietenden 
ist «lie Fremle «loch nur eine geteilte. Hie 
Menge des augenblicklich Gctmtenen stellt in 
keinem Verhältniss zu den nach Empfang 
«liirstenden .Seelen, Has Interesse für unsere 
Dichtkunst ist fast ülmrnll ein sehr geringes. 
In «len Kämpfen «ler Gegenwart schien es zeit- 
weilig ganz erst »rhen zu sein. Sollen die 
Segnungen unser Dichter Worte sich auf die 
weitesten Kreise erstrecken, so gilt es in erster 
Linie «lie Anteilnahme au allem litterarischen 
Schaffen zu erwecken, und je«ler wahre Frenml 
unserer Litteratur sollte die Mitwirkung in 
diesem Sinne für eine ernste Pflicht erachten. 

Hie Grenze zwischen «lern wirklichen Talente 
und «lern litterarischen Hilletanten ist freilich 
eine oft kaum erkennbare und es bedarf eines 
aufmerksamen Lauschers, uni richtig und ge- 
recht zu wünligen und zwischen «lein wirklich 
Gehenden und dem Pfleger «ler Dichtkunst ans 
Liebhaberei zu intcrscheblcn. 


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14 


Die Weckung und Hebung der Anteilnahme 
an dein vielseitigen Schaffen unserer lebenden 
Dichter mit Ausschluss aller kleinlichen Vor- 
urteile ist die Grundbedingung einer gedeih- 
lichen Fortentwicklung unseres gegenwärtigen 
Schrifttums. Man wird unserer Dichtkunst nicht 
mehr gleichgültig gegenüber; rcten. wenn das 
Schöne und Wahre derselben immer mehr im 
Volke zur Erkenntnis gelangt. In diesem Sinne 
werden die .Neuen literarischen Blätter*, un- 
bekümmert um Parteien und Bichtungen, un- 
entwegt zu wirken suchen. „Nur durch das 
Morgen tlior des Schönen dringst du in der 
Erkenntnis Land!“ n. 





sychodramenwelt.# 



Aus 

der Litterarischen Gesellschaft 
„Psychodrama“ 


über die Entwickelung unserer Gesellschaft 
lässt sich nur Erfreuliches berichten; die Mit- 
gliederzahl ist bis auf 120 gestiegen, und un- 
sere Bestrebungen haben zu unserer grossen i 
Freude viele Freunde gefunden. Die Bildung 
von Zweigvereinen wird im ersten Vierteljahr 
1893 geregelt werden ; dann wird auch die 
Mitgliederliste herausgegeben. 

Für unsere Mitglieder wird der nächsten 
Nr. der „N. 1. Bit* eine Nr. der Zeitschrift 
„Das Recht der Feder“ (Organ der „ Deutschen 
.Schriftsteller-Genossenschaft“) beigegeben wer- j 
den. in der die unerquicklichen Vorkommnisse [ 
mit dem Verlagshuchhändler G. Körner eine I 
ausführliche Darlegung erfahren. Durch das | 
liebenswürdige Entgegenkommen der „ Deutschen i 
Schriftsteller-Genossenschaft“ sind wir dann in | 
der Lage, einer Besprechung des Falles in den 
„X. 1. Bl“ überhoben zu sein. 

Zum bevorstehenden Jahreswechsel senden 
wir unsem Mitgliedern die herzlichsten Glück- 
wünsche! 

Her Vorstand der ,,L. ( l . Pst 4 

Preisausschreiben. 

Barch die Liebenswürdigkeit eines Mit- 
gliedes ist die Gesellschaft in den Stand gesetzt 

150 Mark 

fiir preisgekrönte psycliodramatische Dich- 
tungen zu verwenden Iler Vorstand derselben 
setzt danach einen I. Preis von oo Mk. nnd 
einen 2. Preis von 60 >lk. fiir die beiden 
besten eingereichten „Psychodramen* 4 ans 
unter nachfolgenden 


Bedingungen: 

1. Es darf von einem Autor nur eine psyelm- 
drumatischc Dichtung im Manuskripte zum Preis- 
kewerb cingcreicht werden. Dieselbe darf vorher 
noch nicht veröffentlicht sein und muss denjenigen 
zum geistigen Erheber haben, der sieh damit an 
dem Preisausschreiben beteiligt. 

2. Der Umfang der psychodramatischen 
Dichtung wird nicht näher bestimmt, doch gilt 
Kürze, plastische Darstellung und packende 
Vortragsfähigkeit als ein Vorzug. 

3. Die Schrift dos eingesandten Manu- 
skriptes darf nicht von der Hand des Verfassers 
herrühren. Das nur auf einer Seite beschriebene 
Manuskript muss ohne Namen und Brief, 
nur mit Titel und Motto versehen bis zum 
1. M ft rz 1893 an den Geschäfts- und 1. Schrift- 
führer der Gesellschaft Reallehrer und Schrift- 
steller Franziskus Hähnel in Bremen ein- 
gereicht sein. 

4. In der diesem Termine folgenden Nummer 
des offiziellen Organs der „litterarischen Ge- 
sellschaft Psychodrama - werden sämtliche ein- 
gelaufenen Manuskripte nach Titel und Motto 
als Beleg der Empfangnahme veröffentlicht. 

6. Die preisgekrönten psychodramatischen 
Dichtungen bleiben Eigentum der Gesellschaft: 
doch können dieselben nach ltesonderer Verein- 
barung mit dem Vorstande der Gesellschaft 
weiter verwertet werden 22 der Satzungen). 
Nicht preisgekrönte und doch wertvolle Manu- 
skripte werden vom Vorstande nach Verein- 
barung mit den Autoren litterarisch zu ver- 
werten gesucht. 

0. Etwaige, das Preisausschreiben betref- 
fende Anfragen können im Interesse der Unpar- 
teilichkeit nur dann beantwortet werden, wenn 
dieselben unter bestimmter Chiffre post- 
lagernd erbeten werden. 

7. Der Spruch der Preisrichter wird in der 
Aprilnuminer des offiziellen Organs der Gesell- 
schaft „Neue litter. Blätter * (Verlag von J. Kiihf- 
inann's Buchhandlung (G. Winter], Bremen) 
zuerst veröffentlicht. 

8. Gleichzeitig erfolgt die Barauszahlung 
der bereits deponierten Preise an die betreffenden 
Autoren durch den Geschäftsführer. 

9. Das Preisricliteraiut loiben bisher giitigst 
für das laufende Geschäftsjahr übernommen: 

Richard von Mcerheiinb, Dresden, 
Hermann Kiel» ne. Nord hausen 
i Chefredakteur des Hausbuches deutscher 
Lyrik), Pa ul ine Ho ff mann von 
Wangenheim, Erfurt, Dr. J. Jacobi 
(J. Otto), Bremen. Franziskus 
Hähnel, Bremen. 

10. Die Beurteilung der cingesandteu Dich- 
tungen geschieht nach ihrem dichterischen Werte 
im allgemeinen und nach ihrem psychodraina- 
tischen Charakter im besonderen. Preisrichter 
und Vorstandsmitglieder der „litterarischen Ge- 
sellschaft Psychodrama“ beteiligen sich nicht 
an der Preisbewerbung. 

Iler Vorstand der „liUerarisclieii 
Gesellschaft Psychodrama:* 


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15 


Graf Mannsfelds Ende.’ 1 ') 

t zu Zum in Dalmatien 2fi. Novbr. 11)2(1. 
Psychodrama tische s Charakterbild 
nun der Zeit des 30jährigen Krieges 
von 

Richard von Mecrheinib. 

Motto: 

Stehend int Harnisch, zerbeult und zerntaucht. 
Hat er den letzten Atem verhaucht. 

Julius WoltT: llie Papiielilieiincr. 
Gott’s Donner und Knrtaunen. Mannsfeld. 

Der w ilde Mannsfeld, schlapp und lebensstumpf. 
Am Feldbett soll er clendlich verenden. 

Einsam verrecken?! Statt iin Kriegügetilmniel, 
Bei Hufgestampf und Blutgemoh, 

Umbranst vom Sturmruf seiner tausend 
Fähnlein — 

Hinfahrn gleich zimperlicher Xonncnjumfer. 

Der man im Klosterstnrm den Kranz zerpflückt ? 
(lott’a Donner und Knrtaunen — nein! 

He, Jörgen, Kriegsknecht, treue l’ferdeseele. 
Wo stet:kst Du, Kerl? Der Morgen blinzelt 
Schon durch die Zellwand ! — 

Na. kommst Du endlich, grauer Schnauzharr, 
schleichst 

Schlnppstieflich trüg und hängst das Maul. 

Als ob den Fntterbeutel man zu hoch gehängt ? — 
Der Scheckrapp', greinst Du. 

Versagt das Fressen schon drei Tage lang. 
Weil er nicht mehr gesattelt ward lür mich?’ — 
•la, schan, Kntnpan, das Tier versteht 
den Herrn! 

Ihm lehlt der Sporn, wie mir die Kriegstrompete. 
Wir beide Hilden unser Ende! 
lieh, sattle mir's zum letzten Mal, 

Wenn nicht zum Schlachtcnritt — zum Grnlt- 
getrott ! 

Vorher doch ruf die fest (ieblicb'nen, 

Die Kriegshauptleute Luttern und (iraf 
Mönclienjuks ! 

Es gilt das letzte Traktament ! 

Halt ! Noch vorerst den Humpen ! Doch 
nicht Wasser, Kerl — 

Das hitz'ge Fielier stillt nur liitz'ger Wein: 
Die Dalmatiner Luft macht gaumendürr! - 
So — frisch geölt die alte Reitorgurgel! 

Nun spute Dich! — Mach. Marsch! — 

Ei schau, hervorgekrochen kommst auch Du 
Vom Fcldliettlager. alter BuUenbcisser. 

Mein Tilly! Wedelst matt und leckst die 
Hand mir 
Im H u nde dank, 

Da Menschenniedertracht mir's Herz 
vorsteint! 

Fllr's kaiserliche Haus zerhnu'n, zerstochen; 
Zum Dank dafür vom Burgthor meines Erhes 
Verjagt wie'n ränd'ger Hund — 

Der Hund ward Bluthund! Knurre nur, 
hast Recht, 


• Pitflc». «ou*ie das folgende Psychodrama ist 
drr demnächst enchfinrmlpn neueu Sammlung „nayclio- 

dramatiKchcr Dichtungen 1 * ent nominell. In dem Psycho- 
drama „Maren* rartiu » 1 i.N. ). BIP Ko. i> hüten wir 
auf S. 5. Spalte i. Zeile 7 von «heil statt „IVrbcrna 
Hunden** „Oerlierus llenleir zn lesen. Die Reil. 


Ward Bluthund wie Dein Namensvetter seihst 
Dm jetzt — dreimal verflucht die feile Metze, 
SoldatenglUck, die dem nur gOnatelt. 

Der ihr den Schoss mit gelhcm Staub vergoldet, 

Als Bettler vor Venedigs Thoren 

Nach Hilf und Sold vergeblich winselnd, stirbt. 

Indem er seine Treuen 

Abdanken muss und streun in alle Winde! 

Ja, fletsche nur die Zahne! — Doch jetzt 
kusch Dich! 

Ich hor's am Tritt — die Feldhauptleutc 
sind's! — — 

Haudegen, tretet näher! 

Sturmhauben ah! Und packt laich an dei 
Schulter ! 

Im Ruck hobt mich vom Polster 
Des Tflrkensattcls, dem der Schlachthengst fehlt ! 
Ihr streicht den Knebel — euer Fragen 
knarrt 

Wien ungesclnaiert Kanonenrad: — .Wie’s 
gebt? - — 

Zum Teufel geht's! — Doch, Donner und Kar- 
taunen, 

Hat mir der Tod mit Hinterlist und Tücke 
Auch Bresche unter s Rippenfell gelegt. 

Die Veste Mannsfeld will nicht weibisch sinken ! 
Kapitnlier'n in Schanden?! Nein! 

Das Herz mag hämmern gleich ncr Toten- 
glocke, — 

Nicht wird die Lippe plärra im Teilenm! 

Der Krieg — ich selbst! 

Aufrecht als Krieger will ich sterben! 
Helft mir mich rüsten! 

Die Rüstung legt mir an zum letzten Male! 

Reicht her die Eisenschien', umklammert stark 
Die mürben Knochen, dass sie gänlenfest, 
Wenn nicht tien Hengst — den abgetrieb'nen 
Klepper 

Des Menschendaseins halten in Res)iekt! 

So, — Gnrt an Gurt — und Schnall' an 
Schnalle ! 

Die Sporen nun, scharlkantig Zahn um Zahn: 
Munljo! Hei „Zahn um Zahn" mein Feld- 
geschrei. — 

Des Mannsfelds Racheruf zeitlebenslang! 

Das deutsche Reich!? Gott st rat ’s — 
wie's mich zerfetzt. 

Ich liab’s zerfetzen helfen — rietz und ratz! 

| Was Lutheraner und Papisten! - Puppon- 
spicl ! 

j Der eine dumm und schofel, wie der Andre! 
Dein Klingelbeutel jubeln Beider Hymnen! 

Ich Italic auch geklingelt — mit der Klinge. 
Und all dem heuchlerischen Angverdreh'n 
Im Fickclfackeln halt' ich hcimgelcuchtet. 

. Brandfackelnd von der Pfalz zum Osterland. 

' Ich hah' Armeen aus Asch' und Schutt ge- 
zaubert, 

Hub' sic beflügelt und zum Sieg geführt 
Am Arm der Silldncrdirne Gold ! 

Sagt, timten Boss'res uns're Feinde? — Nein! 
Mir gleich, oh auch die Mit- und Nachwelt mich 
Schiinpflert als Attila der Christenheit - 
Gleichviel, oh Ammenfurcht 
Des Kinds GepUrr sneht zu beschwichtigen 
l Tin .Eij po]ieih, der wilde Mannsfeld kommt!" 


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16 


Irli bin gestanden treu im Dienst 
Dos Todes und der Rache! — Her den 
Harnisch, 

Schwarz wie das Wmnms der Hölle — und — 
Gewölbt — ein Jüngfcrsoelchen könnte drnnter 
seufzen, 

Wenn nicht die Kugeln und Streithammer- 
schlüge 

Der Beulen tiefe Furchen drein gehau'n! 

Ki schaut, {das Kisen macht ihn wieder 
eisern. 

Den Mannsfeld! Wieder Mann wird er des 
Felds' 

Nun auf, den Helm, das Sturmdaeh meiner 
Siege — 

Der schwarze Busch drauf, Todes Rnbenlittig ! 
l'm's Hüftgelenk den Degen — blank zur 
Faust! 

Den Sat an gilt's zu knmmandiren ’ So! — 

Halt" fest. Ihr Herrn — 

Die Kniee wollen schwanken I — Eisig 
An's Herze kriecht's wie glatter Srhlungen- 
schiich. 

Das Zeltthor auf! — Hei Fähnlein, Hattert 
lustig! 

Das Schlachtross wiehert seinen letzten Gross 
Die Trommel wirbelt ihre Früh-Reveille ! 

Hei, Donner und Kartnunen, 

Aufrecht! 

Dem Tod fest in's Gesicht! 

Viktoria! Welt, — Valet 
Hast Ruhe nun 

Vor'm wilden — stillen Manns— fehl! 


Weihnacht. 

Psychodrama von Paulin« Hoffmann von WaugtnliHiu. 

Wach auf lieh Brüderchen, wach auf, ich 
bin dein Schwesterchen, die Grct’. — FOrcht dich 
nur nicht mehr. Paul, und sei recht still; weisst 
du — sonst kommt die Pflcgcfrau und schlagt 
nns wieder. — Jetzt ist sie drillten hei der 
Xachharin, da bleibt sic immer lange ans — , 
du weisst es ja. 

So, — zieh dein Röckchen an — ich helfe 
dir, hier ist dein Mtttzchen und der warme 
Shawl, - nun komm. — ganz leis', wir gehen 
fort. ganz leise fort zum Mütterchen und 
rufen sie. — So, — sacht die Thllr aufgeklinkt 
und durch das Haus gehuscht. 

Halt dich nur fest an meiner Hand und 
falle nicht. — 

Ach, ist das kalt hier draussen und so viel I 
Schnee! Du kannst nicht durch? Weine nur ! 
nicht, ich helfe dir. So — siehst du, hier gehts 
besser, Paul eben. 

Du sagst, die Mutter hör' uns nicht, sie 
lüg im tiefen Grab und wäre tot?! — Weisst 
du, das sagt uns nur die böse Frau, liei der 
wir sind, seid sie die Mutter fortgetragen. 

Ich aller ruf sie doch. — 

Die Mutter hat uns ja so oft gesagt: 
.Wenn ich einst tot hin. hör’ und sch' ich 
Euch zu jeder Zeit, darum seid immer fromm 


! und gut. dass ich mich freuen kann im Himmel 
d'rnben* — 

Nicht wahr, du weisst' s auch noch? 

Nun siehst du, Paul, da hört sie's wohl, 
wenn wir sie rufen, recht laut rufen! Sie wird 
uns nicht mehr so allein lassen liei der bösen 
Frau. Dich friert ? — So steck’ die Händchen 
in die Taschen. Paul, ich halte dich am Arme 
fest — Fflreht dich nur nicht. — die Menschen 
thun uns nichts, die gehn vorbei. 

Wir wollen laufen, recht schnell laufen, 
damit wir bald bei unserer Mutter sind! — 

0 schau, die vielen Lichter dort, und da 
erglänzen auch die Fenster. — Heut ist ja 
Weihnacht, liebes Brüderchen. , Der Weihnachts- 
mann kommt nicht zu armen Kindern“ — hat 
die Pflegefrau gesagt; ilic Mutter aller hat ihn 
immer kommen lassen. — () wart' nur Paul, 
wir sind gleich da, nur noch die dunkle Allee. 

— fürclit dich doch nicht, es sind ja Bäume, 
die da stehn, ganz weiss beschneit, nicht Nacht- 
gespenster! — Jetzt kommt die Kirchhofsmauer, 
sieh — ich weiss die Thür. — hier hier. — 
Ach, ist die kalt und schwer und knarrt so 
laut. — 

Fass mich nur an, ich leg' den Arm um 
deinen Hals, so — komm nun schnell. — 

Das sind ja Kreuze, die da stehn, doch 
keine Menschen, Paul. — Komm schnell, komm 
schnell! Da ist das Grab, da Italien sie die 
Mutter hingelegt, ich halt - cs wohl gesehn. — 

I und gestern hat die Jette, nns’re alte Magd, 

I mich mit hierher genommen, hat einen Kranz 
darauf gelegt von lauter Tannenzweigen. Sichst 
I du. Paul, da liegt er! 

Du kannst nicht mehr?! — 

So wein’ doch nicht, dich friert und du bist 
hungrig, fürchtest dich? O sei doch ruhig 
Brüderchen. — wie laut dein Weinen klingt. 

— sonst ist's so stille hier. — so schaurig still. 

— — Kannst nicht mehr stehn? — so setz' 
dich hier aufs Grab und fall' die Händchen. 

— so, — und rufe mit mir: „Mütterchen, — 

lielies Mütterchen, Mütterchen, — liebes 
Mütterchen!“ — — Ach Gott, sie hört nns 
nicht, es bleibt so still im Grab ganz still da 
unten. - Du legst dich hin und schläfst mir 
ein? — Paul, — Paul, o Paul wach auf! wach 
auf, lieb Brüderchen und ruf noch einmal laut 
mit mir: .Mütterchen, Mütterchen, ach hör 
uns doch, wir fürchten uns so sehr!“ — — 

Ach Paul, du rufst ja nicht, du lallst ja 
nur und deine Augen fallen wieder zu. wach 
auf. wach auf’ — Horch. — dort ein Wagen. 

jetzt, jetzt knarrt die Kirchhofathür. — 
Paul. Paul, es kommt Jemand! — Schau. — 
wach doch auf — ein Mann und eine Frau, 
die tragen einen Wcihnoohtsbaum. — Jetzt 
stellt der Mann den Baum auf jenen kleinen 
Hügel dort - sieh. - o sieh doch Paul. — 
das ist gewiss das Mütterchen — 

.Sie ging ja stets so schwarz, — der .Mann 
daneben wird der Vater sein, zu dem die Mutter 
nun gegangen ist. Auch Paul, du schläfst 
und wirst si kalt und weiss, ich fürchte 
mich. .Mütterchen. — Mütterchen!* Jetzt. 


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17 


jetzt hat gehört. — sie kommt. — sie 
kommt! O, Mutter, liebe Mutter, nimm uns 
mit. — wir fürchten uns, wir sind so ganz allein, 
ich lasse dich nicht wieder los. — Hier ist's st» 
dunkel und so kalt. — Paul schläft, ihn friert 
und hundert so. — 

0 Mütterchen, du weinst?! Im Himmel 
nicht s doch keine Thranen inehr? ! — I)u hast’s 
ja seihst uns oft gesagt. 

Ach .Mutter. Mutter kennst du mich nicht 
mehr? Ich hin die (ircti. deine kleine (Jreti! — 
Doch du — du siehst st» anders aus — 
hist du denn nicht das Mütterchen? ist das 
nicht der Vater, der dich immer rief, bis «In 
zu ihm gegangen bist? — 

Ja. ja. du bist der Vater, unser Vater, 
willst unser lieber Vater sein?! 

Du fragst noch ? Das ist ja Paul, mein 
Brüderchen. — der schläft so lest. Paul. — 
Paul wach auf. — die Mutter ist gekommen! — 
U sichst du Vater. — jetzt, jetzt schaut 
er auf. und schlingt die Ärmchen fest um dich 
lieb’ Mütterchen. O trag ihn heim, er hat 
so viel geweint und ist so müde jetzt. — Du 
weinst ja auch, lieb Mütterchen, und sprichst 
von Weihnacht sfreude. — Christ ge schenk? ! — 
Nicht wahr, heut“ ist das Weihnachtsfest, 
da macht der liebe Herrgott alle 3Ienscben 
froh?! 


Le ver luisant. 

Sont-ce «es iHoiles <*t* «!•*» soluils 
<}ui commrncent a Crlairer mon ämc? 
Sont-ce Ica regar« ts randides et salutaire* 
Qui ine rendent ui heureux et si graud. 

Cli am is so. 

i riattaut, caressant et calmaut.) 

Halte- lä. mon cheval! Ne respire pas bruy- 
amment. mon conrsier! Pendant mon absence 
tu petix brouter 1‘herbe tendre sous cet ormeau! 
i.Kasaurant.) 

La grille duj»are s'esf formte derriere moi! 
(Retcnaut sa voix.) 

Eli bien, doucement. doucement. coinme toi. 
ö lune. ijuand tu planes par les nuages poitr 
voir ta bien-aimee. la nuit charmante de juin 
Ainsi marchons d un pas leger! Ne fais pas 
de bruit. traitre gravier! Kt toi. rossignol. fais 
entendte tescadences harmonieuses. et toi, rosier, 
sois en fleur. atin que tes roses suaves me 
servent de guide. 

(Ecoutant •'». 

Je distingue claireinent les cröneatix <lu 
chäteati. II y a de luuiierc an doujon ! Quel 
bonheur! Elle ne dort pas enenre. Men que la 
nutnre invilc au repos. Que les nccurds de la 
niandoline portent vers toi. conuue uue Vision, 
les parolcs qui sortent de mon ruenr. Est-ec 
quelle m’öcoute — me reconiiait ? Faut-il renonecr 
ou puis-je espörer rommc dans un reve heureux? 
i A voix hasse, t inu. . 

I.es rideaux s'agitent doucement! L'onibrc 
se lait voir et ensuite une töte charmante aux 
chevetix d’or ! Cette töte mignonne jouit de la 


fraicheur de la nuit-Ceat eile' - c'est eile! — 
( esse done. oli rossignol. ne chantc plus! Que 
le brnisseiuent des feuilles ne surpasse pas la 
melodie. Source de bonheur, venaut des cienx! 
1 Elle se peuche liors <le la fenötre — eile parle! 
llölas cst-ee de la colerc, est-ce la pulsation 
du cocur aimant? Ali. un seul mot! — Je 
veux entendre un seul mot ponr rtre sür! - 
llölas! Le vent ilu soir empörte les parolea! 
Voyons. qu'est-ce qui descend du balcun ? Est- 
cc une |>etitc culouibe? 

>Dans l'attente »lfl rocevoir le lullet.) 

0, feuille dötachöe. viens it moi. ii moi! — 
A mes levres, doux lullet, repoee-toi sur mon 
1 cocur, douee Damme d'amour! 

(Kn doatant.) 

Mais? Si le contenu devait nie döcevoir? 
Si les parolcs coinme des giaives. en me traver- 
sant le coeur. dötniisaient nies plus cheres espö- 
rances y Donne-moi cette assurance. ö lune! 

— Que tes pales rayons sont fälble*, ö lune, 

reine de la nnit! Am une luuiierc — nulle 
part une flamme? — 0, Dien de I’Amour. donnez- 
moi la moindre preuve de votre existente! 
Envoyez-moi un messager du ciel! Voyons. 

I lii — all! quelle joie! Du cocur de ce bonton 
, ile rose une lueur s'öchnppe! l’n ver-Iuisant 
; Drille dans les gouttes de rusee II [irend son 
essor. il s'öleve dans l’air et s'approche! 

0! chaniie du mois de juin. ahnisse ta lu- 
iniöre sur ces lignes, atin que japprennc le 
inessage ! 

t'umme il lirille, le charmant fanal! Le 
rayon en est faible et il ne porte pas luin. 
( ependant — cepcndant — la lumiöre prend 
peu ii pen linccrtifude de mon euuir ardent! 

(Epdalit avec incertitude.) 

Mot pour mot se presente. Vuili le mot 
,,Je“, Men svelte. Enfin eonime un corail bril- 
lant vient le verbe signiflcutil ,.suis‘.‘ — 0, rayon 
charmant, flöte ta lumiöre vite — vite! — 
..Je suis ii toi" — Et la suite? — L'ardeur me 
prend l’haleinc! 

(Toujours plus anxieu.v 

Doutcs terribles! — „De coeur — de coeur 

— grand Dien! Je nie meurs - Et potirtant 

— non — Voici les paroles lnisantes: „Je suis 
ä toi de coeur" — Message du ciel — 

Mille gräces! ,.Jc suis ii toi de coeur— !' 
(Abordant le ver luiaaut.) 

Mille griiees ii toi, doux messager, repose- 
toi de nouveau au sein des roses: Quant ii moi. 
je jure sous le flnuament d'azur, seine d'ötoiles 
brillantes, je jure lidölitö — (> nnit plcine de 
charme — empörte cette promesse! 

tCalmC; puis en extasc.) 

La lumiöre ne luit plus! — Mais moi. 
j'eiltends au fond dil euuir. coinme une vision 
cöleste. le inessage heureux: „Tu es ahne!" — 
{De retour du cliäteau du pnre ) 

Mon petit clisval. pas si inipötueux! En 
seile, partons! — 


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18 


(Fier et radieux.) 

Eli l»ien. Z6pbyr* du marin - ralme* 
de votre fraiclicur mun front brillant — repan- 
dez lo parfuin des plante», laissez-moi jouir. 
dans mon bonheu r, du chant matinal desoisenux 
et de I'aspect enchanteur de 1‘aurore! 

Prag. A. M. Krejei iE. Veil.)- 

Auin. d. Red : Das vorstehende Psychodrama 
ist die uberaetsiiag der bekannten Dichtung K. v.Xc e »•• 
lieimb’s *Johaniieafackel - (llerlwni • AuagaW, 
Bd. 1, S. 20). Wir ln tilgen diese französische Nach- 
dichtung imseres hochgeschätzten Mitgliedes, Frl. 
A. M. Krejci - K. Veil. mit um so grosserer Genug- 
tuung zum Abdruck, da die demnächst in Paria er- 
scheinende Übersetzung von ersten Fachkennern als 
vorzüglich bezeichnet werden und einen kleinen Bei- 
trag zur Würdigung deutscher Lektüre in Frankreich 
geben dürften. Frankreich kamt sielt ja bekanntlich 
über die deutsche Anteilnahme an seinem gesammn-ii 
littet*. Schaffen nicht beklagen ; die deutschen Schrift- 
steller wissen eilt Lied davon zu singen. 


Psychodramaiisches Echo. 

(Unter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ragender Kritiker über das Psychodrama bringen.) 

In No. 20 (vom 21. Nov. 1890) «ter Halb- 
monatsbeilage des „Strassburger Tageblatts“ 
,Der Soldat' verülfentlichte der damalige Ulief- 
redaeteur des genannten Blattes, Max Dittricb, 
das Psychodrama „Per Sergeant von Alsen* 
von liiehard von Meerheimb und fügte folgende 
Besprechung hinzu : 

Ilic vorstehende Dichtung gehört zu der Gattung 
der sogenannten ,P»y chod raraen“, um welche die 
deutsche Litteratur durch Oberst Richard v Meer- 
h e i in b, jener in den weitesten Kreisen durch bedeutende 
philanthropische Stiftungen und hervorragende Lei- 
stungen auf littera rischem Gebiete, sowie durch sein 
Abenteuer in Beifort, wo er vor einigen Jahren als 
Spion gefangen genommen wurde, auch int Reiehslande 
bekannt gewordenen Dichter uns tler Ritten alten 
Schule tles Idealismus bereichert wurde. Diese Psycho- 
dramen sind keineswegs als eine Abart der poetischen 
Erzählungen zu betrachten, sondern als eine ganz 
selbstständige, in sieh begründete und abgeschlossene 
Dichtungsgattung, die ihres Gleichen in der Litteratur 
keiner anderen Nation gefunden hat. Unter ilensellien 
will der Dichter Vorträge verstunden wissen, die, nur 
von einer Person gesprochen, die fortschreitende 
Handlung Einzelner oder Mehrerer redeplastisch vor- 
führt. Der Vortragende erzählt nicht, er baut die 
Handlung vor dem Zuhörer auf. Es bedarf keines 
szenischen Apparats, es sind vielmehr Dramen oder 
dramatische Szenen, welche, aufdie f o rt sc h re i t e n de. 
einzig und allein dem geistigen Auge sichtbare Hand- 
lung Mehrerer husirend. nur durch das Mittel einer 
einzigen sprechenden und erwiderten Person charak- 
terisiert werden, wolle! die Seele des Hörers gewisser* 
masseu au dem sich gegenwärtig ahspie lenden 
Drama mit beteiligt wird. Der Rezitator versetzt 
sich dabei im Geist völlig an die Stelle des oder der 
Handelnden. In dieser Form ist es möglich, einen in 
Wirklichkeit stunden-, Ja tagelang andauernden Vor- 
gang in seinen Haupt- und Urundzitgeu im Zeitraum 
weniger Minuten dem seelischen Auge bildlich (plast iseh i 
sichtbar zu machen. Es bedarf dazu nur eines tüch- 
tigen, in den Geist der Dichtung eingedrungenen 
Deklamators. — sonst absolut keines Hilfsmittels. 
Wer jemals eins der Meerbcimb’scben Psychodramen 
frisch und lebendig vortragen hörte, weiss. dass eine 
solche Deklamation überaus wirkungsvoll und genuss- 
reich ist. und wir verfehlen nicht, auf diese durchaus 
originelle Dicht uugsurt unsere Leser aufmerksam zu 
machen. Meerheimh’s Psychodramen sind trefflich ge- 
eignet, die langen Winterabende im Familien- wie 
Gesellschaftskreise in anregender Weise zu verkürzen, 
liesonders in kleineren Orten, wo es kein Theater und 
andere Unterhaltungen giebt. 

»XsX« 


1U 

C[ 


®a®a®S® Aus der 

itteratur der Gegenwart. 

'' r ’ö * V*V vf* C * " u v 


Morgenandacht. 

Errötend glüht der Wolkenttor 
Schon von der Sonne erstem Kusse, 

Die Welle hebt ihr Haupt empor 
Schlaftrunken noch zum Morgengrusse. 

Schon sieht man hing» des Waldessaums 
Des Nebels letzte Reste beben 
Und wie Erinnerung eines Traums 
Gespensterha ft vorU bersch weben. 

Erschrocken flieht die 3Iorgenluft 
Und rüttelt wach der Bäume Kronen. 

Und fern verrauscht'» im^Atherduft 
Wie ein Gebet von Millionen. 

Wien Josef Sclimidt-Braunfels. 


Anmarsch der Gladiatoren. 

Morituri Ir salutatä ' 

Cäsar Augustus! Wir gribtsen Dich laut. 
Schon von den Schatten des Tode« timgraut ' 
Wir heben die Iliinde zu Deinem Thron, 

Dein zufriedenes Lächeln sei unser Lohn : 

Heil dein, der da sinkt, ein Lebensverächter. 

! Als sehiiner Fechter! 

Cäsar Augnstus, wir schreiten zum Tode, 

Wir grüsscit Dich, Cäsar Augustus! 

Wir Gallier, die wir den Ariovist 
lm schwankenden Kahn 
Entfliehen sahn, 

; Wir tiallier, denen Dein Ahnherr mit List 
Und mit den Waffen die Freiheit nahm, 

Wir härten den Todesspruch der Druiden. 

Und uns Briteinnen vom hrauscudcn Meere. 
Die Du bezwungen mit mächtigem Heere, 

Uns rufen im Nebel die Deister der Heimat. 
Fest und froh zu dem Siegeakampfe 
Und voll Lust bei dem Todesnlincn 
Schau uns Germanen! 

Zeig uns die stärksten der Gladiatoren. 

Die in dem Lande der Parther geboren. 

Die in der Wüste den Llfwen besiegen. 

Doch warfen die Nomen die Ktincn. 
i Dass wir unterliegen: 

Heil uns! Es führen 
Uns Wodans Walkyren 
| Durch goldene Thüren 
j Zur schimmernden Halle Walhalla! 

Cäsar Augustus. wir schreiten zum Tode. 

Wir grüssett Dich, Cäsar Augustus! 

I Berlin- Max Hnflhiauti. 


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19 


Vor der Schlacht. 

Die .Sonne blitüt auf Aber grauem Qualm. 

Es teilt sich <ler Morgennebel. 

Wie Perlen lunkell der Tun am Halm. 

Der Kuirnss klirrt und der Säbel. 

Die Kos« wiehern. Ein Keiler stellt, 

Knüpft fester die Säbeltasi he. 

Ein leiebter, (rostiger Windhaueb webt 
In des Feuers glimmender Asche. 

Er reibt sieh die Hände und starrt ins Liebt 
I'nd rückt sich den Helmschild grade. 

Ein jiigendbleiehcs. verbittert Gesicht 
Kittet so stumm um Gnade. 

Trara! Trara! Die Trumpete tönt. 

Es ballen Kumntnndnrofe, 

Der Donner (einer Kanonen dröhnt 
l'nd Staub umwirbelt die Hute. 

Zürich. A. v. Soiuiucrtclil 

• Winternacht. 

Gemcisselt nie aus weissem .Marmorstein 
Starrt Feld und Wald im Schnee und Eise. 
Und drüber hockt die Nacht und schauert leise 
Beim StornenSchein. 

Nur manchmal kracht der Frost im toten 
Wald, 

Es stöhnen Ross und liad im Grunde. 

Indess vom Dorf das Heulen feiernder Hunde 
Herüberschallt. 

Sonst lautlos still : zuweilen seufzt die Nacht 
Im dürren, braunen Laub der Eiche, 

Und aus der Mondesmaske schaut der bleiche. 
Der Tod, und lacht. 

ich schreite stumm, der Schnee knirscht 
unterm Kuss. 

Als rief der Tod mir leis verstohlen 
Aus frost’gem Boden unter meinen Sohlen 
Den Willkomingruss. 

Mein Herz erschrickt, das mühsam sieh 
erwehrt 

Der Schauer dieser Nacht, der wintcrblcichen, 
Und sehnend eilt mein Schritt aus Todesreichen 
Zum Hciinntherd. 

Cottbus. Ewald Müller. 

Nachtbild aus dem Havelluch 

Ihr schwarzes Bahrtuch legt dia kalte Nacht 
Auf mensclicnteme. leichenfahle Wiesen. 

Der Nordwind fegt die eiserstarrton Moore. 
Zieht seufzend durch der Sümpfe bleiches Schilf 
Und rüttelt heulend au dem alten Kreuz. 

Das stumm der toten Einsamkeit verkündet. 
Wie hier ein frevler Mord zum Himmel klagt. 

Am morschen Holze klammert sich ein Rabe 
Mit halberstorbTtcn Fangen — hungrig, müde. 
Tief eingehüllt, ist er in dem Geileder 


1 Und eis’ger Schauer rieselt ihm durchs Blut. 
Da dringt ein heiser Bellen an sein Ohr. 

Matt öffnet er das Auge — schliesst es wieder. 

Fis duckt ein Fuchs sich hinter dürres Gras; 
Er schielt zum Raben auf. — ihm friert, - 
er wartet. — 

Und wieder weint sein Bellen durch die Nacht. 
So schreit der Hunger in des Nordwinds Heulen. 

Der Wind wälzt Hockenschwere Wolkenmassen 
Hinüber- Luch Dann legt er sich und schweigt. 
Und mit ihm schweigt das leiseste Geräusch, 
Nur das Gelteil noch jammert durch die Ode. 
Um in ein sterhend Wimmern auszitklingen. 

Nun ist cs still, ganz still — und leise, leise. 
Langsam, dicht und immer dichter fallen 
Die weissen Flocken unaufhörlich nieder. 

Ganz sacht begraben sie den toten F'uehs — 
Und lietten neben ihn dcu toten Kuben. 
Stnuabtirg i. Eis. Sdimittt-Bräüikow. 

Mein Lied. 

War' mir all' mein Glück entschwunden, 
Ibis icli dir, o Liebe, dank', 

Du doeli bliebst mir eng verbunden, 

Freund der Seele, du, Gesang. 

Denn ihr kehrt mir treulich wieder. 

Wenn sielt's leis im Busen regt, 

F'romnie. süsse, heil'ge Lieder! 

Und das Herz ist froh bewegt. 

Süsse Lieder, wollt nicht scheiden, 

Ihr seid meines Lebens Hort; 

Wie in F'reuden, so in Leiden. 

Silsse Lieder, klinget fort. 

Bremen. Wilhelm Eiaaiiuc] Backhaus. 

0 habt Glauben an den Glauben. 

Dell Pessimisten. 

0 ballt den Glauben an den Glauben, 

Wenn euch der Glaube selber fehlt; 

Lasst euch den Blick für das nicht rauben. 
Was grosse Herzen feibt und stählt ; 

Die Menge fühlt sich frech berechtigt. 

Wenn sie naelt einem Edlen schlägt. 

Und jede Lieliestliat verdächtigt, 

Die sieh in seinem Busen regt. 

0 habt den Glauben an den Glauben — 

Ist auch der Glaube euer nicht. 

Der zu euch mit dem Blick der Tauben 
Aus einer frommen Lehre spricht; 

Denkt an die Leiden der Geschmähten, 

I lenkt an die Märtyrer der Tlint.: 

Ob der. den sie am Kreuz erhöh ten. 

Wohl nicht für euch gelitten hat? 

Und wenn nur Irrtum übrig bliebe, 

In dem die Welt der That sieh müht. 

| .So glaubet immerhin die Liebe, 

I Die unter ihm verborgen blüht; 


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20 


Lasst euch den freien Blick nicht muhen. 

Wenn in den Abgrund ihr gcsclin. — 

Bewahrt den (Slntihen an den G lauten, 

So kann die Welt nicht umergelm. 

Haml»urg. Johanne» liliwr. 

Nach Adolph Stöbers Tod. 

(Kin Scheid cg ms» i 
Nun such' auch icli im Geist die Todenflur, 

Auf die sie ihn zur letzten Ruh' getragen. 

Wie folgt so gern ich seiner .Sterncnspurl 
Wie hat voll Ehrfurcht ihm mein Herz ge- 
schlagen I 

Am frischen Grab, zu dem des Herlistwimls 
Schauer 

Die welken Blätter wie im Spiel verweh'n, 
l)a will ich feuchten Auges stille steh'n 
Zu ernster Rast in wehmutsvoller Trauer. 

Noch schau' vor meinem Blick ich klar sein Bild: 
Sein Wort, noch klingt es mir wie Fricdens- 
glocken : 

N'uch ist es mir, als müsste vatermild 
Er grilssen mich im Schmuck der Silberlocken, 
Hoch nein, er ist in jenes Reich gegangen. 

Wo ewig schweigen Schmerz und Leid und 
Streit . 

Verklärt liegrüsst er jene Seligkeit, 

Nach der ihn zog der Seele fromm Verlangen 

Schämt euch der Thrüncn nicht, ihr. die sein 
Stab 

Men Weg der Wahrheit sorgend hat geleitet, 

Ihr. denen er das Brot des Leliens gab 
Und einen Tisch des Segens zuberaitot! 

Wie ging er schlicht den Sonnenpfad der Ehre! 
Wie war er duldsam, ohne Falsch und Trug' 
Wie hat er, wo das Klend Wunder schlug. 

Durch freie Thal bekräftigt seine Lehre ' 

Auch du bewein' ihn. trautes Heimatland! 

War er doch deiner besten Söhne einer. 

Treu war er dir in Glück und Wetterbrand, 

Und heisser liebte dich als er noch keiner! 

Her Mutter wollt' er an die Brust dich legen; 
Dein Wohl war seines Streben« schönstes Ziel , 
Und oh auch manches Korn auf Dornen fiel, 

Die Saat reift doch dem Erntetag entgegen! 

So weit auf Erden deutsch die Zunge spricht, 
Hat inan ein edles Gut in ihm verloren : 

Wie oft hat er als Sänger im Gedicht 
Geführt uns zu der Musen Teuipelthoren! 

Wie bat der helle Goldklang seiner Leier 
So wunderbar, so voll und rein gerauscht, 

Mit Dank von Abertansenden belauscht 
Wie Andachtstöne einer Sabbatfeier! 

I ler Ilirt ist stumm; des Mahners Stimme schweigt : 
Verklungen sind die liederfrohen Saiten; 

Doch seines Volkes Ruhmcstafcl zeigt 
Noch seinen Namen in den fernsten Zeiten. — i 
So schluium rc sanft im Schatten der Cyprcssen 
Nach deiner Pilgerfahrt, du teurer Greis! 

Dein Werk verkündet seines Meisters l’reis, 

Und dein Gedächtnis tilgt uns kein Vergessen! 
Strassliurg i. E. Christian Schmitt. 


Es hat heut' in der Heide dort. 

Es bar heut* in «ler Haide dort 
Die ganze Nacht so wild geweint. 

<»rad’ aus «len» Hohlweg. wo «ler Mond 
S«» selten durch die Kiefern scheint. 

Am andern Morgen schwang sich scheu 
Kin trauerschwarzer Vogel auf 
Und von der Erde nahm er mit. 

Ich glaub — die wahre Lieb* hinauf. 
Kausihrnlwrg. Valentin Trauilt. 

Wehmut. 

Mir klingt ein Lied aus fernen, lernen Tagen. 
Ein Lied ans längste ergnng'ner schöner Zeit. 
Wo mir für sie mein beisses Herz geschlagen. 
Wo ich ihr Treue schwur auf Ewigkeit. — 

Die Zeit ist hin. lang ist das Lied verklungen. 
Vermodert längst im Grab mein kurzes Glück — 
Bald hah' auch ich das Leben ausgerungen. 
Dann kehrt die .lügend wieder mir zurück. 
Mtctersheiin hei I.ahr i [f. Eluü Hnnth. 

Eitles Hoffen. 

I« h wollte gern die junge .Stirn Dir schmin ken 
1 Mit hoffnungsfrohem. zarten» Myrthengrün. 

Ich wollte Dich so ganz, s«> recht beglücket» 
l’nd nur iilr Dich in heil’ger Liehe glüh'»». 

Ich wollte alles, alles für dich wagen. 

Kein Weg war mir zu steil, kein Kampf zu kühn. 
Ich wollte freudig durch «lie Welt mich schlagen 
Tml zittern nicht im tollsten Blitzessprilhn! 

Was wollten wir nicht alles! Liebchen, 
schweige .... 

tiewiss. Du schweigst. Du hist ja kalt uml tot. 
Ein müder Strahl guckt durch die dürren Zweige. 
| Und still verblühet rings «las Abendrot! 

Haintiur»;. Kmii Multis. 

Abendfriede. 

(Au Mimi.) 

Wie klingen süss die Aliendgloeken 
Vom Rnchuskirchlein zu mir nieder. 

Und fern auf grünem Bergeshrockcn 
Ertönen fromme Schnitterlieder. 

Still wird es nun in allen Zweigen. 

Die Vöglein halten Nachtgebet. 

Und durch das tiefe Abendschweigen 
Ein Zephyr sitssc Träume wehr. 

Wien. Ottokar Stauf vou «ler March. 

Dichter und Menge. 

tiewitter wölken ballen ihre Hiesenfaust. 

Und dumpfos Murren droht. 

Bald ist cs still, bald wihl der .Sturmwind 
saust. 

Flammendes Leuchten loht. 


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21 


Duell sieghaft ob den dunklen Wolken blickt 1 
Der Sonne Angesicht. 

Feindliche Wolken sie mit Purpur stickt. 

Mit rotem Sonnenlicht. 

l : nd lächelnd sinkt sio. — nicht von Angst 
gescheucht, 

Deht andren Landen auf. — 

Erlöst cs aus den Woilcenleibern keucht : 

.Sie Hiebt ! Schwestern, zu Häuf!" 

So auch der Dichter. Lächelnd schweigt er 
still. 

Wenn rings die Menge droht. 

Weil er noch andern Menschen schenken 
will 

Der Dichtkunst Morgenrot, 
cain a.Kli. tieorg Barthel Kolli. 

Satisfaktion. 

Ein St uden tcnlied. 

Maitag war's. Syringen blühten 
Fink und Drossel lustig schlugen 1 
Und herbei von allen Seiten 
Strömt ’s und sondert sich in Gruppen: 

Alle Farben. Konfessionen 
Freier akndcnr scher Kitter 
Geben hier wie Wolf und Heerde 
Im student'schen Treuga Dei : 

Sachsen. Alamanen. Franken 
Bei Teutonen und Vandalen. 

Wer zählt all die Völkcrseharon. 

Die sich rotten hier zusammen. 

Eine schnöde Timt zu rächen. 

Weil ein Wirt den Trank versagte 
Eines Atamanen Kehle! 


Bürgermeister her ad loca 1 
Durst und Ehre über alles! 

I nd es geht ein Zagen, Zittern 
Durch die Stadt, ein Angst- und Wehschrei. 
Tlmr und Laden schleunigst schliesst man. 
Still und leer sind alle Strassen. 

Drohend rücken an die Scharen. 

Wappnen sich zum ersten Ansturm. 

Wo der Mannesmut versagte. 

Half schon oft die List der Frauen ! 

Denkt des wackren Bürgermeisters 
Blondgehakte schöne Tochter. 

I ml sie sinnt gleich Weinbergs Weibern. ! 
Ihre Vaterstadt zu retten. 

Drüben nickt des Apothekers 
Schwarzgcaugte, braune Dirne 
Schelmisch zu ihr Einverständniss ... i 

* . * 

Kates pflogen die Chargierten . . . 

Da zugleich von zweien Seiten 
offnen sich der Tbilren Flügel 
Hin und wieder, dort, genüber 
Fliegen überrascht die Blicke — 

Vor der Schönheit streckt die Waffen 
Kriegennut und Vandalismus. 


-Was Begehr?- Stumm neigt den Schläger 
Vor der Fragerin verlegen 
Der Chargierte. Sie für sich: 

-Eine grässlich schöne Quarte! 
da. so hiess den Hieb der Vetter.* 

•lener: .Diese oder keine! “ 

Schnell gewinnt er seine Fassung 
Wieder, tritt hervor mit Keckheit: 
-Welche Sühne geht ihr. Jungfrau?" 
„Keine lange Unterhandlung; 

Darum nahm' ich. was mir recht dünkt: 

Brüder, diesen Kuss für alle 

Pflück ich von dem schönsten Munde!* 

Ein homerisches Gelächter 
Donnert tausendfachen Beifall. 

Und von neuem braust der Jubel: 

Denn der zweite der Chargierten 
Dem Exempel folgt des ersten. 

Ernste Sorge um die Tochter 
Treibt hervor den Bürgermeister. 

Ans dem Hause gegenüber 
Tritt geknickt der Apotheker. 

-Voll Genüge ward geleistet!* 

Spricht der Balutrc. .zur Sache!* 
l'nd vergelicns seinen Händen 
Sucht sich Grete zu entwinden. 

-Da ein Übennnss von Sühne. 

Die wir killmlich uns genommen. 

Uns allhier zu Schuldnern machte. 

Halten wir uns neu verpflichtet : 

Darum reuig vor das Stadthaupt 
Irr' ich hin. sofern die Jungfrau 
Ist gewillt, mir zu gewähren 
Ihrer Liebe Huld, und bitte 
Um des Vaters Wort und Segen !* 

-Kind, wie ist es nur gescheiten! 

Lasst mich erst die Überraschung 
Nur verwinden! — Meinen Segen!* 
Weinend Jungfrau Apotheker 
Liegt tlem Vater in den Annen, 

Der sic tröstet und bonibigt. 

Längst, gab sie ihr Herz zu eigen 
Uretens eifersücht'gem Vetter. 

Sicherlich wird er's erfahren — 

Und da teilen sich die Reihen. 

Vetter Hans hat von der Ausfahrt 
Unterwegs gehört, zur Braut fahrt 
Wohl gerüstet und bereitet. 

Hundert Mal der Werbung Worte 
l.iess er zagend ungesprochen. 

Schnell lmt er erkannt die Lage 
Und uni Lilli's Hand geworben. 

Aus dem Rache- ein Triumpfzug! 

Hochzeit, frohes Becherklingen ! 

Just, wie alte Lieder singen. 

Xnnlliauscti. Hermann Kielinr. 


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22 


Mit einem Lichtbilde. 

Kin Spiofjel soll «las t«>tc Li<htl>il«l sein. 

Der IhiM verzerrt, bald strotzt von 

Sehinenheleien ? 

(I nein! In Schleier hUllt's die Seele ein. 

Die Seele lässt sich nicht abkonterleien ! 

Br. F. 1t. 

Verschiedene Wirkung. 

Mir graut, wenn ich mir Loheshymnen höre, 
leh traue nicht jedwedem Schraeieholwort ; 

Doch kämpf froh schafft die glühnde Seele fort. 
Wenn sie vernimmt der Neider Missgunstchore. 

Br. K. H. 

Literarische Rundschau. 

(i erhärt. Haupt mann arbeitet gegen- 
wärtig an einem Drama aus der Zeit der 
Bauernkriege, dessen Held Florian Geyer sein 
wird. Gelegentlich, eines Privatgespräches 
äusserte der Dichter, dass der im .Sonnen- 
aufgang“ von ihm ungebahnte Naturalismus 
jetzt für ihn ein überwundener Standpunkt sei. 
den die Lektüre Zola’scher Romane mit ver- 
anlasst habe. 

Jn Basel ist vor Kurzem Schillers 
Wallenstein -Tri logie vollständig — 
an einem Tage — auf geführt worden: 
die Vorstellung dauerte von 3 Uhr Nachmittags 
bis 11 Uhr Abends. Das durchaus gelungene 
Wagnis* wird von der .Neuen Zttr.-Ztg.“ mit 
Beehr gerühmt; was bisher Niemand für möglich 
gehalten, sei hier zum ersten Male zur Thar 
geworden: .Selten haben wir mit solcher atem- i 
losen Spannung im Theater gesessen, selten 
oder noch nie sind wir in solche Mitleidenschaft I 
gezogen worden, und alle Zuschauer des 
besetzten Hauses waren fortwährend in solcher 
Aufregung erhalten, dass die Stunden unver- 
merkt vorüberzogen und sie der langen Dauer : 
der Vorstellung gar nicht inne wurden. Fine 
Ermüdung zu empfinden, hatte Niemand Zeit, 
denn in zu raschem und gewaltigem Schritte 
zog die Handlung . an unseren Augen vorüber, 
und dazu ist die Ökonomie des Stückes eine so 
weise und echt künstlerische, dass abwechselnd 
stets neue Seiten des Geistes in Anspruch ge- 
nommen werden.“ 

200. Auflage von Scheffels .Trom- 
peter von Säkkingen“. Der immer noch 
jugendfrisch anmutende und erquickende .Sang 
vom Oberrhein“ hat im November seine 200. 
Auflage erlebt; ein seltenes Ereignis in der ! 
Geschichte der deutschen Litteratur. Die Ver- 
lagsbuchhandlung Ad. Bons & l’o. in Stuttgart 
veranstaltete eine Jubiläums- Ausgabe mit Illu- 
strationen von Anton von Werner. «He zum 
gleichen Preise wie die gewöhnliche Oktav- 
Ausgabe abgegeben wild. 


1 ui Verlage der Dresdener Kunstdrnckerei 
.Union" erscheint soeben von dem bekannten 
Schriftsteller Hugo Eint (Andre. Hugo» ein 
trefflich ansgestattet.es kirnst historisches Werk 
.Dresden“. Schilderungen und Bilder ans 
Sachsens Haupt- und Residenzstadt. Mit 42 
Illustrationen nach Originalzeichnungen. 

H ec lam 's . Uni versa 1-Bihliotliek * 
hat gegenwärtig, im fUnfundzwanzigsten Jahre 
ihres Bestehens, die Nummer 3000 erreicht. 
Das dreitausendste Bändchen des Philipp Reclain 
sehen Verlags enthält Wilhelm Jenson's 
.Hunnen!) lut“, eine Hegebenheir ans dem 
alten Uhiemga u. mit dem Bildnis* des Verfassers. 

Nachdem das .deutsche Vnlksfhenter* zu 
Wien durch seine Sehönthan- Kadellmrgiaden 
und seiner sonstigen Sucht nach Fremdem sich 
die Sympathien aller wahren Kunstfreunde ver- 
scherzt hat. entsteht uns ein neues Schauspiel- 
haus. nach dem ersten österr. Volksdichter 
| Ferdinand (Raimund Raimundtheater be- 
I nannt. Die Direktion dieses Musentempels er- 
1 hält der mit Recht das „krit. Gewissen Wiens 4 - 
genannte, durch seine trefflichen Eigenschaften 
vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Adam 
Müller-Guttenhrunn. Dazu kann sich das 
Publikum von Herzen beglückwünschen, da ihm 
mm die Gelegenheiten geboten wird, echte 
Kunstschöpfungen zu gemessen. — Gott sei 
Dank, dass dem Schlendrian des .deutschen 
Volkstheaters", welches die Unverfrorenheit 
bcaass. im Ausstellungstheater ein franz. Stück 
zu spielen (Surdou’s Thermidor), während alle 
andern Bühnen nationale Werke aufführten, ein 
Ende gemacht wird. — Nächstens mehr vom 
Raimundtheater. 

\V. srf. v. d. M. 

Am 8. November d. J starb einer der 
edelsten Eisasssöhne, der bekannte Dichter 
A d o 1 ph St ö he r. Er war einer jener seltenen 
Männer des Elsas«, die unbeschadet ihrer staats- 
bürgerlichen Treue gegen Frankreich vor 1870 
ihre Vorliebe für das deutsche St animland frei- 
mütig in Wort und Schrift bekundeten. Er 
wurde als Sohn des Dichters Ehrenfried 
Stöber, der als Notar in Strassburg lebte, 
daselbst am 7. Juli 1810 geboren. Wir ver- 
weisen auf den warmen Nachruf Christian 
Schmitts im poetischen Teile der N. 1. Bl. 

Von Georg Ruseler gelaugt im Januar 
1803 im Grossh. Hoftheater zu Oldenburg ein 
neues Trauerspiel . Konradin“ zur Erstauf- 
führung; in Kürze ercheint ausserdem ein Band 
Zeitgedichte .Moderne Melodien.“ 

Von Max Geissler in Königswald bei 
Dresden ist soeben eine neue Halbmonatsschrift 
, „Die Penaten* begründet worden, die unter 
| andern der mundartlichen Dichtung und 


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»Inn modernen Märchen eine I leimsrärf <* ta- 
rnten will. Wir werden auf dieses Unter- 
nehmen. das die Aufmerksamkeit der gebildeten 
Welt mit Recht erregen dürfte. zu rück kommen. 

in der von Otto von Leixner geleiteten 
Deutschen Roman-Zeitung ersc heint gegenwärtig 
ein Roman „Ein Revolutionär“ von Otto Mora 
*Dr. O. My sing- Bremen). Durch seine eigen- 
artig packenden Romane „Ein Reaktionär*. 
..rberreil“ und durch seine Novellen ..Heid- 
nische Geschichten“ (Verlag von W. Friedrich- 
Leipzig) hat sich Otto Mora bereits als Erzähler 
von hervorragender Bedeutung in unserer Littera- 
tur eingeführt. 

Am 3. Nov. feierte Richard Schmidt- 
Cahanis. der durch seine zahlreichen humo- 
ristischen Schöpfungen in den ..Flieg. BI:* etc. 
bekannte Dichter sein 25jfthr. Schriftsteller- 
juhiläum in Berlin. Wir wünschen dem Pfleger 
echt deutschen Humor an seinem Ehrentage 
besonders wachsende Genesung zu fernerem 
Schaffen. 

Heinrich Sohnrey. der rhefredakteur 
der ..Freiburger Ztg” und der illustr. Zeitschrift 
..Der Schwarz wähl” giebt soeben im Verlage 
von Trowitzsch &. Sohn in Berlin W. eine Halb- 
monatsschrift ..Das Land” betitelt heraus, die i 
sich den sozialpolitischen und volkstümlichen 
Angelegenheiten auf dem Lande widmen soll. 
Der fleissige Volksschriftsteller !>eroifet ausser- 
dem ein soziales Volksschauspiel ..Der Baucni- 
knecht” vor, auf dass man mit Recht gespannt 
sein darf. Heinrich Sohnrey hat in seinen 
Volkserzählungen bisher tüchtige Proben seines 
Könnens gegeben ; besonders wurden seine 
niedersflchsischen Walddorfgeschichtcn ..Die 
Leute aus der Liudenhütto” wegen ihrer tief- 
erfassenden Poesie warm anfgenommen. 


Der Dramatiker Karl Nisscl feierte am 
25. Nov. in Liegnitz seinen fünfundsiebzigsten 
Geburtstag und sein fünfzigjährigesSchriftsteller- 
Jubiläum. An diesem Tage wurde am Lieg- 
nitzer Theater, dessen Dramaturg er einst war. 
sein neuestes Drama „Am Roggenhause“ auf- 
geführt. 

Über die friesische Sprache wird ! 
der .Magd. Ztg." aus Oldenburg geschrieben: 
Mancher Badegast der Nordseeinsel Wangeroog 
wird beim Anhoren der Sprache der dortigen 
Einheimischen sich verwundert nach der Ab- 
stammung und Herkunft dieser Sprache gefragt 
habcu. Wangeroog ist eine der zwei Sprach- 
inseln, die sich noch 'von der einst im Nord- 
westen Deutschlands weitverbreiteten friesischen 
Sprache erhalten haben. Die andere Sprach- 
insel des Friesischen ist das im westlichen 
Oldenburg gelegene Saterland, ein 10 Kilo- 
meter langes und 7 Kilometer breites ödes 
Moorland. Auch Wangeroog wird nicht lange 


mehr friesisch sprechen, das Plattdeutsche ge- 
winnt hier immer mehr die Oberhand. Stati- 
stische Erhebungen zeigen uns. dass von den 
220 Bewohnern der Insel nur noch 12 das 
Friesische als häusliche Umgangssprache l»e- 
nutzen, 174 reden platt- und B4 hochdeutsch. 
Besser steht es mit der Erhaltung des Friesischen 
im Saterlande. Auf einem dünenartigen Sand- 
rücken liegen im Gebiete des schwer zugäng- 
lichen Hochmoores die friesischen Dörfer, zu 
denen erst im Anfang dieses Jahrhunderts die 
ersten Strassen gebaut wurden. Bis dqhin gab 
es nur eine Verbindung zu Wasser, auf der 
»(»genannten Sntercms. Wenn auch hier das 
Plattdeutsche eingedrungen ist und besonders 
altfriesische Namen seltener werden, so hat sich 
das Friesische doch in Sprache. Art und Tracht 
noch rein erhalten. Von 4215 Bewohnern des 
Vaterlandes reden, wie statistisch nachgewieseu. 
2471 friesisch, 17HS platt- und 23 hochdeutsch. 
Überall, wo fremde Einwohner auftreten. weicht 
die friesische Sprache der plattdeutschen. 


Eingesandte Neuerscheinungen. 

■lJie Besprechung rrfolgt grünlichst in tteilieu- 
folge de i' Kin.cfuinng.-ii ' 

Chr.Grüss, Herzensklange oderStunden (1er Müsse. 
Dichtungen. Kerlin 1R99. L. Oehmigke's 
Verlag ([!. Appelius). 

Richard Schmidt* Cabanis. Lachende Lieder. 
Nene Dichtungen. Berlin 18911. li. Boll's 
Verlag. 

J. Loewenberg. In (längen und Höfen. Kino 
Hamburger Erzählung. Hamburg 1893. 
Verlag von A. Gnldschmidt. 

Ewald Müller, Murkusco. Ein romantischer Sang 
vom Sprecwnlde. Berlin. Zillessen’s Verlag. 
Hermann Klehne. lUlico. Trauerspiel aus der 
Völkerwanderung in vier Akten. Nord- 
hausen. Verlag des ..Hausbuches deutscher 
Lyrik'.' 

Adels- und Salonblatt. Wochenschrift. Verlag 
von Goedcckc und (lallinek in Berlin. 
No. 1—10. 

Max Geissler, Die Pennten. Eine Halbmonats- 
schrift. Krtnigswald Ijei Dresden, Verlag 
iles Herausgebers. 

Max Hofftnann. Irdische Lieder. Verlag von 
Baumert & Kongo, Grossenhain. 

Georg Barthel Roth. Deutschlands .Siegschwert. 
Eine vaterländische Dichtung in sechs 
Bildern. ('Mn, Druck von Adolf Steven. 
Hugo Elm, Schilderungen und Bilder ans Sach- 
sens Haupt- und Residenzstadt. Mit 42 
Illustrationen nach Original-Zeichnungen. 
(Heft 7 und S von „Aus Deutschlands 
(Innen.) Dresden 1898, Verlag der Kunst- 
Drnckcrei .. Union' 1 , Dresden. 


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21 


Beurteilungen. 

Richard Schmidt-Cabanis, Lachende Lieder. 
Neue Dichtungen. Berlin 1MIM. K. Boll's 
Verlag. 

■■eine neuesten Dichtungen leitet der hervor- 
ragende Humorist und Dichter Richard 
Schiiiidt-t'ahanis mit einer lleilie Vierzeilen 
unter der Überschrift ..Mein Bildnis ihr das 
Erken ne- Picli-Selbs t- Album entworfen" ein. die 
mit dem Motto schliessen: 

Dir. „Unser Fritz", will ich zu folgen wagen 
l'nd „leiden lernen ' will ich „ohne Klagen -. 
Und will die Pessimisten nicht beneiden. 

Die Klagen lernten, ohne selbst zn leiden! 

Wuhrlich. der Kennspruch eines echten Humo- 
risten. der selbst im Leid noch lächelt. Kitte Fülle 
des ungesnehtesten herzerfrischenden . Humors 
bietet uns der Dichter in seinen ..fachenden 
Liedern'.' Oft verbirgt sich ernste Satire in 
dem heitern Gewände, aber es gehört zn des 
Dichters Eigenart, dass er selbst den dadurch 
Getroffenen nicht verletzt: denn nie der Dichter 
vom Humor singt: 

Wunden oft heilte dieser schon 
l'nd — das ist der Humor davon! 

Wir empfehlen den trefflich vom Verleger 
ausgestatteten Band nicht nur allen Freunden 
heiterer Muse, sondern vor allen unsem Welt- 
schmerztem zu eingehender Lektüre. Wir 
können diese „lachenden Lieder", die unter 
die Gruppen „Natur und Kunst". ..Minnelieder 
und Zuliehör-, „Trutz-tichänkenbuch ". „Wander- 
lieder". „Lieder lür besondere Zeiten und Ver- 
hältnisse", „Neueste Zoolvrik" verteilt sind, nicht 
besser charakterisieren. alsMurch des Dichters 
eigene Worte: 

„Ich grtissc von' Herzen die ganze Welt. 

Diejlieut’ uns ward geboren. 

l’nd wem solch Grass nicht wohlgofitllt. 

Thu" Watte in die Ohren! 

Auf deiner Scholle knirsche du! 

.Mich drilngt s zu J fröhlichem Wandern. 

l’nd hört meinem Lied der eine nicht zu. 

So sing' ichs morgen 'nein andern! 

Frei soll es steigen empor, wie wcnn's 

Besiisse der Lerche Schwingen: 

Bringt nenc Rosen ein neuer Lenz. 

Will ich sie neu besingen! 

Ade! vergeh’» wird nur kurze Zeit. 

Und uns grösst die Sonne nicht wieder: 

Doch leben werden in Ewigkeit 

Der Lenz und seine Lieder! 

Br. R H. 

Menschliche Tragödie, Gedichtbuch der Gegen- 
wart Herausgegeben von Arnold Garde. 
Dresden und Leipzig. E. l’ierson's Verlag. 
i«y;i — 

Elten hatte ich die „Sensationen" von Felix 
Dörmann aus der Hand gelegt, als mir der 


Postbote die „Menschliche Tragödie" ins Haus 
brachte, und wahrlich, ein merkwürdigeres Zu- 
sammentreffen als das dieser beiden Bücher ist 
kaum denkbar: Dieselbe daseinsmdde Grab- 

sehnsucht. dasselbe „Grau in Grau", derselbe 
lebenszwec kverweinendc Pessimismus, dieselben 
Ausflüsse krankhaft überreizter Nerven bilden 
den Inhalt dieser beiden engvei wandten Gedicht- 
sammlungen. Ich glaube wohl, dass der vor- 
liegende Band sein Geschält machen wird; ist 
doch gerade dieser Zug innerlicher Abspannung, 
jamiacr- und grollseliger Thatenflncht ein cha- 
rakteristisches Zeichen unserer gegenwärtigen 
Zeit. Kerndeutsche Krafttypen von der wurzel- 
echten lloffnungsfreudigkeit und dem zielbe- 
wussten Schaffensdrang eines Dr. t'onrad und 
eines Otto Ernst gehören heute leider zu den 
seltenen Erscheinungen auf dem littcrarisrhcn 
Kamplboden Die Lektüre der „Menschlichen 
Tragödie“ hat mich in innerster Seele wehmütig 
gestimmt wehmütig lies anders darüber, dass 
wirklich dichterische Talente, wie sic sich liier 
dokumentären, den wahren Segenswert der 
ihnen anvertrauteu Gnadenpfunde so geling 
achten und deren edelfruehthringende Nutzbar- 
machung so andankbar in den Wind schlagen. 
Notwendiger als je braucht gegenwärtig unsere 
Nation mannhafter, arbeitsfroher undsieginutiger 
üeistesrecken zu ihrer Aufrüttelung und Er- 
hebung: sonnenscheuc Nachtgrübler können ihr 
wenig oder gar nichts helfen. 

Ausser dem Herausgeber sind in der SS 
Seiten starken, iinsscrlieh recht gut ausge- 
statteten Liedorlese Max Apffelstaedt. 

. Hermann Löns. Peter Merwin, Valentin 
Traudt und Julius Vanselow vertreten. 
Die bedeutende poetische Begabung kann keinem 
einzigen der Mitarlieiter in Abrede gestellt 
werden. Die kräftigste Individualität lassen 
die Beiträge von Traudt und Merwin er- 
kennen Dass sich der ersterc, dem ich freund- 
schaftlich sehr nahe zu stehen die Ehre habe, 
in der Gesellschaft solcher linsterstimigor 
Parnasskollegen wollige I Ohl t. kann ich als be- 
vorzugter Vertrauter seiner Leidgefülile für den 
Augenblick begreifen; doch bin ich der sicheren 
Zuversicht, dass er das überwinden wind. 

Viele der Arbeiten binterliessen in Sprache 
und Form auf mich den Eindruck grobkörniger 
Fliiclitigkeitsprodttkte : auch auf den Beim i.-t 
nicht durchweg mit der erforderlichen Sorgfalt 
geachtet worden : Das darf, wenn ich gewissen- 
haft meines Amtes warten will, nicht ver- 
schwiegen bleiben. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir nur noch, 
eine Strophe aus Otto Einst s „Neuen Ge- 
dichten" anzuführen, welche ich dem Sänger- 
kreis der „Menschlichen Tragödie“ zur Be- 
herzigung empfohlen halten will : sie lautet : 

,I)cr Wahrheit Sternen opiert gern der Denker 
Das Leben, das in seinen Adern glüht. 

Er giebt sich nur dem fernen Licht zu eigen 
L’nd fragt nicht, ob ihm hier ein Frühling blüht. 

Strassburg i K. Christian Schmitt. 


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Neue Gedichte von Otto Ernst. Verlag von 
Conrad floss. Hamburg 18i)2. 

Fast gleichzeitig mit der neuen Porträt- 
au.sgabc des bei Himicns Fischer in Norden 
verlegten ersten (icdichthnndes von Otto Emst 
hat der als Lyriker. Essayist und Novellen- 
dichter unstreitig einer grossen Zukunft ent- 
gegengehende Verfasser diese zweite Sammlung 
der Ocffentlichkeit flliergelien. So oft die 
Krnst'sche Muse eine Gcschcnkgaho darbietet, 
darf man sich im voraus auf etwas in jeder 
Hinsicht Gediegenes gefasst machen. Bei mir 
hielt frei der Anknnft jedes neuen Buches des 
wackeren Hamburger Poeten allemal eine weihe- 
volle Feiert agsstimmung ihren Einzug: alles 
Alltägliche war da mit einem Male altgestreift 
und seligem Vergessen preisgegeben. Auch in 
«len . Neuen Gedichten“ Italic ich mein Erwarten 
in keiner Hinsicht enttäuscht gefunden. Klar, 
edel und kraftgross tiitt. sie uns ans diesem 
Werke wieder entgegen, die bewundernswerte 
Keekengestalt des genialen Geistcskiimpen, in 
dem sich mit aller Innigkeit und Zartheit des 
Gemüts ein alle Menschenscheu verachtender 
Kampfesmnt und eine in unseren Tagen selten 
gewordene, eiserne Willensstärke verbinden. 
Auf Ott« Ernst ist, wie auf wenig andere 
Hehlen der Feder, das Dichterwort eines unserer 
bedeutendsten modernen Männer anwendbar: 

„Was schlecht mich dünkt, das pack' ich an 

Pnd zahl’ ihm hliit'gc Hielte, 

l'nd was als gut sich erweisen kann. 

Dem weih’ ich meine Liebe.* 

Inbiicbst anerkennenwerter Pietätliezeugung 
hat der Autor die „Neuen Gedichte“ seiner 
gnten Mutter gewidmet. 

Der erste Teil des Buches ist der weitaus 
umfangreichste. Derselbe fühl t uns „Vermischte 
Gedichte vor: Lieder von der Hoheit der Kunst 
und dem Wirken nnd Weben der Natur, von 
sonnigem Seclenglilck und sengendem Herzeleid, 
von ermattender Tagesgual und erlichender 
Ahendfreude. Ich lassen den Sänger für sich 
selber reden und greife, da mir bei der Gleich- 
wertigkeit der einzelnen Blüten in dem kost- 
baren Stransse die Wahl schwer fällt, eine 
solche aufs Geratewohl heraus: 

Waldidyll. 

N oll Hass nnd Unrast lief ich in den Wald: 
Mein Herz war heiss; die Welt war tot und kalt. 
Du, Bächlein, hist so wild nnd kraus wie ich! 
Komm, schäumender Gesell, und lehre mich : — 
Du gleitest singend über Billin' und Moos — 
Was ist im grossen Weltenspiel dein Los? 

Und sprühend, perlend klang es aus dem Schaum, 
Fiin Lied, die Welle sang es wie im Traum: 

„fm Selms der Berge kurze Stunden tränmeii. 
Ein froher Sprung vom steilen Hange her — 
An starren Felscnklip|icn sich zcrschannien 
l'nd seinem Selbst entsagen fern im Meer.“ 

Noch lange horcht' ich. Klang'svotn Himmel her’- 1 
„Und seinem Seihst entsagen fern im Meer.“ — 


Als Stücke voll echt poetischen Zaubers 
nnd von grossartiger Wirknngsfähigkeit ver- 
dienen einer ganz besonders rühmenden Er- 
wähnung: „Sorge“, „Der Bünde am Klavier“ 
„Ein Besuch“ und „Sibirien“. Welch eine er- 
schütternde nnd dabei doch schrnnkelifestc und 
gesinnungskenacbe Healistik atmen diese bis 
ins Kleinste hinein meisterhaft durchgeführten 
psychologischen Knnstgcmälde! Wie manchem 
unserer an falschem Urössemvahn krankenden 
schnmtzvergnügten „Jüngstdentschen“ dürfte es 
heilsam und crspriesslich sein, wenn er hei 
Otto Ernst znr Lehre ginge! 

Auch der Satyre und dein Humor ist in 
den „Neuen Gedichten“ ein weiter Spielraum 
gelassen. Bessere Leistungen in diesem Genre 
als sie uns hier in den „Wnhlgeschichteit“. dem 
••'übel auf Kamtschatka'', dem ..Maricuwumler“ 
der überspi adelnden Parodie „Ans meinem Tage- 
tmche“ nnd der zwerchfellerschütternden Epi- 
stel“ geboten sind, dürfte unsere nettere Litte- 
ratnr wohl kaum aufznweisen haben. 

Seihst die drei grösseren Gelegenheits- 
dichtungen „Zum Gedächtnis Diesterwegs“. 
„Znr Comeniusfeier“ und „Znr Eröffnung der 
litterarischen Gesellschaft in Hamburg.' zeugen 
durch ihren überreichen Gedankengehalt sowie 
durch den hinreissenden Schwung und den 
blendenden Glanz ihrer Sprache von der künst- 
lerischen Meisterschaft ihres Verfassers. 

Die 20 letzten Blätter der Sammlung ent- 
halten eine Auslese von „Epigrammen und Ver- 
wandten“. Die geistsprühenden nnd bei aller 
Kürze durchweg scharfpointierten, teils als ge- 
reimte Verse, teils auch in ungebundener Form 
anftretenden Meinungsäusserungen stehen den 
Arbeiten des ersten Teils völlig ebenbürtig zur 
Seite und kennzeichnen den schlagfertigen Denker, 
den feinsinnigen Beobachter und erfahrenen 
Wsltkcnner. Zum Beweis für meine Behaup- 
tungen gebe ich zwei der treffendsten Aus- 
sprüche im Wortlaut wieder: 

„Fortschritt.“ 

Ein Hilndlcin lief vorm Wagen her. 

Machte dem Pferde die Arbeit schwer. 

Dss wackre Tier nicht stehen blieb 
l’nd vor sich her den Köter trieb. 

„Die Huudeseelen“ so dacht’ ich heiter. 

„Sie bellen: aber sie müssen weiter.“ 

„Man kann selbst vor einer Walnheit Ekel 
und Überdruss empfinden, wenn sie unaufhör- 
lich abgeplärrt nnd niemals ausgeführt wird.“ 
Nirgends in den „Neuen Gedichten“ trübt 
ein Gemeinplatz dem Leser den begeisternden 
Hochgenuss der Lektüre; überall macht sich 
die peinlichste und sorgfältigste Peilung be- 
merkbar. Die lteiinfülirnng, bei der ein nn- 
teiner Klang dem Dichter nnr noch ätisserst 
selten mit unterläuft, veriät dessen unnach- 
sichtigste Sclbstschnlnng; geradezu Virtuoses 
in dieser Hinsicht leistet er in der schon er- 
wähnten „Epistel“ nn seinen Schriftstellerfrennd. 

Ich schüesse meinen kritischen Bericht mit 
dem Bekenntnis, dass mich fast noch nie ein 
Gedichtwerk so ganz gefangen hielt, wie dieser 



durch «eine vornehme Ausstattung auch (lein 
Auge sich bestens empfehlende Hand. Das be- 
gründet sich durch die seltene Vereinigung 
gedanklicher, spiachlicher und formeller Voll- 
kommenheit, welche hier ihre Verkörperung 
findet. 

ätrRHsloirg i. K. rhristi«n Srlmiilt. 

Unter der Friedenspalme. Ein Märchen. Ver- 
lagsmagii/in in Zürich Preis 1 Mark 

Der Verfasser entschuldigt sich in den ein- 
leitenden Versen, dass er in unseren prosaischen 
tin de siMc ein Märchen verbreche. Eine ganz 
unnötige Entschuldigung; denn Satire im 
Märchengewande timt in dieser paradoxen Zeit 
sehr not. Mit hohler Phantasterei, holperigen 
Versen, schlechten Reimen und einem wüsten 
Durcheinander ist es freilich nicht gethan, und 
mehr ist dieses Märchen leider nicht. 

Wien. Scbmid-ßnumfds. 

Hermann Kiehne, Hausbuch deutscher Lyrik. 
Miniatnrxcitschrift mit Kunstblättern in 
Lichtdruck. Verlag des .,Hausb. d. Lyrik“ 
Nordhausen. Jahresalmnnement I» Mark. 
Einzelnunmier 60 Pfg. 

Die vor uns liegenden abgeschlossenen 
drei Jahrgänge dieser in den weitesten Kreisen 
vorteilhaft bekannten Zeitschrift bieten eine 
solche Fülle herrlicher Poesicen. ästhetischer 
und literarischer Studien und längerer epischer 
Dichtungen, dass es uns unmöglich erscheint, 
in heschiiinktem Kauinc Einzelnes beranszu- 
heben. Der Herausgeber des Hausbuches, seihst 
als feinsinniger Lyriker bekannt, hat. für den 
Freund zeitgenössischer Poesiecn in seiner Zeit- 
schrift einen klar und hell sprudelnden Born 
echter Dichtung geschaffen. Möge diese Zeit- 
schrift in immer weiteren Kreisen deutscher 
Familien sich einbürgern und ein echtes Haus- 
buch aller gebildeten Kreise werden. 

Br. F. H. 

i NB. Kür dir MitRlicdrr und Freunde der ..Litter. 
Gexellwhalt Psychodrama" ward dieser Nummer der 
„N. I. Bl: eine Prolieniinuner des ..iiaushiiohe» der 
Lyrik" ’. 

Chr. Griiss. Herzensklänge oder Stunden der 
Müsse. Dichtungen. Betliu, 1893. L. 
Oehniiglie s Verlag (II. Appeliii'O. 212 8. 

Der bekannte Dichter der bereits in 3. Aufl. 
erschienenen „Mutterliebe“ bietet uns in dem 
vorliegenden schön ansgestatteten Buche eine 
neue Sammlung seiner in verschiedenen Antho- 
logien und Zeitschriften erschienenen Dichtungen. 
Er hat dieselben in sechs Abteilungen geordnet, 
die wir mit Kinderseenen, Liebe, Vaterland, 
Naturbilder, Sangeslust, und religiöse Lieder 
ilberschreiheu möchten. Alle Dichtungen atmen 
Anspruchslosigkeit und Innigkeit. Sie kommen 
vom Herzen und werden zu manchem Herzen 
dringen. Der Verfasser hätte statt „Stunden 
der Mus e“ mit demselben Rechte , Stunden der 
Muse“ auf das Titelblatt setzen können. Am 


meisten hat uns die erste Abteilung der Samm- 
lung angesprocheii ; sie enthält herzige Liedchen 
für unsere Kleinen. Auf diesen Teil möchten 
wir besonders die Mütter verweisen. „So liehe 
Eltern habe ich,“ „Wie soll ein Kind wohl sein ?“ 
„Der junge General“, „Der erste Schnee'* etc. 
dürfen wir mit zu dem besten zählen, was je 
gemütvolle Dichter für unsere Jugend gesungen 
haben. 

Br. F. H. 

Henri Gartelmann, Dramatik. Kritik des aristo- 
telischen Systems und Begründung eines 
neuen. Berlin, S. Fischers Verlag. Preis 
0 Mark. 186 Seiten. 

Wie schon der Titel andentet, zerfällt das 
Werk in zwei Hauptabschnitte, nämlich in 
einen negativen : Kritik des aristotelischen 

Systems und in einen positiven : Begründung 

eines neuen. In dem ersten Teile hat Gartel- 
mann ^eine Aufgabe glänzend gelöst; in höchst 
geistvoller Weise widerlegt er zwölf Siitze des 
Aristoteles, auf die der moderne Autoritäts- 
glaube seine Dramatik gründete. .Selbstver- 
ständlich durfte sich der Verfasser nicht damit 
begnügen, das alte Gebäude niederzureissen. 
er musste ein neues aufführen und diesem posi- 
tivem 'Feile ist weitaus der grösste Raum in 
diesem Buche gewidmet. Auf zwei Fundamental- 
gesetze gründet Gartelmann sein System, 
niiinlich: Charaktere bilden den Gegen- 
stand des Dramas (im Gegensätze zu Aristo- 
teles und seinen Nachbetern, denen Handlung 
die Hauptsache ist) und; Die dramatische 
Dichtkunst ist Nachahmung. Das ist 
unliedingt richtig, wenn auch nicht gerade neu. 
Den letzten Satz hat Gartelmann mit Ein- 
schränkung von Aristoteles übernommen und 
der erste ist schon öfters ausgesprochen worden, 
wenn auch nicht von den Zopfgclehrten, so doch 
von hervorragenden Dichtern. Oder ist cs etwas 
anderes, wenn Anzengruber sagt: Bei mir 
handelt es sich nicht darum, was geschieht, 
sondern wie es geschieht? Thatsaehlieh fiuder 
sich auch in den Anzengrubersehen Dramen fast 
gar keine Handlung. Ähnlich äussert sich 
auch Ott o L u d w i g. In einigen Forderungen 
geht G a r te 1 ui a n n unbedingt zu weit. Aus- 
gehend von dem Fundaineutalsatzc : Die drama- 
tische Dichtung ist Nachahmung, verlangt er, 
dass der Dramatiker nichts darstelle, was nicht 
auch vollständig naturgetreu nachgeahmt werden 
kann. Auf die Phantasie des Zuschauers rech- 
net Gartelmann nicht. Alle Ermordungen 
hei hellem Liebte will er von der Bühne ver- 
bannt wissen, weil die dieselben lK*glcitondcn 
Neben um stände, wie das Fliessen des Blutes. 
Veränderungen in den Gesichtszügen etc. nicht 
nachgeahint werden können. Mit derselben 
logischen Konsequenz hätte der Verfasser auch 
über die Gcinütsuffcctc aburteilen müssen, da 
ja auch hier die liegleitenden Nebenumstände, 
wie Erröten und Erbleichen etc., zum grössten 
Teile nicht nachahmhar sind. Gartelmann 
vergisst eben, dass die Bühne seihst nur eine 
Welt des Scheins ist. und ihre Existenz die 



27 


Phantasie dea Zuschauers zur Voraussetzung 
hat. Ferner fordert der Verfasser, dass eine 
Handlung, zu deren Abwickelung im Lehen 
z. B. eine halbe Stunde nötig ist, auf der Bühne 
ebensolang dauere. Diesmal widerlegt sich 
Ö ar te 1 m a n n selbst und zwar in dem Kapitel, 
wo er über die Wahrscheinlichkeit resp. ^Wahr- 
scheinlichkeit iler Handlung spricht. Kr sagt 
nämlich, es sei z. B. unwahrscheinlich, dass im 
„Teil“ gleich mich der Ermordung (»esslers die 
barmherzigen Brüder zur Stelle sind, um den 
Klagegesang vorzunehmen und diese l'nwahr- , 
schcinlic.hkcit verteidigt er als ein gutes Hecht 
des Dramatikers. Damit hat er aber schon dem 
Dichter das Recht der zeitlichen Kommentation 
zugestanden, also sich seihst widerlegt. Seine 
Ausführungen Uber die Kinheit der Handlung 
unterschreibe ich wörtlich. Dass die Sprache 
des Dramas im all gern eine inen nur die pro- 
saische sein kann, folgt aus den beiden Funda- 
mental*# tzen mit logischer Konsequenz. Gartel- 
iii an n sucht aber trotzdem den Vers für das 
Drama zu retten, leider mit ganz ungenügender 
Begründung. Dieser Teil hätte eine weit aus- 
führlichere Behandlung verdient. Was der Ver- 
fasser über die Prologe, Epiloge und Monologe ■> 
sagt (das Beiseitesprecben erwähnt er nicht), I 
wird man kaum widerlegen können. Leider 
erlaubt es mir nicht der Kaum, auf dieses hoch- , 
interessante Werk näher einzugehen. Das eine 
steht fest, dass es weitaus das bedeutendste ist. | 
das bisher auf diesem Gebiete geschaffen wurde. 
Nicht als ob alle Sätze des Verfassers unbe- 
streitbar wären, viele derselben bedürfen einer 
Berichtigung, aber eben darin sehe ich die 
epochemachende Bedeutung dieser Dramatik, 
weil sie einen Sturm von gleichen und entgegen- 
gesetzten Meinungen hervorrufen und die An- 
schauungen klären wird. Dazu den ersten An- 
stos* gegeben zu haben, ist das Verdienst 
Gartelmanns, und das ist gewiss kein kleines. 

Wien. Josef Schmid-BraunlHs. 

J. Loewenberg. In Gängen und Höfen. Kine 
Hamburger Erzählung. Hamburg, 181(3, 
Verlag von A. Goldsehmidt Pr. .Ä 1.50. 

Der Verfasser der vorliegenden Erzählung, 
der sieh durch einen Band ..Gedichte“ und durch 
das in diesem Jahre in Bern mit grossem Er- 
folge zur Erstaufführung gelangte Trauerspiel 
..Vor dem Feind ‘ bereits gm iu unsere Litte- 
ratnr einführte, tritt uns hier zum ersten Male 
a's Prosaist entgegen. Diese Hamburger Er- 
zählung hat uns mächtig bewegt, nnd wir be- 
zweifeln nicht, dass sie auf jeden Leser einen 
tiefen Eindruck machen wird. Obgleich schon 
vor Jnhren tiiedcrgeschrieben, ist sie jetzt von 
besonderer Bedeutung im Hinblick auf die ver- 
gangene triibe Zeit der Hansestadt an der Elbe. 
Wir empfehlen diese trefflich dnrchgefUhrte, 
Licht nnd Schatten massvoll abwägende Er- 
zählung allen Lesern, die ein warmes Herz 
für die Bedrückten nnd Armen der Grossstadt 
haben. 

Ur. f 


Adels- und Salonblatt. Herausgegeben von 
Harry von Pilgrim und Bruno- Wolff- 
Beekh. \ erlag von Gocdecke und 
Gallinek in Berlin. Ahonnementapreis 
- Mk vierteljährlich. 

Diese vornehme Wochenschrift bietet eine 
unparteiische, aristokratische Politik, 
sowie einen vornehm gehaltenen (Tnterhaltnngs- 
teil. Aufsätze iilier Kunst, Musik. Theater und 
alles andere Wissenswerte. 

Unter den Beiträgen seien besonders hervor- 
gehoben _lm goldenen Mainz" von Gerhard von 
Ainyntor. eine srbüne .Skizze .Hirschjagd in 
den Vogesen" von einein ungenannten Antor. 
.Vornehmer Besuch". Plauderei von Harry von 
Pilgrim. Die poetischen Beiträge von den 
beiden Herausgebern nnd Ernst von Wilden- 
brnch zeigen an. das« auch der Lyrik von dem 
.deutschen Adels und Wochenblatt" Thür und 
Thore geöffnet sind. Vor allem ist die sach- 
kundige Beurteilung der Kunstschopfungen auf 
allen Gebieten ein wertvoller Teil der Wochen- 
schrift; wenn irgend, gilt in der Kunst, dem 
Ausdruck der Geistesaristokratie in vornehmster 
und bleibender Gestalt, das Wort: Noblesse 
ohlige ! 

Nordhausern llermanu Kichiis. 


Briefkasten. 

F. St. in H. Dein BHcfkitmich anatierorüfiitlich 
erfreut; sobald ich etwas Zeit gewinne, antworte ich. 
Deine Verattssetzuug ist Jedoch nicht richtig. — F. H. 
in D. Leider nicht verwendbar; Rücksendung erfolgt 
gelegentlich. - Dr. R. K. in B. Ich gestatte mir, 
auf den 4.*!. Brief Lessings. die neueste Litteratur 
betreffend, hillzuweisen. Sollten auch wir nicht über 
unsere Dichter der (legenwart so urteilen dürfen ? — 
j J. S. in T. Fiir die angegebnen Adressen verbind- 
lichen Dank. — P. T. in S. Der Standpunkt eines 
Dichter* ist uns Nebensache, wenn nur dasjenige, was 
er schafft, schön ist. — K. L. in Zr. Für Ihren Zweck 
empfehle ich Ihnen .Die Gesellschaft;' Dr. M. Ö. 0. 
ist der besten Deutschen einer. - — jL. M. in G. Ile- 
zensionsexemplar abgesaudt. — St. v. d. M. nnd 
J. S.-Br. iu’Wien. Den liebn Wienern viele Griisse. — 
G. M. in L. Bitte noch etwas zu warten; der Ein* 
sendnngen sind in der letzten Zeit recht viele ge- 
wesen. — D. H. 10 postl. Br. Zwei Briefe sind an 
die gewünschte Adr aufgegebn, aber nicht iu Em- 
pfang gcuomnii'U worden — G. L.}iii B. Die L. G. 
Psyehodr. ist sehr international, sie hat Mitglieder in 
Malmö, Moskau. Paris, London, New -York etc. — 
T. F in W. Grössere Manuscripfe erbitte ich künftig 
nur nach vorheriger Anfrage. E. M. iu W. Tnscrc 
Mitarbiter erhalten stets einige Freiexemplare. 


Oer Redaktionsschluss fiir Nr. 3 findet am 
4. Januar k. 1. statt. 


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28 


Litteraturtafel. 

(Pie Neuerscheinungen der achriftatrlleraden Mitglieder der „litterariachen Gesellschaft Psychodrama, " werden 
einmal frei in der Litteraturtafel aufgemmmien. Im Wiederholungsfälle wird der Anzeigenpreis von SU Plg 
fiir die Kleinzeile bererhnet. welcher ancli l'iir Nirhtinitglieder festgesetzt ist. Anzeigen sind an die Schrift* 

leitung zu rieh teil.» 


JJax U off mann 

Ur6ifc6e -Ste6ev. 

Verla« vnn Baumert &. Ronge, Urosaenhain. 
— >— + Mk. 1.60. » «’ S ' 

= C. Ziegler, = 

Dichter im deutschen Schuihause. 

Bielefeld, A. Helmicli. 

NB. Enthält ancli ein Psychodrama 



->* Hausbuch deutscher Lyrik. «- 

Verlag des Herausgebers, Nordhausen. 

— Jährlich Mk. 6.—, Einzelnummer Mk. n.6o. 



nt. ®adtl)auip, 

Odinskinder. 

Zwei epische Dichtungen. »— 

Dresden and Leipzig. 

E. Plerson's Verlas. 



R ichard von Meerbeimb- Nummer 

ilc, „Hausbuches deutscher Lyrik“ 

iChcfred. Herrn. Klehne. 

Zum ermtadgien Preise von Mk o.io post frei l»ci 
Einsendung de» Betrages zu beziehen durch die Schrift* 
h'ituug der „Neuen litter. Blatter. * 


<£u>alb 2TliUler, 

3ttorßuölio. ^ 

Ein romantischer Sang aus dem Spreewalde. 

Berlin, Zilless n a Verlag. 

Jeden Sonntag erscheint das 

„Adels- und Salonblatt“ 

Dasselbe ist ein Kamilienhlatt vornehmen Stiles und 
bringt deshalb, ausser seiner unabhängigen, aristo- 
kratischen Politik, vor allem Novellen, Erzählungen 
und Gedichte von unseren hervorragendsten Schrift- 
stellern. sowie heraldische und gencH logische Aufsätze, 
Musik- und Theaterberichte aus sachverständiger Feder. 
Ein unbeeinflusster Höisen-Woehenlwrieht, eine Rätsel- 
Ecke und mancherlei kleinere Mitteilungen ergänzen 
den interessanten Inhalt. 

Das „Adels- und Salonblatt'* wird für 2 Mk. 
vierteljährlich durch die Post, durch jede Buchhand- 
lung oder durch die Expeditiou i Berlin N.. Friedrich* 
strassc iu5a) bezogen. 


Henri Gartelmann. 

>> Dramatik. <«* 

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Verlag von S. FISCHER. Berlin. 

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Chr. GRÜSS, 

Herzensklänge oder Stunden der Muse. 

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Berlin 18HB, I,. Oclimigkc^M Verlag 
\K. Appel ins). 

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Verlag v.J.KübtmaDns Bacbbaodlg. (G. Winten, Bremen. 

Rudolf Bunge. 

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Leipzig, 

Verla« von ( H e i s a n c r. 


Inhalt 1 : Ein Weckruf. S. 13. — Ans der Jitter Gesrllscb. Pa.vch:* Preisausschreiben. S. 14. — . 
Graf Mannsfeld's Ende. Psychodrama von R. v. Meerheimb. S. 15 — Weihnacht Psychodrama von P. HoflTmann 
v. Wangenheim. S. 14. Le ver luisant. Franz. (VlierNetzung von L. M. Krejcl. (E. Ven. s. 17. — 
Psychodr. Echo. 8. ih. Gedichte von Josef Sehmldt-Braunfels, Max Hoffmann, A. v. Sommerfeld. Ewald 
Müller, Schmidt- Br&dl ko w, W. E. Backhaus, Johannes Gl&ser, Christian Schmitt, Valentin Traudt, Emil 
Hauth, Emil MÖbls, 0. Stauf, v. d March, Georg Barthel Roth, Hermann Klehne, Franziskus Hähnel. 
S. ih -t 2 — Litter. Kundschnit. S 22. - Neuerscheinungen. S. 23. — Beurteilungen. S. 24 -87. — Briefkasten 
Litteraturtafel. s. 2». 


Verantwort!. Schriftleiter : Franzi sku* Hähne) . Bremen. Druck von Hnmeye r A Meyer. Bremen. Rutenhof, 


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(q) I. Jahrgang. Bremen, den I. Januar 1893. 


Nr. 3.f 


sthtBi 







Monatsblatt 

iler 

Litterarischen Gesellschaft Psychodrama 

und 


tttep 


Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Herausgegeben von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandhing (G. Winter), Bremen. 

ii*i rn 1 1 u i.Lri i nuj i ti rm tn ut vriummrcn 1 111 iTnornjiM * ij man tö tnm* 
Di«* „Neuen litterarischen Blatter** erscheinen vorlüuiig monatlich und werden an die Mitglieder der 
„litter, Gcsellscli. Psych*.* frei versandt Für Nichtmitglicder der Gesellschaft sind die ,,N. 1. Bl.“ durch den 
Verleger: J. Kuh t in an ns Buchhandlung (G. Winter) in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Pustanstalten zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich Einzelnummern 40 Pfg. Anzeigen werden mit SO Pfg. 
für die gespaltene Kleinzeile berechnet. 


Nachdruck der psycbodratnatischen ltichtuugeii tiur unter besonderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge> 
stattet. Nachdruck des Übrigen Teiles der ,.N. 1 Bl.** unter Quellenangabe erwünscht. 

• • rrnTxrarfrr» ••muri nrrr.rt n Min in rir»Ti • • « • tiiTimtH-cmi » •itxormiüjj*3jj. 


Litteratur und Familie. 

In der Welt des Dichters linden wir ihn 
wieder, den Inhalt unseres Lebens : den 
beständigen Kampf des Lichtes mit der 
Nacht, des Gaten mit dem Bösen ; wir sehen 
das ewigi' Slclmbstossen und Wiedervor- 
einen, sehen drohend sich ballende Wolken 
und den lachenden Sonnenschein, der sie 
verjagt ; wir sehen die Menschenseele ln 
allen Gedanken und Begehrungen, mit 
denen sie am Wahne klebt und In allen 
Gedanken und Begehrungen, mit denen 
sie nach der erlösenden Wahrheit greift 

Aber nicht nur unser eigenes Selbst 

spiegelt die Poesie in reinster Klarheit ab; 
in ihr w ird uns Fürchten und Hoffen, Harren 
und Glaulwii. Klagen und Verstummen, Kr- 
röten und Erblassen der mit uns leitenden 
Menschen mit einem Male Itek&unt und ver- 
trant. wenn es nns im Gewirre des Lehena 
ewig unverständlich geblieben war. 

Otto Ernst, Offenes Visier. 

f iesen herrlichen Worten Otto Emsts über 
die Bedeutung der Dichtkunst möchten 
wir die weiteste Verbreitung wünschen, 
möchten wünschen, dass man als leuchtendes 
Schild sie denjenigen Menschen cntgegenhulte, 
die zur Begründung ihrer Gleichgültigkeit gegen 
alle litterarischen Erscheinungen der Gegenwart 
mit dem bezeichnenden Ansspruche sich ent- 
schuldigen : „Wir können uns aus der Poesie 
in nnserm Hanse nichts machen, wir begreifen 
auch nicht, wie andere sich so dafür erwärmen 
können; ja, wenn man selbst Dichter ist?! 

Die Familien sind thatsiiehlich fast ver- 
schwunden. in derem Kreise die Pflege nationaler 
Poesie noch eine Heimstätte tindet. Wir meinen 
damit nicht die sogenannten litterarischen Thees. 
für die auch wir uns ans leicht erklärlichen 


Gründen nicht begeistern können. Unsere rastlos 
dahinrasende, wirblichc Zeit hat besonders in 
den grösseren Städten die Familienbande oft 
rocht gelockert ; das tränte Zusammensein, für 
den werkthätigen Mann ein erfrischender Born 
köstlicher Erholung, ist vielfach zerstört durch 
ein ausgeartetes Vereinslcben, durch die Jagd 
nach Gold und Glück u, s. w. Und doch sollte 
es sich in jeder Familie ermöglichen lassen, 
den Abend des arbeitsreichen, mühevollen Tages 
zur Erfrischung des Geistes und Herzens an- 
zuwenden. Ein gutes Bach, ein Vorleser, auf- 
merksame. anspruchslose Zuhörer, — und alle 
Erfordernisse zur Pflege des litterarischen Be- 
dürfnisses in der Familie sind erfüllt. Wie sehr 
ein solcher Altend erfrischt und stärkt lür den 
kommenden Tag. wie sehr der Austausch der 
Gedanken über das Gelesene mit einander die 
Richtigkeit der oben genannten schönen Worte 
Otto Ernst's beweisen, wird jeder an sich er- 
fahren haben, der im eigenen Familienkreise 
zu solchen Versuchen anregte. Wäre es auch 
nur ein einziges schönes Gedicht, das Mutter 
oder Vater den Lieben täglich darböte. — es 
würde genug sein, mn das litterarische Interesse 
im eigenen Heim wach zu erhalten. Sich seihst 
erkennen — und andere verstehen ttnd würdigen, 
das werden rtnter andenn herrliche Früchte 
solcher Stunden sein, der Menschheit, der Familie 
und sich selbst zum Heil. Deutsche Familie, 
sei eine Heimstätte zur Pflege deutscher 
Dichtkunst ! 

Br. K. H. 


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30 



- o 

sychodramenwelt.# 

'V ^ T w ' V* 


Aus der Litterarischen Gesellschaft 
„Psychodrama: - 


Am 29. Dezember 18112 fand unter Vorsitz 
des Herrn Richard von Meerkeimb eine Vor- 
stnndsversainnilung in Dresden statt, in welcher 
die gegenwärtige erfreuliche Entwicklung der 
Gesellschaft eingehend besprochen ward. Damit 
ilie Begründung der Zweigvereine einheitlich 
geschähe, ward beschlossen, den vorläufig bis 
zur nächsten Haupt-Versammlung gültigen 
Satzungen folgende Zusätze zu gelten : 

1. Hie Bildung eines Zweigvereins der 
..litt.Gesellschaft l’sycliodrama“ geschieht 
auf Grund der Satzungen des Haupt- 
vereins. 

2. Den Zweigvereinen wird gestattet, einen 
Sonderheit rag zur Deckung der etwaigen 
Unkosten zu erheben, doch darf derselbe 
I Mk, nicht übersteigen. 

3. Die Satzungen der Zweigvereine bedürfen 
der Genehmigung des Hauptvorntandes. 

Zugleich ergänzte stell der Vorstand, indem 
er Herrn Max Dittrich ersuchte, das Amt eines 
Beigeordneten gütigst zu übernehmen. 

Unsern Mitgliedern ward in der vergangenen 
Woche Nr. 25, '27 der Halbmonatsschrift „Das 
Recht der Feder“ übersandt. Wir sprechen 
auch an dieser Stelle der „Deutschen Schrift- 
steller-Genossenschaft“ für das liebenswürdige 
Entgegenkommen unsern verbindlichsten Dank 
aus und bitten unsere schriftstellernden Mit- 
glieder, die Genossenschaft, die in energischer 
Weise die Bcmfsinteressen der deutschen Schrift- 
steller vertritt, nach Kräften zu unterstützen. 

Die Mitgliederliste der Gesellschaft wird 
erscheinen, sobald die Zweigvereinssachc ge- 
regelt ist. Wir werden zunächst unsere Mit- 
glieder in Berlin. Bremen. Uüln, Hamburg mul 
Strassburg bitten, durch den Zusammentritt zu 
einem Zweigvcrein der „litt. Gesellsch. Psycho- 
drama“ engere Kühlung mit einander zu ge- 
winnen. Vorwärts im Dienste nationaler Kunst 
und Litteratur! 

Der Vorstand 

der 

„litterarischen Gesellschaft Psychodrama.“ 


I 


Zweigverein Dresden. 

Am 20. Dezember 18112 ward der hiesige 
Zweigverein begründet. Zur Vorberatung '1er 
Satzungen n. s. w. wird demnächst eine Ver- 
sammlung cinliemfcn werden. Anmeldungen 
nehmen entgegen und Anfragen beantworten: 
Erl. Anrclia Hornig. Pcstalozzistr. 75. Herr , 
Max Dittrich, Holboinstr. 74 1. Herr Ernst 
Boeder, Rietsohelstr. 7111 und Herr Felix 
Zimmennntin, Haydnstr. 8. 


Zweigverein Erfurt. 

Am 30. Dezember 18!I2 ward auch in Erfurt 
der Zweigverein der ..litt. Gesellsch. Psycho- 
drama 1 ' unter Teilnahme des Geschäftsführer* 
gegründet. Die Ausgestaltung desselben, Fest- 
setzung der Satzungen n. s. w. bleibt ferneren 
Zusammenkünften Vorbehalten. Auskunft erteilt 
bereitwilligst Frau Pauline Hofimann von 
Wangenheim in Erfurt. Gartenstr. 13. 

Der Abt von Croyland. 

t'868.) 

Psychodrama von Ernst Rocdor. •) 

Seid mir gegrllsst ihr stillen, heil gcn Hallen 
Vom Morgenrote goldig überhaucht, 

0 nehmt mich auf. das müdgehetzte Wild! 

Ihr Freunde, tretet ein! Die einzge Stätte. 
Die uns noch Schutz gewähren kann, ist hier: 
Wenn Gottes Tempel nicht mehr widersteht. 
Dann suchet nicht nach einer andern Mauer. 
Die Zuflucht Euch, vor Ingvar's Horden biete! 
Mir nach ! mir nach ! noch winkt die goldne 
Freiheit, 

Seht Ihr das Banner weh'n am Hochaltäre, 

Die Fahne ein’ger. heil gcr Christenheit ? 

Lass tintcr ihr dich jetzt zusammen finden. 

Da letztes Häuflein, das noch widerstand. 

Ihr seid bereit ? — 

Nun wohl! Entweder — oder! 
Es gilt zu leben, oder gilt zu sterben 
Für heil'gc Liebe. Freiheit. Vaterland ! 

Jetzt nehmt mein Festgewand — legt mir es um 
Seht, wie das Schlachtschwert einen Priester 
kleidet! - 

Auf dass wir stark sind unsern Schwur zu halten. 
So lasst uns beten — kniet 

empfangt den Segen 

Im Namen Gottes, Vater. Sohn und Geist, 

Wer ihm getreu bleibt, den wird er erretten. 

Wie dank’ ich dir. mein Gott, dass diese Nacht 
Du wieder gnädig hast versinken lassen 
In jener Urzeit allgewalt gcs Nichts, 

Das diese Menschen Ewigkeit wohl nennen. 

Ja Ewigkeit! — er ging zur Ewigkeit, 

Der Tag. der so viel Opfer forderte. 

Doch wird er nie der Welt vergessen werden. 
All dieses Blut, das frevelhaft vergossen, 

Es steigt gen Himmel und wird Sühne fordern. 
Die fürchterlich der Sünder Enkel trifft, 

Es werden spät 're Zeiten sich erzählen. 

Wie unser Gott der Heiden Frevel straft ! 

0 seht, wie mild die Sonne niedorschant. 

Die Morgensonnc auf dies arme England. 

Das so viel Blut von Frenndesleichen deckt; 
Auch uns, mir ahnt es. naht der Untergang. 

*1 Siche Filsvnole auf Seite 1.*» der . N. 1. 111 


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31 


Ach, (festem noch, o grauenvoller Tag. 

Ha fiel an meiner Seite er. mein König. 

Mein König Eilnmnil totgetroffen bin. 

Den gift'gen Stahl im jugendlichen Herren. 

Ihr sah t ihn Alle, wie er niedersank. 

Zwar lautlos niedersank, doch hat sein Tod 
Ks nicht genug Euch mahnend zngerofen : 

O haltet lest am (Hauben und an Hott, 

Pen. der ihn lieh hat, wird er nicht verlassen. 

Und höher steigt am Firmament die Sonne, 
Schon heisser ruht ihr Strahl auf kühlem Stein 
Und wärmt die Stufen uns res Heiligtum's. 

Ihr tausend, abertausend Sonnenstrahlen. 

Die ihr dies Unglück alle mild verklärt. 

(*. werdet Blitze doch, herahgesandt 
Vom Kaehegott auf diese schuld'ge Welt. 

Pie sich im Blute ihrer Brüder badet. 
Hohnlachend schaut, wenn diese sterbend zucken. 

Horch! hört Ihr nichts? 

Ein wildes, wirres Lärmen, 
Pas Kriegsgeschrei von Ingvars Dänenschaar! 
Klangs nicht wie Schwerterschlag und Speer 
und Schild? 

Und wie Pronunetenton ? -- 

(I ClOtt, 0 (iott, 

Mail folgt uns auch bis hierher sei uns gnädig! 
Verzeih' dem Priester, der das Schlachtschwcrt 
führt. 

Er tliut 's ja frevelnd nicht, im Uebertnut, 

Nein, nur zu schützen deine heil'gen Rechte, 

Zu deren Wahrer du ihn selbst ernannt. 

Und leite du ihm seines Schwertes Scheide. — 
Das wollen wir, den Schwur getreulich halten i 
Und sterbend siegen noch in deinem Namen! 

1 1 I fire. hör' mich — 

seht ! — die Horde naht ! — I 

Auf denn zum Kampf! in rechter Hand das 
Schwert, 

ln linker glänzen lasst das Kruzifix 
Für heil’ge Liebe, Freiheit, Vaterland! 

Wir kämpfen bis znm letzten Atemzug, 

Es stirbt von Urojland keiner feigen Tod. — 
Sie nahen! — 

Wehrt den Eingang! — Schliesst die Thilrc! 
Verrammelt, sie! ein Augenblick kann noch 
Die Rettung bringen! — 

Wehret, wehrt den Eingang ! — 
Da haben sie den Tempel schon erreicht, 

Und schrecklich kreischt und tobt die wilde 
Meute, 

Da hilft kein Widerstand — der Boden wankt — 
Es kracht die Thiiro 

weicht — 

Der Weg ist offen! 

Wir sind verloren. Gott erbarm’ dich nnsor! 

Wo diese Füsse standen, wächst kein Gras, 

Was diesen Odem fühlte, muss vergehen, 

Was diese Bücke srhaut, muss elend sterben ! — 
Nun heisst's, dem Tod ins Angesicht zu blicken. 
Dem Tod am Marterpfahl, doch wanket nicht! 
Es trug der Herr ja auch die Dornenkrone 
Und ward mishandelt, nmrrte nicht und starb. 
Und starb am Kreuze für der Menschheit Sünde 


Qualvollen Tod — am Kreuz! — es ist 
vollbracht ! 

Zu mir. ihr Christen! unter diesem Bild 
Des Nazareners, der's für uns vollbracht. 

Pa lasst uns auch fiir ihn das Leben lassen. 
Von hier lasst uns nicht weichen - linitet 
St nd ! 

Pie Horde drängt! ja. ja. wir sind verloren, 
Doch nur für dieses Lebens düst’re Tage, 

So lang der Gott des Testamentes lebt! — 

Ha! warum zögert Ihr? — Nur frisch an 's 
Werk ! 

Ihr habt doch sonst das Morden nicht gescheut I 
So weit ist Ingvars Tapferkeit gediehen, 

Dnss er ziirttckscbreckt vor des Heilands Bild? 
Habt Ihr die alten Götter schnöd' verlassen? 
Ei, ei. so seid willkommen, werte Brüder, 
Empfangt ans dessen Hand, den Ihr verfolgtet. 
Auf dass Ihr wnlgedciht. den Christensegen ! — 
Warum rollt finster wieder Euer Blick? 

Habt Ihr auch dieses Gottes schon genug? 

So schnell kann Ingvar seinen Glauben ändern?! 
Geh' denn hinweg! Dn hast an dieser Stätte. 
Wo einzig Christen beten, keinen Teil. — 

War das nicht seine Stimme? • - 

Nieder! nieder! 

Nur frisch voran, wir sind ja AU’ bereit! 

Und hier mein Schwert, wer will es kennen 
lernen ? 

Dn seihst? — 

Nnn wohl? — cs bietet grosse Ehre 
Der Dänenherrscher dem geringen Abt. — 

Hier bin ich! — 

Meuchelmörder! — Gott mein Herz! 
Ich bin getroffen! 

Nimm denn dies zurück! — 

Er stürzt! — 

Ist tot? — 

Mein Gott, vergieb die Sünde ! — 

Ihr fliehet? — halt! — es glimmt ja noch 
ein Fnnke, 

Ein Fünkchen Leben in des Christen Brost - 
Sieh’, Ingvar. jetzt erkenne deine Helden ' 

Ihr wollt? - o Freunde nein, verfolgt sie nicht. 
Wer so geflohen, ist genug bestraft. — 

Ha schaut, liier färbt mein Blut des Altars 
Stufen, 

Da lodern Flammen auf von allen Seiten — 
Gut brennt fürwahr der Dänen Fcnerkranz! 

Es rette sich, wer Rettmur finden kann. 

Mir winkt ein bess’res Ziel — bald ist’s 
vollbracht ! - 

Ihr wollt mich nicht verlassen? habet Dank! — 
0 müht Euch nicht, lasst meine Wunde hinten — 
Hier können Menschenhände nicht mehr helfen. 
Es rinnen meines Herzbluts heisse Tropfen, 

Als letztes Opfer unsenn gilt gen Gott 
Was stritt und lebte, geht mit Croyland unter, 
Als Märtyrer des heil'gen Christentums, 

Und ans der Asche blutgetränkter Saaten, 


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32 


Und aus ilen Trümmern unsrer Gotteshäuser. 
Dänin ter manche gläub’ge Seele schlummert, 
Steigt auf der Rachegeist. sein Hecht zu fordern. 
Poch mit ihm' schweben wird, oh uns ren Gräliem 
Kin I’hönix. segenspendend. gottgesandt. 

Den Frieden kündend einer bessren Zeit. 

Dir. Volk des Mörders. wird die Stunde schlagen. 
Wo du darniederkniest, um anzubeten 
Vor dem, den jetzt du spottest, am Altar 
Die Priester mordest! - Die Vergeltung naht. — 

Mein Sinn ist wirr, im Hirne brennt es heiss — i 
O seh’ ich recht, die hohe Säule wankt! 

Und Flammen prasseln Uber unsern Häuptern — I 
So stieg im Fenerwagen einst F.lias auf. 

Welch dumpf Getöse? — 

Ha. der Donner rollt! 
Am finstren Firnmniente zucken Blitze 
Kin Grass vom Himmel! Seht, wir sind 
willkommen. — 

Mein Vaterland, leb' wohl! — leb — sterbe — 
Amen. — 


Psychodramatisches Echo. 

(Unter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
raffender Kritiker über das Psyohodrama bringen.) j 

Der geistvolle Dichter um! Kritiker Dr. 

U. Fnstennith schrieb seiner Zeit in der von 
ihm begründeten „Dichterhalle“: 

„So ist es flenn möglich geworden, dass mitten 
in der materiellen Zeitströmung ein Erfinder auf dem 
Fehle des Schönen wie Richard von Mccrheimb 
uuftritt. Seine Monodramen neuer Form wären der 
höchsten Auszeichnung an unseren olympischen Festen 
sicher gewesen und müssten Ihm euch förmlich Ejioche 
machen, wenn überhaupt der Sinn für die Qualität der 
Poesie noch nicht ganz durch di«» erdrückende Quanti- 
tät eures Rttchertisches veruicktet ist. Hier ist 
Rhodos! de kl »mir cn lehrt euch dieser Dichter, 
lehrt euch Gefallen finden an der einzelnen drama- 
tischen Gestalt als solcher, auf dass ihr dann mit Ver- 
ständnis zum Drama übergeht und zwar zunächst zu 
einem solchem mit wenigen. aber liedeutenden, in sich 
vollendeten Personen, während ihr jetzt in euren 
Theatern nur verwirrt werdet durch die Hast der 
Hcenenflucht, durch das Gf*menge so vieler, nur auf 
«las Ensemble berechneter, an sich unselbständiger 
Elemente. Die Monodramen Meeiheimb's sind alle 
gleich lesenswert, gleich wert, von jedem Freunde des 
guten Geschmacks memoriert und in gewählter Ge- 
i*ollschaft vorgetragen zu werden Dnrch den Wegfall 
sc« nisehcr Hilfsmittel hat «1er Geist des Hörers desto 
mehr mihlthätig zu gestalten, wird für ihn der Genuss 
desto lehrreicher und stärkendrr:* 


'».p Aus der ©§®a®@® 

!£. itteratur der Gegenwart. 


Abstieg. 


Blänlirher Nebel im Thale. 
Schimmerndes Kirchlein darin : — 
Kcich' mir noch einmal die Schale. 
Freude, da Trösterin ! 


Snmie. n Sonne, versinken 
Seh' ich dich! Dämmernde Qnal. 

Dime vom Becher zu trinken 
Steige ich träumend zu Thal. 

Zürich. Maurice von Stern. 

Müde. 

An träumerischen Spätherhsttagen, 

Im Zauber süssen Dämmerlichts 
Umschmeichelt Sehnsucht oft mein Sinnen. 
Hinab zu flüchten in das Nichts. 

Ich fühl', wie mir das Herz umwachsen 
Verachtung, Schwermut, Lebenshass; 

Auf düst rem l’fail ein Vnrwartssclirciten. 
Kilt Drängen ahne Unterlass . . . 

Mir ist. als hört' ich Fricdhofslindeu 
Einförmig rauschen in der Nacht 
Und auf der Grüfte Laub und Gräser 
Den Regen rieseln, weich und sacht'. 

Als ah auch ich aelinn längst vergangen 
Und an der Mauer eingesenkt. 
Grttnttberwuchert. weltverscholleti. 

Nicht einer mehr, der meiner denkt. 

Bremen Arnold Gnrde-Prien. 

Sti m mungen. 

i. 

Ave Maria. 

Glockengrüsse zittern in’s Lund. 
Blumenstfiubchen seliwehen. 
Heitnathangend >Ue Seele fand 
Heute ihr Glück und ihr Leben. 

Aus dem Glück geh’ zuin Tode ein. 
Giebt kein besseres Scheiden, 

Ave Maria lautet es fein: 

Lehe nnr. um zu leiden. 

II. 

Wanderung. 

Ich ging durch graue Wüste 
Und plötzlich »taml mein Fnss 
In einem Meer von Blumen, 

Die blühten Gott zum Grass. 

Und Quellen rauschten leise, 

Ich aber barg mein Haupt, 

Dein blühen keine Blumen. 

Der allzu spät geglaubt. 

Zürich. A. v. Sommerfeld 

Trost. 

Die Menschen und Blumen sterben : 

So will’» Natur. 

Denn Alles, Alles aut Erden 
Trägt endliche Spur. 

Was grämst du dich, o Seele? 

Es ist so gut. 

Die Sterne selbst vergehen 
In flammender Glut. 

Bremen. Wilhelm Ernannt! Borkhans. 


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33 


Im Sturm. 

Her Himmel grau; die Wetterfahnen kreischen 
Und donnernd fährt der Sturm ins Wititerlnnd ; 
Schau hin. vor seinem Prüll die Wolken weichen. 
Es zuckt wie Arm. es Hattert wie Gewand. 
Nun horch, die Wurfgeschosse dröhnend knattern. 
Es rauscht von fern wie Sehlachtimsaunenstoss : 
Es wogt und jagt. . . Das wiltle Heer ist los. 
Und Wodans schwarze Boten drohen flattern. 

Wie mir utu'a Haupt die wilden Schrecken hrauseu! 
Sei mir gegrüsst. du juheltolles Heer! 

Magst dort der Eiche wirr' Geäst zerzausen. 
Midi hangt dein wildes Wüten nimmermehr. 

I »ein ewig Eener loht in meinen Allein, 
l'nd seine Kraft treilu der Gedanken Zug 
Zu himmelstürmend mnchtgewalt'gem Flug. 
Und lässt mit dem. was feige ruht, mich hadern. 

Und immer toller wirlieln die Geschosse. 

Und lauter jauchzt der krieg'risch wilde Chor, 
Und schneller jagen dort die Wolkenrosse, 

Und da — ein Blitz die Sonne bricht hervor. 
Die Sonnenhinzen brachen durch die Meute, 

Es lacht die Siegerin der Sehreckensnacht, 
Kntlloh'n das Heer. — Nur fernher tönt noch sacht 
Des Sturmes Sang, ein Friedens-Vollgeläute. 

Caster. Laurenz Kiesgeu. 

Ein Gottsucher. 

Es zucken die Blitze in finsterer Nacht. 

Der Donner kracht 

Er starrt beim trüben Lampenschein 

In ein altes totes Buch hinein. — 

Schau auf, du eitler, gelehrter Geck! 

Das Buch hinweg! 

Was du nicht findest 
In toten Keih n. 

Hier kannst Du s lesen 
Im Flammenst-hein. 

Schau hin wie die Berge so blutigrot. 

Die so trotzig zum Himmel ragen! 

Und willst du fragen: 

Wo ist nun Gott? — 

Die Berge werden dir» sagen: 

Wo die Blitze zucken, der Donner kracht. 
Da ist er in Majestät und Pracht. 

MieterElieiui. Emil Hauch. 

Fallendes Laub. 

Unter den schweigenden Buclicnkrunen. 

Deren sterbenden Sommersegen 
heise der Abendnebel feuchtet , 

Schreit’ ich daher am Heckensaumc. 

Träume» pinnend und ahnungsselig. 

Sonnige Zukunftsbilder hauend. 

Plötzlich raschelt .- zu meinen H8ii|>ten: 
Zitternd aus den schwanken Zweigen. 

Denen wohl ein einsam Vfiglein 
Scheuen Flugs waldein entflogen. 

Löst sich ein tanzendes Liiubgewiuimcl. 

Das mich wirbelnd im Kreis umflattert. 


Aufgcechreckt aus meinem Sinnen. 

Nehin’ ich sacht im Weiterwandern 
Von der Achsel ein welkes Blatt. 

Das sich auf seiner Gralwsreise 
Sinkend in mein Gewand verfangen. — 

Willst du mich mahnen, du Todesbote, 

An die Vergiinglichkeit de< Lebens. 

An das Los des kühnsten Hoffen». 

An das Endziel aller Kämpfe? — — 

Nein, das ist nicht die Farbe der Trauer. 
Und dein flammendes Purpnrglilhcn 
Kündet nicht Wehmut, nicht Enttäuschung: 
Nein, es deutet des Friedens Freude. 

Wachsend im säuselnden Maienwinde 
Hast du erfreut das Auge der Mensehen; 
Schatten dann gabst du dem Waldgetier 
Und im sengenden Sonnenbrände 
Schutz dem wegemüden Wand’rer. 

Furchtlos rangst du im wilden Wetter 
Gährender Tage und stürmischer Nächte 
Neuen Wonnestunden entgegen. — 

Nein, du lebtest kein nutzlos Lehen' 
Segenwirkend tliatst du da» Deine! 

Selbstlos gingst du auf im Ganzen. 

Und zufrieden gielist du die Asche 
Deines Erdenseins der Erde. 

Kommende Lenze ahnst du im Sterben: 

Neue Blättergeschlechter spricssen 
Siehst du aus der Stätte der alten, 
Wachsend, kämpfend und — fallend wie du. 
Freudespendend und todesmutig. 

Unter den schweigenden Buchenkronen 
Schreit’ ich daher am Heckensaume, 

Und die Mahnung des welkenden Blattes 
Weckt in der Seele mir schlummernde Kräfte 
Junger, heiliger Lebenswonne, 

Neuer, seliger Kampfesfreude:' — 

Nein, ich lebe kein nutzlos Lehen! 

Slraashurg i K Christian Schmitt. 

Winterbild. 

Warum quillt nicht meine Thräne? 
ln der Brust ein zuckend Well, 

Einsam wandl’ ich, lief versunken 
In Gedanken, durch den Schnee. 

Von tles Herzens SchnsuchUglnten 
Flammt das Blut mir wild und heiss. 

Könnt’ iehs an der Wintererde 
Kühlen mir. in Schnee und Eis! 

hier» weis.se Schncegefllde 
Leichenschwarz an mir vorbei 
Flattern krächzend die drei Italien. — 
Höhnr mich denn ihr heisrer Schrei ? 

Wo der Sonne Feuerkugel 
Blutig durch den Nebel loht. 

Dorthin streben sic im Fluge. 

Eh’ sie sinkt im Abendrot. 


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34 


Fliegt mein Glauben, mein Erkennen 
Und mein Forschen ohne Kuh 
Nicht im dunklen Leichenschwarme 
Einer fliehnden Sonne zu? 

0 ihr Raben der Gedunken. 

Matten, trägen Fitigelschlags 
Strebt ihr über tote Felder 
Nach dem Leuchtgestirn des Tags. 

Flattert, flattert — ach, wohin euch 
Nimmermehr der Fittich trägt! 

Immer dichter sich der Neliel 
Vor der Wahrheit Sonne legt. 

Nur im Blut könnt ihr euch baden. 

Das vom Ulutball niederfliesst 
Und der ungestillten Sehnsucht 
Qualen mir ins Iierz ergiesst! 

Dresden. Felix Zimmermaiin. 

Scheiden. 

Ein armes Heim; ein harter Kranken|ifühl ; 

Ein Greis am Lager. Stirn und Schläfen schwül; 
Aul brauner Tnth' ein kärglich Stüin|if!ein 
Licht, — 

Genug dem Auge, das im Tode bricht. 

Kein liebend Weib rückt ihm den Plflhl zur Ruh’: 
Kein Kind drückt ihm die milden Augen zu — 
Da hebt cs ihm zur Seite sich empor. 

So still, so bleich, und flüstert ihm ins Ohr. 

Es neigt sich leisten des Lagers Rand; 

Es legt ihm auf djK| Lider sanft die Hand: 
.Nun gehst du Sternen und nun scheiden wir!" 
.Zieh, heim ! Ich bin das Leid — ich bleibe hier!" 
KütiigHwald bei Dresden. Max Ueissler. 

Wetterleuchten. 

Dein Auge blickte ruhig mild. 

Nichts kündete von Tremmngsleideu ; 

Dein Antlitz wie ein Marmorbild 
So regungslos bei meinem Scheiden. 

Doch als heim Gehen noch einmal 
Ich meinen Blick Hess rückwärts schweben, 
Sah ich's wie lang verhalt'ne Qual 
In deinen bleichen Zügen heben. 

Und laut verwünscht' ich das Geschick, 

Das grausam nahm all unser Hoffen, 

Als mich dein glutdurchzuckter Blick 
So schmerzlich seltsam jäh getroffen. 

So wie in klarer Sommernacht 
Es fern aufflammt am Himmclsrunde; 

Von tobenden Gewitters Macht 
Das Wetterleuchten giebt uns Kunde. 

Berlin. Wilhelm Becker. 

Winterglück ! 

Weissen Waldweg sind wir gegangen, 

Als glitzernde Fäden der Nachtfrost spann. 
Durch dunkler Aste dämmerndes Bangen 
Per Mund in flüssigem Silber rann. 


Wallende Nebel über den Wiesen 
Woben ein schimmerndes Märcbeitkleid. 

Und viel purpurne l’erlen fliessen 
In die strahlende Einsamkeit. 

Weiter ging es an träumenden Taimen 
Und an blinkenden Bächen vorbei, 

Lustig lockte ein Liedei von dannen, 

Sangen so selig wie einst im Mai. 

Zwei mal zwei Tapfen auf schneeigen Wegen, 
Funkelnder Sterne schelmischer Blick 
Führten dem Waldesschweigen entgegen; 

Hier lauscht der Frühling, liier wohnt das Glück. 

Und ob Stund' um Stunde zerronnen, 

Ob auch die Nacht schon zur Heimat trieb, 
Sprach doch dein Mund mit nuten Wonnen: 
„Ach, ich halt' dich so innig lieb!“ 

Rauschvolle.. Wege weislich gemieden. 

Unter den Asten, silber umwebt, 

Mitten iu nächtlichem Winterfrieden 
Hat uns ein lachender Lenztag gelebt. 
Gelseukirdien (Westfalen). t'hlmanti.BIxterbeide. 

Mautz! 

Es schiesst mein Segelboot durch den Strom, 

I Furcht W ellen ohne Erhnrtmtng. 

Es stirbt des Kummer' letztes Atom 
In des Sturmes wilder Umarmung. 

I)u lieber Sturm, nur keine Ruh'! 

0 blase doch immer fester. 

Ich ziehe enger den Mantel ztt 
Und drück’ ins Gesiebt den Südwester. 

Spritzwogen zerstäuben, das Steuer knarrt. 
Schaumflocken branden am Kiele; 

— Das ist so recht meine innerste Art 
lut mächtigen Kamptcsspiele. 

Ich lenke mein Boot durch den Wellenhrand, 
Wie stürmisch die Woge auch rollte: 

Wie stiind’s mit uns beiden, aufs Herz die Hand, 
Wenn ich es nicht steuern sollle? 

Cöln h.KIi. Georg Barthel Koth. 

John Knox. 

Im düsteni Schlosse von Ilulyrood. 

In den nebelumwallten Mauern, 

Wo die schottischen Heidegespenster, zur Flut 
Hinflntternd, im Kasten kauern, 

Da jubeln so freudig die Damen und Herr n. 
Und der Ernst des Lebens, wie scheint er so fern. 
Denn es kam auf den schäumenden Wogen 
Von Frankreich herüber gezogen 
Der lustige Hof der schönen Maria Stuart. 

Da strömt der Wein, als sprang' er vom Fels 
Aus nie versiegendem Bronnen : 

Der italische Sänger preist voll Schmelz 
Den Mai und die Liebcswonnen ; 


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35 


Die Frauen schlingen den lockenden Reih'n, 

Es mischen sich neigend die Herren darein, 
l'nd es scheint durch die Säle zu schwirren 
Wie von »chnäbelnden Tauben ein Girren 
Aui lustigen Hof der schönen Maria Stuart. 

Es ruht der Tanz, l'nd die Mädchenschar 
Singt süss zur fränkischen Laute: 

,0 du glückliches Land, das die schönste gebar, 
Das die holdeste Königin schaute’ 

Sie bringt dir Freude und jauchzende Lust, 

Sie bringt dir das Glück, dass du leuchten musst, 
Wenn die Nebel von dannen wallen 
Und die Schritte der Feinde verhallen 
Vor dem lustigen Hof der schönen Maria Stuart:' 

Doch plötzlich ist in dem schimmernden Saal 
John Knox, der Prophet, erschienen: 

Aus den Augen blitzt ihm ein göttlicher Strahl, 
Und Begeisterung liegt auf den Mienen, 

Und wie die Musik nun leise verrauscht. 

Da spricht er mit Worten, d’rauf jeder lauscht, 
ln seclendurchbohrender Weise 
/.n dem prächtigen, prunkenden Kreise 
Am lustigen Hof der schönen Maria Stuart: 

„Ihr schönen Damen, ihr schönen Herr’n. 

Wie glänzt und gleisst ihr mit Füttern ! 

0 wie werdet ihr einst , wenn erloschen der Stern 
Des Glücks und der Schönheit, erzittern ! 

Euch dünkt wohl das Leben einSpicl und ein Tanz, 

1 nd wenn dann der Tod euch den festlichen Kranz 
Vom Haupt reisst, werdet ihr schaudern ; 
Doch es giebt auch hier kein Zaudern 

Am lustigen Hof der schönen Maria Stuart. 

Dies blühende Fleisch, die geschminkte Haut 
Vergeht, wie im Frühling die Flocken 
Des Winterschnees, wenn euch rief der Laut 
Der dumpfen Totenglocken ; 

Dann werdet auch ihr von den Würmern benagt. 
Und ob ihr auch Gold und Brillanten tragt 
Und selbst in marmornen Särgen 
Sich die stolzen Zierden verbergen 
Vom lustigen Hof der schönen Maria Stuart. 

Ja, konntet ihr itfso geputzt und gestutzt 
Aufwandelj^ zum Himmelsthore. 

Dann hätte wohl’. dieses Lehen genutzt 
Zum Platz in dSnF Engelchore ; 

Doch bedenkt, der köstliche, schillernde Schmuck 
Presst euch znf Er®' mit schrecklichem Druck. 
Und ich fürchte, nie Kraft wird fehlen 
Den armen sündigen Seelen 
Vom lustigen 'Hofier schönen Maria Stuart !:• 

Und langsam verlialuo des Würdigen Schritt. — 
Es ist, als oh voll Schauer 
Ein Hauch des Todesjgien Saal durchglitt 
Und Sterbeklage und Trauer . . . 

Da erbraust die Musik, der Pauke Gedröhn 
Ruft laut zum Tanz und zierlich und schon 
Schlingen zum Menuette 
Die fröhlichen Gäste die Kette 
Am lustigen Hof der schönen Maria Stuart. 
Berlin. Max Uoüinanu. 


Charfreitagsglocken. 

Im Dome hob' ich dich zuerst gcseh'n. 

Heim dumpfen Klange der Uharfreitagsglocken. 
Mir war’*, als sollt' das Herz mir stille steh’n. 
Und alle meine Pulse fühlt' ich stocken. 

j Ganz Andacht, Sehnsucht, heisse Inbrunst ganz. 
So lagst du in dem Chorstubl hingegossen, 

Und in gedämpften Morgenlichtes Glanz 
Dein junges Haupt von Glorie umflossen. 

I Da traf ich dich mit heissem wilden Blick. 

Da fuhr durch dich ein unwillkürlich Beben: 
Ich aber wandte mich und trat zurück 
Ins Dunkel, wo die hohen Säulen streiten. 

Und eine Stimme mir im Busen rief: 

Wie darfst du Sünder dieses Weilt begehren? 
Soll ungestillte Sehnsucht herb und tief 
Als Strafe ewig dir am Marke zehren? 

Ins Buch dann beugtest du dein Angesicht. 
Dass keine falschen Wünsche dich verlocken — 
Mir aber tönte wie zum Hochgericht 
Das dumpfe Dröhnen der Charfreitagsglocken. 
Leipzig. Heinrich .Stuinckr. 

Sonnenschein.*) 

Das ist ein Knabe wunderbar: 

Die Stinte blank, die Wangen klar, 

Die Augen lauter Strahl 
Er schaukelt auf dem Birkenast, 

| Er ist beim Silberhach zu Gast 
Und springt mit ihm ins Thal. 

Das ist ein Knabe wuuderbar : 

Ihm dient der Vögel bunte Schar, 

Er herrscht in Wald und Au. 

Sein Herold ist der Fink im Hag, 

Sein Weckruf ist der ürosselschlag. 

Sein Banner Himmelblau. 

Das ist eiu Knabe wunderbar : 

Sein Hauch ist Duft und Licht sein Haar. 
Sein Bett der grüne Tann. 

Er zaubert Freude «Herwärts — 

Und nur ein armes, sieches Herz 
Vergisst er dann und wann. 

Max Geisülcr. 

Albumblatt. 

Dir Holde, dürft’ ins FrUhliiigsaiigcsicbt 
Ich schünheitstrunken tief und lange schauen. 
Da deinem Augenhimmel, deinem blauen, 
Entquoll der reinen Seide Sonnenlicht. 

An deiner Stimme, die wie Sang besticht. 
Durlt' ich in trauter Zwiesprach’ mich erbauen, 
Als du mit feinem Zartgefühl der Frauen 
Das Urteil sprachst dem Vers und dem Gedicht. 

Du schiedest ; duch ein Wunder ist geschehen 
ln meiner Brust, in meinem tiefsten Sein: 

Ich schau den I.enz in keuschen ltliiten stehen. 

*} Ans ilem i» Kürze erscheinenden ,, Ausfahrt. 
Dichtungen." 


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Du zaubertest des Lebens tjuell mir rein, 

Du ^ragtest Frtlhlingsaehuielz der Muse ein, 
Nun fühl’ die Jugend neu durchs Herz ich gehen 
Cottbus. Ewald Müller. 

In der Fremde. 

Wollt’ des Flusses Sprache lauschen. 

Seiner Wogen heimlich Rauschen 
Und des Windes süssem Flüstern, 

Wenn er kosend durch der Rüstern 
Zweige zieht im Dämmerlicht — 

Und ich ging. — 

Wohl hört' ich klingen 
Aus den Wellen holdes Singen, 

Winde durch die Räume streichen 
■Sah der Wipfel grüssend Neigen 
Alter — ich verstand cs nicht I 
Dresden. Max Dittrlcli. 

Ein Gleichnis. 

Sieh am Baum die tausend Blüten. 

Die in zarten Farben glühten: — 

Diese hat der Frost verdorben, 

Jene sind ant Sturm gestorben ; 

And're auch, die Früchte tragen, 

Doch an Früchten Wespen nagen, 

Und der Wind, der vorgesprochen. 

Hat sic höhnend abgebrochen; 

Biise Buben, tl’rauf versessen. 

Haben unreif sie gegessen. 

Und was reif sich durchgerungen. 

Ward geschüttelt und verschlungen, 

Und was einsam bleibt in Höhen. 

Wird verfaulen und vergehen. 

* 

♦ * 

Dies, o Mensch, ist nur ein Gleichnis. 

Doch an dir wird'» zum Ereignis. 
Oldenburg. Georg Rusulcr. 

Min Mudder. 

Bin mal ick alleen in Erinnerung 
An ole, vergangne Tiden, 

Denn ward mi oft so week Io Mod, 

Ick denk an di, de lang al ilot. 

An di, min leeve Mudtier. 

Wie liest du mi hegt, wie hest du mi pligt ! 
Ick kann’t doch niemals vergüten. 

An gotlen Dagen, in slimmer Tid 
Stunnst du mir immer tru tor Sid ; 

Din Wort weer mi heilig, min Mudder. 

Un as ick se funn, de alleus mi weer, 

De ick leev har von ganzen Harten, 

Dar hew ick ’t toerst di nnvertrot ; 

Op dinen Rat hew ick immer jo bot * ; 

Du weerst jo min leewe Mndder. 

Dar keem en Dag, dar drog man di weg. 
Dahen, woher noch nürams klimmt wedder! 

Ick dacht min Hart scholl stille stan. 

Ick weer am leewsten mit di gan. 

Min Mudder. min leewe Mndder! 

*) gebaut. 


Nu t^oit na diu Graw luin ieewste Gang. 

Dar is et so still nn so lierlich; 

Dar hal ick mi frischen Lcbensniod; 

Dar mim ick mi vor, wat recht is un gut, 

Bi di. min leewe Mudder. 

Un kamt mal Dage, wo swer mi dat Hart, 
Wo ick moch woil ganz vertagen, 

Wo dat Leben mi schint so düster un swart. 
Denn ward mi wedder licht mnt Hart 
An dinen Graw, min Mudder. 

, Denn is mi, ns ging dör de stille Luft 
En wnnnerscltsam Klingen. 

Wi n leewe Stimme ut wider Fcern, 

Wi hört' ick se doch so geern. so geern. 

Din Stimm', min leewe Mudder. 

Dann is mi, as hör iek um mi to 
So'n seltsam Flüstern und Weih’n. 
ick wect, wat so heimlich um mi weiht. 

Ick weet, wat so still mi umsweben deifat : 

I)in Geist, min leewe Mudder. 

Bremen. Johann Beyer. 

An Konrad Ferdinand Meyer. 

Vom Kilchberg blickst Du heilig ins Gefilde : 

Es blaut der Sec; fern starrt der Alpen Kranz 
Humor und Stolz, viel Macht, gepaart mit Milde — 
Auf Deiner Seele ruht der Heimat Glanz! 

Der Glanz der See n, der Berge stolze Stille 

Besitnft'gend und erschütternd wirkt Dein Lied 
Weil Deiner Anmut ein gewaltiger Wille 
Die starken Grenzen wahrer Schönheit zieht. 

Wohl mag die Zeit Dir ew'gcn Loorbecr winden. 
Gar seltne Blumen birgt Dein voller Kranz: 
Denn meisterlich verstehst Du zu verbinden 
■ Mit deutscher Tiefe welsche Eleganz, 
j Zürich. Maurice von Stern. 

Poesie. 

[An Artbnrvon Lay mit der Widmung des „Mnarulriee* 
und bezugnehmend auf die Titelvignette desselben 
„I n Poesie" von Carlo Dolce als Hankesgruss für die 
Übersendung des Buche» „Aas der Wirklichkeit".]«) 

Wer so wie Du die Wirklichkeit verklärt. 

Dem hat Natur ihr höchstes Out bescheert 

i In fade Flachheit sinkt er nie! 

Drum sei mein „Trio“ dankend dir geweiht, 
Nicht wegen des Gehalts an Freud’ und Leid — 
Nein, wegen seines Schildrtifs „Poesie!“ — 
Dresden. Richard von Meerheimh. 

An Richard von Meerheimb. 

Dem Siinirer des Heldenliedes : „ Die Sachsen an 
der Moskwa:* 

(Zimt cs. Geburtstage am I I. Jau. lsü3> 

Wie Heldenmut auch nicht im Tod erhebt. 

Du liust's in Deinem Liede fcstgehalten 
In jener Tage hinlenden Gestalten, 

Um die der eigne Quell den Purpur weht. 

•) Siehe Nr. 1 der „N. 1 . Bl “ S. 10. 


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.37 


Am* fernen Trümmerhaufen leuchten*! hebt, 
Zum Trotze aller tütenden Gewalten, 

Die Sachsentreu' in mächtigem Entfalten 
Ihr licht l’anier, das frei im Sturme schwebt. 

t’m Y literatim lmat Du *len Kranz geschlungen, 
l'nd nicht vergessen wird, was Dil gesungen. 
S*i lang' man mag den Namen Sachsen kennen. 

Noch dauern wird es zu den spätsten Tagen; 
Wird man der Yiiter Ruhm den Enkeln sagen. 
Wird man mit ihrem Deinen Namen nennen 
Bremen. Joli». Jaeelii. 


Litterarische Rundschau. 

Der durch seine gemeinnützigen Bestre- 
htingen bekannte volkswirtschaftliche Schrift- 
steller August Lammers ist in Ilreiuen 
am 28. Dez 1892 gestorben. August Lammen 
war am 23. August 1831 zu Lüneburg geboren, 
studierte in Güttingen, wandte sich frühzeitig 
der l'uhlizistik zu und wirkte seit 1852 als 
Redakteur verschiedener Zeitungen in N'ord- 
und Süddeutschland: lSfäi übernahm er die 
Leitung des Bremer Handelsblattes. Neben 
dieser journalistischen Tbütigkeit hat er auch 
durch Vorträge und Broschüren zur Hebung 
des Volkswohls in Deutschland ausserordentlich 
verdienstlich gewirkt. Von seinen Schriften 
sind zu nennen: ..Die geschichtliche Entwicklung 
des Freihandels'' (18(19); „Die deutsche Aus- 
wanderung unter Bundesschutz“ (1809); „Deutsch- 
land nach dem Kriege, Ideen zu einem Programm 
nationaler Politik“ (1871); ..Der Monarch und 
seine Culturmission“ (1870); ..Verjüngung der 
Kirche“ (1878V. „Die Schutzzölle“ (1818c „Die 
Bcttelplage“ (1880); „Die Bekämpfung der 
Trunksucht“; „StaatsariucnpHege" (1881). 1877 
wurde er in den prenasischen Landtag gewählt. 
Seit 1878 gab er in Verbindung mit seiner 
Schwester Mathilde Lummers die gemeinnützige 
Wochenschrift „Nordwest“ heraus. 


P. K. Rosegger Ist neuerdings au einer 
Lungenentzündung erkrankt. Do Rosegger noch 
von seiner früheren Krankheit her sehr ge- 
schwächt ist. hegt man ernste Besorgnisse. 


Kür ein Anzengruber-Denkmal sind 
in Wien bereits 5000 Gulden eingegantren. 

Das Litterarische Ve r mit tluiigs- 
II u reu u in Hamburg hatte einen Preis von 
2000 Mark für das beste einlattfcnde Drama 
ausgesetzt. Der volle Preis von 2000 Mark 
wurde keinem der cingesandten Dramen zuer- 
kannt. Hingegen bat die Jury das vieraktige 
Schauspiel „Ottilie“ als das reiativ beste unter 
den konkurrierenden Dramen bezeichnet. Als 
der Verfasser dieses Schauspiels hat sich Herr 


Paul Richter in Wien ergehen. Den Be- 
stimmungen des Preisausschreibens gemäss wurde 
Herrn Paul Richter der Ehrenpreis von 1000 
Mark zuerkannt. 


Der bairische Minister des Innern. 
Feilitzsch, übernahm das Ehrenpräsidium des 
im nächsten .Inlire in München stattlindenden 
deutschen Schriftstellcrtages. 


Die bisherigen Inhalier der liekunnten 
Berliner Theater- Agentur A. En t sch lösen ihre 
Sozietät auf; Herr Leldncr scheidet aus der 
Firma ans, um selbständig eine neue Agentur 
zu begründen, die sich vorzugsweise mit der 
Vermittelung von E ngagemen ts beschäftigen 
i wird. Herr Entscb wird sich ausschliesslich 
dem Verlag und Vertrieb von Kühnenwerken 
widmen und damit ein Special-Bureau begründen, 
das in der Tlieaterstadt Berlin bisher gefehlt 
hat. 

Iber das Programm des „Raimund-Theaters“ 
in Wien ist aus einem Vortrage, den Adam 
Mttller-Uuttenhrunn in der Grillparzer-Gesell- 
schaft jüngst gehalten, (tilgendes bekannt : 
Hauptsächliche Pflege wird dem Volksstücke 
zugewendet werden und zwar vom edelsten 
Erzengnis (Anzengruber, Viertes Gebot! bis 
zur Posse (Xcstroy) herab; weiter sollen die ins 
Volk eingedrungenen Klassiker zu Wort kommen 
und den Ausbau des Repertoires historisch- 
patriotische Hiihnenwerkc vollenden. Dass 
Ferdinand Raimund, der Chorführer des österr 
Volksstücks, vollständig vertreten sein wird, 
ist selbstverständlich, zumal das neue Theater 
j seinen Xameu führt. 

W. Stt. v. *1 M. 


Von Wilhelm Eniattuel Backhaus er- 
schien im Dezemlierlicfte der „Gesellschaft“ eine 
Abhandlung über „die Pr- und Grundrechte 
des Menschen“, auf die wir unsere Leser des 
gedankenvollen Inhaltes wegen besonders nul- 
liierksam machen. Das in Nr. 1 der „N. I. BI.“ 
(8. d.) angekündigte nette Werk des Dichters 
und Sozialpolitiken befindet sich bereits im 
Druck und hat jetzt der Titel „Allen die Erde“ 
erhalten. Wir werden sofort nach dem Er- 
scheinen auf dieses hochinteressante Bnclt zurück- 
kommen. Gegenwärtig legt der fteissige Schrift- 
steller die letzte Hand an sein das Wesen des 
Humors behandelndes Werk. 


Von Georg Ruseler in Oldenburg und 
A. von Sommerfeld in Zürich erseneinen 
demnächst neue Gedichtssammlungen. 


Karl Kraus. Wien I, (Maximilians»'. 131) 
bereitet im Verein mit Anton Lindner. 
Wien I (Habslmrgerst. 1 II) eine Satirenantho- 


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'ogie vor. Ungedruckte oder veröffentlichte 
Arbeiten «erden von den genannten Herren 
erliefen. 


38 


mich zu dieser Anschauung nicht mehr bekehren 
werde.“ 


In diesem Monate lasst der Herausgeber 
der „Penaten“, Max (ieissler, eine Gedichts- 
Sammlung „Ausfahrt" erscheinen, die im Manit- 
scripte vou hervorragenden Kunstrichtern mit 
Begeisterung begrtisst ward. 


1‘ h 1m a n n - B i x t e r h e i d e in Gelsenkirvhcn 
( Westfalen) giebt eine Anthologie heraus, in 
welcher vornehmlich die nach 1870 geborenen 
Lyriker vertreten sein sollen. I nter den Mit- 
arbeitern sind zu nennen: Karl Busse, Kranz 
Evers. Johannes Funk, Arnold Garde. 
Adam Heid, Fritz Lienhard. Hans G. 
Ludwigs (f), Georg Barthel Koth, A. v. 
Sommerfeld, Josef Schmid-Braunfels, 
0. S t auf v. d. March, Julius Vanselow (t) 
und noch eine stattliche Reihe junger Talente 


Die drei Freunde Schm it t- Bräd iko w 
Valentin Trnudt und Christian Schmitt 
veröffentlichen demnächst im Verlag der Uni- 
versitätsbuchhandlung vou Ehrhardt in Marburg 
a. d. Lahn eine gemeinschaftliche, etwa acht 
Druckbogen umfassende Gedichtsammlung unter 
dem Titel „In Sturm und Sonnenschein." 
— Im gleichen Verlag erscheint von Valentin 
Traudt der aus 3 Büchern bestehende Roman 
.Seelenliebe. 1 - 


Dem Herausgeber des Deutachen Litterutnr- 
Kalcuders, Prof, und Geheimer lfofrath Josef 
Kürschner wurde ans Anlass seiner Ver- 
tretung Meiningens auf der Wiener Musik- 
und Theater-Ausstellung das Komtlnirkrcuz des 
sächsischen Ernestinischen Hausordens verliehen. 
Ausserdem erhielt er das Oflizierskreuz des 
Sterns von Rumänien 


Ein geistvolles I rteil fällt der Pariser 
Kritiker Sarcey Uber Ibsen. „Ibsen giebt die 
Erklärung seiner Stücke immer erst im letzten 
Akt, wenn er überhaupt eine Erklärung giebt. 
Das scheint in Norwegen so der Brauch zu «ein. 
bei uns zu Lande ziehen wir vor, dass man 
uns von vornherein auf dem Laufenden erhält, 
und uns etwa, «-ic der Veranstalter einer Vor- 
stellung von Wandelbildern sagt: Jetzt, meine 
Herrschaften, «'erden sie das und das sehen. 
Bei Ibsen bewegt man »ich durch fünf Akte 
wie tastend einer engen, kleinen Luke zu. 
welche nur ein unsicheres Licht auf das im 
Dunkeln liegende Sujet fallen lässt. Dieses 
Unbestimmte gerade »oll freilich, wie die Ver- 
treter der neuesten Schule behaupten, die Ori- 
ginalität und die Schönheit de» Werkes aus- 
inachcn. Je weniger man begreift, um so mehr 
bewundert man — ich fürchte nur. dnss ich 


Eingesandte Neuerscheinungen. 

i Die Bespreuhuu»: erfolgt thuulichst in Reilit*u- 
folge der Einsendungen.) 

Anton Ohorn. Der Ordensmeister. Eine deutsche 
Minne- und Heldemnär. Berlin, G. Grotesche 
Verlagsbuchhandlung. 

Henrik Ibsen. Bauineia t er So I ness. Schauspiel. 

Berlin. 8. Fischers Verlag 181)3. 

Bruno Welss, Volkssitten und religiöse 
Gebräuche. Bremen, J. Kilhtumnn's Buch- 
handlung (Gustav Winter). 

P. K Rosegger, Allerlei Menschliches. 
i. Aufl.. 28. Band von P. K. Rosegger'» 
ausgewählten Schriften. A. Hartlehens 
Verlag. Wien. Pest. Leipzig. 189.1. 

Richard Nordhausen. Joss Fritz, der Land- 
streicher. Ein Sang ans den Bauernkriegen. 
Leipzig. C. Jarobsen. 

Valentin Traudt. lin Abendhauch. Cassel 1892. 
Verlag von Fr. Scheel. 

Otto Mora, Ein Revolutionär, Moderner Kornau. 

Berlin 1893. Verlag von Otto Janke. 

Georg Ruseler. Michael Servet. Ein Trauerspiel 
ans der Zeit Calvins. Varel a. d. Jade. 
Verlag von J. W. Acquistapacc 1892. 
Maurice Reinhold von Stern, Aus den Papieren 
eines Schwärmers. Worte an die Zeitge- 
nossen. Dresden und Leipzig, E. Piersons 
Verlag 1893. 

Sterns litterarisches Bulletin der Schweiz. 

Herausgeber und Redakteur: Maurice 

Reinhoid von Stern. Zürich. 1. Jahrgang. 

N'm. 1—6. 

Fanny Birndt, Licht- und Schattenbilder. Er- 
zählungen aus dem Leben. Dresden 1893. 
Verlag von Just. Naumann (L. Ungelenk). 
Richard Dehmel. Erlösungen. Eine Seclenwand- 
lung in Gedichten und Sprüchen. Stuttgart. 
G. J. Gösehen’sche Verlagsbuchhandlung. 

E. von Schönaich-Carolath, Dichtungen. Zweite 
stark vermehrte Aullage. Stuttgart. G. J. 
Go sc heu' sehe Verlagsbuchhandlung. 1893. 
Richard Koehlich. Aus einsamen Stunden. Crossen- 
hain und Leipzig. Verlag von Baumert 
& Runge (Heinr. Runge), 1893. 

Georg Barthel Roth. Dem Fürsten Bismarck 
zu Weihnachten. Ein Gedieht. Druck mul 
Verlag der Kölner Verlagsanstalt und 
Druckerei. A.-G. 

Die Gesellschaft. Monatsschrift für Litteratur. 
Kunst und Sozialpolitik. 9. Jahrg., Heft 1 
1893. Leipzig. Verlag von Wilhelm Friedrich. 
Der Stein der Welsen. Illustrierte Halbmonats- 
schrift. Redigiert von A. v. Schweiger- 
l.erchenfchl 1891 I. lieft. A. Harflcbcn - 
Verlag in Wien. — 


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39 


Max Wundtke (Max Alfred Ferdinand), Wild- 
linge. Neue lyrische und satirische Dich- 
tungen. Strassburg i. E. und Leipzig, 
Verlag von Friedmanns Xachf.. 1893. 


Beurteilungen. 

Max Hoffmann: „Irdische Lieder.' Grosscnlmin 
und Leipzig. Baumert & Runge. 

Max Hoffmann* „Irdische Lieder“ sind ein 
modernes Buch, — ja ich behaupte, sie sind 
eine moderne Tltat. „Modem“! Ein Schwappel- 
liegrifl bester Sorte: Jeder denkt sich etwas 
anderes darunter; der Schneider und der Dichter, 
der Professor und der Backfisch. 

Merians Philister, die ans Furcht vor dein 
schmutzigen Realismus und Naturalismus ver- 
zweifelt rufen: „Heilige Marlitt bitt' für uns!*; 
die Tausende, die sich den .neuesten Ebers“ als 
Christkindchen wünschen; die begeisterten An- 
hänger der „Gesellschaft“ und .Freien Bühne“; 
— alle modern. — 

Ich behaupte 5lax Hoffmann* „Irdische 
Lieder“ seien .modern.' Eine unverzeihliche 
Trivialität wäre es, gebildeten Leuten zu sagen: 
Klier- und Marlitt sind nicht modern. 

Was ist „moderne Dichtung?“ Nichts ge- 
ringeres als eine Incarnation des Zeitbewusstseins. 

Pnd in diesem Sinne ist Max Hoffmann 
.modern“, sind seine ,Ird. Lieder“ eine moderne 
That. Neu und eigenartig fast jedes Gedicht, 
fortschrittsbewusst und kraftstolz; vollendet in 
Stoff und Behandlung. 

Eine staunenswerte Kongruenz des Inhalts 
und der Form. Beispiel: .Auf der Höhe:' 

Nur wenige Gedichte machen den Eindruck 
der Improvisation; bei der anscheinenden Leich- 
tigkeit, mit welcher Hoffmann dichterisch ge- 
staltet, leicht begreiflich, aber nicht verzeihlich. 

Die .Irdischen Lieder“ sind eine General- 
beichte des Dichters, oder besser ein Cnivcrsal- 
glaubensbekenntnis. Alles ist selbstgeflihlt. 
selbsterlebt, selbstgeschau t . 

Pnd auch darin ist Hoffmann echt modern. 
Noch ein Moment! Die Liebe zum deutschen 
Vaterland ; doch nicht in dem Sinne der Barden 
Wildenbruch- 1 »ahn. 

Max Hoffmann hat seine Begeisterung ffir 
Deutschland in dem herrlichen Gedicht: .Ger- 
mania“ dichterisch glänzend verkündet. 

In Summa : Max Hoffnmnns „Irdische Lieder* 
sind ein modernes Buch, eine moderne That. 

Mietcrsheim- Erail Uauth. 

A. v. Sommerfeld, Wetterleuchten. Moderne 
Gedichte. Zürich, Verlags - Magazin 
(J. Schahelitz), 1892. 

Nicht mit Unrecht hat der Dichter seine 
Sammlung „Wetterleuchten“ genannt. Besonders 
in den Abteilungen „Welt und Leben“ und 
.Natur“ wetterleuchtet'* von einem jugend- 
frischen, strebenden Geiste, ein Ringen nach 
Freiheit und Wahrheit tönt nns aus den Liedern 


entgegen, dass der Leser unwillkürlich mitge- 
rissen wird und leichte Forinverstüsse unbe- 
achtet mit in den Kauf nimmt. Sommerfeld 
zeigt sich in dieser Gedichtssammlung als ein 
moderner Dichter, der noch manch bedeutendes 
Lied seinem Volke singen wird. Er kennt die 
Schäden der Zeit, wild wallt ihm das Herz in 
Jugendmut und im Lehenskampfe und fast zu 
hart klingt manche Zeile an unser Ohr. Und 
doch, . . . unsere Zeit bedarf der Stnrm- 
poeten. damit es Wahrheit werde, was von 
Sommerfeld in seinem Gedichte .Am Ausgang 
des Jahrhunderts“ rnft : 

.Fliege mein Lied in den Morgen, 

In das Tagesleuchtcn hinein: 1 
Br. F. II. 

„Deutschlands Siegschwert:' Eine vaterlän- 
dische Dichtung in ti Bildern von Georg 
Barthel Roth. Köln. Ad. Steven. 

Die Sage, in der Hand eine Skaldcnharfe, 
tritt anf und erzählt uns, wie das Schwert 
Hermann des t'heruskers von einem alten 
Schmied im Teutoburger Wolde einst geschmiedet 
worden sei, und welche Schicksale es als „Deutsch- 
lands Siegschwert' in der Geschichte erfahren, 
bis es zuletzt in den Händen der „Germania* 
znm Schutze Deutschlands blitzend sich wieder- 
findet. Man sieht, die Idee ist hochpoetisch und 
nicht minder reizvoll die Verwehung von Mythe 
und Geschichte, die der junge Kölnische Dichter, 
dem wir hier zum ersten Male begegnen, in 
stimmungsvoller Weise durch sein Gedieht hin- 
dnrehzuführen weiss. Dem poetischen Inhalt 
entspricht die Form in jeder Art. Die Sprach« 
ist gedanken- und bilderreich, kraftvoll und 
edel geformt: nirgends begegnen wir alltäg- 
lichen Redewendungen oder sonstigen Platt- 
heiten. Der Vers fügt sieh dem Dichter leicht, 
wie beispielsweise die Schlussworte erkennen 
lassen: 

„ Und fliegt dcrFricde dann auf liebten Schwingen 
Durch'* Vaterland in hellem Frühlingsglanz, 
Dann wird es hell von deutschen Lippen klingen : 
Heil Kaiser Dir. Heil Dir im Siegerkranz!“ 

Wir können die Dichtung, deren Lektüre 
uns einen hohen Genuss gewährt hat, und die 
den Charakter eines Festspiels trägt, zn Auf- 
führungen an patriotischen Gedenktagen aul das 
Wärmste empfehlen. 

Bremen. Johamies Jacotü. 

Morkusko. Ein romantischer Sang vom Spree- 
wald. Von Ewald Müller. Berlin 
1891, Buchhandlung der Deutschen Lehrer- 
zeitung (Fr. Zillesscn.) 

Ich muss aufrichtig gestehen, dass ich Vor- 
liegendes — seines Untertitels wegen — mit 
dem bestmöglichsten Misstrauen in die Hand 
genommen halte, in der unangenehmen Erwar- 
tung eine kostbare Stunde zu vertrödeln. Zu 
meinem grössten Vergnügen ist mir jedoch eine 
ganz gründliche Täuschung hcscheert worden. 
Die zehn Gesänge des Büchleins umfassen alt- 


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wendische Sagen, welche <lcr. als Lyriker be- 
reits vorteilhaft tiekannte Autor zu einem hoch- 
poetischen (ranzen verflochten hat. Iler Kern 
ist wohl romantisch, aber diese Iiotuantik unter- 
scheidet sich — (Gott lob!) — hiinmelwcit von 
den landläufigen mit Arno Holz zu reden 
— Heierleispoeterei'n. die von vorne oder rück- 
wärts betrachtet doch nichts anderes als „roman- 
tischer Quark* sind; im ,Jlorknsko‘ liegt männ- 
liche Kraft. Gesundheit und vor allem l’oesie. 
Besonders gelingen dem Dichter die landschaft- 
lichen Schilderungen — mit einigen Zeilen ver- 
mag er dem Leser die düstere Pracht des Spree- 
waldes vor das geistige Auge zu zaubern. Lob 
verdienen auch die zahlreichen lyrischen Ein- 
lagen, denen alte Volkslieder des Wendenstatu- 
ines zu Grunde gelegt sind. Eine Perle geradezu 
ist der IV. Gesang, der die Liebe zwischen 
Trodesko, der reichen Königstochter und Mor- I 
kusko, dem armen Sänger zum Inhalte hat. - 
Die im Heldenvers der Slavon (lünffüssiger 
Trochäus) geschriebene Dichtung zeichnet sich , 
sonst durch frische, elegante Diktion und feinen | 
poetischen Schmelz ans und kann allen Poesie- | 
freunden mit bestem Gewissen empfohlen werden. 
Gewidmet ist sie dem bekannten Novellisten 
Konrad Telmann; ein Teil des Ueinertrages 
soll — wie der Autor schreibt — dem . Spree - 
waldverein - überwiesen werden. Ich empfehle 
■lamm das poetische Werk noch einmal der 
Gunst des Lesers und wünsche dem Dichtei die 
besten Erfolge — er hat sie vollauf verdient. 

Wicu. Staut von der Marcli. 


Anton Ohorn. Der ürdeusmeister. Eine deutsche 
Minne- u. Heldenmär. Berlin, G. Grote’ sehe 
Verlagsbuchhandlung. 

Es ist eine erfreuliche Tkatsache. dass die 
erzählende Dichtung der Neuzeit, welche mit 
ihren einschmeichelnden, gefälligen Formen au 
die Stelle der gewaltigen, starren Epik der 
Alten getreten ist. ganz besonders in der heutigen 
deutschen Litteratur reichbegabte Vertreter 
gefunden mul köstliche Früchte gezeitigt hat. 
Eine der gediegendsteu und formvolleudesten 
Gaben auf diesem Gebiete ist unbedingt die 
vorliegende Dichtung Anton Ohorns, die von 
der ersten bis zur letzten Zeile ein ritterlicher 
Geist durchweht. Der Dichter schildert darin 
den Untergang der letzten Deutschritter unter 
ihrem Ordensmeister Ulrich von .Inngiunen — 
aber w i c er diesen tragischen Vorgang uns in 
glänzenden, je nach der Situation wechselnden 
Versfonnen besingt — so vermag es nur ein 
Dichter von ganz besonderer Gestaltungskraft. 
Das Gedicht, welches in der Grote’scbcn Samm- 
lung von Werken zeitgenössischer .Schriftsteller 
erschienen ist, segelt freilich auch unter der 
Flagge der Wolffschen romantischen Schule, 
aber cs enthält eine grosse, seelenbewegende 
Handlung, die vom ersten bis zum letzten Blatte 
den Leser in Spannung erhält und. vom reinsten 
Dufte der Poesie nmwoben, freilich tiet tragisch, 
aber mit scbicksalsgewaltigen Accorden ana- 


klingt. Die Charakteristik der einzelnen Haupt- 
figuren der Dichtung ist bei der Schwierigkeit, 
welche die gebundene Form bedingt, geradezu 
meisterhaft und die Itiction oft bezaubernd zu 
neunen. 

Wahrlich, eine Dichtung von goldenem 

Wert ' 

Cotton. ltudolf Bunt.’''. 

Laskaris. Eine Dichtung von ArtburPfnngst. 

I. Teil: Laskaris Jugend. — Leipzig. 

Wilhelm Friedrich, k. k. Hofbuchhändler. 

Selten, sehr selten bat mich eine Dichtung 
so gefesselt ; ich stand während der Lektüre 
wie unter einem Zauberbann und wagte kaum 
nufzuatmen. Welch’ eine Wucht von Gedanken, 
von grossen, gewaltigen Gedanken! Es ist. als 
ob ein Titan den Ossa auf den Pelion türmte, 
um von neuem den Wohnort der Götter zu 
stürmen. Und dazu das düstere Kolorit — alles 
Grau in Grau, von grimmem Pessimismus, zer- 
malmendem Woltleid durchtränkt ! — Wiewohl 
ich sonst kein „Gefühladusler“ bin — laut 
Hamerlings köstlichem Berliner Pifkc i in Teilt) 
sind es alle Süddeutschen — bei dieser Lek- 
türe hat mir das Herz im Leibe gebebt, was 
sonst. Grabbes Herzog Theodor von Gothland 
ausgenommen, nie geschehen ist. Wäre die 
Form ebenso durchgearbeitet, als der Gcdankcn- 
inhalt der Dichtung, würde ich nicht, anstohen. 
das Buch ein bedeutsames, hervorragendes Kunst- 
werk zu nennen. Leider hat der Dichter in 
dieser Beziehung viel zu wenig Selbstkritik 
geübt. Stellenweise macht es sogar den Ein- 
druck. als ob er bloss die sich ihm aufdrängenden 
Gedanken mit dem Stift fixiert hätte, ohne weitere 
1 turchsiclit und Anwendung rücksichtsloser Feile ; 
dadurch hat er seinem Werke sehr geschadet. 
Einem Dichter, wie Arthur Pfungst — so glaulm 
ich - sollte derlei nicht zum Vorwürfe gemacht 
werden müssen, zumal er schon bewiesen hat. 
dass er auch formell Tüchtiges leistet, wie kaum 
einer. Die - l>e sonders in den ersten Gesängen 
iles Vorliegenden — zahlreich verkommenden 
Formfehler, als Iliaten (.gestc es. müsse es*. . .). 
Elisionen und Apostrophierungen („Sonn', llitt . 
Seel', 'neu Wurm, läss’st, lösch’st. beruh'gend. 
wirds, sic"*“.....), Wortzerrungen („däitehet. 
wirket, singet“.. . verrenkte Wortstellungen 
(„der Blinde nicht vermag allein zu gehen“. . .) 
und endlich die vielen unreinen Heime („Leiden 
— bedeuten, reden — treten, nährt — zerstört. 
Zeiten — beneiden“, oder gar: .Tag — wach. 

schweigt — weicht, streite — leide t. sind 

wohl im Stande, den Eindruck der herrlichen 
Dichtung herabzudrücken oder doch erheblich 
zu schwächen. Heutzutage, wo ein Arno Holz, 
ein Karl Hem keil, ein Maurice von Stern über- 
wältigenden Gedankenreichtum in eleganter, 
frischer Form darbieten und demnach das Publi- 
kum verwöhnen, liegt cs im eigensten Interesse 
jedes echten Dichters, ja. cs ist seine heilige 
Pflicht : nur Formell-Tadelloses zu schaffen und 
erscheinen zu lassen. Kleine, sporadisch auf- 
tretende Diktionsgehrechen, gegen die auch der 


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41 


grösste Dichter nicht gefeit ist, lassen sich 
leicht entschuldigen, ganze Seiten füllende Form- 
fehler aber mir unter Zuhilfenahme des Inhalts: 
das ist aber fiir diesen auch nicht gerade von 
Nutzen. Dies gilt besonders von den ersten 
vier tiesängen des ..Lnsk&ris". ganz tadellos ist 
der V. Gesang, die übrigen (VI XII) bestehen 
mit mehr oder minder Krfolg die kritische Feuer- 
probe. Dass Arthur I’fungst wirklich ein be- 
gnadeter Dichter ist. der von seiten der l’oesie- 
Irenndc Beachtung verdient, zeigen hauptsäch- 
lich die Dialoge zw ischen Laskarisnnd Philolethes. 
Verse, wie im V Gesänge schreibt unter Hun- 
derten gewiss nur ein Einziger. Absichtlich 
unterlasse ich es hier, den Inhalt der Dichtung 
wiederzngeben. zumal derselbe noch nicht abge- 
schlossen ist — (der II. Teil erscheint binnen 
kurzem) — nnr so viel liemerke ich. dass jeder, der 
sich das Buch kauft und es mit Aufmerksamkeit 
liest, mir fiir den Hinweis darauf dankbar sein 
wird. Noch eins : Für Dutzendleser und Leili- 
bibliothekengourmnnds ist es nicht geschrieben ; 
ich bitte dies freundlichst ad notnin zu nehmen. 

Was die formellen Gehrerhen der ersten Ge- 
sänge betrifft, so wäre angezeigt, dieselben liei 
einer zweiten Auflage — welche bei dem stark- 
geistigen Inhalt wohl zu erwarten steht — nach 
Möglichkeit auszumerzen. — Da die Ausstattung, 
wie liei allen Friedrichseben Verlagswerken, 
eine prächtige ist. wird ..Laskaris" die Zierde 
jeder Bibliothek bilden. 

Wie». Stauf von der Mandl. 

Otto Mora, Ein Revolutionär. .Moderner Roman. 

Berlin, Verlag von Otto danke. 1893. 

Die vielversprechenden Hoffnungen, die 
Gtto Mora durch seine ersten Romanen ,,Ein 
Reaktionär" und ,, Überreif", sowie durch seine 
Novellensammlung „Heidnische Geschichten" 
(sämtlich bei Willi. Friedrich-Leipzig) erweckte, 
hat er in seinem neuesten Romane glänzend 
gerechtfertigt. Er führt uns die Geschäftskrisen 
der letzten Jahre mit einer Klarheit und l'n- 
parteilichkeit vor, dass mau oft kaum weiss. 
wem der Preis zu erteilen ist, dem Dichter oder 
dem Sozialpoiitiker. Wir müssen es uns ver- 
sagen, den Roman bis in Einzelheiten hinein 
zu analysieren, derselbe erhält ans in reger 
Spannung bis zur letzten Seite. In seinem 
Helden Erich Bardewiek, dem Sobue eines 
bremischen Grosskaufmannes. Schilde: t uns Otto 
Mora einen Mann, den die I.iebc (tun Volke 
treibt, allem zu entsagen und ganz der gesunden 
Verwirklichung seiner sozialistischen Ideen zu 
leben. Die Charakteristik des Hehlen, Seite 
.'>0 - 62 zeugt von einem psychologischen Scharf- 
blick, wie ihn wenige lebende Schriftsteller be- 
sitzen. Überhaupt machen die treffende Charak- 
terisierung, Heraitsmeissclnng einzelner psycho- 
logischer Feinheiten, das getreue Lokalkolorit, 
die überzeugende, glänzende Ausdruckswoise, — 
die die Schulung an den Werken unserer west- 
lichen Nachbarn erkennen lässt, — die spannende, 
lückenlose Handlung den vorliegende» Roman 
ztt einem echten Kunstwerk und zn einer der 


hervorragendsten Erscheinungen aut dem Gebiete 
der erzählenden Litteratnr. 

Br. K. H. 

Fanny Bimdt. Lieht- und Schnttenbider. Er- 
zählungen aus tlem Lehen. Dresden 1898. 
Kommissionsverlag von Just . Naumann 
(L. Fngelenki. HH S. 

Wenn sich in den wagendurebrassclten 
Strassen der Grossstadt im trüben Lichte gelber 
t lasflammen der geschäftige Trabe! der Mensehen 
hin- und herwälzt, wenn dns alltägliche Leben 
in breiten Fluten vorüberwogt, da ist’s für den 
tieferen Beobachter, für den .Menschenjäger', 
am genussreichsten, sich in den Schwarm der 
Menschen zu mischen. Gerade dort, wo das 
Lehen platt und gewöhnlich erscheint, kann er 
wahre Goldfnnde an Menschenhcobaehtung 
nmchen : was vielen unbedeutend scheint, ja, 
was die meisten gar nicht sehen, das zeichnet 
er dann in feinen Zügen auf — Nachtbilder der 
menschlichen Seele voll Unglück, Elend. Sünde 
mul daneben wieder im Wirrwarr des Lebens 
klare Lichtblicke, sonnige Landschaften von 
Tagend. Lebensfreude. Glück. Solche scharf 
beobachtete, wechselnde Gestalten, lässt Fanny 
Bimdt an unserem geistigen Auge vnrbeiziehen. 
An diesen Licht- und Schattenbildern rühmen 
wir die Einfachheit der Darstellung, die knappe 
I Fassung der ans dem Lehen gegriffenen und 
meistens ergreifenden Skizzen, die liier ein 
kleines Drama des alltäglichen Lebens von 
schmerzlicher Tragik, dort einen lachenden 
Bilderausschnitt aus der Lehenskomüdie ent- 
rollen. So ist überzeugend lebenswahr und 
rührend .In guten und bösen Tagen-, .Leni', 
-In letzter Stunde', mit Innigkeit .Antonie', 
.1 Inkel Gottfrieds einzige Liehe: Feinen Humor, 
der auch sonst lächelnd hervorbricht, bieten 
. Alien teuer liei den Wenden'. .Durch die Wand:- 
Wenn wir die Augen für das uns umwogende 
Leben öffnen, können wir Wohl jederzeit ganz 
dieselben Menschen, wie sic hier geschildert 
sind, sehen, die gleichen Herzenskämpfe, die 
gleichen .Licht- und Schattenbilder' befrachten, 
ulier es gewährt doch grossen Genuss, sic sieh 
von klar und wahr schildernder Feiler mit in- 
niger Herzlichkeit und Mitemptinduug erzählen 
zu lassen. lind das tliut Fanny Birndt 
in diesem liebenswürdigen, empfehlenswerten 
■Skizzenbuche, welches die Widmung an de» 
Dichter der Psychodramen. Herrn Richard 
von Meerhoinib. enthält. 

Iircmi»». Felix Zimmermanu. 

Bruno Weiss. Volkssitten und religiöse Ge- 
bräuche. Bremen, J. KUhtmanns Buch- 
handlung (G. Winter). 

Im Eingänge bedauert der Verfasser den 
Niedergang von echten, zmn teil kulturhistorisch 
höchst interessanten Volkssitten und Volks- 
gewohnheiten, welche besonders vor dem sich 
immer mehr ansbildenden Verkehrsleben überall 
zurückweichen und in ihrer wirklichen Eigenart 


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42 


fast nur noch in entlegenen Winkeln unseres 
Vaterlandes zu linden sind. Daun stellt der 
Verfasser die beiden Fragen auf: Wie stellte 
sich die Religion zur Volkssitte? In welches 
Verhältnis trat das Volksleben zur religiösen 
Sitte, zn den religiösen Gebräuchen? Wie auch 
sonst schon vielfach nachgewiesen ist, zeigt 
nun der Verfasser, wie das wachsende Christen- 
tum sich fast überall den bestehenden heid- 
nischen Gebräuchen und Sitten anbeqnemte. die 
Sache zunächst mit christlichen Namen belegte 
und ihr allmählich einen christlichen Inhalt zn 
geben suchte, um das Volk in seinen Gewohn- 
heiten zu erhalten. Auf diese Weise ist uns 
ausserordentlich Vieles aus dem germanischen 
Heidentum erhalten geblieben, wenn auch manch- 
mal arg raodificiert und unter echt christlichen 
Bezeichnungen, so dass die biedern Kirchenväter 
sich gewiss wundern würden, wenn sie wüssten, 
an wessen Stelle sie getreten sind. Dass die 
Kirche dadurch m&uchen Volksaberglauben ge- 
wissermassen sanctionierte, ist ja zn begreiflich. 
— Beider zu kurz berührt der Verfasser dann 
das Vereinsleben, welches in richtiger Weise 
gehandhabt gewiss von der grössten ethischen 
Bedeutung werden kann ; selbstredend sind nicht 
die sogen. Vereinsfexereien oder Vereine ohne 
anerkennenswerte Tendenz gemeint. In sehr 
ansprechender Weise wird die Konfirmation 
behandelt, welche von grösster Bedeutung für 
das Volksleben geworden ist, wie der Verfasser 
nachweist. 

Das Werkchen ist, anziehend und glatt ge- 
schrieben, nur meint Referent, dass ein etwas 
grösserer Umfang nicht geschadet haben würde. 
Jedenfalls bietet es bei einem niedrigen Preise 
(1 .K i einen gediegenen Inhalt. 

Bremen. Proteus. 


Hugo Elm. Dresden. Schilderungen und Bilder 
ans Sachsens Haupt- und Residenzstadt. 
Mit 42 Illustrationen nach Original- 
Zeichnungen Dresden. Verlag der Kunst- 
drurkerei ..Union“. 1893. 

Das ist ein prächtiges Werkchen über das 
deutsche „Florenz“. Der Text ist mit grosser 
Sachkenntnis geschrieben und wird durch die 
trefflichsten Abbildungen unterstützt. Die eigen- 
artige. anheimelnde, echt künstlerische Aus- 
stattung wird dem Buche auch ausserhalb 
Dresdens viele Freunde erwerben. Ea darf mit 
den hergebrachten Stadtführern nicht in Ver- 
gleich gezogen werden. Wir empfehlen es be- 
sonders allen denen angelegentlichst, die sich 
ein bleiheudesschünesAndenken an die sächsische 
Hauptstadt schaffen wollen. 

Br. K. II. 

Adels- und Salonblatt. Nr. 14 vom I. Januar 
1893 bietet folgenden Inhalt: 

Zum neuen Jahre. Politische Wochenschau. — 
Die neuen Reichssteuer-Vorlagen. — Kein Herz. — 
Novelle von Doris Freiin v. Spiittgen. (Forts.* 


i Aus der grossen Welt, äpecialherichte aus Wien (Jos*' 
Baronin Schneider-Arno \ Rom (Konrad Telinnn» \ 
| Paris lOnstaTc), St. Petersburg (A. Kegel). — Ge- 
1 schlechter- und Wappenkunde : Die Familie Blume. — 
Aus alter Zeit, Gedicht von Kmil Prinz zu Schönaich- 
Carolath. — Eleonore Ditse. Don Quintus Icilius. — 
Vom Hofe. — Aus der Gesellschaft. — Kunst mul 
t Wissenschaft. - Theater und Musik. — Neu-Berlin. — 
Bunte Steine. — Börsen-Wochen-Bericht. — Zeitsehrifeu 
und Bücherschau. — Rätsel -Ecke. 


Briefkasten. 

Die zahlreichen Glückwünsche zum Jahres- 
wechsel, die uns in so liebenswürdiger Weise von 
vielen Mitgliedern der ..1. G. 1V‘ und von Mit- 
arbeitern dargehracht worden sind, erwidern 
wir ebenso herzlich an dieser Stelle, da es uns 
unmöglich ist. jedem Freunde einzeln zu danken. 

D. Red. 

F. S. in H. llcrzl. Gross : warum verzögert sich 
die Antwort? G. L. in M. Bei Einzahlung der Mit- 
gliedsheitriige gilt «1er Postachein als Empfangs- 
bestätigung — L. T. in G. 5 des Urheberrechts- 
gesetzea. M. B. in B. Wir beantworten alle Ein- 
sendungen thuiilbhst mittelst Karte oder Brief; al**r 
bitte Gwluld! — G. B. R. in C. Die „litt. Gesell sch. Ps: 
ist kein Bremer Verein, sondern eine Gesellschaft ohne 
bestimmten Stammsitz ; nur die Geschäftsführung ist 
gegenwärtig in Bremen. — E. M. in H. Die nächste 
Nr wird so früh hergestellt werden, dass der Versand 
mn l. d. Mts beginnen kann. • E. H. in L. Gewiss, 
wenn statt Nr. f» eine Zeitschrift Nr. 7 erscheint, so 
fällt das unter das Gebiet .Vorspiegelungen falscher 
That Machen! 1 W. M. in B. Für Vermittelung «ler 
Anzeigen wären wir ihnen sehr dankbar; die Bestim- 
mungen darüber sehen Sie im Kopte unserer Zeit- 
schrift — K. L. in St. Dann liestellen Sie «loch bei 
Ihrem Postamt, das ist bequemer. — A. St. in B. 
Treuen Grass; die Heise über Dresden und Erfurt ist 
mir gut bekommen. Die Erinnerung «lavnn wird mich 
frisch erhalten 


Der Redaktionsschluss findet von der näch- 
sten Nummer an stets am £0. des vorgehenden 
Monats statt, damit die „N. I. Bl“ pünktlich am 
I. eines Monats zur Versendung kommen können. 
(Schluss für Nummer 4 am 20. lanuar.) 


Zur Beachtung! 

Da Nr. 5 in sehr starker Auflage er- 
scheinen soll, erbitten wir Anzeigen und Mit- 
teilungen, die eine weite Verbreitung finden 
werden, möglichst bald. 

Die Redaktion und der Verlag 
der „N. t, B." 


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43 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Die Neuerscheinungen der schriftstellernden Mitglieder der „litterariachen Gesellschaft Psychodrama,“ werden 
einmal frei in der Litteraturtafel aufgenommen. Im Wiederholungsfälle wird der Anzeigenpreis von *0 Pfg. 
für die KleiuzHte l»ererhnet, welcher awh fitr Nichtmitglieder festgesetzt ist. Anzeigen sind an die Schrift* 

leihing zu richten.) 


Wilhelm Ruland. 

Des Herzens Wellenschlag. + Die Kaiserstochter. 

Zwei Novellen. 

(Broschiert und in eleg. Leinwand-Einband. 

Verlag von Adolf Lesimple, Leipzig. 



(Chefred. Herrn. Klehne.i 


Zum crnmssigfen Preise von Mk. 0,10 post frei bei 
Einsendung des Betragen zu Iwzichen durch die Schrift- 
leitung der ..Neuen litter. Blätter. 4 * 

F ranziskus H ähnel. 

-«4 Eike, r®- 

Ein psychodramatisches Halliggemälde. 

3. Auflage. — (Mk. 0 , 80 ). 

Verlag v.J.Kübtmaims Bucbbandlg. (G. Winter), Bremen. 

zz C. Ziegler, zz 

Dichter im deutschen Schulhause. 

Bielefeld, A. He lm ich. 

NB. Enthält auch ein Psychodrama. 

Wilhelm Ruland. 

Bbfer unt» 2>oppcfartr. 

+ Heroldsrufe + 

dem deutschen Volke und seinem Herrscher gewidmet. 

Verlas von Hermann Weissbach. Weimar. 

Henri Gartelmann. 

Dramatik. 

Kritik «leg ariatotel Systems u. Begründung eines Neuen. 

Verlag von S. FISCHER, Berlin. 

Preis 6 Mk. 



(Max Alfred Ferdinand.) 

Wildlinge. 

None lyrische und satirische Dichtungen. 


Strassburg i. E. und Leipzig, 

i Verlag von II. Friedein an n Nacht.) 
18!I3. 

t » T r tt r,« >• V-r f.rft ’M'.W.fT/ 

Rudolf Bunge. 

Deutsche Samariterinnen. 

Leipzig, 

Verlag von Rcisoncr. 

Jflax Ffoffmanri 

Dröt|cf?c «-Äie&ev. 

Verlag von Baumert & Range, Grosoenhaiu. 

• > — ■! Mk. 1.60. -4—* v— 

(£tr>ali) ZHiiller, 

Morftusfio. ^ 

Ein romantischer Saug aus dem Spreewalde. 

■ < Berlin. Zillesscn's Verlag ^ 

1 §f. Am* ||(tC&f)(M£, 

Odinskinder. 

^ Zwei epische Dichtungen.^- 

Dresden und Leipzig. 

E. Plerson’s Verlag. 


Iin Unterzeichneten Verlage erschien, zu beziehen durch alle Buchhandlungen: 

ülhsjittcn ititb rriietuife 

Eine kulturgeschichtliche Studie von 

Bruno Weiss. 

Bremen, J. KUhtmanns Buchhandlung (C. Winter.) 




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44 


.Jedermann la*i*e sich Rostfrei «enden: 

„Die Penaten“ 

eine Halbmonatsschrift von Max Geissler, deren 
Bestreben es ist. die Dialektdichtung und das 
moderne Märchen, die Humoreske, das litter. 
Feuilleton etc. zu pflegen. Einsendungen, auch 
Gedichte, sowie Bücher zur Besprechung, er- 
beten an 

Die Redaktion des „Penaten“ | 

in Königswald bei Dresden. 

Vortreffliches Insertionsorga n nament- 
lich für Autoren; Zeile 10 I’fg 'ÜK 

9) 

/T.. c5id)to ■«, *«.***$ 

Hubert Müller. 

2. vermehrte Anfluge 

der l.iedcr eines ausgewanderten Knrmärkers. 

Berlin. Verlag von i. Lieber. 


„REFORM“ 

Zeitschrift des allgemein, fereins 

für fercinfachtc 

reehtschreibung. 

Derfelhe ferlangt 

anwendung der lateinschrift. grosbuchstahen 
nur für fazanfung und eigennainen : 
er beseitigt 

di Überfluss, denungsbezcichnung, 
di konfonantenferdoppelnng in einer und der- 
Iclben lilbe und 

gibt jedem iant den im zukommenden buch- 
staben. 

Obman des fereins: dr. Edw. Lohmeyer in 
Kassel Ord. mitgl. erhalt, für 3 di monats- 
schrift Reform. — Fereinsprospekte frei fon frl. 

Pauline Lohmeyer in Kassel. 


yerlao uon lil firtulius llnrtjf. 

G ?> fJrritmt. s 3 

Prinz Louis Ferdinand. 

Vaterländisches »Schauspiel in 5 Akten von 

Johannes Jacobi 

(Johannes Otto: Verfasser des Silkulardramn's 
.Ulrich von Hntten'. 

(i'nrl |{off 0 5 ilrrlaöBbntljIjaitliluna 

- RREH E.\. ■ — 

Ulrich von Hutten. 

Kin Säkulardraina 
von 

JOHANNES OTTO. 

3. Auflage. 



S t e r n ’ s 

Litte rar isehes Bulletin 

der Schweiz. 

Herausgeber und Redakteur : 

üauriee R< k inliol<l von Stern 

Zürich. 

Ertk-heint monatlich. Bezujpiirei* Kr. 5 
jährlich, Fr. 2.50 halbjährlich bei allen Buch- 
handlungen und Postanatalten, sowie direkt 
beim Herausgeber Aussersihl- Zürich. Badener- 

st fasse 208. 

o o o o o o ot.vo-o-o -i.'O »>«.. uOo i.> a o o 


Inhalt: Litteratur und Familie. S. 29. — Aus clor ,litt. GosolUch. Pqrch!' LU«r Abt von Uroylaiul. 
Psychodrama von Ernst Boeder. S. 30. - Psychmlr. Echo. 8.3?. — (»««dichte von Maurice von Stern, Arnold Garde- 
Prien, A. v. Sommerfeld, W. B. Backhaus, Laurenz Kiesgen, Emil Hauth, Christian Schmitt, Felix Zimmer- 
mann, Max Geissler, W. Becker, Uhlmann -Blxterhelde. G. B. Roth, Max HofTmann, Helnr. Stümcke, 
Ewald Müller, Max Dittrich. Georg Ruseler, Johann Beyer, Maurice von Stern, R. v. Meerhelmb, Johannes 
Jacobi. S. H? hi* S. 37. - Litter. Rundschau. S. 37. — Neuerscheinungen S. :is. — Beurteilungen. S. 30 
bis S. 4?. — Briefkasten. S. -12. — Litteraturtafel und Anzeigen. S. 13 und 44. 


Dieser Nummer liegt eine littemrische Anzeige der G. J. Göschen'schen Verlagsbuchhandlung in 
Stuttgart über Prof. Dr. l\ Beyers Deutsche Poetik und Technik der Dichtkunst zur geneigten 

Beachtung für unsere Leser bei. 

Verantwort! Schriftleiter : F i :i II / i k k .1 - Hel) n el . Bremen. Pr m-b von II e me y e r & M <■ v er . Bremen Untenher 


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/3) I. Jahrgang. Bremen, den I. Februar 1893. 


Nr. 4. <§) 



t— r — 






Wtep 


Monatsblatt 

der 

Litterarisehen Gesellschaft Psychodrama 

und 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Heransgegeben von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (C. Winter), Bremen. 

iiminm ior ieoititttt nr • » ir m ri r rn iTtri 1 0 » • • rn n ttuiu 1 l i^mrr rain 

Die „Neuen litterarisehen Blätter" erscheinen vorläufig monatlich und werden au die Mitglieder der 
„litter. Gesellach. Psychl* frei versandt Für Nichtmitglieder der Gesellschaft sind die ,,N. 1. Bl." durch deu 
Verleger: J.KÜhtmanns Buchhandlung (G. Winter) in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Postan*ta|t«n zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich. Einzelnummern 40 Pfg. Anzeigen werden mit 20 Pfg. 
für die gespaltene Kleinzeile berechnet. 

Nachdruck dar psyebodratnatiseheu Dichtungen nur unter besonderer Vereinbarung mit dein Herausgeber ge- 
stattet. Nachdruck des übrigen Teiles der ,,N. I. Bl." unter Quellenangabe erwünscht. 
m »n • « n t i iTTi miiLLJ-ü » tm m oTr nrm n rnTRTVi i 01 j > • rrrrrj i httjiittji « 


Gute und böse Geister. 


Einige Würtlein im Vertrauen. 


Die euch ein Kunstwerk verführen mit 
l.nst und Liehe, enrh 7.U gefallen. llieht 
dass das Schöne vermittelt werde, sondern 
dass sie als Vermittler des Schönen ge- 
priesen seien — das sind die falschen 
Dilettanten; deren sind viele. Die es ge- 
messen zu eigener Läuterung und Er- 
hebung — das sind die wahren Dilettanten; 
deren sind weniger. Die daa Schöne schaffen 
und gemessen — eines im anderen und alles 
in einem — das sind die wahren Künstler; 
die sind die wenigsten ! Rings um den Fuss 
des Berges nähret sieh zahlloses dotier; 
einsam im Äther umkreiset der Adler den 
Gipfel. 


Josef Schwab in der .Gesellschaft 1SS7!’ 

fcls unsere ,N. 1. Bli' den ersten Schritt 
thaten. sass der Schriftleiter ruhig am 
Schreibtisch und harrte der Dinge, die da kom- 
men wiirden. Seine Ruhe ist hin! 

Es kamen die Geister, nach und nach — 
und endlich in langen Zügen. Alle guten Geister 
loben den Herrn ! Aber die bösen ? — .Freund, 
sprich ein kräftig BannsprUchlein und sie weichen 
von hinnen!' ward dem Schriftleiter empfohlen. 
Recht gut, wenn ihm nur nicht vor Schreck 
»ft das kräftige Würtlein in der Kehle oder in der 
Feder sitzen hliebe. 

.Beifolgend sende ich Ihnen einige Gedichte 
(cs waren sechs!), von denen Sie .Meeresstnrm“ 
in der nächsten Nummer bringen wollen—* u. s.w. 

.Wenn Sie anliegendes Gedicht verüfient- 
lichen wollen, bitte ich um meine Aufnahme in 
die litterarisehe Gesellschaft - ' u. s. f. 

.Dass Sie meine Gedichte alllehnten (leider 


vom Schriftleiter auf drei Briefbogenseiten be- 
gründet!), veranlasst mich — ‘ etc. 

.Hierdurch erkläre ich meinen Beitritt zur 
„litt. G. Ph“ und sende Ihnen lilr die nächste 
Nr. der ,N, 1. Bl!' ein Gedicht, welches - * u.s. w. 

Das waren einige der biisen Geister, für die 
wir uns den Bannspruch nach kurzem Kample 
entrangen. Sie sind entflogen und bis heute 
noch nicht wieder erschienen. 

Aber ein Würtlein im Vertrauen! Die 
.litterarisehe Gesellschaft Psychodrama* ist kein 
Gegenseitigkeitsinstitut zur Krönung unserer 
Mitgliedei mit dem Dichterkranze, und die 
„N. 1. Bl! 1 bilden keine Versorgungsanstalt für 
obdachslose Reimereien. Unsere Gesellschalt 
will der deutschen Litteratur treu und ehrlich 
dienen, will die von R. von Meerheimb er- 
sonnene lebensfähige, neue Dichtungsform pflegen 
und ansbanen helfen, will seinen Mitgliedern 
gleichseitig Gelegenheit geben, sich über die 
zeitgenüssische Litteratur zu orientieren, dass 
sie nach allein Scbünen haschen, auf das die 
Gesellschaft aufmerksam macht, und die „N.1.B1! 
wollen diese Zwecke, soweit es in den Kräften 
des gegenwärtigen Schriftleiters liegt, unter- 
stützen. Die „N. 1. Bli 1 wollen ein Seherflein 
dazu beitragen, dass man in allen Kreisen 
mehr und mehr eine Anteilnahme an allem 
litterarisehen Schaffen bezeugt, — be- 
zeugt nicht nur in Worten, sondern auch 
in Werken. Unsere deutschen Schriftsteller 
schreiben für Geist und Herz, aber anch für 
das fleissig zu benutzende Bücherbrett der 
Familie. Das sind die guten Geister, die uns 
darin unterstützen, die uns das Beste senden, 
was ihr Herz ihnen giebt oder wenn ihr Herz 
nur (die Glücklichen!) mitemptindet. diese Anf- 


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4 « 


nahmefühigkeit de» Hertens nicht durch Gleich- 
gültigkeit abstumpfen. 

Aber den bösen Cieistem im Vertrauen: 
Wir werden, wie bisher, der Flut Einsendungen, 
so gewissenhaft als wir es vermögen, die un- 
parteiische Prüfung entgegenstellen , werden 
dankbar jedes wahr und warm Empfundene be- 
grllssen, alter mit einem kräftigen Poatkärtlein 
auch künftighin jeden bösen Eindringling zurttck- 
zu bannen suchen. Das verargt uns nur der 
blutigste Dilettantismus, und dann wissen wir. 
woran wir sind. 

Unseren Lesern wird es einen interessanten 
Beweis von einer gewissen mutigen Schaffens- 
lust der Gegenwart geben, wenn wir ihnen rnit- 
teilen, dass von den Hl Einsendungen für Nr. 3 
der „N. 1. Bit 1 nicht weniger als 57 unbrauchbar 
— oft in recht hohem Grade — waren. 

Wenn aber unseren Lesern manches Ver- 
wertete doch nicht behagt, so sagen wir im 
Vertrauen, dass auch kleine Fehler und Ecken 
an einer Einsendung oft dann noch zur Auf- 
nahme bestimmen, wenn der Gesamteindruck 
des Übersandten noch ein künstlerischer ist. 
Der Verfasser lmt schliesslich für sein veröffent- 
lichtes geistiges Erzeugnis eine grössere Ver- 
antwortlichkeit, als der annehmende Schriftleiter. 
Auch im literarischen Genuss hat jeder seinen 
eigenen Geschmack; glücklich derjenige, der 
auch gemessen kann, was ihm nicht behagt. 
aber gesamt ist. Allen Lesern alter empfehlen 
wir frenndlichst die oben wiedergegebene Ans- 
lassnng von Josef Schwab zu eingehender 
Betrachtung in stiller Stunde. Dies zur Schei- 
dung der guten und bösen Geister! 

Br. F. H. 



_ O O . 


sychodramenwelt.0 

’V ■ 


Aus 

der Literarischen Gesellschaft 
„Psychodrama: 1 


In der nächsten Nummer hoffen wir von 
der Gründung weiterer Zweigvereine berichten 
zu können. Die Mitglicderzahl ist in stetem 
Wachsen begriffen nnd hat 1B0 liereits über- 
schritten. 

Der Vorstand 

«ler 

„Huerarischen Gesellschaft Psychodrama." 




..Sieg oder Tod!“ 

Psychodrama von P a n 1 i n e H o f f m a n n 
von Wa ngen heim. 

Motto: 

Wandte der Fass ancli in Nacht, 
Bade das Haupt sich im Lichte. 
Richard von Meerheiinh. 

Du fragst mich. Hasdrubal, 

Ob ich den Frau’n Karthago'* folgen will? 

Ich, — ich Dein Weih - 
Des Feldherm Weib — 

Den Römer Scipio feig um Gnade fleli'n? 
Schmach über diese knecht'sehen Weiber. 

1 Die ihre Ehre ihrem Leben opfern. — 

Ich siege mit Dir. — oder sterbe auf Karthago's 
Trümmern. 

Sieg oder Tod! — 

Das ist auch meine Losung, Hasdrubal! — — 
Doch anf nun, auf Ihr letzten Treuen von 
Karthago — 

Folgt .Eurem Führer, folgt ilun treu! — 

Des Äsctllapitts Indier Temiiel soll uns letzte 
Zuflucht bieten — 

Dort harret unser die Entscheidung 
Sieg — oder Tod! — 

Sorg' nicht um uns, mein Hasdrubal, 

Ich führe Deine Söhne sicher in den Schutz 
der Götter. — 

Sieh' nur. - o sieh’ — 

Dein Heldengeist regt auch in ihrer Brust die 
Schwingen, — 

Die zarten Hände klammern fest sieh tun die 
Ganzen — 

Und ihre Augen leuchten kampfesmutig. 

Ja, das sind Deine Söhne, Hasdrubal! 

Doch geh’ nun. mein Gemahl, 

Die treuen Mannen von Karthago harren Dein : 
; Sie schan’n nach Dir, 

Bcgeist're sic zum letzten blut'gen Kampfe. 
Sieg oder Tod! — 

.Sieg oder Tod?!?“ — 
j Ha, meine Kinder — 

, Von Euren Lippen hallt es mir entgegen — 
Sieg oder Tod! — 

Habt, Götter, Dank für diese Stunde — Dank! -- 
Kommt an mein Herz, 

Ihr meine Lehensblüten. 

Und schallt hinah anf Eure einst so blühend 
schöne Vaterstadt. 

0 dieser Jammer — schaut — 

Das war Karthago! — 

In Trümmerhaufen, 

In Feuermeere sind die Strassen umgewandelt. 
Bedeckt mit Leichen alle Plätze, 

Das Meer ist rot gefärbt vom Blut der Tapfren. 
Die liir des Vaterlandes Ehre fielen. 

Fluch dem verruchten Römcrvolk, 

Fluch — ewig Fluch ! — 

Dem Vampir gleich hat es an unserm Lebens- 
mark gesogen — 

Gebuhlt um nns're Freundschaft in der Not. 
Dann uns verraten! — 

Frech uns getreten, wenn sie Sieger waren ! — 
O meine Söhne. 

Wär's Euch vergönnt, die Schmach zu rächen — 


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Blutig zu rächen an diesem Volk der Römer' — 
Ihr reicht mir kühn begeistert Eure Hände — 
Und , Rache — Rache“ 

Rufen Eure Lippen ! ? 

Ja, Rache — Rache 

Schreit auch mein zuckend Herz' — 

Und eine Ahnung dämmert meiner Seele, — 
Einst kommt ein Tag. 

Wo Roma’s Stern verbleicht — 

Das Volk erschlafft, — 

Und seine Macht zerschellt! — 


Doch kommt nun, kommt — 

Lasst uns nicht länger weilen. 

Die Tempeldiener öffnen weit die Thiiren, 

Wir wollen eilen und die Götter bitten, 

Dass sie die Uns’ren kühn zum Siege führen. — 
Doch was ist das?! — 

Weh' — seh' ich recht?! — 

Ein Zug — ein langer Zug von Kriegern - 
Zieht ans der Burg, den Berg hinab — 

Den Frauen nach?! — 

Sic unterwerfen sich den Römern 

Und fleh'n um Gnade für ihr elend Leben! — 

Tragt, feige Memmen, 

Tragt die Sklavenketten, 

Ertragt den Spott, die Geissel Eurer Feinde 
Und beugt Euch — beuget tief den einst so 
stolzen Nacken, — 

Ich — ich beneid' Euch nicht? — — 

Mein Hasdrubal! — 

Wie klein ward Deine Schar, 

Die todesmutig hin zum Tempel eilt|! — 
Kommt, lasst sie uns empfangen, meine Söhne. — 
Heil, — Heil den Tapfren, 

Heil, — Heil den Kriegern von Karthago — 
Heil, — Heil, den letzten treuen Mannen Heil, — 
Sieg oder Tod — den Uns’rigen! — 

Du schauest düster d’rein. mein Eh'gemnbl ? ! 
Hat’s Dich geschmerzt, die Mannen zu ver- 
lieren?! — 

<) lass sie zieh n — sie sind nicht wert. 

Den Heldentod zu sterben. — 

Schau’ hin — noch blieben Dir die Treuen liier! — 
Auf, auf zuin Kampf, mein Hasdrubal — 

Die Römer nah’n - 

Schon eilen sie die Höhe keck herauf, 

Burg Byrsa steht in Flammen — 

Schau — o uns’re Feste schau’ — 

Ein Feuerstrahl steigt lohend d'raus empor. 
Ha, — diese Römer — diese Römer! — 

Auf, auf zum Kampf ’ — 

Es gilt den letzten Wurf zu wagen! 

Sieg oder Tod! — 

Ich bete für den Sieg! 

Leb’ wohl, mein Hasdrubal. 

Lebt wohl ihr treuen Mannen. — 

Ihr wollt mich halten?! — 

Lasst mich, Freunde. — 

Ich bete für den Sieg. — 

Ihr findet mich an Eurer Seite, 

Wenn es zu sterben gilt! 

Sieg oder Tod ! — 

Kommt mit mir. meine Söhne, 

Lasst, uns die Götter heiss um Gnade fleh’n. 
Kommt, werft Euch nieder 


! Und betet, betet um Karthagos Rettung. 

Sieg. — Sieg den Uns’rigen 
Und Untergang der Römerbrut! — 

Ja, betet mit mir, meine Kinder betet, betet. 


| Sag' was — was raunst Du 
Mir in das Ohr, mein Kind? 

Rings um mich wilder Schreckensschrei ? 

Was ist’s - ? 

, Sprich laut, — Du tauschest Dich, mein Sohn, — 

| Nein, nein — es kann nicht sein — 

Ihr täuscht Euch Alle — 

Ihr lügt — Ihr alle lilgt 
Mein Hasdrubal, — 

Mein Held — mein Eh'gemahl 
Den Römern Frieden bietend!?! 

Das ist ja Wahnsinn, — 

Blut’ger Wahnsinn 

Ihr lügt — Ihr seid von Sinnen — 

Zurück — zurück — 

Gebt frei den Weg, — 

Lasst mich hindurch, — 

Ich trau’ nur meinen Augen! — 

Reisst weit die Thore auf — 

Wo ist der Weg?! - — 


Huli — — da — — 

Ist’s Wahnsinn, der mich narrt?! — 

Mein Hasdrubal — den Ölzweig in der Hand, — 

Eilt er den Berg hinab 

Zu Scipios Füssen sinkt er flehend nieder — 

! 0 diese Schmach, — 

| 0 diese Schmach - 

Ein Adler fliegt, ein Wurm nur kriecht im 
Staube! — 

| 0 Hasdrubal — o Hasdrubal. 

Mein Herze zuckt, — 

Wirfst mich zu Boden, — 

Trittst mich in den Staub! — 

Wie hab’ ich Dich geliebt, mein Eh'gemahl. 
Du, — ein Verrüther! — 

Du — ein schwacher Feigling — 

0 Götter — das ist zu viel — 

Zu viel 1 ! 


Was sagt Ihr, Mannen? — 

Ich — ich hätte stets nur seinen Geist beflügelt 
i Und hätte ihui zur Seite bleiben sollen? 

Wisst Ihr denn nicht. — 

Geborgter Mut ist halbe Feigheit!? 

Geborgte Ehre. — halbe Schmach!? — 

I Das, — mir dem Weibe. 

Das ohne Wanken ihrem Helden glaubte, — 
Ihrem Hasdrubal ! — 

Verachten müssen, wo man heiss geliebt — 

Ist zehnfach Tod! — 

Doch sagt — was steht Ihr da mit düst’rem 
Angesicht? — 

Wollt, Ihr dem Führer folgen? folgt, 

Ich folge nicht! — 

Ein Sturm erhebt sich unter Euch — 

Ihr drängt Euch um mich todesmutig? 

Und sterben wollt Ihr mit mir, 

Sterben?! 

Ich soll Euch führen in den Tod?! — 

0 Götter, Dank! — 


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0 das ist Balsam — das ist Balsam! 

Dank Euch, Ihr Treuen von Karthago, Dank - 
Noch (riebt es Helden, die zu sterben wissen ! — 
Sieg — oder Tod! — 

Auch Ihr — Ihr meine Sohne 
Drängt Euch an mich — 

Und schlingt die Arme fest um Eure Mutter. 
Auch Ihr wollt sterben. 

Mit mir sterben — 

Karthagos .Schmach nicht enden seb'n? - 
0 meine Kinder — meine Kinder! 

So jung noch - ach — so jung und schein — 
So unsrbuldavoll — und Ihr sollt stellten? 
Hinwelken in der ersten Jugendblüte? — 

0 Götter, Götter — seht' mein Weh'! — 


Ihr fleht mich an? — 

Wohlan, es sei! — 

ln Euren Adern rollt mein Blut! — 

Doch still! — 

Hört Ihr der frechen Böiuer Siegsgeheule? 
sie nahn -- sie nah’n — 

Geduld uur, Vipernbrut, Geduld — 

Ihr findet uns bereit! — 

Verschliefst die Thore, meine Trencn — 
Versammelt Euch um mich - 
Hier in des Tempels Vorhof — 

Die Fackeln her — 

EnUUndet sie und reicht die erste mir — 

Ich danke Euch! — 

Heisst weit die Teiupelthüren auf! 

Ich schwing’ die Fackel. 

Und wert’ sic lohend in die heiPgen Hallen, 
Folgt meinem Beispiel - folget Alle ! — 

Seh’t — seh t . — das Feuer zündet knisternd. — 
Begierig greift die Flamme um sich, 

Der Sturm erwacht — und facht die Gluten 
Und drüber senkt sich trauernd jetzt die Nacht! 
Hört Ihr. das Meer braust wild empor, — 
Dumpf heulend schlagen seineWogen an das Ufer - 
Es übertönt der Körner Siegesjauclizen! 

0 diese Nacht' — Karthagos Sterbestunde! 
Der Himmel färbt sich blutig rot, 

Die Feuergarben steigen prasselnd auf. 

Und schleudern schaurig sprühend 
Feuerregen nieder. 

Das Ende naht. 

Es nah’n die Römer — 

Die Thore bersten krachend auf. — 

Ich sch' den Himmel offen, 

Soll’ die Götter droben winken — 

Fluch — Fluch den Körnern — 

Hache für Karthago! 


Kommt, meine Söhne. 

Nehmt uns auf, ihr Flammen. — 
Folgt mir, ihr Mannen, 

Sieg oder Tod — 

Wir sterben treu zusammen! 


Une mere antiromaine. 

t Franz. Übersetzung des Psychodramas .Eine a!t- 
rämUche Mutter" von Richard von Meerheimb 

Ame de mon Murin- . öpoux adore, tresor 
de mon Atrium, appui de mon veuvage, viens 


encore cette nuit, esprit divin, incliner »ar 
moi ton Souffle cöleste! 

.1 e vais cbercher ie repo» — jaiiueraia trouver 
iu dölivrance de ma iniscre — mais — qu’y 
a-t-il? 

Qui Irappe »u portail dans cette heute 
nvancöe de la nuit? 

Qui frappe ? 

II me semble entendre retentir l'echo de la 
voix de mon fils, du miserable, anquei j'ai dünnt* 
la vic. 

Finis de frapper — entre 1 

Quel air as-tu. tils? l’oeil fixe — ics 
cheveux hcrissfes, - le front en sueur — tu 
trembles — tu frissonnes — qu’est — il arrivö ? 

| — Parle! — 

Tu es un fugitif? La Nemesis, les furies 
tc poursuivont? Ont — eile- jarnais reläche 
leur porsccution vengeresse sur tu voie couverte 
de honte? 

Qa’as-tu encore commis? Etais-tu encore 
tant poursuivi de cröanciers?! 

Je dois abaisser mon oreille vers tes levres? 

Plus haut, hiebe! — Tu as — vole?! 

Tu as pönetrt dans le temple de Diane, 
et tu t’es empuii* de Timage sacree de la Decsse. 
sacriläge maudit — iait ä baute! divin? 

Et inoi, je dois cacher ce crime, parce que 
les arehers te barcellent? 

Ton pere est mort assassine par toi, lente- 
ment pris dans tes pieges mandits, tu lui as 
j temlu le poison goutte ä goutte — toi- 
memc et moi, la faible tuerc, — faible ä 
me mepriser moi- meme — preaque adonnee 
ä la nuit de In demence, (olle de douleur — 
tu veux faire de la mere unc recMeuse!? 

Agenouille-toi , criminell — decouvre in 
poitrine! maudit, trois fois maudit par la 
mere ’ J'enfonce lc poignanl dans ton äuie hypo- 
crite! — Meurs, comme moi-jueme — que 
ma inaison reste pure — de honte!!! 

Bockenhetm bei Frankfurt. Frida Schwab. 



.-«A. «X. 2 ^ 


Aus der 


itteratur der Gegenwart. 

S «u 

Anna Nitschke. 

Von Karl Kraus. 


Pa u 1 B a r s c h , unser lieber, treuherziger Pa u I 
Barsch bat sie — sozusagen — .entdeckt!' Es 
ist eine eigentümliche Sache um das „Entdecken!* 
Das harmlose und doch so vielsagende Wort ist 
arg in Verruf gekommen ; man hat mit ihm 
schnöden Missbrauch getrieben. 

Mit der Zeit hat sich eine eigene Kaste 
berausgebildet : die Entdecker von Profession, 
die sich der schönen Gilde der diversen Kunst- 
vampire zngesellten. 

Diesmal hat das Wort seine angestammte, 
edle Bedeutung. Und wahrhaftig. Pan I Barsch, 


Diqitized 1 



4 » 


der neben so manche* echte Talent au* der Wiege 
heb, hat sich ein grosse# Verdienst utu die deutsche 
Litteratur erworben, dass er der Welt den Namen 
Anna Nitsehke sagte, mag auch die Vornehm- 
heit der hochweisen Philister, für welche die Kunst 
seit jeher nur Modesaclie war, diesen ehrlichen 
Namen nicht „pechütt“, nickt „tin-de-siccle* finden. 

Sie ist zu Ohlau in Schlesien am 31. Januar 
1858 geboren. 

Dir Erstes und Bestes war ein Gedichtbuch 
.Freudvoll und Leidvoll“. das sie bei Senf! 
in Berlin verlegen lies». 

Ihre Lyrik ist bedeutend und noch wert- 
voller, als die fesselnden Prosaschriften und 
geistvollen Essays, die sie meistenteils in Zeit- 
schriften veröffentlichte. 

Sie hat Empfindung und Geist, „um ihre 
Stirne schlingt sich das blitzende Diadem des 
Gedankens, um ihre Schultern rollt der Pnrpur- 
uiantel der Schönheit“, wie Barsch so schön ! 
und treffend von der „Ohlauer Nachtigall“ er- 
ziililt. „Freudvoll und Leidvoll“ — steigern wir 
die Contraria als solche: Himmelhochjauchzend 
— zu Tode betrübt! Das ist der Eindruck von 
ihr. Dazu ist sie ein Fonntalent ersten Ranges. 
Bei jeder ihrer Poesien hat der Leser die Em- 
pfindung: so und nicht anders musste diese 
Stimmung zum Ausdruck gebracht werden. 
Dieses oder jenes Gedicht liegt fertig irgend- 
wo, fliegt meinetwegen in der Luft herum, 
die unfähigen Fanggarnc stürmender Lyrikerchen 
fassen es £ar nicht oder nur halb. Sie fängt 
es und bringt es in unverstttiumelter Schöne 
ihrem Mitmenschen zur Erde nieder. 

Ja, sie besitzt wirklich die Göttergabe, die 
verschiedensten Stimmungen ihrer Dichterseele 
mit bedcutungswflrdiger Feinheit und Natürlich- 
keit aaszumalen nnd das fertige Gemälde auch 
in den prächtigen Rahmen einer vollendeten 
Form zu fassen Eine wahre Nachtigall! So 
herzbestrickend singt sie, so dringen ihre aus 
dem Herzen kommenden Töne zum Herzen. Das 
uralte Hohelied der Liebe, welches die dichtenden 
Spatzen von den Dächern einer sUsslich-fadeu 
Gartenlanhenseligkeit pfeifen, das aber in Wahr- 
heit nie veraltet, wie herrlich klingt es aus den 
Worten dieser echten Dichterin! 

Die Liebe formt sich nicht aus Duft und Glanz 
Und hält doch Duft und Glanz in sich geschlossen. 
Die Liebe schmückt kein blühender Rosenkranz 
Und doch ist sie von Rosenglut umflossen. 

Die Liebe birgt sich nicht, ein Diamant, 

Im dunklen Schacht, im spröden Fclsensteine, 
Und doch ist sie dein Edelstein verwandt 
An hehrer Schönheit und an ew’ger Reine. 

Die Liebe leuchtet nicht, ein Sternenstrahl, 

Hoch über unserm Haupt in Himmelsweiten. 

Und doch sieht man im finst ren Lebensthal 
Hell ihren Schimmer durch die Ferne gleiten. 

Es gleicht die Liebe keinem Erdentrieb 
Und wurzelt doch im irdischen Getriebe. 

„Die Lieb’ ist ewig!“ Gottes Finger schrieb. 

Wir schreiben tastend nach : Gott ist die Liebe. 


Meine Zeilen sollen nur ein flüchtiger Hin- 
weis auf das Talent der prächtigen Schlesierin 
sein. Mögen sie ihr Stärkung bringen, damit 
sie rüstig aul dem pingeschlagenen Wege fort- 
schreite zur Vollendung. 

Ich schreibe sie ihr zum Geburtstage ; sie 
j seien ein, wenn auch schwächliches, Zeichen 
I meiner Hochachtung Und noch dies wünsche 
ich: Möge das deutsche Publikum an ihrer 

Tochter gutmachen, was es an so vielen seiner 
wackeren Söhne verbrochen hat, die da mit un- 
erschütterlichem Idealismus, mit jugendlicher 
Begeisterung für Freiheit käuipfen und die 
Wahrheit verkündigen, die da die Wege der 
Schönheit wandeln und, Heilande am Kreuze 
der Undankbarkeit, darlien müssen. 

Wien, iui Januar i«9s. 

Über Nacht. 

Drosselsang im Erlenschlag; 

Silber an der Weide ; 

Mai spann über Nacht den Hag 
Ganz in grüne Seide. 

Und mein Herz, drum gram und grau 
Winterwetter stoben, 

Hat er ganz in Himmelblau, 

Ganz in Licht gewoben. 

Königswald b«i Dresden. Max Uei»üler. 


Heidegrab. 

Still ist es rings, — 

Im hohen Heidekraut 
Weht ernBter Abendhauch, 

Grüne Blätter und fahles Laub 
Schmiegen sich inniger auch 
Am Grab — am einsamen Heidegrab — 
Und hüllen es ein 
In ein farbenes Kleid. 

Verdecken das Leid. 

Das unten ruht. — 

Und eine dunkle Heiderose, 

Vom Tbau benetzt. 

Wirlt lose, 

Blumige Blätter 
Auf stillen Hügel 
l'nd glitzernde Blüten 
Mit tauenden Thränen 
Einen sich krankem, fahlem Laub, 

Im vereinten Leid, 

Und heil'ger Friede 
Umweht das einsame Grab. — 

Nicht duftende Blumengewinde, 

Nicht prunkende Immortellen, 

Fluchende Thränen 
Aus unwahren Herzen. — 

Nein, im späten Abendwind 
Legt betend die Hand 
Auf ein einsames Bett 
Natur — ihrem toten Kind! 

Geilenkirchen ^Westfalen). Uhlmaua-Biaterkeide 


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Allein. 

Langsam steigt über'» Wasser 
»Süsser Heuduft herauf. 

Blasser und immer blasser 
Leuchten die .Sterne auf. 

Hüde, verirrte Seelen 
Fliegen am Himmel umher, 

Funkelnd wie reine Juwelen 
»Schimmern die Tropfen im Meer. 

Meine zwei Kuder senk* ich 
»Still in das Wasser hinein 
Und der Heimat gedenk* ich 
Mutterseelenallein. 

Zürich. A. v. Sommerfeld 

Traum und Erwachen. 

Knuui schlies;* ich nachts die Augen zu. 

Setzt sich zu meinem Bett im Nu 
Ein wilder Königstiger. 

Prachtfarbig prangt sein glattes Fell, 

Die Augen glühen grausam grell. 

Mich sengt sein heisser Atem. 

Und während er die Zähne fletscht. 

Und mit der Brust die Brust mir quetscht, 
Hebt er die rechte Pranke; 

Ein einziger .Schlag nach meinem Haupt. 

So war’ mein Denken mir geraubt, 

Und ich war’ seine Beute. 

Da naht mit goldnem Flügelpaar 
Vom Fenster her ein Riesenaar, 

Er schwingt sich zu dem Tiger. 

Schtrfkrallig bat er ihn gepackt, 
t’nd Schnahelhieh auf Hielt zerhackt 
Das bunte Keil in Fetzen. 

Ein kurzer Kampf — er hat gesiegt! 
lin Frflhrut majestätisch fliegt 
Er aufwärts zu den Welken. 

Des Morgens Klammenschein umfängt 
Ihn hell, in seinen hangen bängt 
Der schlaffe Tigerleichnam. 

Berlin. Max Hofflmum. 

Eingesandte Neuerscheinungen. 

(Diu Besprechung erfolgt tliunliciist in Reihen* 
folge der Einsendungen.) 

Adolf Stöber, Gedichte. 2. Auflage. Strassburg. 

.1. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel). 1 Hfl.'i. 
Hermann Graebke. Plattdtttsche Gedichte. Berlin, 
Kommissions- Verlag von M. Driesner. 

Otto Julius Bierbaum. Moderner Musenalmanach 
auf das Jahr 185)3. München, Druck und Ver- 
lag von Dr. E. Albert ft Co.. Separat-! 'ontu. 
Hubert Müller. Gedichte. 2. vorbesserte Auf- 
lage der „Lieder eines nusgewanderten 
Kurmärkers:' Berlin. Verlag von Jul. Lieber. 
Maurice Reinhold von Stern. Mattgold (Neue 
Dichtungen). Zürich. Verlag von Stcrn’s 
.littemrischem Bulletin der Schweiz!' 18513. 
Dr. Friedr. Hegar. Sammlungen von Volksge- 
säügen lilr gemUchte Chöre. 2. Bd Zürich 
1892. Eingesandt vom Haupt-Depöt 1*. Pabst 
Leipzig. 


1 C. Ziegler, Dichter im deutschen Schulhause. Biele- 
leld, Verlag von A. Helmich's Buchhandlung. 
Das Land. Zeitschrift fiir die sozialen und volks- 
tümlichen Angelegenheiten auf dem Lande. 
Herausgeber : Heinrich Sobnrey. Verlag 

von Trowitzscb & Sohn in Berlin W. 1893. 
Nr. 1 und Nr. 2. 

Albert Giraud. Pierrot Lunaire. Deutsch von 
Otto Erich Hartlehen. 1893. Der 
Verlag deutscher Phantasten, Berlin. 

Viktor Hardung. Hermann Stegemann. Lieder 
zweier Freunde. Zürich, Verl. v. Juchli&Beck. 
Der Stein der Weisen, Illustrierte Halbmonats- 
schrift. Redigiert von A v. Schweiger- 
Lerchenfeld. 1891 2. Heft. A. Hartleben's 
Verlag in Wien. 

Georg Barthel Roth, Der deutsche Kaisergedanke. 
Ein ernstes Mahnwort an das deutsche Volk 
zum 27. Januar 1893. Kühler Verlags- 
Anstalt und Druckerei, A.-G. 

Alexander Engel. Das Buch der Eva. Dresden. 
Pierson. 1892. 

Wilhelm Ruland, Des Herzens Wellenschlag. Eine 
Kaisertochter. Leipzig, Ad.Lesimplcs’Verlag. 
Das nervöse Jahrhundert, Spiegelbilder von 
Gregor VII. Stolp 1892, Verlag von 
H. Hildcbrandt’s Buchhandlung. 

Helene Blum, Jeanne Mithene (Dichtung!. Berlin 
185)3. L. Oehmigke’s Verlag (R. Äppelins). 
Deutsches Dichterbuch aus Mähren, lleraus- 
gegeben von Paul Kirsch und Ottokar 
Stoklaska. Brünn, Verlag von R. M. Rohrar 
18513. 

Beurteilungen. 

Plattdütsche Gedichte von Hermann Graehbe. 
Berlin. i>8 S. Commissions-Verlag von 
M. Driesner, Klostcrstr. 72. 

Der Verfasser sagt in der ..Vörred“: „Det 
an de Geschichten vül nttosetten is, det wet 
ick. det hrukt mi kecn Reeensent to seggn 
| Sönnobends obend müsst immer en Gedicht 
lärig sin; un weil ick von Natur beten fühl 
bün. gtlng ick immer erst spät an de Arbeit, 
un to d’ Utstrieken nn Verhetem blew kecn 
Tied. Mi siUwst klimmt dit Bnk vör as cn 
Sclmpp. det keen Dischcr moakt hät. det von’n 
Tinmiennann tosamm’n haut un werer ansträken 
noch poliert is. 1 ' — Schon aus diesen beschei- 
denen Worten kann man ersehen, dass dem 
Dichter dieser harmlosen und derlten Schnurren 
und Gedichten ans dem kleinbürgerlichen und 
1 bäuerlichen Leben ein gesunder Humor zu Ge- 
bote steht, der ihn wohl befähigt, mit Glück 
einem Kritz Reuter in seinen ..Lauschen und 
Riemeis 1 ' nachzugehen. Die vierzehn, teils 
kürzeren teils längeren Geschichten, sind mit 
Behäbigkeit und echter urwüchsiger Fabulier- 
lust vorgetragen, und so bildet das Buch eine 
Fundgrube für jeden Recitator, der sich damit 
beschäftigen wollte, den niederdeutschen Land- 
bewohnern etwas Zuneigung zur Poesie beizu- 
bringen. indem er ihnen Fleisch von ihrem 
Fleische zeigt — übrigens eine Aufgabe, die des 
Scbweisses der Edlen wert wäre. 


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51 


Int«re*s«nt ist die Beobachtung, wie diese 
Volksdichter schon gewissermassen seit Urzeiten 
sich eines tüchtigen Natura lisnms Kefleissigten. 
ahne sich um die Schlagwarlc iic< litterarischen 
Marktes zu l>ekünimern. 

Berlin. Max Holtmann 

Richard Dehmel, Erlösungen. Stuttgart, G. J. 

Gösohen’sche Verlagsbuchhandlung. 

.Eine .Seelen Wandlung in Gedichten und 
Sprüchen" hat Richard Dehmel diese von der 
Verlagshandlung vorzüglich ausgestuttete Samm- 
lung seiner Gedichte genannt. Wer das Buch 
zum ersten Male und flüchtig in die Hand nimmt, 
mag den Dichter leicht der Originalitätssucht 
zeihen wollen. — mir selbst ist*s im ersten 
Augenblicke so gegangen. Aber Richard Dehmel 
ist. ein Mann, der ernst zu nehmen ist, wie 
wenige unserer modernen Poeten, und in der 
vorliegenden Sammlung findet sich verschwindend 
wenig, das nicht auch den strengsten Kunst- 
richter befriedigen würde. Folgen muss man 
ihm freilich vom ersten bis zum letzten Ge- 
dichte. Vor dem aufmerksamen mitemptindenden 
Leser steht das Bild einer Seele die mit starkem, 
gewaltigem Ringen zu der Klarheit sich «lurch- 
ringt .nur wer empfunden des Daseins Pein, 
kann sich erlösen, kann ewig '«ein!“ Ich kenne 
Dehmel nur als Dichter; als solcher ist er ein 
Charakter, wie ihn die moderne Zeit sich nicht 
zielbewusster nnd kraftatmender wünschen kann. 
Es würde den Raum eines längeren Essays 
beanspruchen, wollte ich dieser Seelen wand Inng 
in all’ ihren Phasen nachspüren, ich würde 
auch in die Pflichten des ernsten Lesers unbe- 
fugt dadurch eiligreifen. Wahrhaft erquickend 
aber war mir die mit „zweite Stufe: Liebe“ 
hezeichnete Abteilung «les Buches. Wer der- 
artig üherschriebene Teile moderner Gedichts- 
sammlungen häutiger liesst. muss oft das wüsteste 
Ausrasen wildester Erotik Uber sieh ergehen 
lassen. Und Dehmel? Sein Wort -Natur von 
ihrem rohen Drange erlöst der Liehe höhere 
Macht!“ bezeichnet e« selbst. 

Wie ernst es Dehnel mit seinen Lesern 
meint, bezeugt schon ein rein Attsserliches. Er 
wich von «lein Brauche, «lie Versa nf Äuge mir 
grossen Lettern zu bezeichnen, ah und lies* 
viele Stellen zur schnelleren Erfassung für den 
Leser gesperrt setzen. Wenn ich auch einige 
Wortbildungen, wie z. B. .die Grillen rispein“ 
als gewagt bezeichnen möchte, so zeigt doch 
der Dichter fast überall «las feinste Formgefühl, 
das in «len freien Rythmen den Leser «»ft ge- 
radezu liinreissen wir«l. wenn er sich entschlicsst. 
«lie Gedichte laut zu lesen. Ich wünsche «lern 
trefflichen Biu-ho einen re«*ht gr«»ssen Kreis 
ernster Leser. 

Br. F. 11 

P. K. Rosegger. Allerlei Menschliches. 2. Anfl. 

Wien, A. Hartleben’s Verlag 1893. 

Ein neues Buch von Rosegger ist für mich 
etwa das, was für andere Menschen der Hauch 
würziger, erfrischender Wnldluft ist, Roseggers 
ungezwungene Plaudereien, mag inan auch «»ft 


mit dem Dichter gar nicht übereinstimmen 
können, erquicken wie ein Trunk aus klarem 
Quell an heissen Sommertagen. Wenn des Tages 
| Last anflng, drückend zu werden, habe ich mich 
' wahrhaft an «lern vorliegenden Buch erfrischt, 
i ('her .allerlei Menschliches" plaudert Rosegger. 

I pocsie volle Lehensskizzen wechseln mit humor- 
j vollen Betrachtungen in bunter Reihenfolge ab. 
i In diesem Bande spricht Rosegger auch seine 
litterarischen Ansichten über manche Erschei- 
nungen «1er Gegenwart aus, er plaudert über 
die „Kreuzersonate* 1 , über Anzengrubers „viertes 
Gebot*, giebt ein offenes Schreiben an Henrik 
Ibsen ab und entwirft seine Meinung über die 
Zukunft «1er deutschen Litteratur. .Je grösser 
im Leben das Elend ist, desto mehr brauchen 
wir eine lebende, tröstende Dichtung“ sagt er 
in der zuletzt genannten Plauderei. Ein schönes 
Wort, aber «lagegen werden sich deutsche 
i Frauen und Männer wehren, «lass nicht -der 
1 Blaustrumpf «len Dichter in «lie Dachstube 
hinauf verdrängt: 1 Mit «lern Hinweise auf «las 
köstliche Dichterahenteuer „Der König soll herah- 
i kommen!“ möchte i«*h den neuen Roseggerband 
allen l^esern zum erfrischenden Genüsse empfehlen, 
j Br F. H. 

Briefkasten. 

NB. Für «lie Mitglieder «ler .litterarischen 
Gesellschaft Psychodrama ‘* liegt dieser Nr. eine 
verkleinerte Probe von Hermann Kiehne’s 
..Hausbuch deutscher Lyrik 1 * zur freundlichen 
j Beachtung hei. Die Schriftleitung. 

F. SU in H. Leider hat sich die Rücksendung i|«>n 
MamiHcripts noch immer verzögert; ich weiM timt- 
sächlich oft kein freies Stündchen zu finden. Bitte 
noch etwas Geduld. Uerzl. Gr uss* F. T. in H. In 
der nächsten Woche sc.lireilxt ich ausführlicher. 

P. B. in B. Ihre Ratschläge hatten mich sehr erfreut. 
Ja, ich werde neeh weit mehr abweisen müssen, als cs 
schon geschieht. Ich hin «ler Hoffnung, dass «las wirk* 
liehe Talent «feil dadurch nicht abschrcckcn lässt. — 
G. M. in M. Dass Sie meine Grundsätze bei der Zti- 
i aamnienatellung der Gedichte so hübsch herau.sgefunden 
I haben, hat mir viel Suass gemacht. Für ihre rührige 
I Werbung freundl. Dank M. S. in A. Ich hal»e laug«- 
j kein Lebenszeichen von Dir erhalten. Herzl.Gruss von 
I mir und den Meinen. — S. B. in St. Die bösen Druck- 
j fehler! Es wird besser werden, habe bisher «lie Korrek- 
turen «les Ganzen allein gelesen, jetzt aber Hilfe ge- 
funden. — T, W. in P. Haben .Sie schon gehört, dass 
eine Scbriftleitung es allen recht gemacht hat ' — 
L. F. in B. Eine l’inb-gung muss oft aus iiusscr liehen 
Gründen erfolgen, «lie man nicht immer bei der An- 
nahme eines Maunscripte« schon lierücksichtigen konnte. 

Zur Beachtung. 

Nr. "i der .N, I. Bl: 4 erscheint in vergrößertem 
Umfange und wird die fehlenden Abteilungen 
«lieser Nr. ausführlich enthalten. Wir bitten um 
weitere Angaben geeigneter Adressen zur Probe- 
sendung dieser Nr. Wir bitten auch um gütige 
Vermittelung von Inseraten in Bekanntenkreisen. 

1 Da Nr. 5 in sehr starker Auflage versandt wird. 

I «liirften dieselben von bestem Erfolge begleitet sein. 

Schluss der Redaktion am 20. Februar. 

Die Schriftleilang 
und der Verlag der „N. 1. Bl: 


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Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Die NeuerecheJttungen der »ehrifutellerndrti Mitglieder der „litterariachen Gesellschaft Psychodrama,“ werden 
einmal frei in der LiHeratnrtafel aufgenouunen. Im Wiederholungsfälle wird der Anzeigenpreis von SO Pfg. 
Wr die KlefnzHIr berechnet, welcher auch für Nichtmitglieder festgesetzt ist. Anzeigen sind an die Schrift* 

leitung m richten . ) 


ichard von Meerheimb- Nummer 

des „Hausbuchei deutscher Lyrik“ 

(Chefred. Herrn. Kiahne.i 


Zum ermäsaigten Preise von Mk. 0,40 postfrei bei 
Einsendung des Betrages zn beziehen durch die Schrift- 
leitang der „Neuen litter. Blätter.“ 


F ranziskus Hähnel. 

■m Elke. 

Ein psych od ramatisches Halliggemälde. 

8, Auf lue. — (Hk. 0,80 

Verlag vJ.KilbtmanQsBucbbandlg. (G. Winter), Bremen. 






Verlag von Wilhelm F riedr ich In Leipzig. 

Bcöoliition Her Cittrartnr. 

von Karl Bleibtreu. 

Dritte verbesserte Auflage. Preis broseh. Ji 1.50. 

Langst hat sich Einsichtigen die Überzeugung 
anfgedrängt, dass wir an einem neuen Wendepunkt 
der Litteratur angelangt sind, dass eine nene Sturm* 
und Drangperiode sich allgewaltig erhebt, au» welcher 
das Bleibende und Wahre uacb unklarer Gähru ng sich 
gestalten wird. So hat denn einer der Hauptvertreter 
der neuen Litteraturentwicklung den Versuch gewagt, 
schneidigen, uräcisen Ausdruck Ihr die Ziele und bis* 
herigeu Erfolge zu bieten. Man kennt Bleibtreu’s 
literarischen Scharfblick und wird daher nicht staunen, 
mit wie genialer Sicherheit hier alle Talmi-Grösscu 
der Reklame zerschmettert und so manche verkanntet» 
Verdienste zu Ehren gebracht werden. Die Broschüre, 
welche das grösste Aufsehen erregt, ist berufen, wie 
ein reinigendes Gewitter am litterariscben Himmel 
zn wirken. 


z 


ur Psychologie! 


der Zukunft 

von Karl Bleibtreu. 


Preis bronch. Mk. 4,-. 

In zwei grossen Abschnitten „Zur Psychologie 
der sozialen Umwälzung“ und „Zur Psychologie der 
Kriegskunst“ hat Bleihtrcu die zwei grossen Prägen 
der Zukunft: Die soziale Revolution und den Welt* 
krieg in allen Möglichkeiten beleuchtet. Gestutzt 
auf eine erstaunliche Fülle von wissenschaftlichem 
Material, hat er die Ergebnisse seiner Stadien aus 
seiner intuitiven Erkenntnis unter grossartiger» Ge- 
sichtspunkten zusamtnengefaKst. Es ist ein nochl*- 
deutendes Buch, das allgemeines Aufsehen erregen muss. 


Wilhelm Ruland. 

Des Heuens Wellenschlag. -.Die Kaiserstochter. 

Zwei Novellen. 

(Broschiert und in eleg. Leinte and-Binbaild. 

Verlag von Adolf Loaimplo, Leipzig. 

Wilhelm Ruland. 

Jtfefcr uni) 3>oppetaar. 

+• Heroldsrufe + 

il.iu deutschen Volke amt Meinem Herrscher gewidmet. 

Verlag von Hermtns Welssbeoh. Weimar. __ 



.Soeben ist im Verlage von „Stern's Litte- 
rariachem Bulletin der Schweiz“ in Zürich 
erschienen und dureli den Verlag, sowie durch 
alle Buchhandlungen zu beziehen : 


Neue Dichtungen 

von 

Maurice Reinhold von Stern. 

Preis: Broschirt Fr. 3.—, Originalband mit 
GoldschnittfFr. 4.50. 

Elegante Ausstattung. 

Die Freuude des Dichter» werden rieh durch das 
obige Buch angenehm überrascht finden, da es ihn von 
einer neuen Seite zeigt, nämlich von der episch-lyrischen. 


Ajj t&icfytC von %$$$$$ 

JI Hubert Müller. 

8. vermehrte Anflsze 

der I.ieder eines Ausgewanderten Kurmärkers 

Berlin. Verlag von J. Lieber. 


Inhalt: Gut* und keine Geister. S. i:>. — Ans der .litt. Gesellsch. Pnvch!' Sieg oder Tod Peveho- 
draina von Paullne HoiTmann von Wangenhelm. S. 4«. Une mtre antiromaln. Von Frida Schwab. S » 
Anna Mtachke. Von Karl Kraus. S. 4«. Gedichte von Max Geilster, Uhlmann-Blxterheide, A. v. Sommer- 
feld und Max HoiTmann. S. 40 n. .io — Nru.'rsi'lirinun^rii s. »0.— Beurteilungen, s 51 --Briefkasten s ■>! 
— Uttcratnrtafel und Anzeigen. S. 58 


Verantwortl. Schriftleiter: F ran*i *k tis H iti n el , Bremen. Druck von HomeyerdMryer. Bremen, Rntenhol. 




mul 


Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Herausgegeben von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhand uns (G. Winter), Bremen. 


I ,, Neuen litterarittrhen Blatter" erscheinen vorläufig monatlich und werden an die Mitglieder der 
..litter. tiesellsch. Psycli“ frei versandt Kur Nichtniitgtieder der Gesellschaft sind die ,,X. I Ml." durch den 
Verleger: J. Küh t mann m B ueh ha n d 1 un g (G. Winten in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Post nnsta (ten zn beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich Kiiizelnummeru 40 Pfg. Anzeigen werden mit 2« Pfg. 
fiir die gespaltene Kleinzeile berechnet. 

Nachdruck der psychodrauiatiarlicn IHelitnugeii nur unter iM-soinlcrer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge- 
stattet. Nachdruck des übrigen Teiles der ,,N. 1. Bl.“ unter Quellenangabe erwünscht. 


Stille nach dem Sturm. 

Wenn i. ] nlwr &ii*s|irerlie|( .oll, wns 
i.-li tleii IICMtsriiPii überhaupt. besonders 
•lpt 1 juit^pii Dichtern, geworden bin. «<• 
•hirf ii*lt mich u uhl ihrptt Hp f r*-i •* r nennen : 
•Ipiiii »ie sind .m um gewahr worden, «lains. 
wie t|pr Menseh von inupit heran* Iphen, 
•Irr klm*' lp i' von iuiipii litrn ns wirken 
müsse, itiilein er, pelierde er »ich wie er 
w ill, immer nur sein Individuum zu Tage 
liinlern wird .... . « 

. . . .Man halte sieh all* fortschreitende 
Leben und iiriifp sirli lad Oelegenlieiten: 
denn da hew eist sirh s im Augpulilir k ol> 
wir lebendig sind, und liei spaterer Ib- 
IraflitnUK. oh wir lebendig waren. 

Goethe, Nach ein Wnr* 

»j w fl jp Ihr junge Dichter. 

jjijjfclSor den Vergleich der Litteratur einer 
; ■! Zeit ‘mit dem Meere nicht ganz’nnpassend 

findet, wird hei einiger Beobachtung zu dein 
Schlosse gelungen, das* in unserer gegenwärtigen 
Litteratur scheinbar nach heftigen Stürmen, 
nach hochschlagenden Wellen augenblicklich ein 
Zeitpunkt der Ruhe eingetreten ist. Pic Wogen 
beginnen sich zu glätten. Per heftige Kampf 
der verschiedenen Richtungen, das Aufeinander- 
prallen von Alten und Jungen, das Ringen nach 
Klarheit und Wahrheit im Leben unserer Zeit. 


halten. Es treten ans der zahlreichen Reihe 
ihrer Vertreter gegenwärtig zwar nur wenige 
hervor, die ein grösseres Interesse Imi dem 
echten Littcratnrreundc erwecken und allge- 
meine Beachtung bei einem uuteilsfühigercm 
Publikum linden, aber es mehren sich doch von 
Jahr zu Jahr die ausübenden Jünger der Kunst, 
die unbekümmert um Anerkennung oder Nicht- 
achtung der Menge, kraftstolz und frei sich 
als Individuen zeigen, sich gehen, wie sic sind 
und eifrig sieh bemühen, ihr .Scherflein znr 
Herbeiführung einer glücklicheren Zeit zn liefern. 
Mag auch so mancher Name nur dem mit der 
Zeitströmnng Vertrauten bekannt sein, die Zu- 
kunft wird darüber richten, wie sehr mancher 
l’nbekannte lebendig im tioethc’sehen Sinne ge- 
wesen ist. wenn stolze Namen ans der gegen- 
wärtigen Litteratur längst gestrichen sind, weil 
ihr Klang weniger vom Sturmwind der Zeit als 
vom Wirbelwind der Mode empor getragen ward. 

Per Littcraturfrcnnd wird begeisterten 
Herzens das langsame Sinken des morschen 
Alten beobachten. Aus dem Meere sieht er 


die Sehnsucht, nns einer Welt von Engherzig- 
keiten und Vorurteilen sieh zu befreien. — alles 
das schlügt, je näher wir dem Ende des Jahr- 
hunderts entgegen gehen, weniger in wilden 
Wogen empor, als vor einigen Jahren und vor 
einem Jahrzehnt, l’nsere Litteratur hat gegen- 
wärtig ein nicht uneriptickliches Gepräge cr- 


stolze Kelsen eniporsteigen, an denen wut- 
schäumende M ellen vergeblich ihre letzte Kraft 
versuchen werden. Sic werden gebrochen, nnd 
bald wird älter das ruhiger rauschende .Meer 
die purpurne Strahlenglut der anfsteigenden 
Sonne sich ergiessen: der Sonne einer neuen Zeit. 

Br. F. H. 


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78 





sychodramenwelt.^ 


Aus der ..Litterarischen Gesellschaft 
Psychodrama:' 


Der erfreulichen Thätigkeit unserer Mit- 
glieder ist es zu danken, dass unsere Gesell- 
schaft sieh von Woche zu Woche vergrößert 
und die Mitgliedcrzahl 200 bereits überschritten 
hat. Auch die Freunde und Leser der .Neuen 
1. Bl.“ Italien in erfreulicher Weise an Zahl 
/.ugenoiumen. Wir bitten unsere Mitglieder 
auch ferner uns in unsern Bestrebungen flnrch 
W erbung neuer Mitglieder zu unterstützen und 
besonders hei geeigneten Gelegenheiten in der 
Tagespreise auf die Bestrebungen der (Jesell- 
schaft., die in und mit der Pflege des Psycbo- 
dramas das Interesse für unsere zeitgenössische 
Litteratur in den weitesten Kreisen wecken 
helfen will, aufmerksam zu machen. 

Der Vorstand 
d«r 

„litterarischen Gesellschaft Psychodrama.“ 


Zweigverein Berlin. 

Auch die lteiden Versammlungen im Mürz 
waren zahlreich liesuclit. Pie Versammlungen 
linden von jetzt ah regelmässig alle 14 Tage 
an einem Mittwoch im Restaurant Königshallen, 
Königfltr. 32 statt. In den nächsten Versamm- 
lungen werden folgende Vortrüge neben ver- 
schiedenen Rezitationen geboten werden : ..lohn 
Brinkmann" i Herr Schriftsteller Herrn. Jahnke), 
.Hubert Müller" (Herr Georg Müllen. .Pie 
Geige Jim*Lelien des Zigeuner»" (Herr Pr. Neu- 
sclioz de Jassy . Pie Zweigvereinssatzungen 
betinden'sich in Vorbereitung. Litteraturfrcnnde 
sind als* Gäste stets willkommen. 

Zweigverein Bremen. 

IVr .Bremer Courier“ lierichreir iilier ilie 
Versammlung desselben wie folg) : Der hiesige 
Zweigveitin der lilt.l iesellsi bnlt hielt, am letzten 
Freitag eine zahlreich besuchte erste Versamm- 
lung in der .l.’nion“ ah. Naehdem der Vor- 
sitzende. Herr Pr. Jaculii. die Gesellschaft in 
ansprcchemler Weise begrüsst hatte, wurden 
zunächst einige geschäftliche Angelegenheiten 
erledigt. I nter allgemeiner Zustimmung wurde 
den S»tzungen"der Gesellschaft für den hiesigen 
Zweigverein folgender Nachtrag zngefügt: .Per 
Zweigverein Bremen der l.itlerarischen Gesell- 
srlmtt . Paychodranitt' ist eine freie littenirische 
Vereinigung, die ihre Versammlungen in zwang- 
loser Keihenfolge ahhält Die geschäftliche 
Vorbereitung bleibt den bremischen Vorstands- 
mitgliedern der l.ittern risehen Ciesellsclmft .Psy- 
chodrama“, die sich nach Bedürfnis* eooptieren 
können, nach bestem Ermessen überlassen. Jeder 
Versammlung stellt Beschlnssfassnngsrceht für 


eine folgende Versammlung zn, doch sind nur 
die Mitglieder stimmberechtigt. Zur Deckung 
der I nkosten des Zweigvereins wird eine jähr- 
liehc l'mlage erhoben, die I nicht übersteigen 
darf.“ Nach Krledigung des geschäftlichen 
Teils trug Herr Franziskus Hiihnrl mit bekannter 
Gewand heit das Psychodrama .Kovai George“ 
ivon It. v Meerheimb) vor. woran siah die 
Bezitation des Psychodramas .An der Weiche* 
vom Vortragenden i anschloss. Ferner wurde 
die (stet i sehe Krziihlung .Half, verfasst von 
einem hiesigen, durch Prosaschriftcu bekannten 
Mitgliede der Gesellschaft, zum Vorträge ge- 
bracht. — Im lanife des Monats April bildet 
eine zweite Versammlung statt, in welcher Herr 
Henri Gartelmann iilier sein von der Kritik 
sehr' günstig anfgennuuncncs Werk .Dramatik* 
sprechen wird. Da zu dieser Versammlung eine 
grössere Anzahl von Einladungen ergehen w erden, 
und sich an den Vortrag eine Besprechung zur 
Klärung der gegnerischen Ansichten anschltessen 
w ird, so dürfte diese nächste Versammlung das 
Interesse weiterer litterariseher Kreise erregen. 
Ausserdem plant der hiesige Zweigverein für 
die nächste Zeit einen allgemeinen Volkaunter- 
baltungsabend. um das Verständnis für die 
Litteratur in die weitesten Kreise zn tragen. 
Schliesslich ist noeh die Berufung eines hervor- 
ragenden Dichters derGegenwart zur Darbietung 
seines neuesten Werkes in Aussicht genommen. 


Zweigverein Erfurt. 

Im Verein der Litterntnrfrennde rezitierte 
am 2t. März d. .1. unser geschätztes Mitglied 
Frau Höpfuer mit grossem Erfolge die Psycho- 
dramen .Tod oder Sieg“ und „Weihnacht“ von 
Pauline tfoflmann von Wangenlieim. 


Unser Preisausschreiben 

hat eine recht rege Beteiligung zu unserer 
Freiule veranlasst, ein Zeichen, «lass auch der 
ausübende Jüngerkreis der psychodrama tischen 
Muse im Wachsen begriffen ist. Es sind bis 
zum 1. Mürz untenstehende 27 Dichtungen zur 
Preisbewerbung eingelnufen. Pas Patin» giebt den 
Tag der Ankunft heim Geschäftsführer an. Pie 
Zahl der eingelaufenen Arl>eiten macht es un- 
möglich, schon wie geplant, in dieser Nummer 
den Spruch des Preisrichterkolleginms zu ver- 
öffentlichen. Trotz der Bestimmung 3 im „Preis- 
ausschreiben* war zwei Einsendungen ein ge- 
schlossener Brief beigefügt. Persolbe wurde 
jedoch vom Geschäftsführer ungelesen verbrannt, 
sodass derselbe nicht mehr anzugehen vermag, 
hei welchen Dichtungen dieses der Fall gewesen 
war. Sämtliche Dichtungen wurden am 1. Mürz 
abends an den Vorsitzenden und 1. Preisrichter 
der -litterarischen Gesellschaft“. Oberst Richard 
von Meerheimb, vom Geschäftsführer gesandt. 
Es waren folgende : 

1. Sirene, (t«. Xov. m>). 

2. Ans Mutterherz. (8. Dez. 1802). 

3 Gesühnt. (20. Dez 1892.J 


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4 Oer Kampf ist aus. (3. Jan. 1893.) 

3. Paganini-Phantasie. (4. Jan.i 
<(. Gefallen. (13. Jan.i 

7. Ein Winterbild. (38. Jan.i 

8. Lureley. (29. Jan.) 

9. Der Richter. (I. Febr.) 

10. Bürgermeister van der Werf. (fi. Kehr.) 

11. Oer Leibeigene. .14. Febr.) 

12. Judas. i22. Febr.) 

13. Die Magdeburger Bluthochzeit. .23, Fcbr.i 

14. RobertGuiskardvorKonstantinopel. 24 .Felir.i 

15. Die Tochter des Enterbten (25. Febr.) 

IG Im Hochgebirge. (23. Fcbr.i 

17. Gesühnt. (23. Febr i [Anderes Kennwort, 

18. Glück. (20. Febr.) wie Nr. 3.] 

10. Das goldene Kalb. i27 Febr.) 

20. Rolands Tod. (28. Febr.) 

21 Bekenntnis der Seherin. (28. Fclir. ) 

22. Nero'sTodauf den Trümmern Roms. 28 Febr. > 
88. York. . 28 , Febr.) 

24. Liebeskraft. (I. Mürz, morgens'. 

25. Der Genius, il M.irz. morgens». 

20. Sankt Julia, (I. März, morgens ) 

27. Schneewittchen. (1. Miirz, morgens). 

Der Vorstand 

4er 

„litterarlschen Gesellschaft Psychodrama" 


Psychodramatisches Echo. 

(Unter «li<*at*r Rubrik werden wir «lie Urteile liervor- 
ra^‘iifli;r Kritiker Über das Psychodrama bringen.) 

In der „Geschichte der deutschen Litteratur 
von Gütlies Tode bis zur Gegenwart“ von Paul 
H e i n z e und R u d o I f Götte wird über die 
psychodramatiache Dichtungform und ihren Be- 
gründer wie folgt geurteilt: 

„R. v. Meerhi'imb» Psychodramen sind Reden einer 
einzelnen Person, welche eine dramatisch bewegte, 
stetig fortschreitende Handlung begleiten, so »lass der 
Hörer ein klares und wirksames Bild des Vorganges 
erhalt ; cm wird «lies dadurch möglich, dass der Sprecher 
seihst im Mittelpunkte den vorliegenden Ereignisse» 
steht Mild somit dessen Haupt ihtsoii ist, Die Dich- 
tungen bewähren namentlich im Vortrage ihre pak- 
kende Kraft ; denn es liegt ihnen ein kerniger Realismus 
zu Ornnde; als besonders kraftvoll und anschaulich 
sind „Kleonatra hei Actium“ und das poetisch noch 
höher stehende Gedieht .Thusnelda* zu neunen. 

Man kann ihm (R. v. Meerlieimh> den Ruhm 

nicht schmälern, mit lebenskräftigen, erfreulichen Ge- 
bilden eine daseinsfahige, neue Gattung der drama- 
tischen Poesie begründet zu haben! 1 





*.Q 

®a® <ä®@® Aus der 

5 

itteratur der Gegenwart. 



Deutsche Lyrik. 

Es klingt balil wie der binweinende Ton 
einer Geige und bald wie Frühlingswind. der 
über dnrehsonnte Fluren streicht : wie das Jubeln 


einer Mutter, die ein geliebte» Kinil in den 
Schlaf singt und bald wie das glückliche Schluchzen 
junger, keimender Liebe — und alles zieht in 
diesen Tönen an dir vorüber: deine eigene Jugend, 
die verstaubte Sehnsucht deines Herzens stellt 
wieder auf und du erlebst einen neuen Frühling, 
wenn dein Haar auch schon grau ist und die 
Enttäuschung dich schon starr und alt gemacht 
hat l'nd das Alles Imt dir ein kleines, deutsches 
(iedicht angethan. 

In der deutschen Lyrik steckt dieser Zauber ; 
sic ist so tief wie das Leben lind so schön wie 
dns Ideal einsamer, grosser Menschen. Die 
ganze Gemütstiefe des deutschen Volkes liegt 
in ihr: geheime Gefühle, die Menschentmss in 
ihrer tiefsten Seele verbirgt, alle Wünsche und 
alle Sehnsucht des Herzens, die man sonst nicht 
in Worte fassen kann, weil sie auf den Lippen 
ersterben, aus Furcht nicht verstanden zu werden 
— hier findet man sic ausgedrtkkt. Wenn der 
Deutsche sonst abstrakt ist und anmntloa — 
hier ist er sinnlich wie die Leidenschaft, wie 
die Jugend und in seinen Strofen ist er an- 
mutig wie das Weib raftiniertester Cultur. 

Ich denke dabei an die echte deutsche 
Lyrik, aber leider gab und giebt es bei uns der 
Falschmünzer genug. Jedesmal kommt wieder 
diese Zeit, wo der falsche Schimmer einer lügne- 
rischen Rhetorik sich auf den Thron setzt und 
mit pathetischer, hohler Stimme Gefühle heuchelt, 
die sie nie empfunden nnd, weil sic keinen In- 
halt hat, einen Inhalt von den Parteien, vom 
falschen Nationalismusborgt fnddieser Rhetorik 
bleibt die Natur, das Menschenherz ein unge- 
kanntes und ungeahntes Reich, zu dem ihnen 
alle Pforten verschlossen sind. 

Brody. Hermann Menkes. 

Nachtgesang. 

Widmung: 

I.ass I»ir ein Lied zu Fussen legen, 
Das Hits der Seele, der schlnimnerlosen, 
Mir niedertrnufte, wie ein Kegen 
Von Mnienglöckclien nnd Grabesrosen ! 

O Menscbenhcrz, nicht auszudeuten’ 

0 Schwärmerei in stiller Nacht! 

In meiner Seele ist ein Lünten 
Weltferner Glocken aufgewacht. 

Den ernsten Tönen muss ich lauschen — 
Verständ' ich ihren Wundcrklang ! 

Es ist der eignen Seele Rauschen, 

Des eignen Herzens Trauersang. 

I'rnl was im Sturme der Gedanken 
Dahin durch meine Seele zieht. 

Dies holde Neigen — wilde Schwanken — 

0 könnt' ich's bannen je im Lied ! 

1 nd mit des Reimes Rosenhandcn 
Festketten, was sich Messend regt. 

Was, nie gedeutet, nie verstanden. 

Ein heiss erglühend Herz bewegt. 

Der Schönheit Priester möcht* ich werden. 
Der Schönheit, die unsterblich ist, 

Pie tlberm Staub und Schlamm der Erden 
Den Glanz des Himmels nie vergisst. — 


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Wer aber kann «las Herz entreissen 
|)e< Leben* en ger Hässlichkeit, 
l'nd wer «len reebten Weg mir weisen 
Aus «1er Gefühle Widerstreit'!’ 

Die Seele,” selbst sieb Oberlassen. 

Sie sucht unil sucht — nml tiiulet nicht. 
Was aus «lein Dunkel enger (lassen 
Sie führt zuwenig klarem Lieht. 

Bald Hass, halil Liebe, Zweifel. Sehnen 
Stürmt auf sie ein wie Wirbelwind 
Da steht sie zitternd, wie in Thrüncn 
Kin sclmldlns ansgescholtnes Kind. 

l'nd prüf ich mlelt"init“ernster Krage: 
„Wau ist es, das du sorgst und sinnst ? 
Verkümmert «leim die .lugend tage 
Dir nur ein leeres Hirngespinnst ? 

Was Sidl «lies feige Siebversenken 
In «ler Gefühle Wirlielflut, 

Das Oüliren — und «las wilde Denken 
An Tod und Grab — verströmend Blut . . .?" 

(I nein, es ruht mir hier tiefinnen : 

In Lieder strlimt’ ich gern es aus, 
l'm Hube. Krieden zu gewinnen - 
Doch fasst mich vor der Welt ein Grans. 
Die Menge hat noch nie verstanden. 

Was inyslis.b in «ler Seele webt, 

Die ans des Körpers engen Banden 
Mit wilder Lnsi zur Freiheit strebt. . 

Könnt' mich ein einzig Herz verstehen. 

Kin Herz vom gleichen, wilden Schlag. 
Durch «las ein gleiches Denken wehen, 
Mitfühlend Leben Hüten mag - — 

Brennt mir «lie Stirne dann im Fieber, 

Sie küsste sie mit leisem Hauch 

l'nd sprilehe; .Still! «In bist, mein Lieber, 

Kin Hitzkopf und ein Träumer auch! 

Du hassest wohl die Menschen heute. 

Di« schönheitsfremd, im Innern kalt 
Doch morgen wirft «lie Lebensfreude 
In ihre Keih'n dich mit Gewalt. 

Lass toben nur «len Sturm «ler Kräfte, 

Der neues Blühen rege macht. 

Kin Bormiuell frischer Lebenssäfte 
Sind auch die Thrüncn «lieber Nacht” 
Dresden. Felix Zimmermann. 


Quellwasser. 

En sprudelt, rieselt sonnenklar 
Empor so Instijr. unverfroren. 

Dass es uns seltsam dünkt fürwahr. 

Dass dies die Krdonnarht ifplwren. 

Man merkt es manchem Lied nicht an. 
Tönt es uns lustig hell entgegen. 

Dass der. der es ho fein ersann. 

Fast «ler Verzweiflung Nacht erlegen. 

Berlin. Wilhelm Becker. 


Wintertag. 

Kinsam-wintcrlir.be Stille 
Wallt herab, ein grauer Schleier. 

Von iles Himmels weiter Ode 
Auf die schluminermlen GcHlde. 

Durch «las hohe Fenster Sehweiten 
Meine Bücke, nml gelangen 
Hält sie eines Hiosonbanmcs 
Starre, längst entlaubte Krone. 

Schwarz und schaurig in «len Himmel 
Streckt «ler Baum die kohlen Aste, 

Die vor wenig kurzen Mumien 
Hohlen Schmucks sich noch erfreuten. 

Wie es süss und heimlich rauschte! 

Wie berauscht vom eignen Dufte 
Träumend schwankend tauseml Blüten 
In «ler blättenlunklen Krone! 

Doch es kam «ler Geist «les Tolles 
i'ber diese schöne Erile, 
l'nd die Farben siml verblieben, 
fnd die Düfte sind verflogen. 

Was geprangt in üpp'ger Fülle 
l'nd in lieblicher Gewandung, 
üagl in die verwaisten Lüfte 
Nackt nml tot in starren Formen. 

Durch die blätterlosen Aste 
Zieht ein Seufzen, klingt ein Stöhnen; 
Heulend jagen dran vorillier 
Wible kalte Winterschauer. 

Willi uml toilnalimlos vorüber 
Bauscht der Strom «ler Winterwinde. 
Achtet nicht, ob sie noch dauern, 

( »«ler ob sie längst vergangen. — 

Herz, was kann «lieh so bezwingen. 
Mitinträumen, initzuseufzen? 

Sahst du Welken und Vergeben 
Kinmnl schon im eignen Innern? 

Ach, wir allo. «lie wir leben. 

Wachsen, IdUh'n uml Früchte tragen. 
Müssen einst «lern .Schmuck entsagen 
l’nd «lein süssen Frühlingsglücke. 

l'iul wie hoch wir amh gewachsen. 
Kinmal kommen stille Tage. 

Da «lie farbenreiche Fülle 
Sinkt und «las Gerippe nachhleiht. 

Da wir gleich entlaubten Asten 
Kinsam ragen uml verlassen 
Lud «las Lelien langsam weiter 
Glimmt in uns tun zu verglimmen. 

Kalt und tcilnahmlos vorüber 
Hanseln an uns der Strom der Menschen. 
Ai litet nicht, ob wir noch «lauern. 

Oiler ob wir längst vergangen. — 

Hamborn. Otto Ernst. 


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81 


An Charon. 

Nun ist der Tag verschwommen 
I in Dämmorgrou der Nacht; 

Der Abend ist gekommen 

So still und sucht. 

l'nd nichts bub' ich vollendet. 

I n nt ich mich gemüht — 

.letzt ist es jach beendet. 

Verrauscht, verglüht. 

Mein Herz hat mich betrogen, 

I nd um mich ward es Nacht, 

Komm’ Fährmann, komm gezogen 
Bald ist» vollbracht! 

Zürich. W. Lüdegffcr. 

Morgenstimmen. 

Naht des Morgens Flammenbraut, 
Sprudelt frisch der I.ehen»|iiell ; 
Wachgeküsst wird wunderschncll 
Kill Gemisch von stimmen laut. 

Freie Lerchen, unsichtbar. 

Trillern weltfroh Lied auf Lied ; 

Aus dem Tannenforste zieht 
Bauschend auf ein stolzer Aar. 

Eidechs' raschelt dnreh das Moos. 

Ind die ilnnime Grille zirpt ; 

Drossel Hütet, lockt und wirbt ; 

Fliegen summen ruhelos. 

Neckisch raunt der Morgenwind. 

Schlüpft durch Zweige, zupft am Grass, 

I nd der Waldbach ohne Mass 
Schwatzt und plaudert wie ein Kind. 

EingehiUlt in Nebelflor 

Taucht die Stadt aus Dämmergrau : 

Andre Töne, dumpf und rauh. 

Dringen da zum Licht empor. 

i berni Häusermccr der Hauch 
Flattert hin und her wie Gischt; 

Aus dem Schlot der Essen zischt 
• Fahl des Feuergeistes Hauch. 

llammerschliige. fest und hart. 

Schallen von geübter Faust ; 

Eine Menschemvello braust. 

l'nd der Zug der Wagen knarrt. . . 

Mutig schlägt und jauchzt mein Herz, 
Eben noch vom Traum gewiegt, 
l’ml auch seine Stimme fliegt 
Mit den andern uonnenwHrts. 

Berlin. Max HofTmann. 

Sehnsucht. 

ln blaue Ferne schaut' ich stundenlang. 

Nicht achtend auf des Tages schnellen Gang. 

Das Licht, das leuchtend in der Weite lag 
Versinkt nun hinter dichtem Eichenhag. 


Mich stört die Stille nicht mul nicht das Grau. 
Ich suchte nicht des Himmels klares Blau; 

Ich suchte nicht der Sonne gold'nen Glanz 
l'nd nicht im Hag den duft'gen Uosenkranz; 

Nur das war Glück mir, dass so weit, so weil! 
Die Welt mir lag in meiner Einsamkeit. 

Mit dieser Welt, was hält’ ich doch zu tbnn. 
In der man hastet, ohne nur zu ruhn ? 

In der man strebt und doch kein Ziel sich setzt ? 
ln der inan lebt und stirbt, glücklos gehetzt? 

Nein, sehnend schau" ich in den Abendunst 
l'nd träume Eins als höchste Schicksalsgunst. 

Als meiner Seele sehnendstes Gefühl: 

Zu schlafen! ach zu schlafen! still und kühl. 
Ohlau. Anna Nttschke. 

Du liebst mich nicht. 

Du liebst mich nicht. — Wer könnte mich 
auch lieben. 

Den Hasserfüllten, Schmerzzerzausteu ! 

Ins Antlitz haben sich mir eingeschrieben 
Die wilden StUnne, die mein Hanpt umbrausteu. 

Doch du hist schön. — Ich kann von Dir nicht 
lassen : 

Ich muss mit Leih und Seele dich Itesitzen. 

Und magst du mich auch glühend — tödlich 
lausen : 

Ich liebe Augen, die im Zorne blitzen. 
Hannover. Fritz Stilkc. 

Aus ..apassionata". 

Es braust der liegen, es heult der Sturm. 
Schon dämmert die Abendstunde, 
ich blicke vom öden Felsenturm 
Hitlab in -die trostlose Kunde. 

Die Dohlen mit krächzendem Geschrei 
Flattern im Kreise schaurig. 

So flattern dem Herzen Bilder vorbei. 
Einsam, verloren und traurig. 

Strassburir 1. E. Anna Hassclbach. 

Abschied von der Sonne. 

Kotglüliendc Sonne, zum letzten Mal 
Seit' ich Dich sinken und sterben 
Heute noch geh’ ich mit all' meiner Qual. 
All* meinen Sorgen zu Scherben. 

Kotgoldig liegt cs auf jedem Blatt — 

Düster auf meinen Gedanken: 

Ich will die letzte, vergess'nc Statt 
Schleichendem Siechtum nicht danken. 

Bremen. Arnold Garde-Prien 

Zuruf. 

Klage nicht, dass trUb' k umzogen 
Deine Zukunft allerwegen: 

Nach dem Wetter, nach dem Regen 
Kommt der siebcnlarbne Bogen. 


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82 


Klage nicht, dass alle Wonne 
Dir versagt, zunichte werde: 

Nach dem Kegen grünt die Erde, 

Strahlt ja doppelt schön die Sonne. 

Klage nicht, dass immer wieder 
Leiden Deine Seele drücken: 

Nach dem Wetter voll Entzücken 
Singt das Vnglein Jubellieder. 

Klage nicht! es nützt zu klagen 
Nichts in diesem stumpfen Leben — 

Nur der Trotz kann Dich erheben. 

Dich ins Land der Sel'gon tragen! 

Wien. Stauf von der March. 

Mahnung. 

Lasst wilder die kreischenden Geigen erklingen. 
Das hebt mir den müllegehetzten Geist! 

O, lass dich in wonniger Freude umschlingen. 
Dann fliehet der Geier, der mich umkreist. 

Lass heute uns leben! Bald sterben die Stunden, 
Wie Bltitenschnce welket der Küsse Glut, 
t), lass meine müde Seele gesunden 
l'nd Bei mir von ganzem Herzen gut. 

Wir sehen uns morgen vielleicht nicht wieder. 
Ich weiss es, das ist so der Weltenlauf, 

Dann singt dir das Lelien andere Lieder 
l'nd andere spielt mir das Schicksal auf. 

Drum lass das Säumen, das ängstliche Fragen, 
Die Lästrer sind stumm und cs lächelt die Nacht, 
Komm, lass um die .Schulter den Mantel uns 
schlagen 

l'nd folgen dem Werben der Frühlingspracht! 
Hamburg. Emil Möbls. 

Federzeichnungen. 

ii. 

Mich Ireun die Professoren. 

Wenn sic in Fehde liegen 
l'nd mit des Wissens Wallen 
Einander sich bekriegen. 

Sie sammeln sich im Kreise 
Auf schwarzen und weissen Kossen. 
Statt Lanzen Gänsekiele, 

Von blauem Dunst umflossen. 

Wenn sie die Klepper wechseln, 

Systeme zu beweisen, 

Wird so ein deutsches Kampfspiel 
.Philosophie" geheissen. 

München. Heinrich von Reder. 

Verlarn. 

I. 

Wo so witt is de Strand un so grün dat Land, 

Wo in ewiger Melodee 

Dat Water op dat Land rupspütt, 

Von de deepe. unendliche See: 


i Dar hebbt wi immer as Kiuner spält. 

Ick un Marie, lütt' Deem, 

Verteilten ns wat von de grotc See, 

Von den Himmel, so wid un feem. 

Dar seeteu wie oft intte Schummerstund 
In keekeu de Wellen to. 

Wi Spälten, wie woll Kiuner dot. 

Am leewsteu Mann un Fro. 

— Ick keeiu op de Schul. „Min leewe Deem, 
Denkst du ok mal an mi t“ - 
Du säst mi nick«, du keekst mi an. 

I n dar verstunn ick di. 

II. 

De See is so still, et schummert de Nacht, 

Am Himmel glänzt al en Stecrn ; 

Du steist bi mi, an selber Stell, 

Wie eenst. min leewe Deem. 

Ick fat di au die witte Hand : 

„Weest noch, wi harn us geern?' 1 
Dar glänzt in diuen Og et op, 

So hell, as haben de Stecrn. 

Du weenst? Du wenust di af von wi? 

Ick wect, du bflst nich froh ; 

Ick weet, wat du nich seggeu magst, 

Diu Mttddcr woll et so. 

Dar kceui din Mann ; he is so god ; 

He ropt vergnügt us to. 

; — Ick ga httt Nacht noch weg von di, 

[ Et is am besten so. 

Noch alleus so still in deeper Kult! 

] Ick ga, will nie mehr di selm. 

Dar stuunst du am Finster, nickst trorig mi to, 
Noch cenrnal dar weer ick alleeu. 

Bremen. Johann Beyer. 


Die Freiheit der Kunst.*) 

Von Valentin Traudt. 

(KauMkwbng.) 

„Kunst und Natur sei eines nur*/ 

Die Kunst man müsste bei der gegen- 
wärtigen Zersplitterung sagen: die wahre 

, Knust : aber cs giebt keine falsche, es ist 
nur eine — ist gesetzlos und grenzenlos wie 
das ewige Meer. Überall ragt sie liinciu in das 
Lcbcu, erkennt und befrachtet es, bekennt sich 
zu und ringt mit ihm. Aber wie ohne die starre 
Festigkeit des Landes von einem Meere nicht 
geredet würde, so ohne die ausgeprägten, ge- 
wohnheitsmässigen Formen und Formeln nicht 
von einer Kunst. Von unserem konventionellen 
Lehen unterscheidet sich die Kunst, von einem 
Lehen nach dem Willen der Natur nicht. 
Davon bildet sie dann nur das Gegeuhild, das 
jedoch von Nebensachen und Zuliilligkeiten be- 
freit wurde. Unzerstörbar, unentweiht jung- 
fräulich ist die Kunst wie das ewige Meer, und 

•) In einer der imcbitcn Nummern wird einer 
miM*r«'r kcht hntr.tr 11 JlitarlM*itcr zur Äus»erunfr «einer 
gegenteiligen Anaielit tiltor dieses Thema da» Wort 
1 erhalten. Die Sdiriftlcitung. 


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83 


alle Ströme ries Lebens »minien m ihr. um von 
ila aus wieder in anderer Form zurüekgeleitet 
zu werden. Mer Inhalt der Kunst ist der Inhalt 
ries Lebens, gleich wert diesem. Die Kunst ist 
das Leben in seiner natürlichsten Freiheit und 
freiesten Natürlichkeit! 

Warum ist das Meer da ? Was soll es ? — 
,Ks trägt Schilfe, birgt Heringe u, s. — 
liecht so! Immer mit der Krämerelle des lie- 
schränktesten dammergehirns gemessen; immer 
nur erst an deu Magen und den Geldbeutel 
gedacht umt von ihnen aus alle Fragen beant- 
wortet! Indessen rauscht und wallt das Meer 
und wir sitzen wie die Kinder an seinen Ge- 
staden und siiiclen; das Leben wogt und pocht; 
und wir verstehen es nicht! — Warum haben 
wir die Kunst? — Was soll sie? — , Histo- 
risch genommen u. s. w;‘ — „Von psychologischem 
Standpunkt aus u. s w:‘ — Hecht so, ihr gründ- 
lichen Waschweiber' — — .Die Knust soll 
belehren:' — Ei. ei! — .Sie soll uns Uber 
das Alltagsleben hinwegheben'" Bravo, und 
doch enthaltet ihr sie dem Volk. — -Sie soll 
erheitern!' 1 — Ich werde sie künftig dem Kasperl- 
theater empfehlen. Die Kunst soll Knust sein, 
d. h. sie kann nichts anderes sein. Der Be- 
griff „Kunst“ macht so viele irre, weil er gleich- 
zeitig Auffassnngskraft und Darstellung*-. 
Wiedergabevcrniügen in sich vereint. Insofern 
rlas Maien etwas ist, was nicht alle künnen. 
ist es eine Kunst wie das Seillaufcn : insofern 
aber der Maler ein Schauer ist und aus seinen 
Werken das Leben mit all' seinen Bütseln 
spricht, ist er ein Künstler nach der ersten 
und notwendigsten Forderung, der Forderung, 
rlie ihn eigentlich zum Künstler macht, wie ja 
auch Leasing von Raphael sagt, dass er ein 
Maler gewesen wäre auch Wenn er ohne Arme 
zur Welt gekommen sei. Ohne Leben keine 
Kunst und ohne Knust kein Leben : denn Leben 
ist Kunst und Kunst ist Leben, freies, natür- 
liches, zwangloses Leben, rlas sich so giebt wie 
es ist und so auslebt, nie es seine Natur ver- 
langt. Von dem Standpunkte aus muss man 
alle Kunst als höchste l’otcuz, als uur gra- 
duellen Unterschied des Lebens beurteilen. Alles, 
was damit nichts gemein hat, verdient den 
Namen Kunst nicht. Eine Dampfmaschine zu 
bauen, ist keine Kunst ; Reiten, .Schwimmen, 
äeillaufeu sind keine Künste. 

Danach ist es auch selbstverständlich, dass 
es im Grunde genommen keinen Unterschied 
giebt zwischen Volks- und Kiuistdichtnng. lieben 
sich doch auch Dichter nicht selten die erdenk- 
lichste Mühe, den Volkston zu treffen. Dich- 
tung ist verdichtetes Leben, Leben in seiner 
schärfsten Charakteristik aufgefasst, und cs 
bleibt gleichgültig, ob es von einem Einzelnen 
oder von dem Volke (von vielen Einzelnen) ge- 
schaffen ist. Der Unterschied ist nur in ucn 
Darstellungsmitteln und die stehen für das 
Wesen der Kuust doch erst in zweiter Linie, 
wenngleich charakteristische Wiedergabe eben 
auch charakteristische Ansprägungsmittel ver- 
langt. 

Die Kunst soll wahr sein, und sie ist wahr, 


wenn sie Ausfluss des Leben* ist : die Kunst 
»oll das Schöne pflegen, das timt sic, wenn sie 
dem Leben treu bleibt; »ie soll belehren, wohlan, 
das geschieht, wenu sie in ihrem Spiegel das 
Leben dein Leben vorhält. Wo mau aber 
Schönes unterscheidet . redet mau auch von 
Hässlichem. Die Natur kennt dergleichen nicht, 
also darf auch die Kunst nicht einseitig ver- 
fahren, zudem die Darstellung des Hässlichen 
ja wiederum die Lust nach dem Schönen regt, 
das Schöne klarer hervortreten lässt, wodurch 
auch die conservativsten Schönheitsschwärmer 
zu ihrer Rechnung kommen. In der Kunst 
treten alle Strömungen des Lebens gepackter 
nud klarer hervor. Man redet auch von einer 
ewig unantastbaren Forderung, der Forderung : 
die Kunst soll erheben! Diese Aufgabe hat 
die Kunst, insofern „erheben" so viel wie „ver- 
stehen" heisst. Verstehen, auf Grund dessen 
falsche Lebensbahnen gemieden, rechte mit 
Eifer verfolgt werden können ' Es fragt sich 
dabei eben darum, ob derjenige, der sich nicht 
erhoben fühlt, das Leben recht versteht, die 
| Kunst recht begreift. Die Läuterung, die jede 
Kunst im Gefolge hat. ist die Erhebung! Es 
ist doch ein höheres Hinanklimmen, sagen zu 
können: ja, von dem, was hier gezeigt wird, 
bist du frei und kannst in reinere Bahnen lenken ' 
Nacht weckt Sehnsucht nach dem Lichte und 
wo Geist ist. da ist Freiheit. Das sittliche 
Gefühl wird bei einer Darstellung der Gemein- 
heit „revolutionieren" und erkennen, wie man 
der Gemeinheit entrinnt, was in Gemeinheit 
verstrickt. Die ideale Forderung erfüllt sich in 
dem Grade der Beanlagung des Lesers. Aller- 
dings müssen in dem einzelnen Kunstwerk, 
wenu nicht die Lösung selbst, so doch die Vor- 
aussetzungen und Riciitungsliuien gegeben sein. 

„Heiter sei die Kuust“ ist ein so oft nach- 
gebetetes Wort, ohne dass man daran gedacht, 
wie der Vater desselben es so herrlich wider- 
legt hat. Die Kunst ist frei wie die Woge 
lies Meeres, und jedem steht sein Urteil darüber 
zu, und dieses Urteil richtei. Allerdings ist 
unser offenes, freies, gesundes Urteil durch die 
mannigfachsten Einschränkungen gehemmt, wie 
unser Leben zw ischen Gesetzesparagraphen ver- 
dämmert. Der Absatz über die Einschränkung 
der Kuust iu der famosen lex Heinze. als 
modernster Förderer des Schmutzes, droht uns 
ja auch wieder ein Stück Lebens- und Kunst- 
kritik abzuschneiden. Kunst ist Kritik des 
Lebens ! 

Die Kunst muss sich nach dem Leben 
richten, kann aber auch, weil sic und insoweit 
sie das Leben erfasst hat und weil ihr die 
Bahnen und Irrwege langer Zeiträume Erfah- 
rungen zufilhren, au denen das Leben iu Ver- 
gessenheit vot überhastet, diesem Anstoss zu 
einer Änderung geben. Darin liegt ihr erzieh- 
liches Moment. Die Natur ist umsichtig nach 
allen Seiten und ihr meuschengeschaffener 
Gipfelpunkt, die Kunst, muss cs auch sein; 
aber eine bestimmte Absicht, einen ganz be- 
stimmten Zweck und Zielpunkt hat sie ebenso- 
I wenig wie jene. Kunst baut ihre Werke nicht 



84 


auf strengphilusophiaclie oder ethische Systeme 
und auch nicht aus ihnen, sondern stets auf 
und aus dem Leben und deshalb darf sie nimmer- 
mehr von solchen Gesichtspunkten aus beurteilt 
werden. Wenn die strenge Wissenschaft Sache 
der Schule ist, so giebt es auch eine Philosophie, 
welche dem Leben angehürt und die zwar mit 
formeller Evidenz es weniger genau nimmt, 
aber in die Gesetze des Lebens und der Welt 
oft tiefere Blicke thut und weitere Aussichten 
öffnet:* (Deutsche Vierteljahrsschrift, 1843, Heft 2, 
Seite 69.) 

Die Kunst ist Überall zu Haus, wo Lebe- 
wesen sich selbst und ihre Umgebung begreifen 
und das Bedürfnis haben, das Erkannte wieder- 
zugeben. Es bleibt sich gleich, oh das in einem 
einförmigen Gemurmel oder einem gestaltlosen 
Erdenkloss geschieht, lin Verhältnis zu dem 
geistigen .Standpunkt — wenn man so sageu 
darf — der betreffenden Menschen ist es dann 
ebenso Kunst wie die uns'rige im Verhältnis 
zu unserm Anschauung»- und Begriffsvermögen, 
und man könnte hiernach recht gut eine Glei- 
chung formulieren. Eine internationale Kunst 
kann es eigentlich nicht geben. Jede Kunst 
gedeiht nur da sicher und wetterfest, wo sie 
aus dem Leben entkeimt. Die meiste Neigung 
und Veranlagung zum Internationalismus hat 
die Musik, weil sie sich eines Ausdrncksmittels 
bedient, das allen Menschen, wenigstens aber 
benachbarten und annähernd gleicbgearteten i 
Völkern verständlich ist. Allein auch sic ist 
ein Kind des Lebens, und so vermag der Wilde 
hochentwickelte Musik nicht zu begreifen. Er 
versteht ihre Sprache nicht. Schluss folgt.) 

Litierarische Rundschau. 

Wi 1 d e u b r u c h s Schauspiel .Meister Bn l/.ei • 
wird in Wien auf der Bühne des ncuerstebcuden 
. Raimund-Theaters“ aufgeführt werden. Der 
Verfasser hat gestattet, dass sein Werk für Wien 
.lokalisiert" oder doch in österreichische Ver- 
hältnisse übertragen werde. 

Gerhard Hauptmanns Schauspiel .Die 
Weber“ wurde am 26. Februar mit grossem Er- 
folge im , Verein Freie Bühne* Berlin) aufge- 
führt. Die Darstellung im „Neuen Theater“ 
wird der Zensurbchördc hoffentlich bewiesen 
haben, wie wenig angebracht gerade bei diesem 
trefflichen Drama ihr Verbot war. 

Hermann Sudermanns ..Heimat" ist 
soeben auch im Buchhandel erschienen. 

Der Vorsitz der „Freien lit terarischen 
Gesellschaft“ zu Berlin ist von Karl Emil 
Franzos wieder uiedergelegt worden, vermutlich 
wegen eines Artikels über Wilhelm Jefseu im 
„Magazin für Litteratnr“, dem Organe der 
Gesellschaft. 


In Wien ist der Verein für deutsche 
Litteratur „Ostarrichi“ > Vorstand Herrn. CI. 
Koset, Richard Kraftei und W. A. Hammer) in 
sein zweites Vereinsjahr eingetreten. Als Organ 
iles Vereins erscheinen seit Januar d. J. die 
„Blätter für deutsche Dichtung:* 

Hermann v. Liugg hat einen Schwank 
vollendet, „John Spielmann“ betitelt, ln dem 
StiU k treten die Hauptgestalten der Sbake- 
spearischen Stücke und der grosse biitisclic 
Dichter selbst auf die Scene. John Spielmaun 
ist ein Deutscher, der — obgleich Hotjuwelier 
der Königin — als Erster das Kronenpapier 
in seiner Mulde bei Hartbort fabiizierto und 
auf diesem Kronenpapier für seinen Freund 
Shakespeare die erste Hamlet-Ausgabe druckeu 
liess. 

Am 18. März ging Emericli Madacbs 
dramatisches Gedicht „Die Tragödie des Men- 
schen" im Lessing-Theater zu Berlin zum ersten 
Male in Scene. Der sehr geteilte Beifall galt 
zum grossen Teile der vorzüglichen Ausstattung. 


Emile Zolas grosse Romanecrie, der 
„Rougon-Marcquart“, gelangt tunmehr zum Ab- 
schluss. Im Jahre 1870 veröffentlichte der 
Pariser „Siede" den ersten dieser Romane ..La 
Fortune des Ruugons* uiidgegenwärtigbeginut die 
„Revue Hebdomadaire“ mit der Publikation des 
2ü. und letzten Romans dieser Reihe: „Docteur 
Pascal:* Wir werden über das Buch seinerzeit 
berichten. 

Demnächst erscheint von unserm geschätzten 
Mitarbeiter Hugo C. Jüngst das erste Heit 
der Monatsschrift zur Förderung des Schrift- 
tums „Litteratur-Korrespoudeuz und kritische 
Rundschau" Wir empfehlen dieselbe besonders 
auch den Mitgliedern der „litter. Gesellschaft 
Psychodrama*' zu geneigter Beachtung, da die 
neue Monatsschrift der psychodramatischen 
Dichtungsform ebenfalls eine Pflege angedeiheu 
lassen wird. 

Von A. von Sommerfeld in Rum er- 
scheint demnächst ein Gedichtbuch „liloud und 
Schwarz“ (mit dem Portrait des Verfassers). 


Von ungern Mitarbeitern Wilhelm Ruland 
und Laurenz Kiesgen erscheint Anfangs 
April im Verlage von Robert Clanssuer m 
Leipzig eine Gedichtsammlung „Himmel und 
Erde“, welche epische Gedichte und poetische 
Erzählungen erhält. 

Der bekannte deutsch- vaterländische Militär- 
schrift steiler M a x D i 1 1 r ich hat soeben in Berlin 
eine Wochenschrift „Der Soldat“ begründet. 

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85 


Entscheidung der Preis-Konkurrenz 
des .Universum'.' Infolge des iui August v J. 
von iler illustrierten Furailion-Zeitschrilt „Uni- 
versum'' veröffentlichten Preisnusschreibens für 
kurze Novellen sind 262 Bewerbungen aus 
Deutschland. Österreich, Russland. Amerika etc. 
eingegnngeu. Das Preisrichter-Kollegium, be- 
stehend aus den Herren Viktor Bitttbgen, Ludwig 
Ganghofer und Franz Koppel- Ellfeld. sowie der 
Redaktion der „Universum“, hat dahin ent- 
schieden, dass der erste Preis keiner der ciu- 
gegangeuen Arbeiten zuerkannt werden kann. 
Das Kollegium hat ferner beschlossen, den I. 
Preis in zwei gleiche Teile zu zerlegen und deu 
Betrag von je 300 Mark für zwei Arbeiten 
zwischen dem 11. und III. Preise cinzuschalten. 

Preisgekrönt sind demnach folgende No- 


vellen : 

1. „Der Menschenkenner" .... II. Preis Ji 400 

2. „Onkel Flitz" ,. 300 

3. ..Aus dem Leben eines Arztes „ 300 

4. ..Im Hochzeitshouse III. Preis .. 300 


Nach Öffnung der Couverts ergaben sich 
folgende Verfasser: 

..Der Menschenkenner“: (iertrud Frauke- 
Schi e v e I he i n. Güttingen. 

..Onkel Fritz": E. Krickeberg. Berlin. 

„Ans dem Lehen eines Arztes“: L. Mas sali en, 
Dresden. 

„Im Hochzeitshause“: E. Marburg. Wien. 

Im Verlage des Deutschen Verlags- 
hauses Bong ä Co. erschien soeben der 
neueste, eiten vollendete Roman Conrad 
Albertis, betitelt .Mode“. Albcrti sucht 
in diesem . in der Welt des Theaters und 
des verfeinerten Lebensgenusses spielenden 
Romane nachzuweisen, «lass die Mode nicht ein 
Kind des Zufalls und der Eitelkeit ist. sondern 
natürlichen Gesetzen des menschlichen Seelen- 
lebens entspringt und folgt. Alberti beweist 
das an der Geschichte der auf- und absteigenden 
Laufbahn eines jungen ehrgeizigen Künstlers. 

Karl Stauffers Nachlass, aus einer 
Anzahl Radierungen bestehend, wurde vom 
Musbe des Art* Decorutifs" in Genf an- 
gekauft. Es sind 23 Nummern, welche jetzt 
ausgestellt sind; darunter ein wohlgelnngenes 
Bildnis vom Kaiser Wilhelm I., von Menzel. 
Gustav Freytag, Gottfried Keller und Konrad 
Ferdinand Meyer. 

In der Zwickuuer Kn tsschulbiblio- 
thek hat man einen sehr wertvollen Fund ge- 
macht. nämlich ein von Hans Sachs seihst ge- 
schriebenes Generalregister seiner sämtlichen 
dichterischen Werke. Von den noch vorhande- 
nen 11 handschriftlichen Spruchbüchern des 
Dichters befinden sich ebenfalls nicht weniger 
als 6 im Besitze der Bibliothek. 

Zn Brünn hat sich eine „Freie littera- 
risebe Gesellschaft“ konstituiert, die auch 


ein Littcrnturblatt heraltszugeben beabsichtigt. 
Wirkliche Mitglieder können nur jüngere Schrift- 
steller werden (Jahresbeitrag 6 fl i. beitragende 
hingegen alle Poesie- und Littersturfrcundc 
Jahresbeitrag mindestens 3 fl). Hauptver- 
sammlung alljährlich im letzten Viertel des 
Kalenderjahres. — 

Aufruf. 

Nachdem vor wenigen Monaten auch Adolf 
Stöbers klaugreiche Säogcrharfe für immer 
verstummt ist. hat sich im Elsas* ein aus ein- 
heimischen und altdentschen Littcraturfrcuudcn 
zusammengesetztes Coinite gebildet, welches in 
Strassburg die Errichtung eines Denkmals 
zn ermöglichen bestrebt ist, das dem ehrenden 
Andenken des Dichter-DreigestirnsElirenfried. 
Anglist und Adolf Stöber geweiht sein soll. 
Es wird die Anlage eines monumentalen Brun- 
nens mit den Relief bildern der drei Poeten ge- 
plant. nnd einstweilen ist als Standort der 
„Kinderspielplatz" in Aussicht genommen. Die 
Comiteliste enthält die Namen hervorragender 
Vertreter der Regierungen und der Wissenschaft, 
sowie die der bekanntesten lebenden Schriftsteller 
der Wasgaulande. 

Da min sowohl von Elireufricd Stöber 
1 1779 — 18331 als auch von dessen beiden Söhnen 
Anglist 11808-1881) und Adolf (1810-1892) 
zur Zeit der französischen Herrschaft im Elsass 
für die Aufrechterhaltiiiig deutschen Wesens 
und deutscher Sitte in Wort und Schrift 
manche Lanze gebrochen und von dem Briider- 
paar auch nach 1870 keine Gelegenheit ver- 
säumt wurde, der grollenden Bewohnerschaft 
der neudcutschcn Südwestgaue Liebe und Ver- 
söhnung zu predigen, und da ferner die drei 
Dichter zu iiiisern bc-ten Lyrikern gerechnet 
werden dürfen, so ist anzunclimen. (lass man 
überall iui Reiche und ganz besonders iu den 
deutschen Schriftstellerkreiseu gern die Ge- 
legenheit benutzen wird, den Gefüllten der 
Verehrung und Dankbarkeit für diese wackeren 
und mannhaften Kämpfer durch die Beisteuer 
eines Selierfleins zu dem für das Denkmal be- 
stimmten Baufond sichtbaren Ausdruck zu ver- 
leihen ; auch die kleinste Gabe wird vom Comite 
mit Dank eutgegengeiiommcu. 

ln der Hoffnung, dass diese Zeilen der er- 
wünschte Erfolg nicht fehlen wird, erklärt sieh 
zur Annahme von Beitragseiiduiigen bereit. 

Christian Schmitt, 
Strassburg i. E. ISchildgnsse 7i 
ComftO-MltgMed. 

Eingesandte Neuerscheinungen. 

J)i*t Besprechung erfolgt Uiuiilichst iu Reihenfolge 
•1er Einsendungen.) 

Wilhelm Fischer, Zeitgedichte 1864 1889. Saar- 
brücken. Verlag von Gebr. Hofer 1893. 
Max Geissler. Ausfahrt Dichtungen. Dresden, 
Lcbmann'sche Verlagsbuchhandlung. 1893. 
eleg. geb. Mk. 2,50. 


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das* Uiu ein Ausruf der Freude und \\ ullust 
ist > mit dem alten Lodz verwandt i. ist im An- 
hang gleich jedem andern Fremdwort vermerkt, 
da. der Rezensent verbittet drh Ausdrücke wie 
Isteiz. su heisst ein Richter der Zigeuner - 
■rtettlu r< l W ' verdruckte 

scherzen und ähnlichen Poesien für das Haus 
zu verfallen. Mit einer knappen, anziehend 
geschriebenen Biographie der dcannc Mithone, 
einer Lehrerin, die sich tun ihre Genossinnen 
sehr verdient gemacht hat. wäre ihren \ cr- 
chrcrinnen gewiss mehr gedient gewesen. 

Auch werden Verse, wie die folgenden, in 
unserer Zeit kaum Auklang finden : 

,AVie ein selig frommes Amen 
Hat es sie bewegt, 

Als das Lehret in-Exanten 
Sie nun abgelegt.“ 

oder: 

„Ein Sträussclieu Irischer Rosen 
Kauft selbst der Kronprinz ein. 

Jeanne zieht es durch die Sinne : 

.Für wen wird dies wohl sein'»“ 

So kaum gedacht, da sieht sie 
IJeu Helden vor sich stehn, 

Hort wie im Trennt ihn sagen: 

.Für Sie, Fräulein Mithbne." 

Es soll damit der Dichterin keineswegs die 
Begabung ahgesproeheu werden. Einige Stellen 
iles Büchleins zeugen von einem besseren KSmieu ! 
Das Tadelnswerte liegt vornehmlich in der Wahl 
des Stoffes. Immerhin wird den Verehrerinnen 
der Jeanne Mitheue die Dichtung willkommen 
seiu. 

Hamburg. Emil Mobls. 

Richard Nordhausen, .loss Fritz der Land- 
streicher. Ein Sang aus den Bauern- 
kriegen. Leipzig, t'arl Jacobsen. 

Keine Frage, das vorliegende Werk — der 
Xante des Dichters begegnet mir liier meines 
Wissens zum ersten mal — ist eine schöne 
Talentprobe. Wenn mich nicht alles trügt, 
werden wir von Richard Nordhausen noch sehr 
annehmbare Leistungen zu erwarten hüben. 
Wer Müsse und Geduld genug hat, sich in die 
Schönheiten dieses zu 422 Seiten ausgesuonnenen. 
in den verschiedensten Rhythmen geschriebenen 
Gedichtes zu versenken, dem kann ich das Buch 
von ganzem Herzen empfehlen; er wird des 
Poetischen, wirklich Guten zur Genüge finden. 
Jlir persönlich ist die Durcharbeitung etwas 
schwer geworden. Endlose Schilderungen, die 
sich in ihren Gegenständen häufig wiederholen, 
auch zuweilen langatmige Reflexionen gelten 
dem Werk eine allzultcltagliclie, weder dem 
Stoff angemessene, noclt in unserer nervösen, 
hustenden Zeit dem Buch als Empfehlung ge- 
reichende Breite. Was den zu grossen Umfang 
der Dichtung noch mehr empfinden lässt, ist 
einmal die Verworrenheit in der Komposition 
und dann der Mangel an plastischer Darstellung. 
Ad 1.) Dor Titel bezeichnet das Gedicht ganz 
richtig als einen Sang ans den Bauernkriegen. 
Also nicht die Banornkrtcge seihst, das Werden. 
Wesen und der Verlauf dieser grossen Bewegung 


sind Gegenstand dieses Werkes, sondern e» ist 
eine rührende, novellistisch behandelte Herzens- 
geschichte, die sich zwischen jenen Ereignissen 
abspielt. Aller unsere Erzählung hebt sich viel 
zu wenig von ihrem historischen Hintergründe 
ab Spät erst treten die angesponnenen Fäden 
mit schwacher Deutlichkeit hervor. Fast bis 
gegen das Ende hin bleibt der Leser Uber 
Plan und Ziel des Ganzen vollständig 
im Dunkeln. Das lässt die Arbeit selbstver- 
ständlich zu keinem geschlossenen Eindruck 
kommen. Hatte aber der Dichter dennoch die 
Absicht, uns jene Zeit in künstlerischer Dar- 
stellung vor Angen zu führen, so ist ihm diese 
Aufgabe noch viel weniger gelungen: chronik- 
artige, fragmentarische Behandlung des Stoffes, 
ohne Vertiefung, ohne Erfassen und Beleuchten 
der Idee. Ad. 2.) Der Mangel an Charakteristik. 
Einige schwache Ansätze sind gemacht (Martin 
der Mönch. Klaus der Geiger, Jücklein Rohrbach, 
Doris Brettern, aber alles ist im Anfang stehen 
geblieben. Da ist keine Figur, die sich In voller 
lebenswahrer Plastik vor uns entfaltet — alles 
bleibt in einem kaum angedeuteten Flachrelief 
stecken. Beim Lesen der Keilen und Reflexionen 
muss man oft suchend die Zeilen zurUcksteigen, 
um die redende Persönlichkeit festznstellen. — 
Das sind allerdings schwere Vorwürfe gegen 
das Werk; sic richten sich aber nicht gegen 
die Dichtung an sich, sondern gegen die epische 
Dichtung. Sie richten sich auch nicht gegen 
den Dichter, der erst nach einem Felde sucht, 
auf dem seine Kräfte sich am schönsten be- 
thiitigen können. Ich mag nach Vorliegendem 
keilt präsumptives Urteil fällen: soviel aber ist 
gewiss : Richard Nordhausen ist ein vorzüglicher 
Lyriker. Er beherrscht die Sprache meisterhaft, 
licsitzt Tiefe und Natürlichkeit der Empfindung; 
'eine ästhetische DognVenreitöret sein soll. 
Die Bemerkung endlich, dass die ..Lobredner, 
die mit vollen Backen Lohesfanfaren“ bliesen, 
wie cs scheine „zuin Tempel ltinausgejagt 
worden seien“, weise ich als eine An- 
massung, für die der Ausdruck „l »ver- 
schämt“ noch viel zn milde ist, mit Ent- 
schiedenheit zurück. Emil Hauth. 

Briefkasten. 

E. M. in H. Über Deinen Brief habe ich mich 
nehr gefreut. BaM folgt Antwort. Herd. Grus». — 
W. B. in B. hast Psychodrama musste wegen Kaum 
mangels neitxt einer Reibe In* reit* gesetzter Gedichte 
aunfallen. K. G. in L. Das kommt «loch wohl han- 
tiger vor, das* mu h einer zweiten Prüfung erst Mängel 
entdeckt werden, die bei der ersten nicht nuftielen? 
— W. H. ui D Alle Einsendungen werden brieflich, 
bezw. durch Kurte iieantwortet. — L. M« in T. Lassen 
Sie doch die Neider toben; gegen Banausentum schützt 
Sie Ihr Streben und Ihre Standhaftigkeit. Nicht den 
Kopt hängen lassen. Vorwärts heisst die Losung. — 
W. K. in H. Krdl. Grnss' Brief erhalten? — Philo 
S»W. in N. Frdl. Gegengrnss auf diesem Wege, 
"ird Ihre Muse uicht auch bei mir Einkehr halten? 

Zur freund). Beachtung. Soeben traf die „Denk- 
schrift zur Gründung den Pension.sanstalt deutscher 
Journalisten und Schriftsteller* ein. Die Interessenten 
'!• \« 11 Mitgliedern der „litt. GescHach.“ erhalten 

uieselhe pustfrei vom HerausgelK>r der „X. 1. Bl * 
Näheres m N r . a der _N. 1. Bl - 

Bremen, J7. März ihm. Die Schriftleltunsr. 

Redaktionsschluss für Nr. 8 am 18. April. 



(lass l,a<ln ('in Ausruf der Freude und Wollust 
ist i mit dem alten [."da verwandt i. ist im An- 
hang gleich jedem andern Fremdwort vermerkt. 
Ja. der Rezensent verbittet sieh Ausdrücke wie 
Istetz. — so heisst ein Richter der Zigeuner — 
erheht sieh gegen das als „Putz" verdruckte 
Wort Petz, den er mit dem gleichfalls ver- 
druckten ..Istatz" statt Istetz a tont |iri\ 
reimen will. 

..Wenn wir aber so glücklich sind“, fahrt 
der Rezensent fort „Ober keine uns unverständ- 
lichen Worte stolpern zu müssen, dann ver- 
stehen wir den Antor noch lange nicht: - il)as 
trotzdem noch lange nicht als Antithese ist eine 
Phrase, die zweimal gelegen sein will, i Z. B.: 
„Wer vorgiebt. niitzustreben 
Kür Recht und Menschlichkeit. 

Her wird sn h wohl erheben 
Zum (leiste seiner Zeit. 

Doch nimmer, greifet mächtig 
Kr nicht das Pnrecht an. 

Meinl s ernst er: denn hellsichtig 
Ist oft nur halb gethani' 

Ich habe mich vergebens bemüht, das Fn- 
vristandliche in den hier angeführten Strophen 
herauszntinden. Was ich zu gutcrletzt doch 
heransgefunden habe ist, dass Herr K. B. gut 
tlmn würde, in der Folge das Rezensieren zu 
lassen, wenn er so — schwer von Begriffen ist. 
Krstannlirh ist. dass Herr Franzos in seine 
litterarischen Notizen Rezensionen aufnimmt, 
die stilistisch sowohl als logisch aus der Tertia 
zu stammen scheinen. Sollte etwa Herr K. B. 
noch Tertianer sein? Ibinn allerdings ist seine 
Beurteilung der Nenschotzschen „Zigeuner- 
sillmnettcn“, wenn auch in einer so anspruchs- 
vollen Zeitschrift, wie die des Herrn Franzos, 
begreiflich. Nicht, dass ich durch diese Zeilen die 
Rehabilitierung des rühmlich. - » bekannten Autors 
lieabsii htigte. dessen „Zigeunersilhouetten 1- vor 
etwa 10 Jahren erschienen sind und merwUrdiger- 
weise. nachdem sic bereits vor Jahren von den 
bedeutendsten Zeitungsorganen lobend hervorge- 
hoben wurden, heute erst in der Person des 
Herrn K. B. unerwartet einen Beurteiler ge- 
funden haben, wie wir ihn hier gekennzeichnet ; 
allein hier handelt es sich darum, gewisse Aus- 
wüchse der „modernen -- Kritik ins rechte J.iclit 
zu rücken. 

Berlin. Ferdinand Schreiber. 

In eigener Sache: 

Nachdem Herr Koehlii li in Nr. 1, 1K93, der 
„Monatshliitter -1 , Organ des Vereins „Breslauer 
1 lieh terschulc -1 , sein kritisches Gewissen über die 
„Neuen litt. Blätter“ entlastet hatte, beseliilltigt 
er sieh in einer, wie es scheint, durch Missver- 
ständnisse vcranlassten Krkliirung in Nr. 2, in 
-ehr liebenswürdiger Weise auch mit meiner 
Person, obwohl er sich eigentlich mit meiner 
Rezension der „Irdischen Bieder“ von Max 
Hoffman» (Nr. 3 der „N. I. Bl“) beschäftigen 
wollte. Auf die in erwähnter Erklärung ent- 
haltenen „Angriffen" habe ich zu bemerken: 

1. Ich habe Max Hoffmanns „Irdische Lieder" 
eine „moderne Thal“ genannt und gesagt 
dass darin „last jedes (ledieht neu und 


eigenartig, fortsebrittsbewuast und kraft- 
stolz" sei. Ich habe keine Frsaehe an 
diesen Ausdrücken etwas zu ändern. 

oli Herr Kochlich die „Irdischen Lieder“ 
für eine „moderne Timt" halt oder nicht, 
ist mir so riesig gleichgültig, als oh er mein 
Leibgericht, Frankfurter Leberwttrste, als 
„ungeniessbares Zeug" lietrachtete. Max 
Xorilau meint einmal (in seinen „Paradoxen“), 
dass zwei Menschen eher eine Vereinigung 
erzielen über den (ieschmaek dos Sauer- 
krauts, als über eine Weltanschauung. Zu- 
dem ist es gar nicht nötig. dass man darüber 
einig wird. 

2. Herr Kochlich nennt meine Rezension eine 
., Lobhudelei“, ja sogar einen „I'nfug". an 
dem der Autor . Iloffmann) völlig „unschul- 
dig" sei. 

Von einem einigermass n gebildeten 
Menschen verlangt man, dass er die Be- 
griffe, mit denen er operiert, auch versteht. 
Her Begriff Lobhudelei schlicsst jeden, auch 
den leisesten Tadel aus. Hass nun der in 
meiner Rezension nicht ausgeschlossen ist. 
hätte Herr Koehlieh selbst finden sollen, 
wenn anders er sieh zum Antikritiker be- 
rufen fühlte 

Her Ausdruck ..Fn fug" ist vollends eine 
l'nver — frorenheit. der die schärfste Zu- 
rückweisung gebührt. 

3. Wenn Herr Koehlieh eine „Riihmesvcr- 
sichcrung zwischen Freunden -1 vermutet, so 
will ich ilmi bemerken, dass ich den Dichter 
der „Irdischen Lieder" nur als Dichter, 
nicht als Privatmann kenne. 

4. Ich vertrete, im (iogensutz zu Herrn 

Koehlieh. die Ansicht, dass jede Kritik sub- 
jektiv sei lind sein müsse, wenn sic nicht 
eine ästhetische Dogmenreiterei sein soll. 
Die Bemerkung endlich, dass die „Lobredner, 
die mit vollen Backen Lohesfanfarcn“ bliesen, 
wie es scheine „zum Tempel liinausgojagt 
worden seien -1 , weise ich als eine An- 
massiing. für die der Ausdruck „Unver- 
schämt“ noch viel zu milde ist, mit Ent- 
schiedenheit zurück. Emil Hauth. 

Briefkasten. 

E. M. in H. Über Deinen Brief habe ich midi 
*dir gefreut. Bald folgt Antwort. Hersl. Grus*. — 
W. B. in B. Das Psychodrama mUMt* wegen Raum- 
mangel« liebst einer Reih» 1 bereits gesetzter Gedichte 
Ausfallen. K. G. in L. Das kommt doch wohl häu- 
tige r vor. «lass nach einer zweiten Prüfung erst Mängel 
entdeckt werden, die bei der ersten nicht auftlden? 
— W. H. in D Alle Einsendungen werden brieflich, 
liezw. durch Karte beantwortet.— L. M. in T. Lassen 
Sie «loch die N«*ider toben; geg«*n Banausentum schützt 
Sii* Ihr Streiken und Ihre Standhaft igkeit. Nicht «len 
Kopr hängen lassen. Vorwärts heisst die Losung. — 
W. K. in H. Frdl. Grtiw! Brief erhalten? - Philo 
vorn W. in N. Frdl. G«*g**ngruss auf «liesein Weg«*. 
Wird Ilm* Mus«* nicht auch bei mir Kinkehr halt«*n? 

Zur freundl. Beachtung. Soeben traf di«* „Denk- 
schrift zur Gründung «len IVnsionsanstalt deutscher 
Journalisten und Schriftsteller* ein. Die Interessenten 
unter den Mitgliedern der „litt. Gfscllsch.“ erhalt*’»» 
dieselbe postfrei vom Heninsgeber der „X. 1. Bl * 
Nöneres in Nr. 8 der „N. 1. Bl “ 

Bremen. 27 . März J8JW. Die Schrlftleltung. 

Redaktionsschluss für Nr. 8 am 18. April. 



W) 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Die Neuerscheinungen der schriftstellernden Mitglieder «Irr „litterimscbeu Gesellschaft PHyehodrama,“ werden 
«■inin.it frei in der Litteraturtafel anfgenomiucn. Im Wiederholungsfälle wird der Anzeigenpreis von 20 Pfg. 
I'rlr die Klciitzeile berechnet, welcher auch für Nichtmitglieder festgesetzt ist. Anzeigen sind an die Schrift* 

Icitung zu richten.) 



flickt^ t). 

Psychodramen. 


Verlag von Ph. Reclam-Leipzig. 

2 Bände, a Mk. 0,20. 



(Chef ml. Herrn. Klehne.i 

Zum cnniissigten Preise von Mk. o,4fl jiostfrei bei 
Einsendung des Betrages zu liezielien durch die Schrift - 
leitimg der „Neuen litfer. Blätter.“ (Nur fiir Mit- 
glieder der ,1. G. Pu.) 


— -= Novität! 


Sieben ist in Unterzeichnetem Verlag er- 
schienen «ml durch alle liuclihandlnngcn zu 
liezielien : 


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eines 3dmxirmers. 


Worte an die Zeitgenossen. 


Heran* tre^elien von 

Saurier Keinltwlil von Stern. 

Preis: 1 Mark. 

E. Piersons Verlag, Dresden u. Leipzig. 


F ranziskus H ähnel. 

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Ein psychodramatisehes Halliggerrsälde. 
3. Auflage. — (Mk. o.3o>. 

Verlag vJ-KühtmanDsBuchhandlg. (G.Winter), Bremen. 


Schriftsteller und Litteraturfreunde 


sollten es nicht versäumen, der 



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91 



„REFORM“ 

Zeitschri ft 

I) des Vereins für 
Lateinschrift, 

2) des algemeinen fer- 
eins für fereinfachte 
rechtschreibung. 

Per rechtschreibferein (er- 
langt 

Zuwendung der lateinsrlirift. 
grosbuohstaben mir für fnz- 
anfang und eigennniucn : 
er beteiligt 

ili überflüssigen rlennngs- 
bnebstaben, 

di konfonantenferdoppelung 
in einer und derfelhen rilbe, 
und 

gibt jedem laute den im zii- 
kinniuendeu bllchstaben. 

Obman lieiiler foreine: dr. 
Edw. Lohmeyer in Kassel. Ord. 
mitgl. erhalt, für 2 di 
ninnatisi lirilt Rcfnnn, zn be- 
stellen hei frl. Pauline Loh- 
meyer in Kassel, di anch 
lirnhenunimem und fereins- 
lirnspekte frei fertendet. 


Jllulfrafuntrit aus» allen •»rbielrn 
bra K>i|Tcn0. 


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Jfünffrr Jahrgang. 


läfirfttfstfrta 1200 


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Jafirlidt 24 tjcflr. 


Verlag von Wilhelm Kriedrirli. Leipzig. 


ill fls fnumtft dir Dcntrtlir lumlt 
non ftnilcr Uiiüiflm II. ? 

Zeitgemässe Anregungen. 


Verlag von J. Kühtmanns Buchhdlg. 
(Gustav Winter) in Bremen. 

Soeben erschien : 


Von 

—*£>4 Conrad Alberfti. , 

Preis brosch. JL 1,50. 

«Audi wo mau mit dem Vcrfau^r nicht einver* 
«fanden sein kann, u h* I»#* i Meinem iirriHlleii Füru orte 
zu Gunsten il»*r Neuhrlehung dpr Gotik, muss mau «len 
Knwt und die »-die l.f*idrn*diaft aner kennen, womit 
it weilte Aufgabe aN Wfßwpiirr für den Zeitgeschmack 
anfasst. Sciiip Philippika gegen das einseitige Kunst- 
gdehrtentum , sein»* Betonung der Xotliwemligkeit, 
Gemäldesammlungen und Museen nach den Grund- 
siitxen den Geschmacks anztilegcn und die Akademien 
ihre« Hochschulen -Gharakters zu entkleiden, dem 
Schrifttum dm unständige rnterstiilziiug mul wirk- 
samen Schutz von Stnatswegen zuzuweuden. «sowie 
die bestimmten Vorschläge, die er Oir die Hebung des 
Schnnspielwesens macht, empfehlen sich von seihst der 
Beachtung aller aufgeklärten Regierungen”. 

Allgem. Kunstchronik. 


Franziskus Hähnel. 

Clic brrmifdien Oiditrr unD Sdjrift- 
ItfUrr Der (6riu'itimu1. 

Eine litterarische Plauderei. 

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Inhalt: Stille mich üem Sturm. S. 77. — Aus der „litt. Gcsellsch. Psvelit 1 S. 7s. — l’nser Preis- 
ausschreiben. s. 7s. Psychodra malisches Echo. s. 79. DcnUchc Lyrik. Von Hermann Menkes S. 75*. — 

Gedichte von Felix Zimmermann. Wllh. Becker, Otto Ernst, W LudcgRcr. Max HofTmann, Anna Nitschke. 
Fritz Stilke. Arnold Garde-Prien. Stauf v. d. March. Heinrich v. Reder. Johann Beyer s. 79 Hi. Di«* 
Freiheit der Kunst. Von Valentin Traudt S s • Neuerscheinungen — Beurteilungen. — Zur Antikritik 
Ferd. Schreiber. Auch eine Kritik. S. *S. Emil Hauth In eigener Sache. S. hü. — Briefkasten. S. 89. — 
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I. Jahrgang. 


Bremen, den I. März 1893. 


Nr. 5 6. 


Ämisete 





Monatsblatt 
der 


Litterarischen Gesellschaft Psychodrama 

und 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 

Ilcrausgcgeben von Franziskus Hähne!. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (C. Winter), Bremen. 

1 1 1 rt f 1 1 n 1 1 1 * • • m 1 1 «.Ti itmni m « i rrixi otj n.» »t* » » nrin ♦ tixtiti rrt^Trv nnnn tTjrrr T 
Die ..Neuen litterarischen Blätter" erscheinen vorläufig monatlich und werden an die Mitglieder der 
„litter. (Jesellsch. Psyche frei versandt Für Nichtmitglirdrr der Oesellachaft sind die ,,N. I. III.'- durch den 
Verleger: J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter) in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Post anstatt« u zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich. Kinzelnummcru 40 Pfg. Anzeigen werden mit *0 Pfg. 
für die gespaltene Kleinzeile berechnet. 

Nachdruck der psyehodramatiselien Dichtungen nur unter besonderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge. 

Stattet. Nachdruck des übrigen Teiles der ,.N. L Bl." unter Quellenangabe erwünscht. 

• « ntrrt r« 1 1 1 1 m n r < • j * Lra ün»rmtini*i rn.ii-i • utt *» t» ••«»»*«•»•• i ♦ i ••»••• •»••«•• » 


Aus derZeit — für dieZeit. 

Weh dem Dichter, dt*r sich seinen Stoff 
lind die Behandlung tlcssclhen vom Publikum 
diktieren lässt. Ats»r well auelt dem, der 
vereint, dass seine Aufgabe ist, «ein Werk 
der allgemeinen Mensehennatur verstauil- 
lieh uml empfindbar ru maelten. Von dieser 
allgemeinen Metischeimalur kennen wir 
aber keinen unzweideutigeren Ausdruck, 
als die Stimme der Menschheit. 

Grillparzers Stinill. Werke, Bd. u. 

liruiu singt mul wacht und betet : 

.Mehr Liebt, o Oott. tneltr Licht 
lind kehrt der Friede wieder 
Dereinst naeh Kampf und Streit. 

Dann singt: .Des Lied der Lieder, 
Das war das Lied der Zeit! 

Arno Holz, Das Bueh der Zeit. 

le 

fls Gcrvinns seiner Zeit in der Vor- 
rede seiner Geschichte «ler deutschen 
* 3 / T poetischen Litteratur die Behauptung 
aussprach, tiie I’oesie sei in Deutschland mit 
Goethe als abgeschlossen zu betrachten, da war 
er geratle nicht mit grosser Sehergabe ausge- 
rüstet. Wenn er aber geahnt hätte, dass dieser 
Ausspraeh noch an der Wende des neunzehnten 
Jahrhunderts seine Nachbeter haben würde, er 
hatte ihn sicher nicht gethan. Ja. die Scharen 
der Gebildeten. — .gebildet" sind sie, man wage 
das mir nicht zu liezweifeln. wenn auch noch 
kein neuzeitliches Buch in ihrer Hand geruht 
hat, — sind ungezählte, die von einer Litteratur 
nach Goethes Tode wenig oder gar nichts wissen, 
l’ntl nun gar eine Litteratur der Gegenwart 


oder gar eine l’ocsie der Zeit, in der wir leben. 
Es ist in Deutschland eben noch nicht allgemein 
Sitte, einen Poeten als leitend zn betrachten, 
ehe nicht seine Todesanzeige veröffentlicht ward. 

Es braucht sich aber wahrlich niemand 
der gegenwärtigen Litteratur trotz all’ ihrer 
Kämpfe und Bewegungen zu schämen. Selbst 
das Epigonentum ist fast ganz überwunden, 
und doch haben wir mehr als je mit unseriu 
Altmeister Goethe denselltcn Ankergrund. Mehr 
als je hat Shelleys Wort: „Die Dichter sind 
die unltckanntcn Gesetzgeber der Welt" mit 
Blefbtren’s Ergänzung. ..weil sie die Propheten 
ihrer Zeit sind“, seine Bestätigung gefunden. 
Wenn auch derer nocli recht wenige sind, 
die bereitwillig den Worten ihrer Propheten 
ein aufmerksames Ohr leihen, wenn auch das 
ncutestainentliche Wort vom Propheten im Vater- 
land noch immer als Kegel mit wenigen Aus- 
nahmen gilt, im letzten Jahrzehnt ist doch auch 
manches anders und besser geworden. Das 
Inslebentretcn vieler litterarisclier Gesellschaften, 
tlie sich wie in München, Hamburg. Berlin etc. 
einer grossen Beteiligung erfreuen, die Pflege, 
die unsere zeitgenössische Litteratur von einem 
Teil der grösseren Tagesldättor seit einem Jahr- 
zehnt erfährt und andere Anzeichen mehr, deuten 
darauf hin. dass die Propheten unserer Zeit 
auch für ihre Zeit wirkten uml von ihrer Zeit 
mehr und mehr gehört werden. 


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54 


Pas berechtigt an der Wende zu einem | 
neuen Jahrhundert zu den schönsten Hoffnungen: 
denn die Bedeutung und die Fülle unserer zeitge- 
nössischen Litteratur wird in demselben Masse 
wachsen, als die Anteilnahme an dem gegen- 
wärtigen Schrifttum znniimnt, nicht nur zn- 
nimmt hei den Gebildeten, sondern heim ganzen 
Volke. Die Dichter und Schriftsteller der liegen- 
wart, vorausgesetzt, dass sie nicht gerade echte 
Verfallzcitler sind, reden ebenso eindringlich 
zum Bewohner der kleinen Hütte, wie zum Be- 
wohner des schönsten l’alastes. „Das Lied der 
Zeit“ bildet das Leitmotiv, das sieh durch die 
I’oesicen der tiegenwart zieht. Wer seine Zeit 
verstehen will, wer in seiner Zeit sich filr den 
Tngeskampf erhelren und klüftigen will, wer 
mitwirken will an der Hebung seines Volkes, 
wer Teil haben will an der Kraft, die das grosse 
Woltenberz durchpulst, wer hoffend und 
strebend der noch thnumhüllten Zukunft ein 
nach Schönheit und Wahrheit dürstendes Auge 
zuwenden mag. der lausche den Worten seiner 
Dichter, seiner Propheten, lausche den Gesängen 
aus der Zeit — für die Zeit. 

Dr. F. 11. 




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sychodramenwelt.0 

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i ■■ I ' 

Aus der „Litterarischen Gesellschaft 
Psychodrama;- 


Die Mitglieilerzahl hat besonders in letzter ■ 
Zeit erfreulich zugenommen un<l ist fast bis auf 
•J00 gestiegen. Von fler Veröffentlichung einer 
Mitgliederliste ward im Laufe des Vereinsjahres 
vorläufig Abstand genommen, «ln diesellte die 
im Laufe des Vcreinsjabres noch beitretentlen 
Mitglieder nicht aufnehmen kann. Ami. März 
ist der Schlusntag unseres diesjährigen Preis- j 
ansschreihens und in der nächsten Nr. werden 
die Titel der einzeln ufenen Dichtungen mit ihren 
Kenn werten veröffentlicht. 

Der Vorstand 
der 

„litterarischen Gesellschaft Psychodrama.“ 

Zweigverein Erfurt. 

Auf Anregung des hiesigen Zweigvereins 
wird der ..Verein der Litt erat urfreunde“ in 
Kürze einen zweiten Vortragsabend Uber die 
1 »sy chod ra ma t ische Dichtungsform veranstalten, 
an dem auch neuere Psychodramen zum Vor- 
trage kommen werden. 


Zweigverein Berlin. 

Am 18. Februar ward von einigen Mit- 
gliedern der ..litt, Qesellscb. Psychodrama * eine 
Versammlung der Berliner Mitglieder veran- 
staltet. Diese war trotz des ungünstigen Wetters 
sehr gut besucht und führte zur Gründung des 
Zweigvereins. Herr Ernst Kliemke eröffnet e 
die Versammlung mit einer längeren Hede über 
die modernen Litteratnrverhältnisse und über 
die Ziele unserer Gesellschaft. Herr Schrift- 
steller Hermann Jahnke (der Vorsitzende 
fies Deutschen Lohrer-Schriftstellerbundos. be- 
glückwünschte sodann mit warmen Worten die 
Gesellschaft zu ihren edlen Bestrebungen. Von 
den Gästen traten im Laufe des Abends acht 
•lein Zweig vereine als Mitglieder bei. Zum vor- 
läufigen Vorstande wurden die Heuen Krnsr 
Kliemke. fharlot len bürg, Pcstalozzistr. 30a. 
Wilhelm Beeker. SO. II*, Franzstr. 101V und 
Ferdinand Schreiber. Heiligegeiststr. 2*>l 
ernannt. Die näebstc Versammlung wird am 
Mittwoch, den 1. März stattfinden. Nähere Mit- 
teilungen geben bereit wiligst die genannten Her- 
ren. Dem neuen Zweigvereine ein lierzl.Glückanl ! 

An der Weiche. 

Psychodrama In freien Kythuieu von 
Franziskus Hiihncl. 

Mono, 

.ll. ill i.t ürc sieg. auch wenn 1 Mi iitussl erliegen ■ 
H. v. Meerhcimh. _ I >. ■ s hmniten Hckcnninissc:* 

iSchelnilsL'h uml gemütvoll.) 

Komm'. Alte, mit heran zum Fenster, 

Welch eine schöne Mond- uml Winternacht ! 
Ks glitzert ordentlich vom Bahndamm her. 

Als wenn dort Spnkemünnchen 
Ihr Wesen trieben. 

Die Sterne grüssen ! — Alte, schau. 

Dort fallt 'ne Schnuppe, just 

Auf nns'rc Wiese hinterm Bahndamm! 

Das Schneebett wird ihr sicherlich 
Nicht recht behagen, ist etwas kühl 
Für so ein feurig Ding, wie wenn 
Die glühiide Jugendbmst 
Auf eis’ge Menschenherzen trifft. — 

In unserin kleinen Wärterhäusehen, 

Fern von der Welt. 

Ist mir's so wohl, mein Trudchen, — 
tieft, Alte, Dir doch auch? 

So ein königlicher Weichensteller 
Pnd Bahnwart ausserdem, wie ich, 

Hat doch ein hohes Amt! 

Kinst freilich stand mein Sinnen 
Bis an die Sterne weit, — 

Das ist vorbei, der tiefe Drang 
Allein, auf diesem weltontfcrntcn Kaum 
Der Pflicht zu dienen, ist geblieben. 

Pnd dabei sind wir beide grau geworden : 

Bald heisst' s : Ablösung vor ! 

In meiner Hand ruht das Geschick 
Von ungezählten Seelen : 

Wo auf dem Damm die Schienen 
Auf Viertelstunde Wegs sich trennen 
Begegnen sich die cilgeschwinden Züge. 


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Ein falscher Weichendruck, — treulos 

l'er Pflicht, und rnhi« Trudehen 

Pas kennt Dein Alter nicht! 

Es liegt bei uns ini Blute, treu zu sein, — 
Du lächelst uh der stolzen .Sprache ? — ' 

Nun, ist denn unser Priedel nicht 
15c« eis genug? Der liebe Herzensjunwe. 
Heut - , Alte, kommt er frei. 

Hat treu zehn Jahre des Kaisers Bock 
betragen und mit grossem Bob? 

Willst Du noch mehr? — 

Du meinst, er käme morgen schon 

In aller Frühe V 

Ei, Alte, das war" möglich, 

Wenn er den Xachtzng nach der Kreisstadt — 

1 1 nun. das wird er auch, 

i Lebhaft.) 

Im nächsten Eilzug, der von 
Berlin vorübersanst, steckt Priedel: 

Er macht die Meilen dann 
Bis hier zu Fnss vor l'ngoduld. 

Schau, wie das uns re alten Knochen 
\ erjüngf. als hält ein Ölfischen Feuenvein 
Das Herz erquickt ' — 

Ich schwatz - und schwatz - . — ein Vierte] Zwölf ~ 
Slam hört man in den Drahten drnnssen 
• jesurr und Schwirren, 

Nach einem VicrtclsMindchcn 
Heisst*« an der Weiche steh’n. 

Damit der Zug ins Bechtsgeleise kommt 
tiich nur ein Schälchen heissen Theo 
I nd meinen warmen Mantel! 

Ei. Alte, singst, als wiir’s nicht Xacl t, 

" eckst ja die Leute und die Hühner! - 
Nun ja, hast recht, die Leute hören'« nicht 
Das Dorf ist fast ein Stündchen Weg« 

Entfc! nt! — Der Tlicc schmeckt gut 
Wird mir bekommen hei der Winterkülte. — 
.arum die Lampe denn an’s Fenster stellen'- 1 
’’ 111,1 D” «lern Znge leuchten V Findet 
Den \\ eg auf seinem .Schienenpfade 
Auch ohne Licht, — nun gar den Schirm 

Noch all, damit Ei Trndchen. 

Men Mütterchen, wie Du nn alles denkst 
Der Friedei könnt - , wenn er im Zuge süsse 
Ind dort nicht schlummert. Ansschau halten 
Nach nns, nach seinen beiden Alten ! 

Wenn auch die Wagenreihe 
Hier blitzgeschwind vorübe rsaust, 

Holl doch der Lamiie Schein ihn grüssen — 
Irann, ein trefflicher Oedanke! 

Ja. ja. die Mutterliebe, die versteht - *! 

(Eilfertig.) 

Poch nun den Mantel und die Kappe, — 

Die dicken Handschnh - , — so, - nun geh’ zur Ruh’, 
len muss ja noch die Strecke messen 

\Venn ich die Weiche eingestellt 

Willst wachen? .... Willst gar mit 5 
Nein, Wintermond und Schneckrystali 
Ist nichts für alte Mütterchen, geh - nur 
Zu Bett und träume süss vom Priedel 
Mich ruft die Pflicht! 

Noch sechs Minuten, es wird Zeit, 

Damit ich nicht im letzten Augenblick 
I»ie Weiche stelle! Oute Nacht! 


Pnrr. ist das kalt! Das alte Mondgesicht 
Da oben ist s gewohnt, gleichgültig 
In Frost und Hitze uns zu lächeln' 

Nun lache nur: mich freut s. hist mir 
Ein lieber Kamerad durch viele Jahre' 

Wie eisig ist der Weichcnhebol. 

Selbst durch die warme Hülle fühl' 

Id' s dringen! Doch d'ran. er muss zurück! 

Heh, was ist das. er lässt sich nicht 
Begieren? Ward überhaupt recht störrisch 
Muss demnächst «Früher doch berichten. 

Ich will dich zwingen, Oeselie! Wurf, «In 
musst ! . . . . 
ln stcia*'iidcr Errcanng.) 

Er will nicht, festgefroren und geklemmt — 

Noch einmal, ich rücke, was ich kann 

Mt wird es warm, zurück, — uff 

Es zieht mir in die Brust! 

Er muss.*! 

Jo irmsscr Angsl.) 

, '"dt. gieli mir Kraft, 

Olcirh naht der Zug und ist 
Die Weiche nicht zurück, trifft er 
Mit jenem Oüterzug zusammen! 

Hallop*) .... lupha Trude, 

Jruilc. hilf, hilf ! — -- Trude 

Pullop , meine Brust, — 

G'jphu ich kann, — — Trmle 

Schnell, den Best vom heissen Wasser! 

Irmle, sehnell ,|jc ifaeko' 

Schnell, schnell! — 

Oiess - auf die Weiehenwnrzel, 

Hack - tl'ranUos, _ - ich ziehe. — — 

Brav, hilf. — — er — muss . 

Es knarrt, — er muss. — hallop, — 

Schon braust der Zug von fern. 

Zu'ci Klammenatigen nahen. 

Er pfeift! — 

(In grösste«- Angst und mit letzter Kraft. i 

Noch einmal, hopha. — 

Ich kann nicht mehr! — Noch einmal, 

Es gilt «lern Friedei auch, — hallop — 

Stärker, stärker, das wihlo Ross, - 

Jetzt knackt - s, er kommt, — uff 
Gott sei gedankt! — Halt - mich, — 

1 (Schwach.) 

Tm Munde — Blut, mir 

Da winkt — mit — Taschentuch 
Der Fried el, — er sah uns noch, — 

Vorbei gerast! Halt mich — 

| Ich sinke — . meine Brust ! .... 

I Du arme — Trude, — kannst mich 

Allein — ins — Häuschen ziehen? 

(Ohnmächtig.) 

Dank, dank! — Trude, — Friedei — 

Qu te Nacht! 


,-ncÄadt Mna Mm z “ - 


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Psychodramatisches Echo. 

Unter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ratender Kritiker Über das Psychodrama bringen.) 

Prof. Dr. Fritz Schulze in Dresden 
legte in einem lungeren „Dankesinonotlrumn 4 * 
das Wesen der psychotlraimttisclien Dichtung in 
folgenden Worten dar: 

Ja, Hwh’nc Bühne ohne BUlinemirunk, 

Von Vorhang nichts und von Kulissenpracht. 
Selbst ohne Spieler — mul ein Drama doch. 
Gespielt auf der beweglichsten der Buhnen. 

Im Geisterraum der Menmheuplutntasie, 

Wo ohne Störung jeden Augenblick 
Die neue Scenerie entsteht, vergebt, 

Person und Handlung neu erscheint und schwindet, 
Und ohne äußerlichen Siiinnesaufwand 
Der innere sinn nur tiefer wird bewegt! — 

I)cr bekannte Litterntnr- Historiker und 
Ästhetiker Hermann Hettner schrieb seiner 
Zeit n. 

„Ja wohl, es ist eine neue Form, und /.war eine 
sehr fruchtbare, Iclwnerweckende. Die Fonn bedingt 
Kurze, feste Begrenzung, cpigrnmiiia tische Schärfe, 
klare Gruppierung, grossen Stil!* 



m 

M . 



Aus der ®as@®ä® 

itteratur der Gegenwart. 



Über das Dramatische 
in Richard Wagner s Tondichtungen. 


Von Johann Beyer. Bremen. 


Zehn Jahre sind seit ilem Tode Richard 
Wagner' s verflossen ! Trotz aller gehässigen 
ntul vernichtenden Kritik, welche seiner Zeit 
Wagners Werken baldige Vergessenheit oder 
höchstens noch eine maaikgeschichtliche He- 
deutung fflr die Zukunft prophezeite, wandelt 
jetzt die ganze schaltende musikalische Welt 
in den Halmen des -Meisters und erkennt seine 
Prinzipien als die allein richtigen an Von Jahr 
zu Jahr wächst die Zahl der Bewunderer und 
der begeisterten Verehrer des grossen Meisters, 
der es verstanden, die Herzen ans dem profanen 
Alltagsleben* in die liebten Regionen der unge- 
trübten Freude, in die himmlische Heimat der 
Kunst zu erheben, und das vermag wahrlich 
nur der Genius dessen schöpferische Kraft selbst 
im Göttlichen wurzelt. 

Was lange schon grosse Dichter und Denker 
erhofften, in den .Schöpfungen K. Wagners ist 
es zur vollendeten Thatsachc, zur schönsten 
Wirklichkeit geworden: aus der Oper erstand 
das .Musikdrama. 

Die dramatische Handlang ist der eigent- 
liche Zweck der Oper. Poesie. Musik und Deko- 
ration dienen diesem Zweck und verbinden sieh 
zu einer Kunst. Die Musik ist nicht mehr 
Zweck, sondern das Mittel, die Handlung zu 


unterstützen, sie ergreifender zu machen und 
dem unmittelbaren Verständnis näher zu bringen. 

Das sind in Kürze die Gedanken, die 
Wagner in seinen Schriften ansspricht; diese 
Grundsätze dienen ihm als Richtschnur für sein 
musikalisches Schaffen. Wie ernst es ihm um 
seine reformatorischen Ideen war, das hat er 
durch die That bewiesen: „Tannhänacr - und 
„Lohcngrin - entstanden und nahmen ihren 
Siegeslauf durch Deutschland und weiter durch 
ilie ganze gebildete Welt. Krhebcn sieh schon 
„Rienzi“ und .Der fliegende Holländer“ himmel- 
hoch über die Modewerke jener Zeit, so sind 
„Tannhäusor'und.Loheiigrin“ Kunstschöpfungen 
allerersten Ranges. Hier ist alles, was. wie in 
der alten Oper, den Verlauf, das Kort schreiten 
der Handlung und den natürlichen Gedankenfluss 
hemmt, verbannt. Das geschlossene Musikstück, 
die Arie mit ihrem Kl itterwerk, ihren Colora- 
turon und Trxtwiederliolnngcn. ist einer edlen 
Deklamation gewichen. Dramatisch wie musi- 
kalisch sind „Tannhäuser - und „ Lohcngrin " 
Kunstwerke von ewiger Schönheit, würdig, den 
| grössten Meisterwerken der Kunst an die Seile 
gestellt zu werden. 

Schon in diesen erste» Werken bedient sich 
Wagner eines Mittels zur Erreichung seines 
I dramatischen Zweckes, das in seinen späteren 
Schöpfungen immer mehr verwandt ist und im 
„Ring des Nibelungen - besonders charakteri- 
stische Gestalt afiiiiniiiit. es ist das sogenannte 
Leitmotiv. Dasselbe, ein kurzer musikalischer 
Satz, dient nicht nur zur Kennzeichnung ge- 
wisser Personen der Dichtung, sondern es charak- 
terisiert auch alle hervortretenden Momente, 
bestimmte Situationen der Handlung, Züge ans 
dem Seelenleben der Personen und Beziehungen 
derselben untereinander. Oft sind diese Motive 
Erinnerungsmotive und als solche von packender 
Wirkung So erklingt z. B. im „Loheng rin“, 
nachdem Elsa die verhängnisvolle Frage an 
Lohengrin gethan nnd damit alles Glück der 
beiden dahin ist, noch einmal sanft nnd leise 
die süsse Liebesweise : „Fühl' ich zu dir so süss 
mein Herz entbrennen - , und diese besagt mehr 
als jedes Wort. Dabei sind die Leitmotive nicht 
etwa das Produkt reiner Vorstandesarbeit, 
sondern die unmittelbare Inspiration des Genies 
nnd von vollendeter musikalischer Schönheit, 
wie z. B. das Siegfried- und Wälsnngenmotiv 
im „Ring des Nibelungen:’ 

Zum Drama sollte die Oper werden. Das 
war Wagners Bestreben. Ging er doeti darin 
so weit, dass er sogar den < 'hör aus dem Musik- 
drarna verbannen wollte, damit der dramatische 
Fortschritt keine .Störung erleide. In „Tristan 
und Isolde", dein eigentlichen Reformwerke 
Wagners, ist diese übertriebene theoretische 
Forderung auch streng dnrehgeführt ; glücklicher- 
weise aber wies das grosse musikalische Genie 
den einseitigen Theoretiker in die Bahnen der 
wahren Kunst zurück, ihm verdanken wir aus 
den späteren Werken das herrliche Quintett der 
.Meistersinger“, die lieblichen Gesänge der 
Rlieintöchter und die weihevollen (.'höre des 
„Parsifal“. 


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57 


JciIihIi iforailc ilie bewegte Aktion. <lic 
Wagner so ult betont, vermisst man in .Tristan 
und Isolde: 1 Die Handlung, welche sieh, wie 
Wagner sagt, .aus den Tiefen der inneren 
Seclenvorgiinge" entwickeln soll, ist nur Hfichtig 
skizziert und namentlich am Schluss des Werkes 
so kurz dargcstellt. dass die Klarheit über den 
Zusammenhang verloren geht. Statt drama- 
tischer Handlung linden sich nur ausgedehnte 
lyrische Svenen, welche die Gefühle und Em- 
|itindnngcn der Personen schildern. Diese sind 
aber von so wunderbarer Schönheit, dass der 
ergriffene Hörer sie dennoch nicht als ermüdende 
Längen empfindet, sondern im Genüsse schwelgt 
und den Genius bewundert, dessen Zaubcnnncht 
er sein ganzes Sinnen und Denken gern ge- 
fangen giebt. Zudem überwiegt in .Tristan 
und Isolde“ das musikalische Geuio des Meisters 
das dramatische hei weitem; hier gelaugte zum 
ersten Male der eigenartige musikdramatisclie 
Stil am reinsten zum Ausdruck : in beredten, 
ergreifenden Tönen schildert das Orchester wie 
eine gewaltige Symphonie in unendlichen Melo- 
dien die allgewaltige Macht der Liehe. Hier 
beweist Wagner, dass die Musik in Verbindung 
mit dem Wort eine grössere Wirkung hervor- 
ruft als das gesprochene Drama. *i Hin Seelcn- 
gcmähle, der .Iphigenie* Goethc's vergleichbar, 
ist das ganze Werk, als solches will es ver- 
standen werden. Der Mangel an äusserer Hand- 
lang ist der Hanptvorwurf, den die drama- 
turgische Kritik gegen Wagners .Tristan und 
Isolde* und die nachfolgenden Werke erhoben.**) 
Man zeiht Wagner der Inkonsequenz gegen 
seine eigenen ästhetischen Prinzipien, welche 
er besonders inbezug auf die Handlung für das 
Musikdrama aufstellt. Man bedenke aber, dass 
genial veranlagte Naturen instinktiv schaffen; 
sie folgen mit Naturnotwendigkeit den Ein- 
gebungen ihres Geistes ; sic vermögen es. ihren 
Ideen künstlerische Gestaltung zu verleihen, 
sind alter selten im Stande, sie in Gedanken 
zu fassen und logisch klar wieder zu gehen. 
Diese Eigentümlichkeit des Genies tritt be- 
sonders hei llieliard Wagner hervor. Ist denn 
alter die Handlung wirklich der eigentliche 
Zweck nnd die Hauptsache der dramatischen 
Dichtung? Gilt die schon 2000 Jahre alte Aristo- 
telische Definition des Dramas, als einer Dich- 
lungsart, welche Handlungen darstellt, noch 
für die Gegenwart? Nicht tlie Handlung an 
sich ist die Hauptsache in der dramatischen 
Dichtung, sondern in erster Linie sind es die 
t huraktere. Die Hand Inng hat mir den Zweck, 
i liaraktcre darzustellen. ***) l'nd gerade die 
t’liaraktere der Wagnerischen Dichtungen sind 
von der grössten dramatischen Wirkung. Aus- 
gehend von dem Gedanken, dass historische 

• - i Uber «I !«• Kraue, wie weit tlie Musik einen 
•1' Hiuatisrlit’ii Ausdrucks fähig, siehe Max Seha*ler: 
rbf-r dramatische Musik mul das Kunstwerk der Zu. 
kunft‘.‘ (Deutsche Zeit-und Streitfragen, herausgegeheu 
von Fr. von Holtzendorff.) 

••) Vgl. Bulthaupt 's ,, Dramaturgie der Oper!’ 

•*•.! Vgl Uartelmunn: ..Dramatik. Kritik de» 

Aristotelischen Systems und Begründung eines neuen:' 
(Berlin, 1892. S.’ Fischer.) 


f .Stoffe sieh für «las Musikdrama nicht eignen, 
i und angeregt durch das Studium der griechischen 
! Kunst, in welcher er das Ideal eines echten 
| Volkslebens erblickte, versenkte sich Wagner 
in die germanische Ursage und den Mythus. 
I Ans ihnen schuf er die herrlichen Gestalten 
seiner Dichtungen. Seine Frauencliaraktere : 
! Senta, Elisabeth, Elsa, Isolde. Eva, BrQnnhilde, 
Kundrv, gehören zu den schönsten, in denen 
die deutsche Dichtung das Ideal des deutschen 
Weibes verkörpert. Ül»er alle Wagnergestalten 
hervor ragt die lichte Heldengestalt des Sieg- 
fried, dem wohl keine andere Dichtung derselben 
Art zu vergleichen ist. Wohl bat auch ihn 
die Kritik nicht verschont. Er ist. wie 
er in der .Götterdämmerung" erscheint, kein 
; Hehl im dramatischen Sinne. Er fällt nicht 
als Held, sondern durch den Zaubertrank der 
Gutrune, der ihn alles vergessen lässt, selbst 
I das. was seine ganze Seele erfüllt, seine Liebe 
: zur göttlichen BrOnnhilde. Der Zaubertrank 
I ist jedoch, ähnlich dem Trank Brang&nena im 
1 .Tristan“, nur als ein Symbol aufzufassen; 
in Wirklichkeit fällt Siegfried durch seine eigene 
Schuld. l'ndramatisch vom Standpunkte des 
gesprochenen Dramas aus erscheinen auch die 
Götter im „Rheingold", besonders ihr oberster 
Herr, Wotan, der sich seihst den „ Unfreiesten 
aller" nennt.*) Wohl könnte man ihn den 
Hehlen des antiken Dramas vergleichen, welche 
im Kampfe mit einem gewaltigen Schicksale zu 
(»runde gehen. 

Wagner entnahm die Gestalten seiner 
Dichtungen der alten germanischen und nordi- 
schen Sage, behielt pietätvoll ihre charakteristi- 
schen Züge hei. und erscheinen sie manchmal 
undrama tisch, so entschädigt dafür die Musik, 
sie schildert, soweit sie überhaupt eines drama- 
tischen Ausdrucks fällig ist. die Gedanken und 
Empfindungen der handelnden Personen in echt 
dramatischer, unübertroffener Weise. So ist 
tt. a. der ganze erste Akt der „Walküre** ein 
musikdramatisches Meisterw erk von entzückender 
Schönheit. 

„Ich habe bei der Scene zwischen Sieg- 
mund und Sieglinden schwere Thränen ver- 
gossen. Das ist schön wie die Liebe, wie die 
Unendlichkeit, wie Erde und Himmel!“ 

So schreibt eine begeisterte Verehrerin des 
grossen Meisters, die Fürstin Candyne Witgen- 
stein. Ja schön, wahrhaft schön ist diese Scene, 
wie auch diejenige des 2. Aktes, in welcher 
die Walküre Siegmund den Tod verkündet, 
oder der 2. Akt des .Siegfried“, wo das ge- 
I hcimnisvollc Weben des Waldes in seinem 
eigenartigen Zauber gemalt wird. Reich sind 
die Tondichtungen Richard Wagners an solchen 
I Scenen.sie bewirken es, dass' WagnersSchöpfungen, 
aus denen ein hoher künstlerischer Emst spricht, 
nie der Vergessenheit anheimfallen werden; 
denn von ihnen gilt, wie von jeder wahren 
« Kunst, das Wort Goethes: 

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren. 

D a s Ec h t e b I e ibt der X n cli we 1 1 u n v e r 1 o re n. 

I •) Vgl. Bultlmupt: „Dranialnrgie der Oper: 


jOOglc 



Zur Aufführung von Gottfried Kellers 
,, Therese“ 

(20. Januar 1893). 

Um die Aufführung von Fragmenten int es 
eine eigene Sache: es sind Hypothesen — und 
die Schlüsse, welche daraus gezogen werden 
können, haben eben auch nur — hypothetische 
Bedeutung. 

Zwei Gründe kann icli mir denken — die 
auch vereint Zusammentreffen mögen — warum 
man überhaupt Fragmente auf die Bühne bringt; 
einmal um der hohen Bedeutung des Bruch- 
stückes selber w illen, das auch als solches seiner 
dramatischen Wirkung sicher ist — dnnn um 
dessen Willen, der cs geschaffen, aus Pietät 
gegen den Schöpfer. Bass der let ztere Grand die 
Aufführung von Gottfried Keller» Trnnerspielfrag- 
ment ..Therese'’ am Stadttheater in Zürich 
hauptsächlich veranlasst haben mag. braucht 
man nicht zu bezweifeln ; inwieweit jedoch die | 
Spekulation auf die Pietät der grossen Masse ; 
dem Dichter gegenüber eine richtige war, kann 
leicbtlich ermessen werden, wenn man weis», 
dass nach der zweimaligen Aufführung des 
Bruchstückes dasselbe von zuständiger Seite 
zurückgezogen wurde — wegen mangelnder 
Teilnahme des Publikums. 

Was die Zeit der Entstehung anlangt, so 
füllt die Konzeption des Stückes in den August 
des Jahre» 1849, als sich Keller damals in 
Heidelberg aufhiclt; die Abfassung der beiden 
hintcrlusscnen Akte erfolgte, nachdem, eine ge- 
plante Änderung fallen gelassen worden war, 
18öl in Berlin. Über 20 Jahre später (in den 
70er Jahren) scheint der Dichter an eine Vol- 
lendung der Arbeit gedacht zu haben, wenig- 
stens datieren aus dieser Zeit einige, neue 
Expnsibeinerkungen. Der ganzen Anlage nach 
darf man wohl annehmen, dass das beabsichtigte 
Stück auf drei Akte berechnet war; ein erster 
Akt ist nicht vorhanden, auch nicht in Ansätzen, l 
dagegen ein ,. vorletzter 1 und „letzter“ Akt. 

Der Beginn des vorletzten Aktes versetzt 
uns schon „in medias res“, kurz vor die Kata- 
strophe ; w as aber vorausgegangen ist, um die Vor- 
gänge in diesem und dem letzten Akte uns wahr- 
scheinlich und begreiflich erscheinen zu lassen, 
fehlt, wir entliehren der leitenden und führenden 
Entwicklung des Ganzen und cs bleibt der mehr 
oder minder geschickten, konstruktiven Phantasie 
des einzelnen überlassen, sich vorzustellen wie 
und warum alles so gekommen ist; doch ist 
dies einigermassen dadurch erleichtert, als die 
Bemerkungen des Dichters im Expose zu Hilfe 
genommen werden konnten, und dafür hatte 
man in richtiger Erkenntnis auf dem Theater- 
zettel gesorgt, überdies konnte sich, wer es 
sich angelegen sein Iicss, mit dem Fragmente 
geraume Zeit vorher bekannt machen, da es in 
dem Bande nachgelassener Schriften und Dich- ' 
tungen Gottfried Kellers (herausgegeben von Prof. 

J. Bächtold) Veröffentlichung gefunden butte. 

Dramatische Verwickelungen und Über- 
raschungen bietet „Therese“ nicht. Knrzgesagt 
ist cs eine „FamilicntragSdie“, in welcher Mutter 


I und Tochter in Konflikt kommen. Die Mutter 
! (Witwe), die trotz ihrer früheren Ehe noch 
. nicht in Wahrheit geliebt bat. entdeckt ihre 
leidenschaftliche Liebe zu dem Bräutigam ihres 
' Kindes, und diese Leidenschaft, die einer ver- 
nünftigen Erwägung nicht mehr Kaum gewähren 
kann, bringt sie zur gewaltsamen Lösung des 
Konfliktes, — sic sucht freiwillig den Tod. 

Was bei der Darstellung noch mehr bemerk- 
bar wurde als beim blossen Lesen, ist die stark 
monologisierende Behandlung, die vorwaltet. 
Immer ist es nur Therese, die Mutter, welche 
' unser Interesse nachhaltiger in Anspruch nimmt. 
Durch die tiefempfundene, in liochpoeti scher 
.Sprache gehaltene Kundgabe ihrer verzehrenden 
Leidenschaft ; ihr gegenüber gewinnen die 
anderen Personen nur die Bedeutung von nus- 
»cbmückendem Beiwerk : zudem illierw iegt noch 
in allem allzuviel das lyrische Element, um der 
dramatischen l'liarakterisierang den nötigen 
Platz zu verstauen. Dass durch dies alles der 
Dialog notwendigerweise leiden musste und fast 
zurücktritt, ist leicht einzusehen. Es kommt 
einem vor. als habe der Dichter all' sein dama- 
liges Können nur auf die einzige Lieblingsge- 
| stalt Therese verwandt und diese Bevorzugung 
| schien auch in der Biihnen-Darstellung deutlich 
: hervorzutreten. Während die Darstellerin der 
Therese (Fräulein Ilistowi. wenn sie auch 
| anfangs in Sprache und Gebärde sich über- 
nahm, Gelegenheit fand in richtiger verständnis- 
voller Auffassung ihrer Bolle, dieselbe mit edler 
Leidenschaft durchzuführen, war es dom Dar- 
steller des Bräutigams Kichard (Herrn Bohnfe) 
durch die Bolle selbst — wenn überhaupt ausser 
deijenigen Theresens von solchen gesprochen 
werden kann — zu schwer, wenn nicht unmög- 
lich gemacht, eine ansprechende Leistung zu 
bieten; die Bolle der Tochter Böschen (Früul. 
Hübsch) ist ihrerseits nicht bedeutend genug, 
um eine Schauspielerin genügend hervortreten 
zu lassen. Eine Scene doch möchte ich hervor- 
heben, welche einem nach der Schwüle des ersten 
Aktschlusses in die humorvoll-heitere Welt 
Keller’scher Gestalten versetzt — es ist die 
Anfangsscene des letzten Aktes, wo sich das 
alte Dienerpaar (Elisabeth und Jakob) gegen- 
einander ausspricht. Da sicht Gottfried Keller 
heraus und der Beifall, den die durch Frl. 
Brauny und Herrn Kurth trefflich dargestcllte 
.Scene fnnd, bewies, dass man Meister Gottfried 
erkannt hatte. 

Dass Keller seihst da» Fragment bei seinon 
Lebzeiten nicht auf die Bühne hätte kommen lassen, 
darf man füglich mit .Sicherheit annehmen : dass 
es nach seinem Tode aufgeführt wurde, müssen 
wir der Pietät gegen den Genius des Dichters 
willig einräumen. Ein neues Blatt brauchte 
seinem Huhmcskranzc nicht mehr eingefügt zu 
werden — der hat der Blätter übergenug. AVer 
Gottfried Keller liebt, wird auch seine Therese 
mit empfindender Liebe lesen und mag sich 
freuen, dass es mit dem Fragmente nicht ge- 
gangen ist, wie er selbst, in seinem Gedichte 
„Poetentod“ den sterbenden Dichter verlangen 
lässt : 



59 


„Werft jeden Wust verblichener Schrift ins Feuer. 
Der Staub der Werkstatt mag zu Grunde gch'n ' 
Im Keieh der Kunst, wo Kaum und Licht so teuer 
Soll nicht der Schutt dem Werk im Wege steli’n“ 
Zürich. l>r. YV. Holz». 

Abend. 

Wie schön! wenn durch die Tannen 
Der letzte Lichtstrahl fl i rrt 
Die Herde zieht von dannen. 

Eh' sic in Nacht verirrt. 

Die gold'nen Funken rannen 
Hemieder in das Moos. 

Nichts will die Schatten bannen, 

Sie steigen riesengross . , . 

.Nachtschauer ilbermanncn 
Die Träumerin am Hag: 

Wann kommt, und ach! tun wannen. 

Der Erde letzter Tag? 

Ohlau. Anna Xitscliki*. 

Am Abend. 

Ich gell' hinaus ins däiumerstille Feld; 

Frech fährt der Herbstnord Ober kahle Fluren: — 
Wo sind des Frühlings blütenfrohe Spuren ? 
Verweht — ein schöner Traum. 

Der Himmel schwarz uniwolkt, 

Doch tief im Osten ringt 

Des Mondes Licht mit schwarzen Wolkenmassen.— 

Wird cs siegen? 


Nun überflutet heller Vollmondschein 

Das wolkengraue Angesicht des Himmels 

Da stürzen grimmschnell schwere Hallen 
t’bor das scheue Licht. 


Nacht . . . ! tiefe, schwarze Nacht ! — 

Was ist der Sieg des Lichts? 

Ein Traum? — ein schöner Traum? 
Mioterahrin) bei Lahr i H. Emil llautli. 

Ich weiss es. 

Ich woiss cs, dass Du eine Andre liebst, 
l'nd dennoch lieb' ich Dich, den Einzig-Einen. 
Ich weiss cs. dass Du Hing und Kranz ihr giebst 
Und dennoch geh’ ich nicht, um still zu weinen. 

Ich Yveiss es, tiel im Schatten steh' ich dann, 
l'nd Uber Deinen Weg die Strahlen gleiten. 
Ich weiss es. Du bist glücklich. - Sage, kann 
Ein scliün’rcs Bild durch» Leben mich geleiten? 
Oldau. Anna Sitscbke. 

Unsere Liebe. 

Ein Stern, der hell in dunkler Nacht 
Ain Himmel aufgegangen. 

Ein BlUmlein, das der Lenz gebracht 
Mit Düften und mit Prangen. 


Ein Frührot. dein das Dunkel wich. 

Ein Jubelruf nach Klagen: 

Das ist die Lieb', die Du und ich 
In scl'gen Herzen tragen. 

Hannover. Kritz Stilkr. 

Darf ich Dir zürnen 

Dari ich Dir zürnen, Dich verdammen. 

Weil Du mein einzig Glück gerauht 
l'nd Yvic ein Traumbild nun zerrinnt, 

Woran icli hoffntingsfrota geglaubt ? 

Darf ich Dir zürnen, wenn Dein Wesen 
Sich jedes Menschenherz erscliliesst. 

Weil mild ein Schimmer keuscher Reinheit 
So zaubenniiehtig Dich nmfliesst? 

Darf icli Dir zürnen, wenn mein Leben 
Nun gleicht der düstern Wintersnacht, 

In der nur welke Blüten mahnen 
An sonncngold'ne Maienpracht? 

Wer ziirnt dem Lenze, dem die Knospen 
Buntfarbig öffnen sich im Thal, 

Weun unter seinem Flammenkusse 
Welkt eine Blüte todesfnhl? 

Berlin. Wilhelm Becker. 

Abschied. 

(An Anna). 

Meine Schläfe hämmert, cs glüht die Stirn. 
Und ich kann es und kann cs nicht fassen. 
Wie ein Fieberschauer durchrast cs mein Hirn : 
Du hast mich verlassen, verlassen. 

Noch denk' ich der Tage, wenn abends spät 
Vom Turnte erklangen die Glocken; 

Da ward mir Dein Name zum Nachtgebet. 

Und ich küsste im Traum Deine Locken. — 

Am Himmel verblutet das Abendrot. 

Und Unglück krächzen die Haben. 

Der Traum ist vorüber, das Glück ist tot. 

Nun will ich mein Glück begraben. — 

Und ich taum le hinaus mit glühender Stirn, 
Und icli kann es und kann es nicht fassen. 
Wie ein Fieberschauer durchbohrt es mein Hirn: 
Du hast mich verlassen, verlassen! 

KrauiiftHfcu (Mähren). Josef Sehini«l-HraiiiileN. 

Wenn Du es wüsstest. 

(i wüssten Du. wie hoch die Liebe trügt 
Empor ob Zeit und Raum zu Sonnenzelten. 
Wie sic als Frühling an das Herz sich legt 
Und Dir verschliesst viel tausend Zauberwelten : 
Du bliebest nicht so gleichgemut und kalt, 

Ein starrer Fels, an dem die Flut zerprallt, 
Du sänkst ans Herz mir. und mit sel’geiu Mund 
Du heiss mich küsstest. 

Du riefst nach Lieh’ ans tiefstem Seelengrund. 
; Wenn Du es wüsstest. 


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60 


0 wüstest Du. wie lief ific Liebe beugt 
Hinab ins wilde Meer Tun Schmerz und Qualen, 
So abgrundtief, wie nichts cs Dir bezeugt. 

Als wenn ihr Glück Dtt trankst zu sel'gen Malen: 
Du ständest kühl nicht, gleich dem Marmorbild, 
Durch Deine Seele zog' es heiss und wild. 

Dass Du die Hollenqual, die Hinunelslust 

Durchkosten müsstest 

Und liebclechzcnd tlügst an meine Rillst, 

Wenn Du es wüsstest. 

Cottbus. Ewald Müller. 

Sieg. 

Der Wein hat heut’ mich begeistert! 

Der Wein war zu vermessen ; 

Die Liebe, die sonst mir gebietet, 

Die Hess er ans Neid mich vergossen. 

Doch als er weckte mein Singen, 

Da ist ein’ Kos’ entsprungen, 

Und selig beim KUngcn der Gläser 
llab’ ich die Liebe besungen. 

Hamburg. Johannes Uläser, 

In memoriam. 

0 geize nicht mit Deiner Liebe. 

(iieb für die Brüder gern sie hin! 

Wer aus der Brust die Lieb’ vertriebe, 
Vertriebe seine Königin. 

Und kannst Du treue Hilfe bringen, 

Und lindern Deiner Brüder Not. 

.So wirkt auf Deiner Liebe Schwingen 
In Dir, o Mensch, der Weltallgott. 

Breuic«. Wilhelm Emauncl Backhaus. 

Weltfern. 

Kin winzges Inselchen blickt aus dem Meere, 
Ganz weltvergessen und noch unentweiht, 

Kin griincs Heiligtum der Einsamkeit, 

Ringsum verteidigt durch Korallcnspcere. 

Da murmeln Wogen früh und spät ihr Lied 
Und glucksen schläfrig in den bunten Grotten, 
Durch die der Wind bisweilen schnarchend zieht. 
Um ihre ew’gen Klagen zu verspotten. 

Da herrscht noch Irisch der Urzeit krält’ges Leben, 
Es kribbelt und es krabbelt an dem Strand : 
Insekten, die mit leisem Surren schwelten, 

Und Krustentiere, die an Steinen kielten. 

Und Schlinggewächs verschwend’risch ausge- 
spannt. 

Durch Fächerpalmen weht ein sanfter Hauch, 
Dass sic sich auf- und niederwiegen ; 
Schnecweissc, iluft’ge Blütenllocken fliegen, 

Bis sic im lauen Wellenbette liegen, 

Wenn sic nicht ling ein rauher Dornenstrauch. 

Doch durch die Büsche springt kein munt’res Tier, 
Kein Vogel llBtct in den schwanken Zweigen. 
Nur nied re Wesen, die verdammt zum Schweigen. 
Verbringen sehnsuchtslos ihr Dasein hier. 


Einst, mittags, wandelt ilber'n Ocean 
Der Sturm, in schwarzes Wolkcnkleid gehüllt. 
Die Sonne birgt sich scheu bei ihrem Nah’n 
Und überlässt ihm ganz den feuchten Plan, 

Wo er nach Herzenslust nun tobt und brüllt. 
Doch gegen Abend legt sieh seine Wut. 

Der Himmel ist wie rein gefegt. Die Sonne 
Schaut von dem Horizonte voller Wonne, 

Wie nun das müdgehetzte Meer sich ruht 
Nur kleine Wellen hupten noch und tanzen, 
Sorgloses Lehen zeigt sich wieder heiter, 

Da rudern Muscheln, saugen Wnrzclpflanzcn, 
Es kribbelt und es krabbelt lästig weiter. 

Von Wcllenhündcn wird herbeigotragen 
| Manch sonderbar Gerät: Ein Mast, ein Fass. 

: Kin Zcitungsblatt, ein Bild und dies und das. 
Wie es der Sturm mit roher Faust zerschlagen. 

Und langsam schwimmt nach diesem stillen Reiche 
! Von irgend einem jammervollen Wrack, 

Das auf dem Grund liegt — , eine Mädchenleiche. 

Kanin angckleidet ist sie, im Gezack 
Des Spitzenhemdes schimmern FrilhUngsbriiste, 
Das schöne Haupt umspritzt der Meeresschauui, 
Ein gold’ncs Kreuz glänzt auf der vollen Büste. 
Ist sie auch tot ? Sic scheint nur tief im Traum, 
Und lässig schaukeln Wogen sie zur Küste. 

Da ruht sie nun, derweil die Sonne sinkt 
Und schon der Abendtau im Grase blinkt. 

Seltsam Getier kriecht zapi>clnd sacht heia» 
Und hängt ans Fleisch sich, das so wundersam 
Noch nie in diese ferne Gegend kam, 

Und gierig saiigt’s, wo’s einen Platz gewann . . . 

Längst brach die Nacht herein. Es schläft 
der Friede 

Im Palmenwald. Das dunkelblaue Meer 
Lullt sich in Schlaf mit einem Wogenliede. 
Neugierig lugt der Mond aus Sternen her 
Und spielt mit seinen zarten Silbcrtingorn 
Im gold’nen Haar der marmorhlasscn Lady. 
Berlin. Max Hoffman». 

Um Mitternacht. 

I Zwölf dumpfe Schläge hallten durch die Nacht; 
Nun ist auch dieser Tag zu End’ gebracht. 

Die Lampe streut schon milder ihren Schein 
Und im Vergluten schläft das Feuer ein. 

Jetzt schlag’ auch ich den Folianten zu. 

Doch die Gedanken wollen nicht zur Kuh’. 

Was vor Jahrhunderten ein And'rer sann. 

Das hält gefesselt sie in seinem Bann .... 

Ulrich von Hutten ! Wie ein Adler kreist 
Hoch über mir Dein wortgegoss’ner Geist ; 

Du Feuerscele voll von Leidenschaft 
Wie brausest Du in nnveijährter Kraft. 

In dieser Stunde kamst Du näher mir, 

Dem ähnlich fiel sein Schioksalslos wie Dir. 

Dasselbe Land, das Dich einst barg als Gast, 
Es bot auch meinem irren Fusse Rast, 


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r.i 


Dieselben Berge, die Dir zngenickt. 

Sic haben mich mich gnädig angeblickt; 

•Mein Ohr dessellien Sooes Wellen lauscht, 

Die einst Dein grünes Inselreich nmrnnscht . . . — 

Doch Du warst stark, ein Kampfer froh im Streit — 
fnd ich bin matt nnd Ren’ ist mein Geleit. 

Dein Schwert war hart —doch meine Klinge brach 
Noch eh’ sie ansgeholt zum ersten Schlag. 

I lein Kampfruf klang hell wie ein Hifthorn ruft — 
Des Waffenlosen Schrei verschlang die Luft. 

In Deinen Worten lodert hcil’ger Brand, 

Den warfst Du siegreich in Dein deutsches Land. 

Dn warst Dein Herr! kein Knecht in fremder Haid, 
Dein war das Recht — mein aber ist die Schuld! 
Zürich. Wolfgang I.üdegger. 

Im Heidehaus. 

Die Nacht ist schwarz; die Nacht ist kalt; 

Der Nordwind fegt durch Feld und Heide; 

Die Birke träumt im Winterwald 
Vom Frühlingskleid aus grüner Seide. 

Das Büchlein grollt in Eises Bann : 

Der Falke klagt im Schnecgesl icbe 

Und — leis durchirrt vom Flockentriebe — 

ln stillem Zauber steht der Tann’. 

Das arme, stumme Heideland 

Griisst keines Sternleins milder Flimmer; 

Vom Hidzkncchthaus am Waldesrand 
Rinnt in den Schnee ein milder Schimmer. 

Dort zog das Glück vor Jahren ein; 

Vor Jahren ist das Glück gegangen . . . 

Heut’ hat die Schneenacht dicht verhangen 
Mit bleichem Tneh das Fensterlein. 

Am Herde knistert Fichtenreis. 

Das Feuer lacht, der Kienspan leuchtet 
Still in ein Antlitz, trüb' und greis, 

In sanfte Angen grainbefeuchtet. 

Dort spinnt. nmglUht vom Flannnenschcin, 

Hin mildes Weih durch lange Tage; 

Dort mahnt mit jedem Stundcnscnlagc 
Die alte Uhr: Schlaf ein! Schlaf ein!'* — 

Dorthin sucht nie die Lust den Pfad, 

Und Jahr um Jahre sind verstrichen — 

Als einst der Tod ins Zimmer trat. 

Ist auch der Gram hereingoschlichen. 

Hont' klagt der Wind um’s Heidehaiis, 

Heut’ flattern um das Dach die Rahen: 

Was sie geliebt, hat sie begraben. 

Nun malmt die Uhr: ,,Ruh’ aus! Ruh’ aus!" 

Wie oft sieh bnnt der Wald entlaubt. 

Eins hat vom Schicksal sie erbeten: 

Siih’ sie den Sohn, der totgeglanht. 

Nur einmal durch die Pforte treten. — 

So Jahr um Jahr, es eilt die Zeit; 

Die Alte harrt in ihrem Leide; 

Uiul durch die weite öde Heide 
Schleicht immer uur die Einsamkeit. 


Auch heut’ hört sie zur Mittornacht, 

Den Ruf der treuen Wanduhr schallen; 

Da klopft es an das Herz ihr sacht. 

Da lässt sie mild' den Faden fallen . . . 

Nun schlägt die Uhr den letzten Schlag . . . 
Und dranssen wobt auf raschem Flügel 
Der Sturm den stillen Totenhügel 
Ums armo Heidehans am Hag. 

Königs» alJ bei D.csilcu. Max Urisslcr 

Nachdruck verboten, 

Heimweh nach der Schweiz, 

ln Thrüncn hin ii h henf erwacht. 

Mir träumt, ich sah dein Bild. 

Traum schimmernd hat mich angclacht 
Ein Seegelände mild. — 

Da kehrt ein Hauch wie Kränterduft 
Still segnend bei mir ein; 
ü, Ahnung reiner Alpenluft, 

Erfüll’ die Seele mein! 

Weht nicht den Hecrdengioekcnlant 
Der Morgenwind mir zu? 

Lacht mir nicht drohen, süss nmblaut, 

Der Firnen cw’ge Rulf? 

Rauscht nicht wie ferner Wasserfall 
Ein Tönen an mein Ohr. 

So windverweht — ein Gross, ein Schall. 
Gedämpft durch Nebelflor ? 

Von fernen Gletsclicrzackcn haucht 
Schneekühl der Wind mich an; 

Die Thäler sind in Licht getaucht, 

Das von den Gipfeln rann. 

Da steigt zum Himmel moin Gebet 
In Traum und Morgenbrand: 

0 Geist, der in den Träumen webt — 

Gott schütz das Scbweizerland ! 

Zürich. Maurice von Stern. 

Unbekannter Dichter. 

! Ich hab Dieb nie gesehen, nie gekannt — 

Dein Name ward nicht einmal mir genannt! — 

An Deines einen Liedes Flügelschlag 
Hört' ich, dass eine Dichtcrsecle sprach! 

Ich sah. wie einer Göttin leichte Hand 
Dir grünen Lorbeer um die Stirne wand. 

War holprig auch der Takt nnd schlicht das Wort, 
Zog schlichter sich noch der Gedanke (ort. 

Jedoch der Seelenkuss der Harmonie 
Dnrchwob Dein Lied mit echter Poesie. — 

I« h hall’ Dich nie gesehen, nie gekannt — 

Dein Name ward nicht einmal mir genannt! — 

ä icllcicht ruhst längst Du in verscholl’ner Gruft, 
Vielleicht Dich rauh der Frohn des Alltags ruft. 

\ icllcicht, dass schon im Leben — öd’ttnd schmal — 
Dir längst erstarb das hehre Ideal. 

Wie dein auch sei! — Ich hab’ Dein Herz gehört, 
Ich hab'cslicb! - Bin Deiner Freundschaft wert !- 

An Deines eines Liedes Kliigelschlng 
Fühlt’ ich, dass eine Dichterseele sprach! — 
Haram (Westfalen). t hlmann-Bixterheide. 


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62 


Winter. 

Hie Sterne zittern ans {rostiger Höh', 

In ewiger Liebe vermSlilt. 

Still flüstert iler liliein wie ein altes Web. 

Wie rlic Ahne, ilic Märchen erzählt. 

Am Fensterglas mit zaubernder Hand 
Malt Wunderblumen der Frost. 

Her Mond umarmt das attfsi hauemile Land. 
Hin Stern sinkt nieder im Ost. 

Und ich denke der Liebe, der Liehe all. 

Pie du mir gegeben nllstund. 

Und des Glücks sanft perlender Tnntropfenlall 
Erfrischt meiner Seele Grund. 

So friedlich wird mir bei meinem Schau'n. 

Als hiltte kein Leid mich gequält; — 

Kann wieder dort oben den Sternen vcrtran'n, 
Wie ein Kind, dem inan Mitrehen erzählt. 

Min a.Rh. Georg Rarthct Kolli. 

Winterwonne. 

Ks leuchtet rings die verschneite Welt 
Im gleissenden Kirnengew.inde, 

Sie selling ein eisiger Nclielfrost 
In atembeklemmende Bande. 

Pie Auen flimmern und funkeln bell 
Von blendenden Eiskrystallen, 

Es lassen die Bäume im Lirhtesransch 
Viel Silberfunken fallen. 

Pas Schneefehl streift beim Sonnenschein 
Ein Hauch von matten Rosen, 

Es zuckt wie Lebcnsfunken jäh 
Pnrch die Fluren, die lebenslosen. 

Pie Häuser umschmeichelt das Sonnenlicht 
Mit goldenen Farbenfliiten. 
lind lässt das hoffende Menschenherz 
Mit Frühlingsträiimen dnrchglnten. 
Orosszschocher. Wilhelm Schindler. 

Maskenball. 

Iiie Masken erfüllen den glänzenden Saal. 

Hier ein Mönch. Port ein Ritter. Hier l’arzival. 

Ein Domino. Amor mit Flügeln von Gold. 

Pas jubelt und springt und lacht und tollt. 

Pa dreht sich ein Weih im rythntischen Takt 
In der Narrenkappe, die Brust halb nnckt. 

Das offene Haar wie ein Wirbelwind 
Fliegt nm die Schultern dem schönen Kind. 

Die Lippen leicht offen, zum Kuss geneigt. 

Der Brtiimnbnss stöhnt und die Fiedel geigt. 

Ich eile herzu und da stell’ ich erschreckt. 

Es hatte der Sehwarm mir die Kleidung verdeckt. 

Die hängt wie liei armen Weibern zumal 
In schlumpigen Fetzen, schmucklos und kahl. 

Und Elend paart sich mit holdem Genuss, 
Doch die Lippen spitzen sich lieblich zum Kuss. 


Und die Augen erglänzen wie wonniges Weh. 
Dass ich wortlos in ihre Tiefen seh’. 

Und die Narrenkappe mit Schellengeläut' 
Grösst nicht das Morgen, grösst nur das Heilt’. 

..Wer bist Du y 1 frag’ ich,, .und wie siehst Du ans?" 
Du scheinst in der ärmsten Gasse zn Hans!" 

„Ich hin das Leben!" spricht sic und schweigt. 
Jnhelnden Lautes die Fiedel geigt. 

li >m A v. Rommerfeld. 

Die Japanesin. 

>Skizzenblatt vom Maskenbälle.) 

Streifige, glänzende Seide umhüllt Dich, 
Tanzliohes. flutendes Leben erfüllt Dich. 
Neckisch und reizend umtütizelst Du mich, 
Schwebenden Schwünge« schwirrt durch die l.fitre 
Wedelnd Dein Fächer: auf schmiegsamer Hüfte 
Neigest und biegest und beugest Du Dich. 

Bist Du verschwunden im Strudel der Brandung? 
Nein, die japanische ziere Gewandung 
Soli' ich im Wirbel der Tanzenden wolil. 
Grause und gräuliche Zaekengestalten 
Schmücken des Scidenrooks wehende Falten 
Feuriger Drachen phantastisch Symbol. 

Wie wenn der Blitz durch die Wolke gebrochen. 
Hast Dn mit silberner Nadel durchstochen. 
Wulstig im Knoten, Dein pechschwarzes Haar. 
Ja, und in all' dem fremdländischen Plunder 
Tanzest Du vor mir und glaubst, nur ein Wunder 
Mache das süsse Geheimnis mir klar. 

Fräulein verrechneten da sich gewaltig! 

Denn so geschmeidig, so elfengestaltig 
Kann nur die Eine, die Kleine sich dreh'n. 
Was könnt' verbergen die wonnigen Glieder? 
Uber die protzende Kunst hab' ich wieder 
Leicht das Natürliche siegen geseh'n! 

Ach, und Dein Auge, das grnssglutighraune. 
Sprüht mir in toller, erglühender Laune 
Hinter dem Fächer wie blendendes Licht. 
Kneifst Du und zwinkerst Du auch mit dem einen. 
I’m recht japanisch-schlitzäugig zu scheinen 
Was die Natur gab. veränderst Pu nicht! 

Aber das Eine gesteh’ ich Dir. Kleine: 

Dass hier die Kunst mit Natur im Vereine 
Frisch liess erblühen verlockende Pracht. — 
Hätte nur wenige sel'ge Minuten 
Dort, wo die Gluten des Glühlichts nicht fluten. 
Mir Dein japanisches Möndchen gelacht! 
Dresden. Felix Zimtneruiann. 

Karneval an der Riviera. 

Fieudcntrunk 'ne Zeit des Lenzes! 

Wilde Lust auf allen Wangen' 

Weiche Lippen, glüh'mle Augen. 

D rin wildsehnendes Verlangen ! 


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63 


Bunte Maske»! Greller Flitter! 

Hei! Wie wogt's und wallt 's im Saale ! 
Heimlich Kosen! Süsses Girren! 

Karnevale . . . Karnevale . . . 

Und die (leigen schwirren schmeichelnd 
In des Tanzes Glutgetriebe. 

Und aus manchen heissen Augen 
Flammt ein Meer von Lust und Liehe . . . 

Und auf manchen Lippen zittert 
Frendenheissea Lust verlangen 
Und der Zauber der Gewährung 
Träumt auf weichen Mädchenwaugen. 

Leer uud leerer wird der Leigen; 

Horch ! Gesang und Spiel verstummen .... 
Aschermittwoch! Auseinander 
Stiebt die Schar der tollen Mummen. 

Weg die Larven! Traun, wie nahen 
•letzt Enttäuschung sich und Kkel! 

Auf gar manchen blassen Stirnen 
Steht ein ernstes Mene Tekel. 

Viele blasse Wesen wanken 
Heim vom lichtgelöschten Saale, 

Uud viel’ welke läppen lallen; 

Karnevale! Karnevale! 

Sau Iterao. Wilhelm Kulauil. 

Federzeichnungen. 

I. 

Die Blume, die am Wege blüht. 

Die sollst du nicht zertreten, 

Sie sieht so still dich bittend an, 

Wie arme Leute beten. 

Denn diese müssen zielin den Weg. 

Der rechts und links verjdankt ist, 

Weil durch die Gierde nach Besitz 
Der Reinsten Herz erkrankt ist. 

Den milden Heimatlosen Ireut 
Die Blilt' im Strassengraben. 

Um ihn auf seiner Wanderschaft 
Mit einem Gross zu Inbon. 

.Muuchctl. Ueinrich v. Itedcr. 

(Forts, in Nr. 7.) 

Nachdruck nur unter gaellcnangalic 
gestattet. 

Prolog 

rtlr die 

Berliner Pressfest-Aufführung 

am 28. Januar 1893, 

gesprochen von der Kgl. Hofschauspielerin 
Frau Anna Schramm. 

tDic .verschämte Woliltlniügkcit- — eine ein- 
fach gekleidete Frau — nicht zu jung — in 
schlichtem Ton.) 

,;Sie winkt, dem Publikum voranschreltrnd. 
von der Trihitne nus) 

.Herein, ganz leise mir herein!' 

Wie „Faust* in „Gretchens“ Kämmerlein 


Führt hier «Mephisto'*' Wort Euch ein — — 
Doch bannt dahei aus Eurem Sinn, 

Ich seihst sei eine Teufelin! 

Behüt', ich bin ein guter Geist, 

Den man volkstümlich „Wohlthun* heisst 

Das Wohltlmn nicht, das zu .Bazaren* 
Euch ruft mit schmetternden Fanfaren. 

Wo Tausende man häuft im Baren 

Wer so aus vollen Taschen streut, 

1 i hr nur, was Menschenpflicht geheut, 

Doch Spende nus beschränkter Habe 
Ist milden Heizens Himmelsgahe! — 

Die Engel der Barmherzigkeit 
Im goldgestickten Feierkleid. 

Umschwärmen einzig grosse Herr’n — — 

Doch der Vorsichtige hält sich fern; 

Denn kriegen die erst wen beim Wickel. 

Geht flöten auch sein letzter Nickel! — 

Ich hin das „Wohlthun in der Stille*; 

Und deshalb aus des Ballsaals Fülle. 

Darin Ihr doch nur liesst zurück 
.Staub, Hitze, alte Tanzmusik* — 

Hat Euch hierher mein Wink geführt. 

Wo ein bescheidenes Glück regiert — 
Bescheiden, ja! Denn ein paar Mark 
Sind liir solch Drama wahrer Quark! 

Auch hättet Ihr. hei meinem Leiten, 

Weit mehr inzwischen ausgegeben 

Beim Fest dort unten — als hei mir 

Zwei Mark — ! was kriegt man denn dafür?! 
Der eine hätte problematisch 
Gestürzt eelbdritt sich an den Skattisch. — 
'ne „Krone - ist da bald „vermauert*. 

Dann sitzt Ihr still hernach und trauert ; 

Ein anderer legt es an in Sekt — 

Teils „deutschem*, der nicht Jedem schmeckt, 
Teils „echtem*, der die Kriegsinst werkt; 

Bald ist ’ne Flasche ausgeschleckt. 

Die kaum des Durstes Kosten deckt — — 

Die zweite schafft dann Überdruss 

Nein, hier für geistigen Genuss 
Weiht Euer Geld dem guten Zweck — 

Dem besten gar behaupt’ ich keck: 

Für unsere Feder-Invaliden. 

Die schaffensmatten, nrbeitsmüden 

Doch zu des Pudels Kcru anjetzt! 

Ich habe schon zu lang geschwätzt. 

! Und wohl mit Recht hier mancher spricht : 

.Na, still in grad’ dies „Wo h 1 1 h u n “ nicht!* 

(KllBeelarirheii) 

Schon tönt das letzte Klingelzeichen — 

So will ich denn dem Drama weichen 

(im Begriff zu gehen, kelirt sie wieder am) 
Nur Eines noch: falls unserui Stück 
Passiert .... ein kleines Missgeschick : 

Übt schonungslos daran Kritik: 

Im Ernste tadelt's, reisst's im Witze, 

Schiesst ab den Pfeil mit schärfster Spitze: 
i Es sei ein Drama „zum Erbarmen“, 

Das soll's ja wecken für die Annen 

Nur bitte, was wir Euch vertrauten : 

Lasst „draussen" nichts davon verlauten' 

Man führt doch später auch noch mal 
Su was gern auf vor vollem Sani: 

| Und heisst's nun, dass nicht viel drau war'. 


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04 


Kommt hinterher uns keiner mehr! 

Doch wenn das „schwere Trauerspiel" 

Euch — von Papa L’Arronge — getiel. 
l T nd Thrftnen Ihr darüber — lacht. 

Dann sorgt, dass Ihr uns Stimmung macht; 
Sprecht im Berliner Publikum 

Als „gutes Stück“ es weit herum 

Das ist es auch, mein Wort darauf 

(Der Vorhang geht langsam auf/ 
Herrgott, der Vorhang geht schon auf!! 

Berlin. Richard Schmidt-Cabanis. 

(Dieser Prolog. der von Frau Anna Schramm 
mit .hinreissend lustiger Wirkung* vorgetragen wurde, 
wie Ludwig Pietsch in seinem Festberichte ach reiht, 
giug dem satirischen Schwanke „Es schneet* von Adult 
L'Arrouge vorauf. Die ebenso originelle als wirkungs- 
volle Satire auf gewisse Auswüchse des Naturalismus 
auf der Bühne musste andern Festabend auf vielseitiges 
Verlangen uncli einmal gespielt werden. D. Red.) 

Böse Stunde. 

So wandeln Freunde »ich in bittre Feinde 
Mit einem .Schlag! Seitdem nur einer fiel. 

Von dem ich mich gerei hten Zorns gewandt, 
Übt er der nieilcrn Machsucht alte Kunst, 

Mit gift'ger Lüge andre Merzen auch 
Dem meinen zu entfremden. Ihm gelingt'» 

In reichem Mas»! Denn andern zu (iefnllcn 
Lässt man den Hass in hellen Flammen gern 
Auflodem, der schon lange heimlich glomm. 
Nun bilden sie vereint ein stattlich lieer 
I'nd sind so scblimmre Feinde, weil sie einst 
Mir Freunde waren; denn sie kennen gut, 

Was mich bewegt, was mich beglückt und quält, 
Was ich ersehnt, geliebt und was gehasst. 
Drum sind auch ihre Pfeile wohlgezielt; 

Noch eh' ich's ahne, schwirren sie herbei 
l'nd treffen tief die unverwahrte Brust. 

Denn sie ist unverwahrt ! Ich kann mich nicht 
.So tief erniedrigen, dass ich mein Recht 
Mit frommem Glauben an des Rechtes Sieg 
Vor dieses Pöbels Wut verteidigte. 

Auch mangelt mir des Zornes heil’ge Kraft; 
Denn jeden Laut des Zorns erwürgt der Ekel 
Mir in der Kehle schon, der ungeheure. 

Der überquellend ganz mein Herz erfüllt. 
Wohin soll ich vor diesem Ekel lliclin. 

Der mir des Lebens Speise widerlich 
Vergällt i — Und wie soll ich beschwichtigen 
Den Zweifel, der mein Herz zerfleischt, den 
Zweifel. 

Oh wirklich einst die Wahrheit siegen kann 
In dieser Welt der feilen Eintagsliebe? 
Selbstmord ! ? — Welch ein Triumph, wenn der 
Verfolgte 

Der Meute zeigt, der lustig hetzenden 
Mit einem Mal ein toderstarrtes Antlitz. 

Darin kein Muskel mehr vom Innern Schmerz. 
Wie ehmals zuckt. Wie bebte wohl zurück 
Ihr feiges, schwaches Herz vor dieser Fmeht, 
Der schnellgcreiften, ihres heissen Mühns. 

Wie schlüge wohl der Bosheit düstre Glut 
In, frostig Fieber um, das sie dnrchltebte, 
Wenn ihnen plötzlich vor die Filsse hemmend 
Der Leichnam rollte des gehetzten Feinds! 
Wohl haben sie den Mut zu jieinigen, 


Doch nicht zu töten. Ha! Sie überbieten! 

Ihr kläglich Midm durch den Erfolg beschämen '. 
Wohl wär' es eine Lust, die mir vielleicht 
Noch einmal wann das stille Herz durchränne, 

1 Noch einmal mir ins starre Antlitz träte 
Und ihnen von den bleichen, welken Lippen 
Entgegengrinste wie zum Hohn und Trotz! 
Hamburg. Otto Ernst. 

Verkannt. 

Das Bliimlein Namenlos 
Ist wohl bekannt. 

Auch wird vom Neide bloss 
Es so genannt. 

Sittlichen. .Marlin Greif. 

Epigramme. 

Von Alfred Friediuann-lierlill. 

M ode. 

Was ist die Mode? 

Narrheit ohne Methode! 

Uud nach neuesten Quellen : 

Die Kunst, sich kleidsam zu entstellen! 

Entsagen. 

Es muss der Dichter mancher Lust entsagen, 
Die and rc leichter durch das Lehen trägt, 
Doch darf auch and re er in Welten tragen, 
Für die allein das Herz ihm höher schlägt. 

Einem Redakteur. 

Mau wild nicht zu verlegen sein, 

Bist Du einst tot, um Deine Urabschrift ! 
..Manch Feuilleton lief bei Dir ein, 

..Nicht gut genug zum Druck Dir, doch zur 

Abschrift!' 

Gesammelte Feuilletons. 

Sie gleichen einem Herbarium 
Mit Blumen ohne Frische ! 
oder einem Aquarium, 

Darin nur — tote Fische. 

Genügsam. 

Warum nur doch der kleine Mann 
Sicli boshaft stets ereifert! — 

Die Schlange, die nicht töten kann. 

Doch wenigstens — liegeifert. 

Berichtigung. In dem Gedichte , Weltfern" 
von Max Tloffmann auf S. <10 il. Nr. ist in der 
lö. Zeile .Dass sie sich lautlos auf und nieder- 
wiegen“ und in der 3. Zeile der 2. Spalte „Die 
Sonne birgt sich scheu hei seinem i statt „ihrem*) 
Nnli’n“ zu lesen. Die Red. 

Litterarische Rundschau. 

I>ie „Freie litterarische (iesellschaft zu 
Berlin“, die gegenwärtig gegen 700 Mitglieder 
zählt, wählte zu ihrem ersten Vorsitzenden 
! Herrn Karl Emil Franzos, nachdem Herr 
1 Otto Xeniuft nn-Hfl f er dieses Amt wegen 
Arheitsüherhäufinig niedergelegt hat. 


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B5 


Arno llolz Beabsichtigt die Herausgabe / 
einer internationalen Zeitschrift, die in acht , 
Sprachen zugleich erscheinen soll. Wie man 
uns mitteilt, soll das Unternehmen jieciiniitr • 
gesichert sein. 

Max Kretzers Kotnan . L» i e beiden 
Genossen" wird, fiir die Bühne bearbeitet, 
als eines der ersten Stücke im neuen Raiinnnd- 
Theatcr in Wien in Scene gehen. Hie Drama- | 
tisierung erfolgt auf Wunsch des Direktors i 
Müllcr-Guttcnbrunn. 


Von H ermann Menkes erscheinen dem- 
nächst humoristische und ernste Novellen unter 
dem Titel „Sonnige Geschichten". 


Das neue Drama von Richard Voss! 
...Birg Jenatsch“, das nach Konrad Ferdinand 
Meyers gleichnamigen Roman Granbündens 
Freiheitskämpfer auf die Bühne bringt, errang 
bei der ersten Aufführung im Züricher .Stadt- 
theater vur vollem Hause einen durchschlagenden 
Erfolg und begeisterten Beifatl. 


Am 20. Jan. d. J. erlebte Henrik Ibsen's 
neuestes Schauspiel .Baumeister Solness* am 
Lcssing-Theater in Berlin die Erstaufführung. 

Gerhart Haii|)tiuann hat eine neue 
Komödie vollendet, die er kürzlich in einem 
kleinen Freundeskreise vorlas. Ein humoristi- 
sches Charakterdrama mit bitterer Grundsatire 
ist die neue Komödie. Sic holt sich ihren Stoff 
aus der Umgebung Berlins. „Der Biberpelz“ 
wird das Lustspiel heissen und vielleicht noch 
in dieser Saison zur Aufführung kommen. 

Im Uesidenztheater zu Berlin trug August 
Strindberg, dem unsere Reichshauptstadt 
einen gastlicheren Aufenthalt zu bieten sucht, 
als die Norwegische Heimat des vertriebenen 
Dichters, mit seinem Einakter „Gläubiger" einen 
grossen Erfolg davon, so dass die Direktion das 
Drama in den Spielplan dauernd aufnahm. Im 
„Bibliographischen Institut" zu Berlin werden 
in Kürze die fünf dramatischen Arbeiten Striml- 
bergs .Das Band* ; .Das Spiel mit dem Feuer"; 
„Gläubiger“; „Herbstzeiten"; „Vor dem Tode" 
zunächst in deutscher Sprache erscheinen. 


Am 4. Februar wurde Ludwig Fulda's 
„Talisman“, ein dramatisches Märchen in vier 
Aufzügen (mit teilweiser Benutzung eines alten 
Fabelstoffes) mit ausserordentlichem Erfolge 
am „Deutschen Theater“ zum ersten Male zur 
Darstellung gebracht. 


Von Alfred Fried mann erschienen un- 
längst die beiden bedeutsamen Romane .Die 
Danaiden- und .Die Heckenrose". Siehe auch 
unter Neuerscheinungen. 


Die Stadtverordneten -Versammlung in 
Düsseldorf hat den Antrag, von der Auf- 
stellung eines Heine-Denkmals Abstand 
zu nehmen, einstimmig zum Beschluss er- 
hoben. Für spätere Geschlechter sei bemerkt, 
dass solches geschah im Jahre des Heils 18113, 
am 24. Januar — an der Schwelle des 20. Jahr- 
hunderts! - Und doch wirst du recht behalten, 
du grosser Sohn einer kleinen deutschen Stadt : 
.Ich lebe und bin noch stärker, als alle Toten 
sind !" (H. Heinc's Siimmtl. Werke Band I 

-Heimkehr* 23). 


Am 12. Februar wurde vor vollständig aus- 
verkauftem Hause im Grossherzogi. Ilofthoater 
zu Oldenburg Georg Ruseler’s neues Trauer- 
spiel „König Konradin" mit grossem Erfolge 
aufgefübrt. (.Siehe auch unter Besprechungen.) 

Von Henri Gartelmann. dem Verfasser 
der ..Dramatik" erscheint demnächst, als die 
Fracht langjähriger Studien : „Sturz'der Meta- 
physik als Wissenschaft. Kritik 1 dos trans- 
scendentalen - Idealismus Immanuel Kants! 1 In 
diesem Werke wird die durch die „Kritik der 
reinen Vernunft“ begründete Weltanschauung 
einer Kritik unterzogen, wobei der Verfasser 
zu dem Schlüsse gplangt. dass dieselbe gänzlich 
unstichhultig sei. Dem Erscheinen des Buches 
wird mit grosser Spannung entgegengesehen. 


Folgeude Einsendungen mögen an tlieser 
Stelle der geneigten Beachtung unserer Leser 
empfohlen sein : 

Von meiner Anthologie „Wahre Worte und 
schöne Lieder“ erscheint im Laufe des Sommers 
eine zweite, vermehrte und reich illustrierte 
Auflage, zu der ich um freundliche Einsendung 
von Beiträgen bitte. Jeder Beitrag muss deutlich 
auf ein einzelnes Blatt (engl. Bricfbogcnfoniiatt. 
das nur auf einer Seite beschrieben sein darf, 
eingesandt werden an den llerausgefter 


Stolp i. Uoin. 


Hans Hildebrandt, 
Schriftsteller. 


An Deutschlands jüngste Lyriker! 

Durch mancherlei Umstände ist Bei der 
Herausgabe des von dem Unterzeichneten 
Uhlmann - Bixterheide vorbereiteten Sammel- 
bandes jüngster I.yrik eine neue Sichtung des 
Materials notwendig geworden. 

U. a. hatte Herr Ernst Otto Nodnagel- 
Berlin die grosscLiehenswürdlgkeit. dem Buche 
eine Prosa-Arbeit seines verstorbenen Bruders, 
des genialen Hans G. Ludwigs, zur Verfügung 
zu stellen, welche als Anhang den ästhetischen 
Wert des Werkes um ein Bedeutendes erhöhen 
wird. Das Thema „Zur Psychologie der Lyrik" 
ist liier in gedankenvoller Weise behandelt. 

Um nun ein Werk bieten zu können, das 
allen Anforderungen gewachsen ist, haben sich 
die Unterzeichneten Freunde zu gemeinschaft- 
licher Arbeit vereinigt und richten daher an 
die gesamten jüngsten Lyriker Deutschlands die 


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6fi 


Ritte, ilir L ntemehmung durch Einsendung neuer, 
geeigneter Beitrüge unterstützen zu wollen. 
Jede geistig und künstlerisch reile Eigen- 
art ist willkommen! 

(iefl. Einsendungen wolle man unter Bei- 
fügung des Geburtsdatums richten an: 

Ublm ann-Uix terheidc. 
Hamm (Westfalen), Feidickstr. 30. 

Georg Barthel Koth. 
t'öln a. tthein. Glockengüsse 11. 


Eingesandte Neuerscheinungen. 

Arthur Schnitzler. Anntol. Berlin 1893. Verlag 
des Bibliographischen Bureaus, Alexander- 
strasse 2. I’reis Mk. 2,50. 

H. Linden. Bunte Blumen. Verlag von Max 
Schmidt, Lübeck, Mk. 3. 

Eugen Dreher, Dr., Grundzüge einer Gedäcbtnis- 
lehre. Eine Vorlesung, und 
Emanuel Vogelsang. Zur Frage der Erziehung 
unserer .höheren Töchter - unter Benutzung 
des Kindergartens. Bielefeld. A. Uclmich's 
Buchhandlung. iHcft 4 und 9 des V. Bd. 
der Sammlung päd. Vorträge, lleraus- 
gegohen von Wilhelm Meyer-Markau.) 
Heriberta von Poachinger (Heinz Osser), Lieder 
der Waldtrau. München 1893. Verlag von 
Br. Albert & (’o., Separat-Conto. Eleg. 
geh. (i Mk. 

Julius Schaumberger. Künstler-Bramen. Eben- 
daselbst. 3 Mk. brosch. 

Plattdiitsch Sü'nndags - Bladd. Verlag von A. 
Holmicli in Bielefeld. Jahrgang VI. 1893. 
Xr. 1—3. 

Max Böttcher. Sie liebt'. Schauspiel in 5 Akten 
und 

Max Böttcher. Bilder des Lebens. Novellen und 
Skizzen. Berlin, Verlag der .Splitter*. 
(Dr. Benard Lehel.) 

Wilhelm Unseld. IV m schwäbische Volkleaha. 
Eine Sammlung heiterer und ernster Er- 
zählungen im schwäbischen Dialekt. München 
1893, Verlag von Dr. E. Albert & Co., 
Separat-Conto. 4 Mk., eleg. broch. 

Gust. Andr. Ressel. Das Raimund -Theater. 
3. veränderte Auflage. Wien 1893, Verlag 
des Raimund-Theater- Vereines. 

Alfred Friedmann, Die Danaiden. Roman. 
Mannheim. Verlag von J. Bensheitner, 
brosch. 5 Mk.. eleg. geh. 6 Mk. 

Alfred Friedmann Die Heckenrose. Roman. 

Berlin 1893. Verlag von Rosenbaum & Hart. 
Hermann CI. Kosel, Lieben und Streben. Gedichte. 
Wüstegiersdorf, Verlag von lleinr. Marx. 
Broch. 1 Mk. 

Ludwig Brunner. Skt. Georg. Epische Dichtung. 
Grossenhain und Leipzig. 1893. Verlag 
von Baumert & Kongo lleinr. Rongei. 
Paul Fritsche. Bilderbuch eines Schwermütigen. 
Stulp i. P.. Verlag von Hans Hildebrandt. 
1 Mk. ungch. 

M. G. Conrad, Ilergfcuer. Evangelische Er- 
zählungen 1 1 . Reihe . München 1893, Verlag 


von Dr. FL Albert & Co.. Separat-Conto. 
Broch. 2 Mk.. im Driginalband 3 Mk. 
Georg Ruseler. König Konradin. Ein deutsches 
Trauerspiel in 5 Aufzügen. Varel a. d. Jade, 
Verlag von J. W. Acquistapace, 1893. 
Wilhelm Emanuel Backhaus. Allen die Erde. 
Kritisch -geschichtliche Darlegungen zur 
sozialen Bewegung. Leipzig 1893. Verlag 
von Wilhelm Friedrich. Preis 2 Mk. 
Georg Schaumberg. Dies irae und andere Ge- 
dichte. Mit dem Portrait des Dichters. 
München 1893, Verlag von Dr. E. Alliert 
4i Co.. Separat-Conto. Broclt Mk. 2.50, in 
Pruchtband Mk 3.50. 

Rudolph Braune. Thüringer Dorfgeschichten. 
Novellen. Leipzig. Verlag von Friedrich 
Schneider, 1893. Preis Mk. 1.50. 


Beurteilungen. 

Prinz Emil von Scbönaich-Carolath. Dichtungen 
Zweite stark vermehrte Auflage. Stutt- 
gart. G. .1. Güschen'sche Verlagshandlung 
1893. 

Nach einer Pause von acht Jahren endlich 
einmal ein neues Werk der eigenartigen, reiz- 
vollen dichterischen Individualität dieses bedeu- 
tenden Dichters, der von Karl Busse bereits olt 
trefflich gewürdigt ward. Ich kann es wohl 
als „neues“ Werk bezeichnen: denn die ..Dich- 
tungen“ haben sowohl nach ihrer epischen, als 
nach ihrer lyrischen Seite eine grosse Bereiche- 
rung erhalten. Es ist nicht möglich in einer 
kurzen Besprechung diesem Dichter gerecht zu 
werden, ich will mir eine ausführlichere Cha- 
rakterisierung der Poesien Emil von Schönaich- 
Charolath Vorbehalten and gegenwärtig nur auf 
das vorliegende Werk aufmerksam machen, das 
den alten Freunden des Dichters viele neue er- 
wecken wird. Eine besondere Bereicherung hat 
die Abteilung „Wanderfahrt" erhalten, die zum 
Teil eine eigenartige Wandlung in den .Stim- 
mungen des Dichters offenbaren. Ein be- 
strickender Hauch echter Schönheit ruht auf 
allen Poesien. Prinz Emil von Sehönaich- 
Carolath's „Dichtungen“ verdienen, von jedem 
Freunde unserer Litteratur aufmerksam gelesen 
zu werden. 

Br. V. fl 

Aus einsamen Stunden. Dichtungen von Richard 
Koehlich. Grossenhain und Leipzig. Ver- 
lag von Baumert & Rouge. 

Wie der Verfasser im Vorwort mitteilt, 
sind die im vorliegenden Bande vereinigten 
Dichtungen aus den letzten drei Jahren hervor- 
gegangen. Selbst in diesem kurzen Zeitraum 
ist eine entschiedene poetische Entnickelung des 
Dichters unverkennbar. Während im allge- 
meinen clie Poesien aus früheren Jahren zuweilen 
den Stempel des Gezwungenen an sieh tragen, 
formell zu wünschen übrig lassen und auch in- 
haltlich weniger bedeutende Stoffe behandeln, 
ist in den Gedichten der letzteren Zeit eine 


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Fülle köstlicher, zu Herzen gehender Poesie | 
enthalten und das meist in der Hülle einer 
sorgsam gewählten und sicher gchandhabten 
Form. Besonders weis* der Dichter durch 
charakteristische Lautmalereien zu wirken. 
Die Anregung zu seinen Gedichten scheint 
K. Koehlich meist auf Ueisen erhalten zu haben. 
Die Naturschildeningen Helgolands und ein- i 
zclner Partien des Riesengehirgcs sind geradezu 
meisterhaft. Voll dramatischer Wirkung ist 
der episch-lyrische (’yklns: „Die Saligc Fräulein" 
Lobend seien auch erwähnt: ,,l>er sterbende 
Sänger“. „Ein Schicksal", „Konradins Traum“, 
„Das Siegesschwei t". ..Ragnarök“ und die 
..Vestalin" — Doch darf auch der Tadel dem 
Dichter nicht erspart bleiben. Gleich auf den 
ersten Seiten findet sich folgende Strophe: 

..Frühlingskosen erwecket 
Schlummernde Mutter Natur, 

Sprossendes Griin bedecket 
Liebliche ThalesHur, 

Nachtigallchöre durchhallen 
Qnellendnrchrieselten Hain“ etc. 

Das Fehlen des Artikels vor der zweiten und 
vierten Vcrszcile. sodann die Reime erwecket 
und bedecket in dieser verlängerten Form 
machen auf mich immer den Eindruck des 
Dillcttantcnhaften. Solche unschönen Verlänge- 
rungen wiederholen sich ausser in diesem an- 
geblichen Jugendgedichtc auch sonst noch, selbst 
in Gedichten neuerer Zeit. z. B. „dunkeles 
Angenpaar“, „Wogt schon schweigend zum Por- 
tale — Finsi're, dichtgeseharte Menge“ Ge- 
wagt ist der Ausdruck „Der tinst're Greise“ 
für Greis und die Abkürzung „sonder Wank“ 
ftir Wanken. Nicht selten zieht der Verfasser 
die griechische oder römische Mythologie zum 
Vergleiche heran; z. B. spricht er wiederholt 
von „Snrtttrs Flammen“ Auch „Philomelens 
süsses Flöten“ findet sich bei ihm. Ich meine, 
in unserer Zeit, wo das Bestreben der Gebildeten 
dahin geht, deutsch zu sein und deutsch zu 
sprechen, muss es auch der Dichter als seine 
Aufgabe betrachten, vor allen Dingen deutsch 
zu singen und eine echt deutsche Poesie zu 
schaffen. Trotz 'dieser Aussetzungen kann das 
Buch allen Freunden echter Poesie nur warm 
empfohlen werden. Es bietet des Outen und 
Schönen so viel, dass die Mängel, die ein ehr- 
licher Kritiker antzudecken gezwungen ist, dem- 
gegenüber in keinem Verhältnisse stehen. 

Cottlius. Ewald Müller. 

Hubert Müller, Gedichte. Zweite vermehrte 
Auflage der „Lieder eines ansgewanderten 
Kurmärkers: 1 Berlin IKthä, Verlag von 
Julius Lieber. Preis eieg. geh. 8 Mk. 

Ein Gefühl stiller Wehmut beschlieh mich, 
als ich diese warm empfundenen, zum Teil herz- 
ergreifenden Gedichte wiederholt gelesen hatte. 
Nicht als wenn sie von Pessimismus durch- 
tränkt wären, es ist vielmehr das eigenartige 
trübe Schicksal des Dichters, das in diesen Ge- 
dichten in crgrci'ender Weise zum Ausdruck 
kommt und ein aufrichtiges Mitgefühl erweckt. 


Eine schöne, harmlose, treuherzige Seele spricht 
ans denselben zu dem Leser. Hubert Müller 
ist ein deutscher Poet, der nach harten Scltiek- 
salskänipfen der treugeliebten deutschen Heimat 
den Rücken wandte, um in Amerika, dem Lande 
seiner Hoffnung, sein Glück zu versuchen. Doch 
auch liier sollte er es nicht finden. L'tn manche 
trübe Erfahrung reicher, wendet er sich wieder 
der Heimat zu; denn was Amerika ihm geboten 
hatte, bot ihm auch die Heimat. Armer Poet, 
auch jetzt ist Dir die Heimat nicht der Hafen 
des Glücks! Herb ist aufs neue das Geschick 
des Dichters, und nur die Poesie bietet ihm 
Labung und Frieden. 

„Wenn Groll und Schwermut mich ergriffen. 
Wenn Missgeschick mein Schiff enttna-tet, 
Hab’ Verskrystallc ich geschliffen 
Pnd mein Gemüt dadnrcli entlastet!" 

Doch gegenwärtig ruht auch die Leier; ihre 
Saiten scheinen zerrissen zu sein, — — oh für 
immer? Dass die Gedichte in verhältnismässig 
kurzer Zeit eine zweite Auflage erlebten, be- 
zeugt ihren Wert. In unserer Zeit, wo itn 
Garten der Lyrik viel Pnkrant üppig hervor- 
spriesst, wo so viel unwahre Empfindung und 
oft so viel Mache geboten wird, bilden diese 
Gedichte einen Born köstlicher wahrer Em- 
pfindungen. Die „Lieder des ansgewanderten 
Knrniärkers" halten bereits durch Dagobert 
v. Gerhardt (Gerhardt v. Amyntor). Albert Möser, 
Julius Sturm n. a. warme und berechtigte An- 
erkennung gefunden. Ich empfehle sie ebenso 
warm jedem Freunde ursprünglicher Poesie : 
denn Hubert Müller hat Recht, wenn er in 
einem Sprache sagt: 

„Was ist ein unbeachtetes Talent ? — 

Ein Flämmelien, das bei schwüler Stickluft brennt : 
Es flackert krampfhaft und sinkt bald in Nacht — 
Ein frischer Hauch hält' es zur Glut entfacht!“ 
Br. F. II. 

Adolf Stöber. „Gedichte“. II. Auflage. Strass- 
bnrg. .1. H. Ed. Hcitz (Heitz iS Müldei 
1898. 

Das vorliegende, recht geschmackvoll aus- 
gestattete und mit einem sprechend ähnlichen 
Bilde des vor wenigen Wochen entschlafenen 
Verfassers geschmückte Buch ist eigentlich nur 
eine Nenausgabe der int Jahre 1S4Ö hei der 
Hahn'schen Buchhandlung in Hannover er- 
1 schiencncn und seit langer Zeit vergriffenen 
: Sammlung. Von allen Gedichten des fein- 
sinnigen und gefiihlsedeln Wasgansängers, dem 
die jüngeren reichsländisehen Poeten gern und 
I voll tiefster Ehrfurcht den Meisterkrunz zit- 
kommen Hessen, sind es gerade die vorliegenden, 
welche seine Eigenart am reinsten beknnden. 
Sich in weitschweifigen latheserhehungen über 
das seltene Dirhtertalent Dr. Adolf Stöber's 
ergehen zu wollen, lüesse eigentlich „Eulen 
nach Athen tragen“; ich begnüge mich daher 
mit dem einfachen Hinweis auf den in jeder 
Hinsicht empfehlenswerten Neudruck. 

Straoshurg 1. F. Christian Schmitt. 



<18 


„Das nervöse Jahrhundert:' Spiegelbilder von 
Gregor VII. (Stulp, Verlag von H. 
Hildebrandt'* Buchhandlung.) 

In diesem Buche soll das ganze beben und 
Treiben des nervösen Jahrhunderts zuin Aus- 
druck kommen, und man muss es dem Autor 
lassen, dass seine Zeitgedichte oftmals den 
inneren Schwung haben, den diese als solche 
eben nicht entbehren können. Kr kennt die 
Krankheiten unserer Zeit und seine Hand fahrt 
eine scharfe Geissei. Freilich manches Gedieht 
klingt etwas gedrechselt und manche poetische 
Trivialität ist in den durchschnittlich immerhin 
guten Versen zu finden. Dennoch macht das 
Buch als Ganzes einen guten, hervorragenden 
Eindruck, wenn cs auch mehr den Wert eines 
Zeitdoknmentes, als den einer rein künstlerischen 
Ualre besitzt. 

Born. A. v S -d. 

Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1893. 

Herausgegeben von Otto JuliusBier- 
ban in. Ein Sannnelbnch deutscher Kunst. 
München. Druck und Verlag v. Dr. K. 
Albert & Co., Separat-! onto. 403 S. Pr. 
broch. 7 Mk. In < Iriginalprachtbnnd nach 
einer Originalzeichn. v. Franz Stuck. 8 M 
Der als trefflicher I.yriker, Feuilletonist 
und Kunstkritiker bekannte Herausgeber will 
durch diese* Sammelbuch Gelegenheit gelten, 
.eine grössere Anzahl charakteristisch moderner 
Künstler des deutschen Wortes und Bildes in 
ihrer Art kennen zu lernen und so die Probe 
darauf zu machen, ob man wirklich diese ganze 
.Moderne" mit ein Paar Schlagworten voll er- 
schöpfen kann? Er hofft, dass durch dieses 
Buch veranlasst doch .vielleicht einige den 
Schlagworten abschwören und ihr Interesse den 
schöpferischen Persönlichkeiten zuwenden.“ 

An Fleiss und Mühe zur Erreichung dieses 
Zieles hat er cs jedenfalls nicht fehlen lassen: 
einige der Autoren nehmen sogar im Verhtiltnis 
zu ihrer poetischen Grösse einen zu grossen 
Kaum ein; warum aber fehlen Hermann Smler- 
Hann. Gerhart Hauptmann und Max Kretzer? 

Fast mit noch grösserem Hechte muss in 
Bezug auf die Maler gefragt werden: Warum 
fehlt Mac Klinger? — Hier sind drei in ge- 
nügender Weise durch ihre Beitriige charak- 
terisiert, während die übrigen schlecht weg- 
kommon; nicht zu bedauern ist es, dass der- 
jenige fehlt, der die Welt mit seinen .Mappen“ 
überschwemmt und in Prospekten als der .unbe- 
stritten genialste Zeichner unsrer Zeit" ans- 
posaunt wird, während er doch nur die platteste 
Wirklichkeit in hausbackener Weise wiedergiebt. 

An curiosen Individualitäten fehlt es in 
dem Buche nicht Da ist z. B. ein Autor, der 
gewöhnliche Prosa schreibt, die einzelnen Worte 
aber wie Verse untereinander setzen lässt; ein 
anderer hingegen schreibt gereimte Verse und 
lässt das ganze wie Prosa hintercinanderdruckcn ; 
die Prosa von zweien klingt bedenklich psycho- 
patiseb. und einige sind mystisch symbolisch 
bis zur Unverständlichkeit Den ersten Platz 
bat wie billig der gi össtc jetzt lebende deutsche 
I.yriker;- das beste Stück des Buches ist aber 


nicht von ilnn. sondern von einem jungem und 
betitelt sich: .Ans der II e rrgot t spers pee- 
tive.“ Eine wunderherrliche Dichtung! 

Die Ausstattung des Buches ist abgesehen 
von den schwachen Lichtbildern ausgezeichnet, 
Papier und Druck vorzüglich und die Zeichnung 
auf der Einbanddecke von der Meisterhand 
1 eines unserer phantasiereichsten Künstler genial 
und wirkungsvoll. 

Besonders hervorgehoben muss noch werden. 
! dass der Verlag — in rühmlichem Gegensatz 
zu den Gepflogenheiten anderer Anthologie- 
Biedermänner, vor denen deshalb gewarnt werden 
muss — jedem der im Buche vertretenen Autoren 
ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat, 
Berlin. Max llofliimim. 

Otto Erich Hartleben. Albert Girand’s Pierrot 
Lunaire. 1893. Der Verlag Dänischer 
Phantasten, Berlin. 

Verlag deutscher Phantasten, — 1893! man 
denke! — Nach einer Bemerkung am Schlüsse 
dieses ebenso vornehm, als anheimelnd ausge- 
I statteten Buches finde ich nur noch zwei Werke 
i in diesem Verlage angekündigt. Ich nehme an. 
dass es sich tun einen Kreuzzng gegen die Aus- 
dürrer der Phantasie handelt. — dann wohlauf! 
Der erste Schachzug war ein vortrefflicher, 
i Itto Erich Hartleben hat in diesem .versctolleii" 
Buche Giraud's Pierrot Lunaire, den wehmütigen, 
oft sentimentalen und daun wieder lustigtollen 
Gesellen, die Verkörperung unserer ganzen Ge- 
sellschaft, insugcschicktcr Weise nachempfunden, 
dass er des Beifalles aller Kunstfreunde sicher 
sein darf. Diese zierlichen, dreizehnzeiligen 
Kingolgedichtcben geben nicht nur eine Probe 
von Hartleben’s grossem Formtalent, sondern auch 
1 von seiner eigenen Begabung als trefflicher 
Lyriker ein schönes Zeugnis. Das ist ein Buch, 
das iia Gewände der Anmut und Heiterkeit 
den bittersten Ernst birgt. Nach einer Fahrt 
durch die Stoppelfelder ödester Gedankenlyrik 
dürfte Giratars Pierrot Lunaire in Hänichens 
autorisierter Verdeutschung einem Gange durch 
ein taufrisches Blnmengärtlein im blitzenden 
Sonnenstrahl gleichkommen. 

.All meinen Unmut geh ich preis; 

Aus meinem sonnnmrohmten Fenster 

Beschau ich frei die liebe Welt 

Und träume hinaus in sel'gc Weiten . . . 

0 alter Dult — aus Jlärenenzeit ! 

Br. K. II. 

C. Ziegler. Dichter im Deutschen Sehnlhause. 
Bielefeld. Verlag von Helmich’s Buch- 
handlung. 

Die vielfachen Schmähungen und Verdäch- 
tigungen, welche alle Feinde wahrer Volks- 
bildung und wahrer Volksanfklärung gegen den 
Lehrerstaml zu schlendern pflegen, haben un- 
fraglich vielcrorten eine grundfalsche Vorstellung 
vom deutschen Lehrer nnfkommeu lassen. Und 
gewiss ist die Zahl derer, welche sieb unter einem 
Votksschnllehrer oder gar Landschullehrer ein 
merkwürdiges, ganz unzeitgemässes Wesen oder 
auch einen verdrehten, völlig unbrauchbaren 
i Menschen vorstellen, nicht gering. So viel nun 


61! 


auch schon bewiesen ist, dass eine derartige 
Meinung einfach albern ist und jeder Erfahrung 
ins Gesicht schlügt, so bricht sich eine bessere 
Anschauung nur langsam Hahn Um den Lehrer- 
stand in seiner wahren Gestalt erscheinen zu 
lassen, hätte nun kaum etwas Besseres und 
Verdienstvolleres unternommen werden können, 
als es C. Ziegler in seiner Sammlung „Dichter 
im deutschen Schulhause* gethan hat. Diese 
Sammlung enthält die Gedichte von 47 Lehrern. 
Dass nicht alles gleichwertig ist und sein kann, 
versteht sich wohl von selbst; und ausserdem 
ist die Zahl derjenigen Lehrer, welche 
sich schriftstellerisch beschäftigen, gewiss er- 
heblich grösser. Aber es soll und kann ja auch 
nicht alles in einer solchen Sammlung enthalten 
sein, was geleistet ist ; eine Auslese muss vor- 
genommen werden, und ausserdem ist jede, noch 
so geschickte Auswahl in gewisse Grenzen ge- 
bannt. Derjenige, welcher unbefangen diese 
Sammlung liest, wird manche kostbare Perle 
in ibr finden, würdig, den besten Erzeugnissen 
an die Seite gestellt zu werden, sowohl hin- 
sichtlich der Form als hinsichtlich des Inhaltes. 
Und ich darf wohl sagen, dass ein wahrer Freund 
echter Poesie die Sammlung mehr als einmal 
zur Hand nehmen wird, um sich an einzelnen 
Prachtstücken zu erfreuen und zu erbauen, liier 
zeigt sich der Lehrer von seiner idealsten Seite, 
und ich glaube mit Recht behaupten zu können: 
Wer seine Ideale hochhält, wird auch seine 
Pflicht hochhalten. Wahres Pflichtgefühl und 
Idealität sind stbts eng miteinander verbunden. 

Wenn es auch schwer ist, einzelne Stücke 
hervorznheben — ich möchte den einen Dichter 
nicht vor den andern stellen — so durfte es 
doch der Tendenz dieses Blattes, welches be- 
sonders das Psychodrama pflegt, entsprechen, 
wenn ich anf das Psychodrama „Des alten 
Lehrers selig Ende“ vom Herausgeber dieses 
Blattes hinweise. Dieses Psychodrama gehört 
zu den lebenswahrsten und ergreifendsten Stücken, 
welche in dieser neuen Kunstgattung hervor- 
gebracht sind. — 

Ein sinnentstellender Druckfehler findet sich 
leider auf S. 240, wo es statt „GebctsverkUrzuug " 
..Gebetsverzückung“ heissen muss und auf S. 81 
7. Z. wo „Forte, Gambe“ mit grossen Lettern 
ohne Punkt in den Text kommen müssen. 

Und dir, deutscher Lehrerstaud, rufe ich zu: 
Schreite rüstig und unbeirrt weiter auf der Balm 
zum Schönen, Wahren und Edlen; halte Ideal 
und Pflichttreue hoch mul — der Sieg muss dir 
doch bleiben. 

Br. l)r. K. K . . . (Proteus-, 

Dramen von Georg Ruseler. Die Stedinger. 
— Dathaus Zweifel. — Michael 
Servct. Säintl. bei J. W. Acquistapace, 
Varel a. d. Jade. 

Ruseler errang mit seinen „Stedingenr 
bei deren erster Aufführung am Hoftheater in 
Oldenburg einen grossen Erfolg. Das Stück 
wurde achtmal hintereinander aufgeführt. Ge- 
wiss kommt, zumal das Drama einen Stoff aus 
der oldenburgischen Geschichte behandelt, ein 


Teil dieses Erfolges auf Rechnung des Lokal- 
patriutisnius ; aber es wäre »ehr zu bedauern, 
wenn diese Erwägung andere Bühnen miss- 
trauisch machte und zu der Annahme verleitete, 
cs handele sich liier nur tim ein Stück für gute 
Gevatter und Anch-Oldentmrger. Es ist viel 
weniger Mache und viel mehr natürliche Kraft 
darin, als in manchen Wildenbnicli'schen Hohen- 
zollerndramen, und man hat einen Vergleich 
des Verfassers mit Wildenbrucb mit Recht zu 
Gunsten des orsteren ansfallen lassen. Das 
Drama spielt in den Jahren 1233 nnd 34 und 
behandelt den Unabhüngigkeitskampf der Be- 
wohner von Stedingen gegen den Erzbisehol 
Gerhard II. von Bremen. Der soziale und poli- 
tische Kampf ist zugleich ein Kampf gegen den 
hierarchischen Übermut der Kirche; die Stedinger 
nehmen fluchtige Albigenser gegen Rom in Schutz. 
Der Held des Dramas und Führer der Stedinger 
kämpft zugleich gegen ein gewaltiges persön- 
liches Schicksal. Sein Jähzorn hat ihn zweimal 
zu einer blutigen That getrieben, die eine 
dieser Thaten gehört der vorfabel, die andere 
dem Stücke selbst an. Er füllt, als heldenmütiger 
Kämpfer in der Schlacht bei Altenesch, die den 
Untergang der Stedinger besiegelt. Es ist viel 
Lärm in dem Stück, namentlich im letzten Akt. 
und die dramatische Bewegung liegt oft mehr 
in der Fülle der Ereignisse, als sie aus der 
Tiefe der Seelen durch tiefgrabende Speku- 
lation oder durch tiefwühlende Leidenschaft 
heraufgeholt ist; aber die Geister, die in dem 
Ganzen mmohren. sind entfernt keine blossen 
Poltergeister ; die Handlungen fast aller Personen 
stehen doch anf dem Nährboden einer, wenn 
auch in groben Umrissen gehaltenen, so doch 
zielbewussten und konsequenten Charakteristik. 
Die Sprache ist nicht arm an etwas gekünstelten 
Archaismen, sonst aber ausserordentlich lobens- 
wert und besser, ursprünglicher als in den 
anderen Dramen Ruselers, wo sie oft in eine 
leere, gespreizte Philosophicrerei verfällt. 

„Einer — der Kerl halt’ einen verwegenen 
Schnurrbart — küsste sie grad’ .... ich 
streckte also geruhig meinen Arm dazwischen 
— so — und sag’: „Respekt, Ihr Herrn, 
das Mädel ist meine Braut:' „Was will der?“ 
schrie der Eine — und „Der verdammte 
Bauer!“ der Zweite. „Wirst uns nicht ver- 
wehren, rote Kirschen zu essen“ — und langen 
wieder zu. „Nu“, sag’ ich. „wenn Dir nach 
rotem Saft lüstern ist, will ich ihn Dir be- 
quem ins Maul fliessen machen“ und gab' ihm 
eins in die Fratze:’ 

Das ist echte, gesunde Kraftsprache, wie 
man sie aus dem „Gütz" kennt, nicht gesucht, 
nicht mit dein Blasebalg krampfhaft aufgetrieben, 
sondern voll, grob und saftig. Überhaupt ist 
das Markige, Frische, Kraftstrotzende die beste 
Seite Ruselers, die Reflexion nnd ifie psycho- 
logische Analyse stellen ihm weniger an. Damm 
ist auch „Die .Stedinger” seine beste und 
„Dathans Zweifel“ seine schwächste Leistung. 

„Datlians Zweifel“ behandelt den Aufstand 
der Rotte Korali. Ruseler macht Datlmii zum 


C 


70 


ungleichen Sohne des Moses, nn dessen göttlicher 
Sendung er zweifelt und dessen Grösse ihn, den 
sentimentalen und Willensschwächen (irlibler, 
erstickt. 

„Schlimm 

.lenes Volk, das einen Mann nur hatte, 
l)er seine Ketten sprengte, das nicht seihst 
Den unzähmbaren Drang empfand mich Freiheit. 
I> Finch der Sklaverei, der nie zu tilgen: 1 

l'nd Moses nimmt cs auf sich, in Gottes Namen 
die eigene Tlint der Befreiung zu vollbringen 
und die „Schrift in seiner Brust“ in „Zeichen, 
auch dem blöden Al lg’ erkennbar", umzuwan- 
deln, mit anderen Worten : sein Volk durch 
einen gigantischen, heroischen Betrug zu seinem 
eigenen Heile zu erziehen. Das ist gewiss ein 
grosser Stoff; alier die Kraft des Dichters ist 
an dieser Aufgabe gescheitert, weil ihm. hier 
wenigstens, die Gälte der packenden Verinner- 
lichung abgeht, Dathan ist ein körperloser 
Schatten, keilt Stück von ihm bleibt in uns 
haften. Kr kokettiert vor sich selbst mit seinem 
grossen Kummer, er führt ihn gewissem:! sson 
spazieren, ohne dass ein einziger origineller 
Gedanke, eine einzige originelle Wendung aus 
dem l’hilosophus herauszuliolcn wäre, l’nd der- 
gleichen soll man doch von einem Grübler er- 
warten. 

„Sag, 

Wen willst Du noch? Mich selber? Hahnhat 
Miili selbst bezweifeln! Gelt, ein heit’res Stück 
l'nd angethan. die triste i,!i Wüste selbst 
Zum Fachen anznreizen. — Lass doch seh n — 
Dies hier ist meine Hand. Kinc gesunde Hand. 
Wenn ich's betrachte, und doch, keine Hand; 
Denn dieses Werkzeug gab Natur, damit 
Zu schaffen. Du vernichtest nur, und folglich. 
Bist keine Hand:' 

Solche durch ungebührlich viele Zeilen ge- 
jagten und gezerrten Geditnklein erinnern zu 
ihrem eigenen grossen Schaden an Shakes|>earc 
und Hamlet; sie sind unzulänglich, dem Intellekt 
oder dem Gefühl zu imponieren. Mehr charakte- 
ristische» Rückgrat ist schon im Moses vor- 
handen; aber auch er ist nicht zu dem Biesen 
ausgewachsen . der er hätte werden müssen, 
wenn wir die Bibel und Michelangelo vergessen 
sollten. Am besten ist liier wieder die rauhe 
Kraftnatur Ahiraina gezeichnet: übrigens ist 
auch Adali, die Tochter Korahs und Geliebte 
Dathans, vom Dichter mit Anmut und Lieblich- 
keit ausgestattet. Die dramatische Bewegung 
de» Stückes kann dien deswegen keine starke, 
den Atem versetzende sein, weil die Charaktere 
und Leidenschaften sich nicht rücksichtslos 
genug ausgehen und nicht wuchtig genug anf- 
einanilerpialleii. 

Weit höher stellt das dritte, jüngst er- 
schienene Drama „Michael Scrvot“ Der spanische 
Arzt Ser vet sollte in Vienne auf Anstiften < 'alvin« 
verbrannt werden, weil er die Drcigestaltigkett 
(iottes geleugnet hat . Kr flüchtet nach Genf 
zu Calvin, von dessen Verrat er nichts weis»; 
er rottet als Arzt dem Reformator das Lehen 


I und verlieht sich in dessen Nichte Marin. Als er 
j aber hört, dass der herrschsUchtige, asketisdi- 
fanatisebe l’riester es gewesen, der ihn der 
Geistlichkeit in Vienne denunzierte, schliesst er 
sieh den Libertinern an, die das drückende Joch 
| Calvins und seiner Uefugies ahschütteln wollen. 
Ja er nimmt es auf sich, Calvin zu tüten. Aber 
er ist zu weich für diese Timt ; Maria redet 
sie ihm aus. Der Aufstand der Libertiner wird 
unterdrückt : Servet stirbt, nachdem er sich 
standhalt geweigert, zu widerrufen, und nach- 
dem ihm Maria Ireiwillig in den Tod voran- 
gegangen ist — Ich würde das Stück sehr gern 
auf einer guten Bühne sehen. Der abwärts- 
steigende Teil der Handlung schleppt sich etwas 
langsam hin; er ist mit zu vielen Reden au-- 
gestopft und müsste, wenigstens liir die Auf- 
führung, gekürzt werden. Die Gestalten Calvin's, 
Servct's, Maria’s sind innerlich viel reicher, als 
die Menschen der beiden anderen Dramen: im 
Calvin und Servct wickelt sich ein Stück solider 
und nicht bloss gcistrcichclnder und philo- 
sophcimler Dialektik ab; es kiimpft wirklich 
etwas in ihnen, und sie schlagen auch auf- 
einander. Die prächtigste Leistung im ganzen 
Drama ist alier der starre, unbeugsame, ver- 
wegene Atheist Grnct. ein Kerl, bei dem einem 
das Herz aufgeht, fliese eine Figur würde 
allein schon für die entschieden starke Begabung 
Iiuselor's sprechen und den Wunsch erwecken, 
dem Oldenburger Dichter w ieder und wieder im 
Buch und auf der Bühne zu begegnen. 

Ilinaloirp Otto Krllst. 

Sie liebt! Schauspiel in 5 Akten. Von Max 
Böttcher. Berlin. Verlag der „Splitter:’ 
„Keiner von uns beiden“, sagt der Verfasser 
in der Vorrede zu seinem Freunde Harry 
Strottsslierg. ist bisher ein Dichter von Gottes 
Gnaden!' Wenn dieses Schauspiel den Höhe- 
punkt seines Könnens bezeichnet, stimme ieli 
Herrn Böttcher vollkommen bei. Per Stoff soll 
modern sein, ist aber ur-urait ; wir modernen 
Menschen von der „Nervengeneration des fln 
de triecle“ haben kein Verständnis mehr für die 
Sentimentalität der Wertherperiode und nur aus 
dieser heraus w äre dieser Rührstoff psychologisch 
l zu erklären. Die handelnden Personen sind 
j Schablonen, Tugemlbolde. oder werden es doch 
wenigstens ztun Schluss. Die Sprache ist 
schwülstig, hyperpathetiach, kein wilder Natur- 
echrei, kein abgerissenes Wort, das an» Herz 
greift, sondern lauter glatte, unheimlich glatte 
Satzperiode». Ebenso unvollkommen ist das 
Werk in technischer Hinsicht, ich erwähne nur 
die vielen Monologe; dergleichen darf sich ein 
moderner Dramatiker nicht zu schulden kommen 
lassen. Das licntige Thoaterpuhiikum ist zu 
phantasielos, um nicht von den Bühnenvorgängeu 
die grösste Natürlichkeit zu verlangen. Und 
sind Monologe natürlich? Gewiss nicht! Nur 
in den Ausbrüchen höchsten Affektes kommen 
sie vor und nuch mir in solchen F’ällen sind sie 
auf der Bühne zu rechtfertigen. Herr Böttcher 
führt aber gleich am Anlange des ersten Aktes 
den Helden monologisierend ein; das giebt aller- 


sOOglc 


71 


ilinijs eine «oliv bei|iieuie Exposition ab. ob cs 
aber künstlerisch ist, das ist eine nudele Frage. 
Wenn der Antor die technischen Schwächen seines 
l>ramas kennen lernen w ill, so empfehle ich ihm 
die „Dramatik'' von Henri (iartelmann gründ- 
lich zu studieren, ein trotz mancher Ausw üchse 
vortreffliches Werk, das viel — viel zu wenig 
gewürdigt wird. Dass Herr Böttcher kein 
Dramatiker ist. haben wir gesehen; trotzdem 
aber macht das Werk den Eindruck, als ob es 
ein geistreicher Manu geschrieben hätte. Viel- I 
leicht leistet der Verfasser als Erzähler mehr; 
leider kenne ich seine Novellen nicht. 

IIiaiiiiMHfeii (Mähren'. Jo*. Schmid-Draunfela. 

Alexander Engel. Das Buch der Eva. Dresden, 
Pierson, 18112. 

Buch der Eva' Nichtsda, Ihr Pikauterieen 
und geilen Sinnenkitzel witternden und ihr 
prüden, züchtigen, „moralischen'' Philister! 

' dübelt nicht und seid nicht empört ! Ein ernstes 
Buch eines feinen (leistes. Fast 1000 Aphorismen 
sind da zu einem Band vereinigt : ein buntes 
Feuerwerk sprühender (leistesraketen. 

Zuweilen ermüdet diese originelle Art. 
psychologische Studien zu gehen, al>er man freut 
sich doch immer wieder au der Fülle von Witz 
und Satire, die in manchen dieser losen Splitter 
aufgehäuft ist. 

Das interessante Buch, das einen grossen 
litterarisclien Erfolg davon trag und in zahl- 
reichen Journalen, wie „Gesellschaft'', Breslauer 
„Monatsblätter“ u. s. w. glänzend rezensiert 
wurde, empfehlen wir unsern Lesern ange- 
legentlich. 

Wien, Karl Kraus. 

Wilhelm Ruland. lies Herzens Wellenschlag. 
Eine Kaiscrstochter. — Leipzig. Adolf 
Lesimple's Verlag. Prs. 1.25 <(t. 

Ein neuer Kornau! Und ein Erstlingswerk ! 
ltonan müssen wir .Des Herzen Wellen- 
schlag" neunen, obschon der Untertitel „Novelle" 
setzt ; denn für eine Novelle ist die Geschichte 
zu umfangreich und die Handlung zu verwickelt. 
Alles ist sinnig verkettet und psychologisch 
motiviert. Einem besonderen „Ismus" macht 
der Roman keine Konzession ; er ist leicht und 
Hott geschrieben und trägt dein Unterhaltungs- 
bedürfuis auf edle Weise Rechnung: und (las 
ist die Hauptsache. — „Eine Kaiserstochter“ 
ist eine reizend erzählte Kleinigkeit. — Dem 
Dichter, einem jungen aufstrebenden Talente, 
darf man ein ernstgemeintes „Vivant seqnentes!“ 
Zurufen. 

Der Diciiter hat gesprochen; das Publikum 
möge — kaufen! 

Caster. I.atm-nx Kiesgpn, 

Max Böttcher, Bilder des Lebens. Novellen und 
Skizzen. Berlin, Verlag der „Splitter.' 

Der Verfasser dieser „Bilder des Lehens“ 
ist offenbar noch sehr jung. Damit soll nicht 
eine Unreife seines Talentes, das offenbar vor- 
handen ist, bezeichnet werden, sondern ich will 


damit audeuleu, dass vielen dieser Bilder doch 
jene tiefer blickende Erfahrung fehlt, die zur 
künstlerischen Gestaltung nötig ist. Fast alle 
Novellen und Skizzen dieses Buches lassen sich 
fliessend lesen, aber nur wenige hinterlassen 
einen bleibenden Eindruck. Die meisten tragen 
den Stempel gewöhnlicher UiiterhaltuugslektÜre. 
Di« Humoresken „Wie mein Wachtmeister zu 
seiner zweiten Frau kam“ und „Unter Kame- 
raden'' vermögen z. B. wohl ein flüchtiges 
Lächeln zu erregen, sind aber wohl kaum würdig 
genug einem längeren liehen, als dem Eintags- 
dasein eines Tagesblattes angeführt zu werden. 
Dass von dem Erzähler noch Gutes zu erwarten 
sein wird, beweisen die Erzählungen „Ein Letzter 
seines Stammes“ und „Was mir auf einem nächt- 
lichen Ritte erzählt ward.“ Hier linden sieh 
treffliche Ansätze zu eiuer psychologischen Er- 
fassung der betreffenden Charaktere. Obgleich 
die Form sonst zu wenigen Ausstellungen Ver- 
anlassung gieht, hat Max Böttcher doch zuweilen 
die Feilung vergessen. In der Erzählung ..In 
den Bergen“ findet sich z. B. der Satz ..Ich 
bitte den geneigten Leser um Verzeihung, wenn 
ich ihn bisher in eiuer Art Selbsttäuschung üher 
den „deutschen .Studenten“ erhalten habe, und 
hoffe. (!) dass selbige (!) nunmehr aufgeklärt 
ist.“ Wenn der Verfasser seine sinnige ..Zu- 
eignung“ mit den Worten scbliesst „Zur Klar- 
heit aber bin ich noch nicht gekommen“, so 
gebe ich ihm Recht und zugleich der Erwartung 
Ausdruck, dass sein uüchstes Werk erst dann 
geschrieben wird, wenn er üher Menschealeid 
mul Menschenfreud grössere „Klarheit“ erhalten 
hat 

Br. F. H, 

Der Stein der Weisen. Illustrierte Halbmonats- 
schrift für Haus und Familie. Fünfter 
Jahrgang. A. Hartleben's Verlag, Wien. 
Heft 50 Pfg. 

Vom 5 Jahrgänge dieser Zeitschrift liegen 
dein Bef. die beiden ersten Hefte vor, welche, 
wie alle Hefte der vorhergehenden Jahrgänge, 
an Reichhaltigkeit des Inhalts und der Aus- 
stattung das unumschränkteste Lob verdienen. 
Die Leitung dieser Zeitschrift erfüllt mit grossem 
Geschick und Erfolg die schwierige Aufgabe, 
die neuesten Forschungen auf den Gebieten der 
Naturwissenschaften, der Technik, der Erdkunde, 
der Hygiene u. s. w. in populärwissenschaft- 
licher Fassung vorznfilliren und durch ein 
ausseronleutlicb reichhaltiges und stattliches 
Illnstrationsmaterini verständlich und anschau- 
lich zu machen. Daneben finden Essays mul 
Plaudereien Uber wissenswerte Dinge der ver- 
schiedensten Art gebührende Beachtung. Die 
Form der Darstellung ist überaus geschickt und 
sorgfältig. Sie giebt dem wissensdurstigen 
Laien sachverständigen und zuverlässigen Aut- 
schlnss über die großartigen Fortschritte, be- 
sonders auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, 
sowie der Technik und gewährt dein Fachmann 
Genuss an der schönen, gewandten Darstellung. 
Das behandelte Material ist so reichhaltig, dass 
eine Aufzählnng der Titel der vorliegenden 


3gle 


Hefte fast unmöglich ist : uuil fast jeder Artikel 1 
ist zur Erläuterung mit vorzügliche!! Illustra- 
tionen uud Tafeln versehen. 

Wfthrend die meisten Unterlialtnugszeit- 
sehriften nach einmaliger Lektüre bei Seite 
gestellt und meist nie wieder hervorgenommen 
werden, haben diese Hefte, als Jahreshefte ge- 
bunden, dauernden Wert und bilden einen wert- 
vollen Bestand jeder Bibliothek. Bei der reichen 
Ausstattung ist der I‘reis vuu 12 Mk. das Jahr 
ein ausserordentlich niedriger. Referent wird 
auf den Inhalt einzelner Hefte noch bei Ge- 
legenheit zurückkommen. 

Bremen. Proteus. 

Die Penaten. Kitte Halbmonatsschrift, gegründet 
und herausgegeben von Max G e i alle r. 
Vierteljährlich 2 Mk mit freier Postzu- 
sendung von der Geschäftsstelle in Königs- 
wald bei Itresden. Heft 1—5. 

Es ist eine oft beklagte Tliatsnchc, dass 
viele unserer angesehemlsten Familienblätter 
eher verbildend als bildend auf den Geschmack 
ihrer Leser eingewirkt haben, dadnreh dass sie 
den Wünschen ihrer Leserkreise die weitgehend- 
sten Zugeständnisse machten und nicht, wie es 
ihre hohe Aufgabe war, die Leser zu höheren 
und besseren Anschauungen, als es so manche 
althergebrachte sind, zu erziehen. Wie sehr 
darunter die allgemeine Anteilnahme an dem 
Schaffen des wahren Talentes gelitten hat. weiss 
jeder Freund unseres zeitgenössischen Schrift- 
tums. An die Familie wendet sieh in erster 
Linie die obige Zeitschrift, jedoch nicht in dem 
angedeutettn Sinne. Die bisher erschienenen 
fünf Hette legen davon Zeugnis ah, sie bilden 
für jede Familie einen köstlichen Schatz echter 
Dichtung. Der Name des Herausgebers, der 
auch unsern Lesern durch seine warm empfun- 
denen dichterischen Schöpfungen bekannt — 
und ich darf nach zahlreichen Xnsscrnngen 
hinzufügen, beliebt geworden ist, — w eiss seine 
Halbmonatsschrift, die unter nuderm die Diulekt- 
dichtung und das moderne Märchen sorgfältig 
pflegt, vortrefflich zu leiten. Ich werde ein- 
gehend auf die Zeitschrift bei einer späteren 
Betrachtung über „die Bedeutung der litterari- 
schen Zeitschriften in der Familie“ zuriUk- 
kommeu, aber schon jetzt nicht unterlassen, 
allen Lesern die zugleich anheimelnd und vor- 
nehm ausgestatteten ..Penaten“ aufs angelegent- 
lichste zu empfehlen. Für gewisse Leser be- 
merke ich. dass eine Rätselecke, Schachbrett- 
aufgnben, Plauderecke und sonstige Ecken darin 
fehlen. Für diese Leser ist der vornehme Inhalt 
der „Penaten“ nicht bestimmt. 

Br. k. it. 

Das Land. Zeitschrift für die sozialen und 
volkstümlichen Angelegenheiten auf dem 
Laude. Herausgegeben von Heinrich 
So h n re.v. Verlag vonTrowitzsch & Sohn. 
Berlin W. Preis vierteljährlich ,.S 1.5U. 
Nr. 1—4. 

Der als Volksschriftsteller in den weitesten 
Kreisen bekannte Herausgeber dieser Zeitschrift 


hat mit derselben ein -ehr verdienstvolles Unter- 
nehmen begründet. Ohne einer Partei zu dienen, 
will diese reichhaltige, sorgfältig geleitete Zeit- 
schrift besonders „dem Zuge vom Laude“ sich 
entgegeustellen. will die Landbevölkerung auf 
die Wichtigkeit ihrer Thätigkeit auf der eigenen 
Scholle für das ganze Staatswesen Hinweisen 
und ihnen ..das Land“ erscliliessen und wert 
machen. Ich bezweifle nickt, dass cs dem 
rührigen Herausgeber gelingen wird, sehr segens- 
reich durch diese Zeitschrift zu wirken. Ihm 
ist jeder Mitarbeiter, dem die ländlichen Ver- 
hältnisse reformbedürftig und einer litterarischeu 
Vertretung wert erscheinen, hoch willkommen. 
Möge er die allseitige Unterstatzung finden, die 
seine Bestrebungen verdienen „Das Land' 
sollte von jedem gelesen werden, der auf dem 
Lande oder in der Kleinstadt wohnt. Ich werde 
auf die Zeitschrift, die Auteilnahuie eines jeden 
Gebildeten verdient, zurückkommen, wenn das 
erste Bezugsvierteljahr derselben vorüber ist. 
Die Ausstattung der monatlich zweimal er- 
scheinenden Zeitschrift ist eine recht gute und 
der Preis gering. 

Ilr. V. H. 

Adels- und Salonblatt. Wochenschrift. 2 Mk. 
vierteljährlich. Verlag von Göedeckc & 
Gnlliner.k in Berlin N. 

Nr. 19 vom 1. Februar enthielt: politivh« 
Wochenschau. - liegen Zulassung der Jesuiten. Von 
liofrat Prof. I)r. ('. Ileyer. - Kein Herr.. Novelle von 
Doris Freiin v. Snattgen. (Forts. Ans «Irr grossen 
Welt. Kpczialccriehte aus Berlin Lunici|»er i, Stuttgart 
A. v. Winterfeld . Rom t Konrad Temiaiin ■ St. Peters* 
bürg -Karl T lande r . - Sil e*t um charmant ga/.on. . . 
Gedicht von Victor Hugo von |{. Wmlc. — Kitt Er* 
iiuierungsblatt Von Fr. v. Hohenhausen. - Vom Hole. 

Aus der (leselisch aft. Kunst und Wissenschaft. - 
Theater und Musik. - Den Pessimisten. Epigramm 
von Paul A, Kirstein. - Bunte Steine. - Börsen- 
Wochen-Bcrieht. — Zeitschriften* und ßürhcrsrliHU. 
- Rätsel-Ecke. 


Briefkasten. 

Verschiedenen Mitarbeitern. Die Fülle des vor- 
handelten Stoffes macht es mir unmöglich, hei weiteren 
angenommenen Einsendungen vorher zu sagen, wann 
dieselben gebracht werden. - F. H. in D. Leider noch 
»licht verwendbar. Brief folgt, sobald jelt etwas Zeit 
habe. Einen solchen Stempel leistet sieh ja nicht ein- 
mal die Gesellschaft ; hoffentlich werben Sie dadurch 
für uns. — L. M. in P. Cl»er die entlaufenden Neu- 
erscheinungen bestimme i< h innerhalb 21 Stunden. Diese 
Rubrik enthält die Kinlitufc eines Monats; beim Er- 
scheinen der .,N. 1. Hl.“ ist über alles also bestimmt. 
— T. M. in B. Eine Besprechung älter nicht eilige- 
reichte Neuerscheinungen ist nur in Attsnahincfällen 
gestattet. W. A. in W, ihnen gelten gleichfalls die 
vorstehenden Bemerkungen, leb bedaurc, meine Ko- 
zensentenliste vorläufig schlieasen zu müsse#. — K. S. 
in L. Sowie die Zeitschrift den geringsten Überschuss 
ergiebt, werden wir in erster Linie der llonorarfrwge 
näher treten Mir liegt dieselbe im Interesse meiner 
Miturheber sehr um Herzen. E. M. und F. S. in H. 
Herr.]. Grttssc. W. T. in B. Di** ..X. I. Bl. wollen mit 
keiner bestehenden Zeitschrift wetteifern ich begrttsse 
jede freudig und wann als Kollegin, die wirklich sielt 
in «len Dienst der Kunst stellt. Warum so kleinlich 
denken? C. K. in D. Brief folgt baldigst. W. S. in 
M. Ich empfehle Ihnen warm für Ihm Zwecke die 
..Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft“ in Berlin und 
den „Deutschen Privat beamten-Verciu“ in Magdeburg. 
Lassen Sie sieh Satzungen kommen. 

Redaktionsschluss für Nr. 7 am 20. März. 


73 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(.Di* NVuci»ch»*iiiungt?» der schrifUtellcnnlc» Mitglieder der „litteiuiischen üysplUckaft PiiyclKHlrama," werde» 
einmal frei in der Litteraturtafel aufgenoinmrn. Im Wiederholungsfall** wird der Anzeigenpreis von so Pfg. 
IUr die Klcinzeile berechnet, weleltor aueli filr Nichtmitglieder festgesetzt ist. Anzeige» sind an die Schrift- 
leitung zu richten.) 


Helene Blum, 

JeaitHe MJfbthe. 

Berlin 1893. Oemigkes Verlag. •-&* 
Preis <10 Ptfc. 

zi C. Ziegler, zz 

Dichter im deutschen Schulhause. 

Bielefeld. A. He Im ich. 

NB. Enthält auch ein Psychodrama 

fUckr6 t>. ^ccrlxümb, 

Psychodramen. 

Verlag von Ph. ReGlam-Leipzig. 

2 Bände, ä Mk. 0,20. 



(Chefred. Horm. Klehne. i 


Zum ermässigten Preise von Mk. 0.40 post frei liei 
Einseiulung des Betrages zu beziehen durch die Schrift- 
leitung der „Neuen litter. Blätter.*- (Nur fiir Mit- 
glieder der „ 1 . 0 . Ps.) 

Oswald Neuschotz de Jassy. 

Carmen Syiva, Mite Kremnitz, Helene Yacaresco. 
Kritische Streiflichter. 

2. varü. Au«. 

Berlin, Verlag der ..Splitter!' Preis 70 Pf. 

F ranziskus H ähnel. 

« Eike, -s- 

Ein psychodramatisches Halliggemälde. 

3 . Auflage. — (Mk. o,2ö). 

Verlag v.J.KühtmanasBuchbaud]g. (G.Wiuter), Bremen. 


.Sueben ist im Verlage von „Stern's Litte- 
rarischem Bulletin der Schweiz“ in ZU rieh 
erschienen und dnreli den Verlag, sowie durch 
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Allen die Erde! 

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zur sozialen Bewegung 

von 

Wilh. Em. Backhaus. 


von 

Maurice Reinhold von Stern. 

Preis: Rrodchirt Fr. H. , Originalluind mit 
(«oldsclinitt Fr. 4.50. 

Elegante Ausstattung. ®§38X©8)(3® 
Die Freunde des Dichters werden sich dnreh das 
obige Buch angenehm überrascht finde», da cs ihn von 
einer neuen Seite zeigt, uämlieh vonderepiseh- lyrischen. 

/fc chid?tc 

YMM Hubert Müller. 

2. vermehrte Auflage 

der l.icdcr eines Ausgewanderten Knmiärkers. 

Berlin. Verlag von J. Lieber. 

Preis eleg geh n Mk 


In irr 8”. 12 Bogen in .Sackleinen kartoniert. 

> .ti ord. 

Von dem Grundsatz ausgehend, dass in 
einem vollkommenen Staatswesen sich das Gc- 
sa m tinteresse mit den Einzelinteressen nicht im 
Widerspruch befinden könne, sondern das- die 
Wohlfahrt aller mit dem Wohlbehagen des 
einzelnen Individuums zusammenfallcn inttsse. 
macht der Verfasser in klarer und durchaus 
gemeinverständlicher Sprache Vorschläge zn einer 
gründlichen Keorganisation unseresStaatswesens. 
Das Buch ist keine I'arteischrift, sondern die 
ruhige und sachliche Darlegung eines gereiften, 
erfahrungsreichen und imgemein scharfdenken- 
den Mannes, es enthält eine Killlc von neuen 
und originellen Gedanken mul muss, da die 
darin behandelten Kragen alle Stände, alle 
Parteien, alle Benifsklassen, ja Überhaupt alle 
Menschen angehen und zudem in heutiger Zeit 
.brennend* geworden sind, grosses Aufsehen 
erregen Käufer dieses Buches ist jedermann! 


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74 



Im Vorlage von 

Conrad Kloss 

in IliiiuliurK erschienene 

Werke 


von 



Aus 

verborgenen 

Tiefen. 

Novellen und Skizzen. 

244 Seiten. Broschiert 2 2'). 
eieg. geh. Jk .*1. — . 

Offenes Visier! 

Gesammelte Essays aus 
Litteratur, Pädagogik u. 
öffentlichem Leben, 

2 MO s. 1‘reU brondi. Jk 2.fi o. 


Neue Gedichte. 

158 S. Kleg. geh. ,lk 8. . 


Gedichte 

Zweite dnreligea, Auflage. 
JLit ilem Bilde des Dichters. 
Eleg. geh. .H 4. — . 

Mit «lein Augsburger 
Schlllerpref wc gekrönt. 


Novität! - — 

Soeben ist in Unterzeichnetem Verlage er- 
schienen un<l ilureh alle Biichliamllungcn zu 
beziehen : 

~\ us ben papieren 

eines Scbuuinners. 

Worte an die Zeitgenossen. 

Ileransgcgehen von 

Mnnrit'c lteiiiliwltl von Ntcrn. 

Preis: 1 Mark. 

E. Pierson? Verlag. Dresden u. Leipzig. 


Verlag von Wilhelm Friedrich. Leipzig. 

Natur und Konst, 

SM H vv. vi ’ .-t Art AfS v. »: * 

Beiträge zur Untersuchung ihres gegenseitigen 
Verhältnisses. 

Von Conrad Alberti. 

Preis brosch. Mk. 4. . 

hi seiner schneidigen, fortroiHsenden Art entwickelt 
liier Albert i die Zwecke und Bestrebungen des Realismus 
nt iIpt modernen Kirnet, .iis deren nOchstes Endziel 
erden unhcdin«trn Wall rheitsri ran« und elas Aufsehen in 
der «rossen Lchrmejstcriu Natur bezeichnet. Alberti 
i ntw irfthier in kurzen oncr«i*chcn Strichen den Grund- 
riss einer modernen Ästhetik mul schreibt die Gesetze 
vor, die die moderne Litteratur zu befolgen hat. wenn 
sie ihre «rosse Kultur mif«abe erfüllen will. Wer immer 
sieh über die Bestrebungen der realistischen Uichtuti« 
und den modernen litterariachen Kionjd' orientieren 
will, wird Alliertis ..Natur und Kunst 4 ' nicht unberüek- 
sichti«t lassen dürfen. 


Suchen erschien in meinem Verlage. pronojcVlK Uähnpl n,< ‘ Urcmisrlicn Dichter uml 
durch jede Bnchhaml). zu beziehen: rlullflllmllu ItullHCl, SrlirillNtellcr «ler Drgeuwnrl. 
Eine litterarische Plauderei. Kleg cort 1 .11. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter) in Bremen. 


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„REFORM“ 

Zeitschrift 


I) des Vereins für 
Lateinschrift. 

2) des algemeinen fer- 
eins für fereinfachte 
rechtschreibung. 

Per rechtsclireibefcrein (er- 
langt 

amrendttng der lateinsclirilt. 
groslntchstnhen mir liir faz- 
anfang und eigennamen : 
er hclciligt 

di iibeiHüss. dcniingshczcirli- 
nnng. 

di knnfnnantciiferdoppeliing 
in einer und dorlellien filbe 
und 

gilit jedem laute den im zu- 
knuinieiiden Imclistalan 

( dumm des fereins dr. Edw. 
Lohmeyer in Kassel <>rd. 
mitgl. erhalt, für 2 ■ H di 
monatssehrift Reform., zu be- 
stellen hei frl. Pauline Loh- 
ir.eyer in Kassel, die aneh 
probemunmern und fercins- 
prospekte frei fersendet. 


3,'ifulirfi rirra 1200 jliluflv.itiuiu'ii aut» allen «örbicirii 
tieu Willens». 



Jälirlidi 24 lirl'fc. JFiiiiftcr lalirganp. 


Stern’s 

Litterarisehes Bulletin 

der Schweiz. 

Herausgeber und Redakteur : 

Mnuriee Itoinliolil von Mtern 

ZUrich. 

Erscheint monatlich. Bezugspreis Fr. it 
jährlich, Fr. 2.50 halbjährlich bei allen Btleh- 
handlnngen und l’ostnnstalten. sowie direkt 
beim Herausgeber Aussersihl- Zürich, Budencr- 
strasse 208. 


Jedermann lasse sieh jHist frei senden: 

„Die Penaten“ 

eine Halbmonatsschrift von Max Geissler, deren 
Bestreben es ist. ilie Dialektdichtung und das 
moderne Märchen, die Humoreske, das litter. 
Feuilleton etc. zu pflegen. Einsendungen, auch 
Gedichte, sowie Bücher zur Besprechung, er- 
beten an 

Die Redaktion der „Penaten“ 

in Königswald bei Dresden. 

JUC“ Vortreffliches Insertionsorgan, nament- 
lich für Autoren: Zeile 10 l’fg. 'Jfß 


Im Unterzeichneten Verlage erschien, zu beziehen dureh alle Buchhandlungen : 

^iilkslittcn uni) rdifltiilc ^ebr iinrijf. 

Eine kulturgeschichtliche Studie von 

Bruno Weiss. 


Bremen, J. KUhtmanns Buchhandlung (G. Winter.) 



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Verlag von i. W. Acquistapace 

Varel a. <1. Jade. 

Soeben erschienen: 

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Eia deutsches Trauerspiel in 5 Aufzügen 
you Georg* Ruseler. 

Preis geh. Mk. 1.50, in Originalband 
Mk. 2.50. 

Bei seiner Erstaufführung am (frossli. 
Oldenburger Hoftheater den 12. Februar 
I errang das Stink bei »unverkauftem 
jr Hause einen durchschlagenden Kr folg. 


A 


^ rrsluirr ^runrn-^rituni] 

Praktische Zeitschrift 
zur Belehrung und Unterhaltung für 
die Hausfrau und Familie. 

— ">»♦ - F Gegründet 1S8H. -<♦ — 

Verlaß it. Bcbriftleitung: Adelaide v. (iottherg-llerzog 
uml Maria Doberenz in Dresden (Finna Doberenz dl 
Herzog.) Preis pro Quartal nur HO Pff. (in Dresden 
selbst 60 l'fg.}; (furch die post und jede Buchhandlung, 
wie auch direkt durch die Geschäftsstelle : Mat h i Id e n- 
strassc zti zu beziehen. Jährlich erscheinen 26 Nr», 
dieser allgemein lK'liebtcn, sehr reichhaltigen Frauen* 
Zeitung mit den Uratis-Bcilage» „Deutsche Mode und 
Handarbeit“ und „Musik* (jede monatlich einmal). 
Insert tonspreis SO Pf. pro Zeile. Bei grosseren Auf- 
trägen und Wiederholungen entsprechender Hubatt. 
Probennmroern werden auf Wunsch gratis und franco 
versandt. 


Henri Garteimann. 


Dramatik. 4 ^ 

Kritik de« Aristotel. Systems it. Begründung eines neuen. 

Verlag von'S. FISCHER, Berlin. 

Preis 6 Mk. 

(J r 1 e 1 1 «■ : 

Es ist das erste „Buch*, welches wir seit Le »sing 
Uber dieses Thema besitzen. Arno Holz. 

Es ist das Hervorragendst**, welches auf diesem 
Gebiete erschienen ist. Jon. Schnnd-Braunlel*. 

Die „Dramatik“ [kann als der Gesetzentwurf der 
den! scheu Theaterrefonn betrachtet werden. 

Rudolf Lothar (in der Wiener „N. Freien Presse.*) 

II. s. w . 

Von demselben Verfasser erscheint demnächst: 

St-urs 

der 

Methaphysik als Wissenschaft. 

Kritik de* traiutscemb-utalen Idealismus 
Immanuel Kants. 

In diesem Werke wird die metaphysische Welt* 
:i »schaumig Kants gestürzt und die ernte Grundlage 
zu einer neuen Weltanschauung gelegt, 


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Hans Hildebrandt, 

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Deutscher Privat- Beamten- Verein Magdeburg 


»trebt für Privat-Bemnte aller Ilern faarlen dieselben Mi eher linken an, wie nie 
die KtunfNlieaniten geniesseu. 

Vermögen 900,000 JL. Corporationsrecbte, Oberaufsicht des »Staates. 150 Zweigvereine 
im Reiche. Pensionskusse. Witwenkasse. Begräbniskasse, Krankenkasse, Waisenstiftung. Rechts- 
schutz. Stellenvermittlung, vorschussweise Friimienzali hingen. Untcrstützungsfomls. günstige Lebens- 
versicherungen, Vergünstigungen in Bädern etc. Jahresbeitrag G ,ü. 

Orientierende Drucksachen u. Aufnahme durch die Hauptverwaltung in Magdeburg. 


Inhalt: Aus der Zeit — für die Zelt.S. 53. — Aus der «litt. Ges n lisch. Psyche -- An der Weiche. 
Psychodrama von Franziskus Hähnel, S. 51. - Psychodrama tische« Echo. - Über das Dramatische in Richard 
Wagners Tondichtungen. Von J. Beyer. S. ÄS. - Zur Aufrührung von Gottfried Kellers Therese. Voll Dr. W. 
Bolze. S. 58. - Gedichte von Anna Nilschke, Otto Ernst, Martin Greif, Richard Schmidt-Cabants. Max 
HofTmann. G. B. Roth. Uhmann-Blxterhelde, Wllh. Becker. W. E. Backhaus. Heinrich v. Roder u. v. am 
Neuerscheinungen. — Beurteilungen. — Georg Ruscler* Dramen. Voll Otto Ernst. — Briefkasten. •- Litteratur* 
täte) und Anzeigen. 


Veraniwortl Schriftleiter; Franziskus Hähnel, Bremen. Druck von II onieye r & Meyer, Bremen, Kut»*uli»f. 


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(3) I. Jahrgang. 


Bremen, den I. Mai 1893. 


Nr. 8. ©) 








Wer 


Monatsblatt 

der 

Litterarischen Gesellschaft Psychodrama 

tmd 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Herausgcgeben von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter), Bremen. 

(iimi miü 1 1 n m iiuLui i nTCua jjulm »j • • m » ü ixairm mn «t «io «'•■/« j ».•'« ri 
Die „Neuen litterarisrhen Blätter 4 * erscheinen vorläufig monatlich uml werden au die Mitglieder der 
..litter. Desellmh. Psych:' frei vemandt Kür Niclitmitglieder der Gesellschaft sind die ,.N. 1. Bl.“ durch den 
V'erleger: J. Kuhtni an ne Buehliandl uug (O. Winter in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Postüimt alten zu beziehen Bezugspreis 3 Mk. jährlich Einzelnummern 40 Pfg. Anzeigen werden mit 80 Pfg. 
für di»* gespaltene Kleinzeile berechnet. 


Nuehdriick der psychodramatischen Dichtungen nur unter besonderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge- 
stattet. Nacbdruek de« übrigen Teiles der ,,N. 1. Bl.“ unter Quellenangabe erwünscht. 

• ••••«* iu • i • M »Jifü ruiiniT* * OJJit • * • • • » iiuill Hl * i • • I • • »»•_! i U.MJI 


Dass ich's doch erlebte! 


So denke ich mir den Dichter der Zu* 
kimfl. in strahlender 8ell>*t herrlichkeit, in 
rettselnder Freiheit, ein Bild der Kraft, der 
Wahrhaftigkeit und darum der Schönheit, 
eine Siegfried-Eracheinnng, iu der Mensch 
und Künstler vollkommen sich decken. Kin- 
dersecie mit Mnuueskraft und Mut Ach, und 
dann wird man nach wieder Trohe Mienen 
iu Kunst und Dichtung scheu, wo heilte nur 
nrinsen and Blinzeln w-olmt, und ein schal* 
iemies göttiiehes Lachen liören - - — 
Dass Ich's doch erleide ! 


M. (t. Conrad, Ketzerblut. 


Beicher Littoratinfrcund wüsste <lie.se Worte 
■ c . j nicht mtchziienipfmden und den gleichen 
Wunsch im Herzen zu tragen : .Dass ich’» doch 
erlebte!" Ach, und wie viele halten die Hoff- 
nung aufgegeben, jene herrliche Zeit zu er- 
leben, wo Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, 
Schönheit und Kraft die ersten Regenten der 
Welt sind, l’nd doch, das Klagen und Ver- 
zagen bringt nicht einen Schritt vorwärts. Unsere 
l.ittcratnr kann mir völlig gesunden und er- 
starken. wenn das ganze Volk dabei wirkt und 
schafft. So lange unsere Dichter nur für be- 
stimmt abgegrenzte Kreise wirken können, wird 
jener Dichter der Zukunft nicht erstehen, erst 
wenn das ganze Volk danach seufzt, ihn zu 
sehen, wird seine .Siegfried-Erscheinung- aus 
dem Dunkel der Zukunft lachend und leuchtend 
unter uns treten. 


Alle Freunde unserer zeitgenössischen 
Litteratur, — und ihrer sind trotz der Klagen 
unserer Schriftsteller noch eine stattliche Zahl, 
— sollten es als ihre heiligste Pflicht erachten, 
in allen Kreisen, denen sie nahe treten und 
auf die sic einigen Einfluss auszuüben imstande 
sind, die Anteilnahme an dem geistigen Schaffen 
der (fegenwart mehr und mehr zu erwecken. 
Ein gesundes LesebedUrfnis im Volke zu wecken, 
eine Sehnsucht nach Wahrheit und Schönheit 
zu erregen, ist das Priesteramt jedes Litteratur- 
freundes. Walten wir unseres Aiutes mit Treue 
und Geduld, unbekümmert um Hohn und Spott 
der Menge. Es ist doch immer ein gutes Zeichen, 
wenn die Gleichgültigkeit anfiingt. sich getroffen 
zu fühlen. Der Littcrnturfreuml mag immerhin 
schon einen Erfolg seiner Wirksamkeit darin 
erblicken, dass man in den Kreisen, in denen das 
„Non ölet“ die führende Rolle spielt, sich über 
ihn anfregt. Der Aufregung folgt oft die Be- 
schämung. nnd dann ist’s ztitn Interesse nicht 
mehr weit. Nur wenn das litterarische Interesse 
in den weitesten Kreisen erwacht, ist die Ge- 
währ für eine neue Blüte unserer Litteratur 
vorhanden. Nur dann wird der Dichter der 
Zukunft, „der hohle Freund und Labsalspcnder 
einer neuen Menschheit- erscheinen können und 
unser Herzenswunsch in FMiillnng gelten: „Dass 
ich's doch erlebte'.- — 

Br. F. H. 


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94 



Aus der „Litterarischen Gesellschaft 


Psychodrama!' 


l'nscr Preisausschreiben. 


Pas Unterzeichnete Prcisriohterkolleginm 
hat mit Ernst nnd Gewissenhaftigkeit seines 
Amtes gewaltet. So erfreulich es ist. dass eins 
Ansschreiben eine so zahlreiche Beteiligung er- 
zielte. so darf doch auch nicht verschwiegen 
werden, dass keine der cingesandten Arlieiten 
in jeder Hinsicht den Anforderungen entsprach, 
die das Preisrichterkollegium im Sinne .des 
Schöpfers an ein Psychodrama zu stellen hatte. 
Wenn trotzdem die beiden im Ausschreihen 
genannten Preise verliehen und eine Anzahl 
Dichtungen zu litterarischcr Verwertung zu- 
rllckbehalten werden, so sind davon diejenigen 
Dichtungen betroffen, die als die relativ besten 
bezeichnet werden konnten. Jeder Preisrichter 
hat sein Amt unabhängig von seinen Kollegen 
ansgelibt, die einzelnen Dichtungen charakte- 
risiert und Vorschläge zur Preisverteilung ge- 
macht. Die am 14. April dem Geschäftsführer 
der Gesellschaft übersandten ausführlichen 
Fragebogen wurden von diesem im Verein mit 
Herrn Dr. jur. Jacobi verglichen und ergaben 
folgendes Resultat nach Stimmenmehrheit: 

Der 1. Preis von Mk. 90 
ward der Dichtung „Sankta Julia" (Nr. 26), | 
der 2. Preis von Mk. fiO 
der Dichtung „Paganini-Phantasie einer Seele 
Drama i“ (Nr. 6) zugesprochen. 

Mit je einer Stimme wurden zum Preise 
vorgeschlagen und als besonderer lobender Er- 
wähnung wert erachtet die Dichtungen : 

N'ero’s Tod auf den Trümmern Roms (Nr. 22', 
Judas (Nr. 12’. 

Bürgermeister van der Wert (Nr. 101. 

Der Kampf ist ans (Nr. 4i. 

Ausser diesen wünscht die „Litterarischc 
Gesellschaft Psychodrama* ev. folgende Dich- 
tungen literarisch zu verwenden: 


Das goldene Kalb i Nr. I9>, 
Bekenntnis einer Seherin «Nr. 21). 
Im Hochgebirge! Nr. IGi, 

Robert Guiskanl (Nr. 14), 

An's Mutterherz (Nr. 2). 


Die nicht genannten Dichtungen trugen 
einmal dem psychodramatischen Charakter nicht 
genügend Rechnung, oder kamen den gestellten 
Anforderungen nicht nach. 

Die Verfasser der preisgekrönten, sowie der 
namhaft gemachten Dichtungen werden ersticht, 
unter Angabe des Mottos und der Schlnss- 
versc ihrer eingereichten Dichtungen, sich 
baldigst dem Geschäftsführer der „littcrar. 


Gesellschaft Psychodrama* zu erkennen zu 
gehen. 

Die nicht genannten Dichtungen können 
bis zum 1 . Juli d. J„ unter Beifügung der Post- 
gebühren zurückverlangt werden: auch ist der 
Geschäftsführer auf Wunsch lieroit, die Gründe 
der Ablehnung mitzuteilen. Nach dem 1. Juli 
nicht znrückverlangtc Dichtungen werden ver- 
nichtet. 

Das Preisricbterkollegium 

der „Litter&rischen Gesellschaft Psychodrama:* 

Ui c har«! von Mrerheiiuh-Dresdon. 
Pauline lloffmann von Wangenbein!- Erfurt. 

Hermann Kiehne. Nordhausen. 

Hr. jur. J. .1 acohi(Johannes Ofto)- Bremen. 

F r n n z i s k u s 11 a h n p I - Hmnrit. 


Zweigverein Berlin. 

Der Zweigverein Berlin ist mit Erfolg be- 
müht. wie die stets zahlreich besuchten Sitzungen 
und die in denselben erfolgenden Beitrittserklä- 
rungen aus den Reihen der Gäste bekunden, 
das Interesse an der zeitgenössischen Littcratnr 
in allen gebildeten Kreisen wachznrufen. Fol- 
gende Vorträge werden in den nächsten Ver- 
sammlungen, nasser Rezitationen von Psycho- 
dramen. Gedichten und kleinen Prosawerken, zu 
Gehör kommen: .Der neue Tannbänser* (Herr 
Schriftsteller Emst Klienikei. -Die Stcdinger* 
'Herr Nürnberg’, .Guy de Maupassanf (Herr 
Schriftsteller Max lloffmann i. 

Nähere Auskunft bereitwilligst durch den 
Schriftführer Wilhelm Bcekor, Frnnzstr. 10. 

Zu Ende. 

Ein Psychodrama von Wilhelm Becker-Berlin. 

() grausames Schicksal, grausamer Gott! 
Nnn soll ich mein Lieh' zum letzten Male sehen 1 
Hier unter dieser alten Linde, die einst das 
Geständnis unserer jungen überquellenden Liebe 
vernahm. — I nd dann hinaus in die Weit, 
ruhelos, bis die Furien mich, den Mörder, zu 
Tode gehetzt haben. — Den Mörder- — ich 

— — — Doch horch, cs rauscht im hohen 
Grase. Sind es die Häscher, die midi suchen, 
um mich vor das Tribunal der weltlichen Ge- 
rechtigkeit zu schleppen? Ha. lia, ha, weltliche 
Gerechtigkeit, herrliches Wort! — Das Ge- 
räusch kommt näher — eine weibliche Gestalt 
biegt um die Wegesecke — — Elsa! — 
Wenn es dort oben in dom unermesslich blauen 
Äther wirklich einen Gott (riebt, so möge er 
meine letzte Bitte erhören, mir Kraft verleihen, 
um in dieser Scheidestunde standhaft zu bleiben. 

Elsa! Dn kommst wirklich! — Wie erregt. 

— mho ans an meinem Herzen ! Wie Do zitterst, 
wie Dein Busen wogt ! — Jetzt schlägst Dn 
die Augen zu mir auf, diese unvergesslichen 
blauen, doch wie todestninrig. thränenuinhüllt ! 

— Wo blieb das flammensprühende Leuchten V 


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— Wie Du ängstlich Pich an mich klammerst. 
Sei ruhig und lass mich noch einmal von Deinen 
Lip|>en wräuschende Lebenslust schlürfen. — 
Du schüttelst Dein Haupt, verbirgst es nun an 
meiner ßrn»t ! — Ich soll Dich nicht küssen V! 

— Wie soll ich das deuten, sprich? — Du 
schweigst ? — Glaubst Du, dass der Knss eines 
Mörders entehrt? — Nein, Du kannst es ja 
nicht glauben. Du nicht' Du weisst, dass ich 
kein Mörder hin. weisst wie .Kr" starb. Nicht 
mit grausamer Überlegung tütete ich ihn, ob- 
wohl ich langst wusste, wie er Dich von sinn- 
licher Begierde getrieben, mit »einen Liebes- 
beteurongeti verfolgte. Dielt gewaltsam auf 
einsamem Wege in »eine Arme riss, nnd nur 
das Nahen eines Wanderers Dich vom Ver- 
derben rettete. — - Wie es Deine Gestalt bei 
diesem (jedanken durchschauen ! — Doch als 
er sich heute vor der Menge mit jenem Über- 
fall brüstete, Dich eine falsche ehrlose Dirne 
nannte, — da legte es sich wie ein dichter 
Nebel nm meine Sinne, vor meinen Augen flim- 
merte es blutigrot. Von einer inneren Gewalt, 
getrieben, nt Untre ich mich auf ihn, und es 
war nicht nach meinem Willen, wenn er 
unter meinen Händen sein elendes Leben ans- 
linnchte. In der allgemeinen Verwirrung triebst 
Du mich dann zur Flucht. Und min — nnn 
verdammst Du mich? — Dn schweigst noch 

immer, weichst meinen Blicken aus ? • 

o. so gelt’ hinweg von mir, fort aus meinen 
Armen! — Doch was ist Dir, Du wankst, Dein 

Antlitz wird so bleich, Dein Auge — 

0 hefte es nicht so vorwurfsvoll auf mich. 
Elsa, habe ich Dir unrecht gethan, hat mich 
meine düster malende Phantasie genarrt ? sprich 
doch ein Wort, o sprich ' — Du lächelst ' Du 
verleihst? — Ich soll Hielten, sagst Du. mau 
ist auf meiner Spur; ich soll Dich allein lassen. 

— Deine .Stimme klingt so matt, so todesmatt! 

— O law., mich mit meinem Kusse Dir neuen 
Lebensmut einhauchen! — l)tx darfst mich 
nicht küssen ? Warum? Sprich lauter! — 
Wie — weil Gift — weil Du Gift. — weil 

Gift alt Deinen Lippen klebt?! 

Elsa! Elsa’ welch’ biiser Geist gab Dir diese 
Tbat ein? Das also ist es 1 — Der Tod hält 
Dich schon umklammert. — Ich soll Dich allein 
sterben lassen, soll mich retten, soll fliehen — 
Nein, nein, mag man mich einfangen, mich 
töten, was gilt mir doch das Leben, wenn Du 
stirbst. — 0 warum, Elsa, musstest Du diese 
schaudervolle That vollbringen ? ’ — Du konn- 
test nicht leben ohne mich? — Den Gedanken 
nicht ertragen, mich durch Deine Liebe ruhelos 
in die Welt getrieben zu haben ? — 0 Wnnder- 
macht der Liebe' — Du zuckst zusammen. Dein 
Auge starrt <|nalv»II in die Weite. — Meine 
Verfolger flüsterst Du? — .In, sieb, wie sic 
eilends nahen, damit das endlich gestellte Wild 
nicht doch noch im letzten Augenblicke ent- 
vische. — Jetzt*sind sie ganz nahe. — — — 
•'drehte nichts, Du wirst in meinen Armen 
»anft entschlummern, keine rauhe Hand soll 
diese treuen Augen zudrfleken. — Hinweg, 
sage ich Euch, entweiht nicht diesen stillen 


Stcrbcort. — Ja, sie stirbt, ihr Häscher! spart 
Eure Mülle. lasst sie in meinen Annen. Nur 
noch nach Minuten zählt dieses Lehen. — Lasst 
mich los. ich entwische nicht! — Ihr wollt nicht? 
Ha teuflische Söldner, selbst das bleiche, scholl 
vom überirdischen Glanze verklärte Antlitz ver- 
mag Euch nicht zu rühren? — Sei ruhig, Elsa! 
Wie Dn nach Atem ringst, Deine Gestalt sich 
schwer in meine Arme senkt — Deine Pnlse 
stocken — Dein Auge — — — — o Gott. 

Gott, sie stirbt! — Elsa! Eis« 1 Tot! 

— Ausgelitten! — - — So, sanft auf den 
blumigen Rasen lass mich Dich betten. — — 
Ihr weicht sehen zurück? — Der Anblick eines 
Toten scheint Eucli mit Angst und Granen zu 

erfüllen. — Und doch. Elsa, wie schön 

bist Du selbst noch im Tode 1 Leb' 

wohl. Elsa, — — — und — nun fesselt mich! 


Psychodramatisches Echo. 

(Unter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ragender Kritiker ttlier das Psychodrama bringen.) 

Der Knnstgclcbrtc Dr. Pani .Schumann 
sagt in einem längeren Essay über das Psycho- 
drama n, a,: 

»Ri ist durchaus künstlerisch, eine Handlung, ein 
! Drama durch eine einzige Person vorzufUbrcn, deren 
Worte trotzdem die Handlungen nnd die Gegenreden 
der übrigen Mitbeteiligten widerspiegeln. Man denke 
an die sich ängstlich bergende Mutter mit Kind von 
Bogniet, welche allein uns das Blntbad von Bethlehem 
vor die Augen führt, an die fünf Staalmcesters von 
Rembrandt, die eine mächtig bewegte Versammlung 
widerstrebender Geister vor »ich zu haben scheinen, 
an Thorwaldsens Argostttter, der allein den bevor- 
stehenden Mord des Argos darstellt, ohne da&s wir 
von letzterem eine Spur sehen. Was in der bildenden 
Kunst längst da war, führte Herr Oberst von Meerheimb 
in die Poesie ein: seine Monodramen sind Dramen, 
aber von mehr als Shakespeare 'scher Einfach - 
i beit, der Ökonomie. Das einzige Wirkungsmittel 
ist die. Stimme des Vortragenden, welcher der Hand- 
lung als Medium dient. „Der Schwerpunkt der Hand- 
lung liegt also nicht im Äußerlichen, sondern in der 
Anregung des Geistes nnd der Phantasie zur Selbst - 
gestaJtung und eigeiieu Mitarbeit. Wer aber wollte 
leugnen, dass diese Anregung mit viel grosserem Rechte 
dag Ziel der Poesie bezeichnet werden muss, als alle 
Befriedigung, die aus rein Äußerlichem, fric Kostüme 
1 etc. hervorgellt? Wir stehen daher nicht an, die 
Schöpfungen der Psychodramen von Neuem als eine 
echt künstlerische That zu bezeichnen!* — 


ir 


Aus der 

i m 

\ j 

itteratur der Gegenwart. 

^ ,yr 3<s>T f ^ 


Die Freiheit der Kunst. 


Von Valentin Trandt. 
ttauselientierg.) 

(Sc )i I n sh .) .Kirnst mul Natur s* i eines nnrt* 

I >ie Kunst ist gesetzlos nnd grenzenlos wie 
das heilige Meer! Niemand mag sie umfassen 
nnd bis in ihre Tiefen ergründen, niemand kann 
sie beherrschen nnd bewältigen. Alter wie da» 




Meer sich nach dem Festland richtet in seinen 
Zackungen und Huchtungen, so die Kunst nach 
dem Lehen. 

I>ie Darsteil ungsraittel der Kunst, sind auch 
die ohne Gesetz? — — Kbcns» wie das Bild 
im Spiegel seine Entstehung der Brechung der 
Lichtstrahlen verdankt, welche man in Formeln 
gefasst hat, so auch das Spiegelbild des Lebens. 
Das Leben geht, ehe es Kunst wird, durch ge- 
wisse Medien. Aber nicht ohne weiteres ent- 
steht dann ein Bild des Lehens; die Mittel 
müssen erst darstellungsfähig gemacht werden, 
mul diese Darstellnngskraft beruht auf gewissen 
Gesetzen. Die Äusserungen des Lehens treffen 
unter ganz bestimmtem Winkel die Psyche. Ist 
diese nun fällig und stehen ihr die charakte- 
ristischen Mittel zu Gebote, diese Äusserungen 
des Lehens wieder unter demselben Winkel zu 
erzeugen und festzuhalten, dann entsteht ein 
Kunstwerk. Nicht jedem ist diese Gabe ver- 
liehen und nicht jeder ist darum Künstler; aber 
auch nicht jeder vermag von dein Kunstwerk 
das zu empfangen, was er von dem Lehen in 
sich aufnimmt, wovon sein Kunstverständnis 
ahhängt. Nicht ohne weiteres; denn viele sind 
gar nicht in der Lage, des Lebens Strahlungen 
klar und rein uufnehmen zu können. Wer das 
Lehen falsch versteht, kann die Kunst nicht 
verstehen. Nur die Spiegel, welche die feinsten 
Lichtsch wingungen auf fangen und reflektieren, 
geben ein gutes Bild! Der Künstler sieht also 
seine höchste Aufgabe in dem .Streben nach 
Verständnis des Lebens und in der rechten An- 
wendung der erfahrungsgemäss gefundenen 
Mittel, dasselbe wiederzuspiegeln Dem Kunst- 
verständigen erschliesst sich das Leben in seiner 
Wahrheit, er kennt vielleicht auch die Mittel, 
wo iss die Gesetze ihrer Anwendung, aber er 
versteht dieselben nicht so einzustellcn. dass 
sie ein Kunstwerk her vorrufen, dass sie nach 
diesen Gesetzen funktionieren; auf alle Falle 
aber erkennt er: in der Kunst das Lehen. Zu- 
nächst ist also die Kunst individuell, subjektiv. 
Da aber Menschen von gleicher Bildungsstufe, 
Völker von gleichen Interessen und Strebungen 
psychisch nicht so himmelweit verschieden sind 
und in dem Lehen alle Strömungen der daran 
Beteiligten zusammenlaufen, so ist eine Kunst 
möglich, die sich an eine Gesamtheit wendet, 
eine objektive. Und jede subjektive Kunst hat 
in der Tliat etwas Objektives und jede objek- 
tive etwas Subjektives an »ich; der Mensch ist 
immer ein Kind seiner Zeit und seines Zeit- 
lebens und jede Psyche nimmt die Strahlungen 
von aussen unter einem ihr eigenen Winkel 
auf. Die Konsumierung der Ausfallwiukel unter- 
liegt. wie schon bemerkt, bestimmten Gesetzen, 
die aber bei jedem Künstler eine Modifikation 
erfahren. Dieselben richten sich nach dem 
psychischen Charakter und der Wirkungsfähig- 
keit des einzelnen Darstcllungsmittels. — Er- 
fordert das Leben, um in der Kunst sich wieder- 
zuleben, vom Althergebrachten, und wenn 
tausendmal von -Heroen“ Erprobtem, abzuwei- 
chen, dann muss es geschehen. Wollte die Kunst 
darin beharrlich sein, dann wäre sie eben keine 


I Kunst mehr und insofern sie blinderweiso beharr- 
lich ist — was unverzeihlich und naturwidrig — 
also «las Leben nicht rein widerspiegeln will, 
hat sie auch kein Anrecht auf den Ehrentitel 
Kunst. Nach dieser Darstellung könnte man 
nun von «len Wilden sagen, sie hätten keine 
Kunst, weil sic es nicht vermöchten, das Lehen 
unter demselben Winkel wiederzugeben, wie sie 
es uufnehmen. Erstens; wir wissen nicht, ob 
«lies am Ende nicht auch geschieht, was ja 
jedenfalls zweifelhaft bleibt ; zweitens: wir 

wissen nicht, oh sie nicht doch von der unvoll- 
kommenen Wiedergabe völlig befriedigt werden 
und drittens: cs fehlen ihnen die Mittel, die wir 
kennen und die uns die Macht gehen, jene un- 
gefügen Werke als unkiinstlerisch — nach 
unserem Stande — bezeichnen zu dürfen. 

Jedenfalls ist die neue Kunstform «los 
Psychodramas ein trefflicher Beweis dafür, «lass 
auch die Darstellungstechnik nicht am Alten zu 
kleben braucht, um neue herrliche Kunstwerke 
zu erzeugen. 

Die neue Kunst! 

Lehn' ich nach dem tollen Tagesgetose 
Am Fenster und blick* in die träumende Na« ht. 
Wenn nur der Nachtwind im Flüstergekose 
Mit seinen Buhlen schäkert und lacht, 

Dann «inillt ans dem Herzen der Sehnsucht shorn 
Nach dir, du neue, erlösende Kunst, 

Und über des Mondes Silherhom. 

Hinauf über irdischen Nebel und Dunst 
Huf ich aus heiligster Herzenslust 
Zur ewigen Woltenuiajestät 
Für dich mein flehende* Nachtgehet. 

l*nd wenn auf dem weichen Federpfiihle 
Der Schlummer die müden Glieder umspinnt. 
Und milde, reine Somiiicrkühlc 
Durch’» Fenster lind uni die Kissen rinnt. 

Dann haut die Göttin Phantasie 
Der Zukunft gold'nes .Sonnenschloss, 

Es sprengt hinein die Poesie 
Auf hohem stolzen Siegesross 
Mit ihrem heldenkühnen Tross 
Und jauchzt voll .Siegesfreudigkeit 
Entgegen der neuen, liehtäugigen Zeit. 

Un»l streift «1er duftige, goldene Falter 
Des Frührotscheines mein Angesicht, 

Dann singt im Juheltonc mein Psalter 
Empor zum knospemlen M«»rgeulicht : 

O. komme, du stolzer, liclitfreudiger Aar 
Und trag* uns zu freien, glücklichen Höh n 
Und trag* uns hinunter in s schaudernde Kar, 
Wo singend hauset «los Elends Föhn — 

Wir bringen der Menscheit mit frohem Getön* 
Die Retterin aus «les Lebens Dunst, 

Die neue, welterlösende Kunst! 

Grosszschocher. Wilhelm Schindler. 

Wetterleuchten. 

blendend, |diospliorgell> durch die Wetten» und 
Zucht der flammende Strahl, 

Kntlnstcnd. befreiend die Schwüle Luft. 

Doch in schwarzen Näehten, 


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07 


Wenn duften <lic Blumen 
Schwer, siisseschwer. 

Erschlaffend, betäubend, 

Irrt ein fahler Schein 
Fern über den Wassern. 

Kin Wetterleuchten ! 

I'nd doppelte Schwüle 
Auf Herzen und Hirn. 

So zuckt durch die Seele 
Ein irres Leuchten, 

Schnelle erzitternd 
In alter Nacht. 

Und ilie Kosen duften, 

Die Hände pressen 
Die schmerzende Stirn. 

In der alten Nacht 
Wogt es dahinter, 

Ein Chaos — ein Chaos 
Von ungelinrenen 
Crossen Gedanken 
Es wogt und es drängt sich 
l'nd hastet und wirbelt 
I'nd gährt und schäumt — 

Und ich kann’s nicht sagen. 

0 kam’ er herab 

Aus der Wetterwand des Schicksals, 
Blendend, phosphor färben, 

Entlastend, befreiend. 

Der flammende, tötende 
Blitzstrahl des Genins. 

Rom. Hermine von Preuschcn. 


Frühlingskleinigkeiten. 

I. Über Nacht. 

Wach auf mein Herz! Die Sonne scheint, 
Der Frühling ist gekommen. 

Was du geklagt, was du geweint, 

’s ist alles fortgenommen. 

Wach anf mein Herz und sei getrost 
Ström’ aus, ström’ aus in Lieder, 

Denn über Nacht nach Keif und Frost 
Kam dir dein Frühling wieder. 

II. Vermutung. 

Es knospen schon die Veilchen 
Am Ackerrain versteckt ; 

Sic Imt aus Wintersträumeu 
Ein lauer Hauch geweckt. 

Am Heckdom flattert lustig 
Kin hlaucs Schleifenhand 
Ich glaube Lenz ttnd Liehe 
Sind kommen schou ins Land. 

Zürich. W. Lüdcggcr. 

Ein Lied dem Lenz. 

Wo Jugend ist. da ist Musik zu Hause, 

Ihr Zauber schleicht »ich ein ins junge Herz. 
Ihr Tönen klingt auch in die stillste Klause. 
Wo Jugend ist. da herrscht sie allerwärts. 

Nie leichter lässt der fielst empor sich tragen 
Als in der Jugend sonnenhellen Tagen! 


lud wenn steh Hain und Wahl mit Grün nuikleiden, 
Der junge Lenz auf milden Lüften thront, 
Dann lauschen wir inmitten all’ der Freuden 
Dem Sauger’ der in luft gen Zweigen wohnt. 
Er siugt, er jauchzet ohne Zwang und Wissen, 
Sein Singen ist Gesetz, ist iun res Müssen. 

So sollst du singend nun hegrUsset werden. 

Du holder Leuz, mit reinstem Freudeuklang, 

I >enn was bewegt das Menschenherz auf Erden. 
Das schaftt ein Genius um — das wird Gesang. 
Es strömt hinaus ans Holler Saugeskehle. 

Was jubelnd füllet uns re junge Seele! 

Seid uns gegrflsst, ihr Boten küntVgcr Wonne, 
Ein Lied erschalle weit durch Flur und Hain, 
Wenn strahlend scheucht die helle Frühlingssonne 
Ans uns ren Herzen alle Angst und Fein. 

Ein Lied dem Lenz ! üegrflsst in uns rer Mitte, 
Bei Jugend und Mnsik der hehrste Dritte! 
Dresden. Aurelie Hornig. 


Frühlingsmahnen. 

Nun scheucht die Erde wieder 
Von sich des Winters Traum, 

Und tausend Jubellieder 
Gebiert der Lindenhanm. 

Ein liclitgehor’nes Lehen 
Zersprengt des Eises Band, 
i’nd linde Lüfte weben 
Der Schöpfung Brautgewand. 

Nun gieb dein Leid, dein Mühen 
Den Düften und dem Licht: 

Jetzt muss der Dorn selbst blühen. 

Der dir das Herz zersticht! 

Dabrun l<ei Wittenberg. Richard Erfurth. 


Mai. 

Der Mai fliegt siegend durch den Hain 
Auf Hinken Sehwalbenschwingen. 
im Wappen führt er Sonnenschein 
Mit hauten Schmetterlingen. 

Die Quellen springen frisch vom Stein, 
Die gelben Schlüssel steigen: 

Die Welt ist lauter Sonnenschein! 

Der Leuz singt von den Zweigen! 
Königswald Ihm Dresden. Max Geissler. 


Lenzlied. 

Ei schau’, welch' Sprossen, Wachsen, Blülut 
Im Wald und auf dem Feld! 

Der Winter muss besiegt entflieh’u, 

Der Leuz durchzieht die Welt. 

Maiglöckchen läuten silberhell 
Den Sieg gar lieblich ein. 

Befreit vom Eise ranseht der Quell 
Bergab im Sonnenschein. 


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Grün duftig »ich ein Schleier spannt 
Von unsagbarer l’raeht 
Von Baum zu Baum vou Elfeuhand 
(jewebt in lauer Nacht. — 

Und drüber schwebt mit leisem Sang 
Jubelnd ein Waldvöglein, 

Sein lieblich Lied mein Herz bezwang. 

Der Lenz zieht siegend ein! — 

Erfurt. Pauline Hoffmann von Wangenhelm. 


Zum Fest der Maien. 

Unter dem blühenden Apfelbaum 
Sitzen wir selig zu Zweien, 

Du füllst mir den Becher mit perlendem Schaum 
Vom duftenden Trank des Maien. 

Lass uns schmUckeu mit Maien das Fest, 
Kränzen die traute Klause, 

Umgrünt, umblüht, das junge Nest: 

Ein Hoch dem deutschen Hause! 

Singende Bursche ziehen vorbei. 

Lustige Weisen klingen, 

Ich denke der eigenen Wanderei 
Geruhig bei blauen Syringen. 

Lieder lassen nicht freudenleer, 

Grössen beim offenen Mahle: 

Alldeutschlaud, dir, über Laud uud Meer 
Die ganze, volle Schale! 

Nordhausen. Hermann Klehno. 


Wanderers Bitte. 

Sobald des Frühlings Blütenbanner 
Im Südwind durch die Lande wallt, 

Erfasst mit glühendem Verlangen 
Mein Herz des Fernweb’s Allgewalt. 

Denn Glanz und Duft und Tun und Farbe 
Sind mir des Lenzes Wandcrgruss, 

Da hält mich nichts in enger Klause, 

Die junge Welt durchmisst mein Fuss. 

Vom Thal empor zu blauen Höhen, 

Durch Waldbereich und Wiesenflur, 

Vorbei den Städten und den Dörfern 
Folg’ ich der Sehnsucht stiller Spur. 

Da streift der goldnen Freiheit Schwinge 
Die welken Sorgen von der Brust, 

Im Herzen neu mir sprosst die Freude, 

Es blüht mir neu die Daseinslust. 

Und hellen Blicks, gefassten Mutes 
Schau nahen ich die künft'ge Zeit. 

Mich stählt die Frist des sel gen Wanderers 
Zu strenger Pflicht, zu ernstem Streit. 

0 Herr, der du den Trieb zum Wandern 
Mir gabst, dem Wandervogel gleich, 

Lass mich die schöne Welt durchschweifen. 
Bis kalt das Herz, die Wange bleich. 


Und wie du mir beim Wandern fülltest 
Die Brust mit Trost und Wonneschein, 

0 lass so lieht, so freudcselig 
Zu dir die letzte Wallfahrt sein! 

Cottbus. Ewald Müller. 


Morgen im Walde. 

Der Morgen dämmert, 

Der Wald ruht still, 

Und kaum ein Blättchen 
.Sich regeu will. 

Uud leise nur zwitschert 
Das Vüglein im Baum, 

Als wollt es nicht störcu 
Den Morgentraura. 

Und doch über Wälder 
Und über die Höhn, 

Erklingt es jubelnd : 

0 Welt, wie schön ! 

Dresden. Ernst Roedor. 


Vor Sonnenaufgang. 

Der Wald ruht ernst und schweigend 
lm Dämmernebeigrau, 

Noch träumen Gräser und Blumen, 
Geküsst vom Morgentau. 

Und alles rings haucht Frieden 
Und duftet süsse Buh, 

Wie heilige Gottesnfihe, — 

Mein Herz was trauerst du? 

Deukst, wie dich herb durchwütet 
Gewittersturm und Brand . . ., 

Doch sieh, schon glüht im Osten 
Der Wolken Purpurrand. 

Ihr zagenden Wehumtgedanken, 

Was zieht ihr so trübe herauf? — 

Noch eine kleine Weile, 

Dann geht die Sonne auf. 

Charlottenburg. Ernst Kllemcke. 


Pfingstdämmerung. 

Der Faulbanm steht in Duft uud Schnee, 
Im Mondlicht leis der Roggen rauscht; 

In Blüteufiillc haucht der Klee. 

Es ruht das Land «ml lacht und lauscht. 
Im Blattwerk mttd’ ein Vogel huscht. 

Der Tlieestrnuch Uberhlüht die Bank ; 

Von Bosen ist der Weg umhuscht 
Und Nachttau funkelt kilhl und blank. 

0 frühlingsfrische Sommernacht, 

Wie staunst du still in meinen Traum ! 
Am Himmel blinkt die Sternenpracht, 

Und Ptingstluft weht von Baum zu Baum 


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99 


Eh trieft vou jungem Birkeuduft 
Das ganze stille Heimathaus, 

Der Wahl giesst seine Blumenluft 
In Siiberwolken athmend ans. 

Im jungen Laubwald wird es licht. 

Das Früh rot haucht durch Birkengriln, 
l'ud jubelnd wie ein Pflugs tgedielit 
Enttaucht die Welt dem Nebclblilh'n. 
Berauschend schallt iler Vogelsaug, 

Ein Pfingstgebet. von jedem Baum : 

Leis bebt mein Hera in gold nem Klang — 
0 Heimatwelt, o Jugendtraum! 

Zürich. Maurice von Stern. 


Waldgang. 

Wenn mir das Hera im Feuer glutct. 
Dass es vor Schmerz zerspringen will, 
Dann geh' ich. wo der Waldbach Hütet 
Und weine still. 

Und aus den Wellen, aus den Zweigen 
Dringt mir verstamlues Häuschen au, 
Und vor der Meuscheu Mitleidsneigeu: 
Hab’ hier ich Kuh. 

Hamm (Westf.J. Uhlmann-Blxterhelde. 


Im Tann. 

Ich weiss die Bnnk im grünen Tann, 

Wo jüngst wir hielten Käst, 

Und nimmer ich vergessen kann 
Wie dort geweint du hast. 

Und Tröstung sprechen sollt’ ich da — 
Mein Hera mit deinem litt. 

Doch als ich dir ins Auge sah, 

Da — weint' ich schluchzend mit. 

Caster. Laurenz Kicsgen. 


Letzte Liebe. 

Ein blühend Rüsleiu ist die erste Liebe, 

Das, holdverwirrt, die Hand im Lenze pflückt. 
Und selig oft am lichten Maientage 
An Herz und Mund im frohen Wandern drückt. 

Doch letzte Liebe gleicht dem Wüstenhome, 
ob «lein die Palme sich im Gluthauch wiegt: — 
Wie spiiht ihm bang des Pilgers Bück entgegen — 
Und bricht voll Qual, sieht er den Quell versiegt. 

Und letzte Liebe gleicht der braunen Hütte. 
Die anf Sibiriens eisiger Tundra ragt. 

Ais Port der Kettung dein Verbannten winkend. 
Der sich im Schnee verspätet auf der Jagd. 

Wie rinnt ihm Hoffnung durch die starren Glieder- 
Schon hört er summen leis den Samowar: 
Schon sieht er sich beim Klang der Heimatlieder 
Gelagert traut in der Genossen Schar. 


Doch weh ihm, wenn die Hütte leer, verlassen. 
Wenn ihn getäuscht der Winterabeudschein '. 
Daun sinkt er seufzend auf der Schwelle nieder. 
Und schweigend hliiit das Schneegeflock ihn ein. . 

Gera. Reinhold Fuchs. 


Zu spät. 

Todesuiüde voll hastendem Le.af. 

Erschöpft voll der Jagd nach dem Glück 
Schreit" ich den steinigten Hügel hinauf 
Und stehe und schaue zurück. 

Da packt mich ’s wie wildes, stürmisches Weh: 
D, dass ich Dich konnte verlassen! 

Leb' wohl und vergieb . . . Horeb, cs donnert 
der See 

Wie wildes, wie tütliche* Hassen. 


Der Abend steigt — dort blinzelt ein Stern — 
So ganz eite Nacht wie im I.iede — 

In starrer Welte, so fern, ach so fern 
Irrt klagend mein Glück und mein Friede. 
Homberg a Kle in. Hugo C. Jüngst. 


Lied. 

Es brausen die Wogen und branden 
Wild auf in schäumender Flut, 

Laut schüttelt der Baum seine Krone. 
Bewegt von des Sturmes Wut. 

So lodert auch mir aus der Seele. 

Wenn Leid sic und Trauer durchzieht, 

Und am Herzen viel Qualen mir zehren. 
Manch schreiendes Klagelied. 

Und iiu mir trägst still und verschwiegen. 
So ganz ohne Klagen dein Leid; 

Und steuerst auf schwächlichem Kahne 
Durch s Leben, Du ärmste Maid .... 
Berlin. Ferdinand Schreiber. 


Klage der Schifferbraut. 

Grausig schön in grimmer Wildheit 
Bist du, trotzig’ Meer! — 

Käst empört und zorucntfesselt 
Deiner Wogen Heer, 

Kreischt in Sturm und Ungewitter 
Schrill die scheue Möve. . 

Bist du, tückisch' Kaub erlauerud. 
Ein gereizter Löwe. 

Brüllend «ie der Tiere König 
Tobst du ungestüm : 

Deine Krallen sind die Wogen. 
Wildes Ungetüm! 

Stiebt der Meergischt in die Lüfte, 
Schüttelst du die Mähnen. 

Und wie Rachen beutegierig 
Finst’re Schlünde gähnen. 


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100 


Mitleidslos wirst du verschlingen 
Das umtoste Schiff, 

Das mein Liebstes in die Feme 
Trug vom Uferriff! 

Sorgenbang und einsam klagend 
Späh’ ich aus vom Strande. — 

Nie wohl kehrt zurück der Teure 
Mir zum Heinmtlaude. 

Rudolstadt. Anna Liebhold. 


Sehnsucht. 

t'Xtu'li meines Kindes Begräbnis.) 

Wenn sich des Abends düst rer Schattenflügel 
Hcrabseiikt auf ilie stille Welt, 

Daun irrt mein Geist durchs weite Gräberfeld 
Und weilt vor einem kleinen Totenhügel. 

Dort haben sie mein Kleinod mir begraben. 
Und als sie es der Erde übergaben, 

Da senkten mit, hinab sie unbewusst 
AU' meiue Lust. 

In meiner Seele brenut ein heiss Verlangen; 
Von meinem Lager flicht die Kuh’. 

Kein milder Trost drückt mir die Augen zu; 
Kein Friedenshauch kühlt meine Fieberwangen. 
Ich zähle bang der Stunden Glockenschlgge: — 
Wie ist der Ziigerschritt der Nacht so trüge! 
Wie geht so schell des Herzens lauter Schlag! — 
O wir' es Tag! 

Und wenn cs endlich dämmert durch die Scheiben, 
Wenn leis der Morgenodem webt, 

Wenn in der Kunde alles sieh belebt 
In znknnftfrohem, thatenbuntem Treiben, — 
Dann geh' ich schweigend durch des Hauses Räume 
Und suche dich, du Blüte meiner Träume. 
Vergebens schweift mein Ange um und um. — 
Dein Mund ist stumm. 

Tret’ ich dann auf die Gassen, wo cs flutet 
Von frendelautem Schaffensdrang, — 

Die frohe Menge schreit' ich ich scheu entlang. 
Und keiner ahnt, wie meiue Wunde blutet. 

Ich hin allein, ullein mit meinen Schmerzen. 
Ein Domenstich ist meinem müdem Herzen 
Des hellen Mittags sonnenklare Pracht. 

0 wär’ es Nacht! 

Strassburg i E. Christian Schmitt. 


Mein Weggenosse. 

(An M. H.) 

So trüb' war mir die Weit noch nie erschienen, 
Und so erbärmlich trat mir nie die Sippe 
Vor Augen, als mit heuchlerischen Mienen 
Sie Dich geworfen auf des Lebens Klippe. 

Erst buhlte sie mit lügnerischem Lieben 
Dann hetzte sic auf Dieb des Unglücks Mente, 
Die Dich erbarmungslos hinaus getrieben 
Und gift'go Saat in’s junge Herz Dir streute | 


Hoch festen Schrittes tratst Du in die Reihen 
Der Ärmsten, die ein gleiches Loos getroffen. 
Und die verzweifelt ihre Waffen weihen 
Dem grössten Kampf, dem Zukunft frohsten Hoffen. 

So fand ich Dich als wack’ren Weggenossen. 
Und nimmer werde ich den Tag beklagen. 
D'rum Hand in Hand! Getrost und unverdrossen, 
Bis mann nnsblutend wird vom Kampfplatz tragen. 
Hamburg. Emil Möbls. 


Homo sum et nil humani alienum. . . . 

Ich lieb' es nicht, dem Strome naclizuscliwinmien. 
Und schreit' nicht gern in ausgetret'ncn Gleisen. 
Nicht locken mich des Marktes laute Stimmen. 
Die feilschend mir ein nichtig Glück nnpreisen. 

Die Selbstsucht hiir' ich da heim Namen nennen — 
Ihr greift dem Zcitrad nimmer in die Speichen. 
0 könntet ihr in Liebe noch entbrennen 
l'nd euch als Menschen noch die Hände reichen! 

Als Menschen, die gefehlt, geliebt, gelitten, 
Gestrauchelt, doch erhoben sich vom Falle: 

Ihr meine Brüder, Freunde, lehrt euch bitten. 
Denn schwach und sündhaft sind wir alle, alle 

0 lasst die Menschlichkeit doch nie ersterben 
Und hütet sie als höchstes Gut auf Erden! 
Lasst mich um Liebe für die Liebe werben: 
Wer viel geliebt, dem wird viel Gnade werden! — 
Eisenach. Johannes Krüger. 


Anakreon. 

Schäumenden Wein und klingenden Reim, 
Rosigen Lippen Honigseim, 

Alles in nimmer erschöpftem Genuss 
Schlürfe ich selig und ohne Verdruss. 

Freundlich ein Schädel vor mir erglänzt, 
Den ich mit duftenden Rosen umkrünzt, 
Und mich umgaukclt ein sonniger Schein — 
Selige Geister kehren hier ein. 

Löse Dieb, löse Dich, Seele, nun frei. 

Brich nun der Körperwelt Fessel entzwei. 
Lerne du endlich die Wonne verstehn, 
Jubelnd und jauchzend im All zu vcrweb'n! 
Dresden. Felix Zimmermaiin. 


Meine Sendung. 

Das Schwert an der Seite, die Harfe zur Hand. 
So wall' ich durch'* lachende, sonnige Land. 

So zieh' ich frischfröhlich durch Tliälcr und Höhn, 
Zu preisen, zu jungen, was edel und schön. 

Das Hohe, das Wahre, was gut sich erweisn. 
Die Lippe mit Worten, mit flammenden, preist. 


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101 


Es klingen die Saiten voll Jubel darein, 

Als hätte gegriffen ein Seraph hinein. 

Dach nun mir der Gegner, die Lüge, genaht, 
Und nun mir. was hässlich, gekreuzt hat den l’fad, 

Da h raust’« durch die Verse, wie eherner Klang. 
I)a zischt aus der Scheide des Schwertes (iesang. 

Aufzuckt, wio ein Nordlicht mein trefflicher Stahl, 
Und wettert und schmettert den Gfftsen zn Thal. 

So zieh’ ich frischfnihlich durch s sonnige Land, 
Das Schwert an der Seite, die Harfe zur Hand. . , 

Wien. Ottokar Stauf von der March. 


Pfefferkörner. 

Das Zcitiingsschrciben 
Kann .leder betreiben, 

Die Presse ist ja frei: 

Doch wer die Wahrheit nur will sagen. 

Den hat die Welt gar schnell im Magen 
Und auch — die Polizei ! 

Willst Du gut Freund mit Allen bleiben 
Darfst Du nn Niemandem Dich reiben ; 
Musst jederzeit nur loben, preisen 
Musst Alles schiin und trefflich heissen 
Mit Mund und Feder 
Als Leisetreter. 

Ein krummer Kücken, ein schmeichelnd Wort 
Bringt weiter als treue Arbeit fort. 

Nach oben kriechend, nach unten brutal 
Das schaffet Gunst und fettes Mahl. 

Wer seinen Mantel hängt nach dem Wind, 
Der steigt zumeist empor geschwind 
In dieser schönen Gotteswelt 
Und kommt zu An-oh'n. Gut und Geld; 
Wer kriechen und wer schmeicheln kann 
Das ist der rechte Mann ! 

Berlin. Max Dlttrlch. 


Oie Stützen der Gesellschaft. 

Willst du die Ordnung der Gesellschaft stutzen, 
Merk dir, wie du vor Allem ihr kannst nützen : 
Die alte „Ordnung” voller Schein und Trug 
Die lege friedlich in ein Leichentuch ; 

Zum neuen Bau sei Kopf und Herz bereit, 
Dess’ Säulen Wahrheit und Gerechtigkeit, 
Damit durch Arbeit Jeder frei und glücklich 

werde. 

Und Keiner Hunger leide mehr auf unsrer Erde. 
Bremen. Wilhelm Emanuel Backhaus. 


Aphoristisches. 

Kraft und Verstand ist dem Glück verwandt. 
Erreichtes Streben kann Glück auch geben. — 
Doch liehen und geliebt zu werden — 

Gilt mir als höchstes Glück auf Erden! — 


Vereinsamt zu sterben und unbeweint. 
Mir als das grösste Unglück erscheint 


I m Geist und Herz empor zu halten. 
Muss das Ideale sich frei entfalten — 
Doch, dass wir nicht den Halt verlieren 
Diene das Reale zum Balancieren. 


Dass Jeder gnädig Beifall lacht, 

Hat noch kein Narr zu Stand’ gebracht. — 

Erfurt. Paullnc Hoffmann von Wansenheim. 


Kleine Bosheiten 

vou Max Wundtke- Berlin. 

Bileams Esel. 

Dass einst, ein Esel sprach, mich nimmt’» nicht 
wunder ; 

| Ein gröss tes Wunder wird die Jetztzeit bleiben: 
Heut spricht so mancher Esel, und itzunder 
Fängt auch mancher Esel an zn schreiben. 

Miscra plcbs. 

Seht mit Verachtung herab auf die misern pieps, 
auf die Masse: 

Ach, das Drolmengeschlecht schätzte noch immer 
ilie That. 

Bestätigte Hypothese. 

.Nichts vergeht in der Welt: es geht nicht das 
Kleinste verloren” 

Lehrte der Forscher, und ich führe des weiteren 
aus: 

Habt ihr auch sonst keinen Zweck. Freundchen - 
itir düngt doch den Boden, 
Und so habet auch ihr nimmer vergebens gelebt. 

Die Befreiung des Weibes. 

.Heilig ist mir das Weib! spricht Fritz und 
prügelt die Gattin. 

Mischst Du Dich schützend hinein — Hand weg. 

was geht es Dich nn? 

Fabel. 

.Wie kommt es”, sprach der Esel zur Eule, 
.dass man Dich allerorts für so weise hält? Ich 
darf nur meinen Mund anfthun, und sofort lacht 
man über mich und schilt mich dumm!'' 

■Geschieht Dir schon recht!“ antwortete 
die Eule, .warum timst Du auch Deinen Mund 
auf! Hättest Du stets geschwiegen, man wüsste 
ja gar nicht, wie weit Deine Dummheit reicht !“ 


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102 


Litterarische Rundschau. 

Iui Verlage der Schriften Vertriebs- 
anstalt za Weimar erscheint gegenwärtig 
ein Volksroman von Max Kretzer. Irrlichter 
and Gespenster. I>ie ans vorliegenden ersten 
12 Hefte bieten für einen fiusserst genügen 
I’reis in Druck und Ausstattung wirklich Vor- 
zügliches. Wir werden auf den Human, sowie 
auf die Bestrebungen des „ Vereins zur Massen- 
verbreitung guter Schriften“ noch ausführlich 
zurUckkommen. 


Von lt i c b n r d N o r d h a ns e n' s Saug 
„Joss Fritz der Landstreicher“ wird, wie uns 
der Verleger mitteilt, soeben das 5. Tausend 
ausgegeben. Ein neues Epos, iu Bardowick 
spielend, wird demnächst erscheinen. 


Julius Stinde, der Vater der bekannten 
Wilhelmine Bnchholz (nach der Autiagenhiihe 
za urteilen, eines Licblingsbuchs der Deut- 
schen) hat soeben ein naturalistisches Familien- 
drama „Das Torfmoor“ herausgegeben, in 
welchem er sich stellenweise als glücklicher 
Parodist zeigt. Dass es mit Aufwand von 
üeist geschieht, wollen wir nicht behaupten ; 
zudem ist auch nichts leichter, als etwas lächerlich 
zu machen, was mau uicht versteht. 


Ich beabsichtige die Herausgabe eines 
kritischen Jahrbuches, das alle lyrischen, 
epischen und dramatischen Werke von lH'.ki 
in übersichtlicher, streng sachlicher Weise be- 
handeln, Januar oder Februar 1894 erscheinen 
soll. — Zn diesem Zwecke bitte ich die Herren 
Autoren resp. Verleger um gell. Zusendung 
der diesbezüglichen Bücher. 

Nonnenweier a Rhein (i. Baden). Ludwig Frank. 


Der rührige Direktor des im Bau befind- 
lichen Raimund-Theaters hat für seine Zwecke 
das oberbayrische Repertoire der „Münchener“ 
erworben: „Der Herrgottschnitzer, der I’rotzcn- 
bauer. Haus im Glück, die schlaue Mahrn, Atu 
Wetterstein.“ Die beiden letztgenannten Stücke 
bedeuten für Wien Novitäten. Weiter gelangen 
zur Aufführung: Sudermanns Heimat, Wilbrandt's 
Graf von Hammersteiii, Bohrmann s „der letzte 
Babenberger“. Greifs Prinz Eugen. Initncruiann's 
Andreas Hoforund „Messeuhauser“ (Autor: unge- 
nannt): Anthony'« „Arbeit Hoch!“ und PShals 
„der liebe Augustin“ sind ebenfalls dem Köper- 
toir einverleibt worden. Müller- Gnttenbrunn 
hat ferner mit dem Münchener Charakter- 
Darsteller Hans Neuert einen Kontrakt abge- 
schlossen. demzufolge dieser Künstler alljährlich 
im Mai und Juni hier Gastspiele nbhaltcn wird. 
Während dieser Zeit bleibt das gesamte Mün- 


chener Repertoire iu Kraft. — Die Arbeiten 
am Bau schreiten rüstig vorwärts und die 
Hauptsache : die Kapitnlsboschaifung ist ihrem 
Abschlüsse nahe. — Glück auf, du viel ersehntes 
Raimund-Theater! 

Wien. Stauf von der March. 


Zur Mitarbeiterschalt an dem soeben sein 
Erscheinen Itcginnenden „Dilettantentheater 
für Damen“, welches nicht nur Theaterstücke, 
sondern auch ernste und heitere Vorträge, Solo- 
uinl Duoscenen, Lebende Bilder u. dgl. bringt, 
[ordert der Herausgeber, k. Hofsckauspielcr a. D. 
Paul Riithling in Stuttgart, die Damenwelt 
angelegentlich auf. Das „Dilettantcntheater“ 
erscheint unter hervorragender Mitwirkung von 
Dr. Ella Mensch und Freifräulein Anna von Krane 
heftweise in drei- bis vierwtichentlichenZwischen- 
rü innen im Stuttgarter Verlage von Levy & 
Müller, an welche Einsendungen zu richten 
sind. 

Eingesandte Neuerscheinungen. 

(Die Üv»iircdiuug »-rfolgt tlmulidist iu UeitiPUtMlg«; 
der EiiiMeudungPU.) 

Max Kretzer. Irrlichter und Gespenster. Volks- 
roman. Verlag der Schriftenvertriebsnnstnlt 
zu Weimar. 1893. Hefte 1 — 12. Preis 
ä Heft 10 l’f. 

Carl Busse. Gedichte. Grossenbain und Leipzig, 
Verlag von Baumert & llonge. I’reis broseb. 
Mk. 1,50. 

Carl Busse. Ich weiss es nicht. Die Geschichte 
einer Jugend. Grossenbain und Leipzig. 
Verlag von Baumert & Ronge. 1892. Preis 
brosch. Mk. 2,50; elcg. geh. Mk. 3.50 

Richard Erfurth, Auf bumbewegten Gassen. 
Novellen und Bilder. Dresden und Leipzig, 
E. I’ierson’s Verlag. 

Ludwig Scharf. Lieder eines Menschen. 2. Anfl. 
München, Druck und Verlng von Dr. 
E. Allicrt & Co., Separat-fonto. Preis 3 Mk. 

Karl Henckell. Aus meinem Liederbuch. München, 
Druck und Verlag von Dr. Albert & Co., 
Separat-fonto. Eleg. brosch. Mk. 6. 

H. Schaffer, Lichtbilder. Heitere Erzählungen. 
2 Bde. Wolfcnhüttcl, Verlag von Julius 
Zwissier. 

..Sphinx!' Mona t sehr iit für Seelen- und Geistes- 
leben. Ilerausgeg. von Hühbe-Sehleiden. 
März 1893. Braunschweig. Verlag von V. A 
Sehwetschke & Sohn. Preis viermonatlich 
(1 Band) (i Mk. 

Otto Julius Bierbaum. Studentenheichten. Erstes 
Tausend. München 1893, V erlag von Dr. 
E. Allicrt & t'o., Separat-fonto. Preis 
brosch. Mk. 1,50. 


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103 


Leopold lacoby, Deutsche Lieder au.- Italien. 
München 1892, Verl, der Münchener Handels- 
druckerei und Verlagsanstalt 31 Poessl. 
Preis hrosch. Mk. 1.80; eleg. geh. Mk. 2.50. 
Haus von Basedow. Ein Testament. Aus den 
hinterlassenen Papieren eines Componisten. 
Mit dem Portrait des Verfasser*. München 

1892, Verl, der Münchener Handelsdruckerei 
und Verlagsanstnlt M. Poessl. Preis hrosch. 
Mk. 2,60. 

Carl Busse, In junger Sonne. Novellen und 
Skizzen. München 1892, Verl, der Münchener 
llandelsdruekerei undVcrlagsanst. M. Poessl. 
Preis hrosch. Mk. 3. 

M. G. Conrad, Ketzerhlut. Sozialpolitische Stim- 
mungen und kritische Abschlüsse München 

1893, Verl, der Münchener Handelsdruckerei 
undVerlagsanst. M.Poessl. Treis hrosch. Mk.3. 

O. Hotzen. Wichmann der Kreuzfahrer. Eine 

althrcmische Geschichte. Mit 4 Typo- 
gravuren. Bremen. Druck und Verlag von 
Carl Schiineraann 1893. Preis Mk. 1,20. 

P. E. Elodiew, Erinnerungen aus der Peter-Pauls- 

Eestung. Zürich, Verlag von CaesarSchtuidt. 
1893. Preis 1 Mk. 

Emil Irm scher, Virgils Aeneide. Buch IV. In 
freien Stanzen Übersetzt. Leipzig. Gustav 
Fock 1893. 

Emil Irmecher, Sachsentrcue. Gedicht. Leipzig. 
Gustav Fock 1893. 

Philander. Medizinische Märchen. 2. Auflage. 
Stuttgart, Verlag von Levy & Müller 1893. 
Preis 2 Mk. 

Franz Held, Manometer auf 99! Soziales Drama 
in 5 Akten. Berlin 1893. Fresco-Verlag. 
Preis 2 Mk. 

F ranz Held, Gross-Natur. Ausgewählte Gedichte. 
2. Auflage. Berlin 1893, Fresco-Verlag. 
Preis 30 Pf. 

Die Gesellschaft. Monatschrift für Littcratur, 
Kunst und 9ozialpolitik. Begründet und 
horausgegeben von M. G. Conrad. IX. Jahr- 
gang, Hcft S. 1893. Leipzig. Verlag von 
Wilhelm Friedrich. Preis viertelj. 4 Mk. 
Paul Grotowsky. Der toten Mutter. Ein Lieder- 
kranz. Grossenhain und Leipzig 1893, Verl, 
von Baninert & Bonge (Hcinr. ltonge). 
Hugo Ganske, Andreas Hofer. Dramatisches 
Gedicht in 5 Aufzügen. Berlin. Verlag der 
„Splitter:* 

Der Zuschauer. Monatschrift für Kunst, Litteru- 
tur, Kritik und Antikritik. Horausgegeben 
von L e o B e r g und Constantinßrunner. 
1. Jahrg. Nm. 1 u. 2. Vorlag des Littera- 
rischen Vermittiungs - Biireaus, Hamburg. 
Viertelj. Mk. 1,50; halbj. Mk. 2,50. 

Aus E. Pierson's Verlag, Dresden und 
Leipzig gingen uns folgendeNeuerscheinungen zu : 
S. Barinskay, Buch der Kosen. Gedichte. Preis IMk. 
Adolf Dietrich. Friedrich der Kreidige. Ruhmes- 
blätter und Sagenkiiinge ans Thüringen. 
Preis 2 Mk. 


Franz Herold, Spuren. Ausgcwäbltc Gedichte. 
I’reis Mk 2,50. 

Richard Schaukai, Gedichte. Preis Mk. 1,50. 
Adyr Seyth, Traumeskinder. Erzählende Dich- 
tungen. Preis 2 Mk. 

Paul Warncke. Gedichte. Preis 2 Mk. 

Arthur Holitscher. Leidende Menschen. Novellen. 
Preis 2 Mk. 

Rudolf Bruno. Erträumte I.ielic. Jugendlieder. 
Preis 1 Mk. 

Wilhelm Arminius, IJm den Wildsee. Schwarz- 
wald-N'ovolle in Versen. Mit einem Vor- 
worte von Wilhelm Jenscn. 1‘reis 5 Mk. 
Maurice Relnhold von Stern, Die Insel Ahasvers. 

Ein episches Gedicht. Preis Mk. 1,50. 
Karl Bienenstein, Aus tiefstem Herzen. Ge- 
dichte. Preis 1 Mk. 

Clara Forstenheim, Gedichte. Preis Mk. 1,50. 
Heinrich E. Kromer. Schauen und Bauen. Ge- 
dichte. Preis Mk. 2,50. 


Reinhold Fuchs, Strandgut. Neuere Dichtungen. 
Zweite durchgesehene und vermehrte Auf- 
lage. Gera, Verlag von Karl Bauch. Preis 
Mk. 3,50. 

Otto Schlotke. Blüten vom Wege. Gedicht«. 
Leipzig 1893, Verlag von Artur Seemann. 
Preis eleg. geh. 3 51k. 

Arthur Pfungst. Laskaris. II. Teil. Der Alcby- 
mist. Leipzig 1893, Verlag von Wilhelm 
Friedrich. Preis broschiert 2 31k.; eleg. 
geh. 3 Mk. 

M. Manuela. Rudolf von der Wart. Trauerspiel 
in 5 Aufzügen. Dresden und Leipzig. 
E. Pierson's Verlag 1892, hrosch. 2 51k. 


CI. Henri, I rania. Gedichte. Dresden nnd 
Leipzig 1893, E. Pierson's Verlag, hrosch. 
2 Mk. 

Willy Pastor, Abendschatten. Xovelletten. 
Dresden und Leipzig 1893, hrosch. 31k. 1.50. 


Beurteilungen. 

Maurice Reinhold von Stern. Aus den Papieren 
eines Schwärmers. Worte an die Zeit- 
genossen. Dresden und Leipzig, E. Pier- 
son's Verlag. 1893. Preis 1 Mk. 

3Iaurire von Stern hat sich als Herausgeber 
dieser Papiere eines Schwärmers als Motto das 
Kapitel der Lielie aus dem 1. Korintherbriefe 
gewählt. Und wahrlich, eine weltumfassende 
Liebe spricht ans den Sprüchen der zehn Kapitel 
dieses eigenartigen Buches zu uns. eine Liebe 
zur Wahrheit, Gerechtigkeit, zu den Annen und 
Schwachen, wie sie in unserer Zeit niehtjgenug 
gepredigt werden kann. 3Iag man auch t nicht 
immer mit dem Schwärmer flhereinstimmen. so 
w ird man ihm doch Dank wissen für seine mann- 
haften, ehrlichen Worte, die es verdienen, in 


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104 


ilen weitesten Kreisen gehört zu werden. Oie 
Sprache de» Schwärmers ist die Lnther'sche 
Itilielsprache, von Poesie und Kraft erfüllt; an 
einigen Stellen wäre eine etwas neuzeitlichere 
Ausdrncksweise vielleicht, oft durch ein kleines 
Wörtchen erzielbar, empfehlenswert gewesen; 
es brauchte trotzdem keine Zeile verändert 
werden. In dem ö. Kapitel mit dem prächtigen 
Gesänge der Werklente am Schlüsse hat z. B. 
mich der Vers .leb höre geistliche Lieder und 
kommt ein grosser Sturm in die Welt“ docli 
für einen Augenblick aus der weihevollen Stim- 
mung herausgerissen. Poch nur für einen Augen- 
blick; denn der Schwärmer fesselt sofort aufs 
Nene. Möge er recht viele Herzen rühren und 
anfrUtteln helfen. 

Br. F. H. 

Oer Anteil der Frauen am geistigen Leben. Ein 

Essay von I) r . K a rl Wa Icker Bielefeld, 

Verlag von A. Helmich s Buchhandlung 

(Hugo Andersi. 

Da alles, was das geistige Leben der Frauen 
fördert, nicht ihnen allein, sondern der mensch- 
lichen Gesellschaft überhaupt zu gute kommt, 
ist die kleine Schrift des Pr. Waleker freudig 
zu begrilssen. Ohne die Frage eingehend zu 
erörtern, beleuchtet sie sie in treffenden und vor- 
urteilsfreien Bemerkungen, Pem Goethe sehen 
Wort: .Willst du genau erfahren, was sich 
ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an“ — 
setzt der Verfasser hinzu: Es wäre eine zu 
enge Auslegung, dies Wort nur auf das gesel- 
lige Leben zu beziehen : nuf allen Lebensgebieten, 
in der Volkswirtschaft, in der Politik kommt 
Ziemliches und Unziemliches vor, und auf allen 
Lebensgebieten sollen Männer wie Frauen 
nach der Palme echter Humanität streben. — 
Damit spricht der Verfasser ein grosses Wort 
gelassen aus. das eine Überzeugung bekundet, 
die in unseru gebildeten Kreisen noch nicht 
allgemein geteilt wird. Auf einigen Gebieten 
geistigen Lebens, in der Litteratur. in der Kunst 
haben die Frauen unserer Zeit sich eingebürgert, 
auf anderen werden sie nur geduldet, und die 
Wissenschaft hat ihnen ihre Tliore noch uicht 
geöffnet. Pas kommemle Geschlecht wird es 
schwer verstehen, dass noch jetzt sich so viele 
Stimmen gegen den ärztlichen Beruf der Frauen 
erheben, den in England mul Amerika hunderte 
von Francn zum Wohl ihrer leidenden Mit- 
menschen ergriffen haben. Es ist nicht zu 
leugnen, dass Deutschland in der Bethätignng 
des Gemeiusinnes der Frauen — auch ein gei- 
stiges Gebiet — augenblicklich hinter anderen 
Kulturländern noch zurücksteht, dass es aber 
nur der Erweckung schlummernder Kräfte, der 
Ueberwindung alter Vorurteile bedarf, um freu- 
dige Mitarbeiterinnen au den grossen sozialen 
Aufgaben der Gegenwart zu gewinnen. Im 
Interesse der Familie, wie der menschlichen 
Gesellschaft überhaupt, ist das häusliche Wirken 
der Frauen im Familienkreise das Allerwieli- 
tigste; aber die Maschinenarbeit und die gross- 
artige Entwickelung der Verkehrsmittel, welche 
alle Lebensbedürfnisse aus nah nnd fern leicht 


zusammenholen, haben die unverheirateten Frauen 
vielfach aus der häuslichen Arbeit verdrängt und 
auf andere Gebiete gewiesen, deren Erforder- 
nisse ihueu die unauweisliche, neue Aufgabe 
stellen, an der geistigen Kulturarbeit ihres Vol- 
kes noch mehr als bisher teilzunebmen. Der 
menschliche Geist bringt durch die Beherrschung 
der Naturgesetze, durch die Verwirklichung der 
grossen Gedanken die Faktoren hervor, die allmäh- 
lich die Zustände der menschlichen Gesellschaft 
verändern. Tempora mutautur et nos mntanmr 
in illis. Wir müssen mit den Thataachen rech- 
nen. Wenn der Geist, der Gesetzgeber in der 
Welt der Erscheinungen, w enn er der Schöpfer 
der Zustände ist, soll da der Geist der Hälfte 
der menschlichen Gemeinschaft, sofern die Familie 
ihn uicht beansprucht, in den getneinsamcnLebcus- 
interessen nicht in Betracht kommen ? Soll all 
die mit dem Kulturfortschritt unserer Zeit stets 
wachsende Arbeit an den sozialen Pflichten den 
Männern allein anfgebttrdet werden, obwohl so 
viele dieser Sorgen arme Frauen und Kinder 
betreffen? Sollen die vielen von einem eigenen 
Heim nicht umfriedeten Frauen grosse Vorzüge 
der Kultur gemessen, ohne an ihren Aufgaben 
thätigen Anteil zu nehmen? Pas will uns als 
nicht gerecht erscheinen. Wir Frauen danken 
Pr Waleker für sein Wort : .Auf allen Lebeus- 
gebietenl' In volkswirtschaftlicher Beziehung 
können die Frauen der besitzenden Klassen viel 
zur Verbesserung der Lage ihrer ärmeren Mit- 
menschen thun. Pr. Waleker erwähnt auch den 
Kampf gegen die Trunksucht als im Interesse 
der Frauenwelt liegend. Leiden nicht mehr 
Frauen nnd Kinder durch die Folgen der Trunk- 
sucht als selbst Männer? ln England stehen 
die Mässigkeitsbcstrclmngeu auf dem Programm 
fast aller gemeinnützigen Franenvercine. Tempe- 
rcnzfrage und Frauenfiage gehen meistens zu- 
sammen Als ein erfreuliches Zeichen der Zeit 
haben wir es daher mit Pank begrüsst. dass 
der Vorstand des Vereins gegen Missbrauch 
geistiger Getränke in seiner Sitzung am 21 März, 
eine Frauenkommission zur Mitarbeit an seinen 
Zwecken erwählte. Gäbe es zu solcher Mit- 
arbeit doch begeisterte Kednerinnen, die die 
Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit gegen die 
Tnmksnrbt, diesen Feind des Menschenge- 
schlechts. zur Thntkraft aufrüttelten, wie es 
in diesen letzten Monaten in England zwei edle 
Frauen, Lady Henry Somerset und die Ameri- 
kanerin Fr). France» Willara, von Tausenden 
gethan haben und wie es so viel dort geschieht. 
Aber Pr. Waleker glaubt, dass das öffentliche 
Beden der Frauen der Beclitfertigung durch 
gute Gründe bedürfe, während wir cs eine Pflicht 
nennen möchten, sobald einer gemeinnützigen 
Sache damit gedient werden kann. Pr. Waleker 
sagt selbst: .Mit dem geflügelten Worte .Mulier 
tacent in ecclcsia' wird eine Art Unfug getrieben“, 
nnd der berühmte amerikanische Prediger 
Bceeher behauptete auch in einer grossen Rede: 
Paulus hätte das nicht in Bezug auf »ittenreine, 
geachtete Frauen gesagt. In unserer ernsten 
Zeit bringt ilie Pflege der Knust Reichen und 
Armen Erhebung nnd Erquickung für Geist 


und Silin Nicht nur Künstlerinnen üben üffent- 
licli die schönen Künste aus, auch unsere weib- 
liche Jugend wird vielfach aus l’rivatkreiseu 
zur Mithillfe an gemeinnützigen Werken und 
Zwecken dazu herangezogott Jeder erfreut sieh 
dankbar ihrer Leistungen, und durch einen Tadel 
würde inan nur sich selbst als engherzig verttr- 
r -I len. Wenn es aber als eiue verdienstliche 

Pflicht und als durchaus weiblich anerkannt 
wird, zu guten Zwecken der Musik und dem 
schönen Schein öffentlich zu dienen, so kann es 
nicht unweiblich sein, dasselbe im I 'inist sitt- 
licher Schönheit und Reinheit zu thttn. Wenn 
Kranen öffentlich singen und mimen dürfen, 
so müssen sie auch öffentlich sprechen dürfen 
(falls sie irgendwie oder irgendwo helfen können), 
ohne ihrem Wert und Wesen in der allgemeinen 
Meinung untreu zu werden. Das Kine bedingt 
das Andere. „Nur durch das Morgenthor des 
Schönen dringst du in der Krkenntnis Land: 1 
liier hat das Schöne zur Erkenntnis der Wahr- 
heit geholfen, dass, weil die Menschenliebe nicht 
weniger als die Kunst eine Himmelstochter ist, 
daher für beide die Frauen öffentlich zeugen 
dürfen, als Teilhaherinnen am geistigen Leben 
ihres Volkes und als Priesterinuen. Per Anteil 
der Frauen an der Litteratnr ist schon erwähnt. 
Fenier sagt Pr. Walcker: .Eine gnte allge- 
meine Bildung der Damen befördert gute Ehen, 
tragt zur Sicherung des Familienvermögens beiv 
In unserer „schneidigen“ Zeit ist es gewiss bitter 
nötig, dass die Frauen als Penaten, des Hauses 
geistiges Feuer, die Flammen der Begeisterung 
für idealen Lebensinhalt schüren, damit die 
Jünglinge vom Klternhanse hohe Gedanken und 
Gemeinsam mit ins Lehen nehmen, zu den 
grossen Sorgen nnd Pflichten unserer Tage. 
Wie schön mul erquicklich ist die Gemeinschaft 
geistiger Interessen in der Familie, gewiss wird 
das Glück dadurch erhöht und innnche Irrwege 
können dadurch verhindert werden. — Aut man- 
ches Andere noch einzugeben . verbietet der 
Haiiiu; ich stimme mit dem Verfasser überein, 
dass cs im Interesse des Familien- wie des 
Staatslebens liegt, den Anteil der Frauen an 
allen höheren Lebeneinteressen zu befürworten. 
Jedenfalls aber werden alle Frauen und Mädchen, 
jnng oilcr alt. reich oder arm linden, dass alles 
geistige Streben immer neue Hülfsquelleu für 
Lebeusglück mul Lebenswert entspringen lässt, 
dass es mehr Macht giebt. andern zu helfen, 
dass es den unseligen Grundsatz : „Geld regieit 
die Welt“ lügen straft, dass es der Geist ist, 
der da lebendig macht. Möchte Pr. Walckers 
kleine Schrift hei vielen Lesern einer vorurteils- 
freien Auffassung der berührten Frage den Weg 
bahnen. 

Bremen. Ottilie Hoffmann. 

Allen die Erde. Kritisch-geschichtliche Dar- 
legungen zur sozialen Bewegung von 
Wilhelm Emanuel Backhaus. (Leipzig. 
1893. Verlag von Wilhelm Friedrich.) 

Wesen und Zweck des Staates richtig er- 
kennen. heisst den Schlüssel gefunden zu haben, 
uin dem ringenden Mcnschengesehlcehte die ver- 


schlossenen i'liorc der Glückseligkeit aufzit- 
tliuu. Die Beantwortung der Frage aber, iincli 
Wesen und Zweck des Staates, hlingt zusammen 
mit der Frage der Zweckbestimmung des 
Menschengeschlechtes überhaupt nnd führt in 
ihren tiefsten Wurzeln auf die Frage des Welt- 
zweckes zurück. 

W. E. Backhaus musste in seinem Buche 
.Allen die Erde“ diese Fragen, welche iu die tief- 
sten Tiefen philosophischer Spekulation führen, 
wenigstens andeutend behandeln, uni dem 
Reformgedankeu der Boden Verstaatlichung l’n- 
tergrtind und Ausbau gehen zu können. Er 
verfährt hierin auch einzig richtig, insofern die 
Beantwortung der oben berührten allgemeineren 
Fragen für ihn die Prämissen abgehen, aus 
welchen er seine speziellen Endschlüsse zieht. 

Pas Buch zerfällt in 9 Kapitel. Pie ersten 
(1— 3i handeln von Wesen nnd Zweck des 
Staates, zeigen uns, wie weit wir heute von 
der richtigen Erkenntnis dieses Wesens und 
Zweckes entfernt sind und wie unsere sogen. 
.Menschenrechte“ nnr Scheinbilder, unsere pri- 
vaten und staatlichen sozial - wirtschaftlichen 
Bestrebungen mir blosse Scheinmittel, da .die 
heilige Quelle, ans welcher alle Güter flicsseu“. 
die Erde, Hingst dem Würger Kapitnl zur Aus- 
beutung anheim Hel. Pie Menschheit ist ihres 
LT- und Grundrechtes, des Rechtes auf gemein- 
samen Nutzbesitz der Muttererde durch einzelne 
beraubt worden. Pein Beweise für den Bestand 
dieses Lr- und Grundrechtes, das in inniger 
Wechselbeziehung stellt mit dem anderen Grund- 
rechte, dem der Persönlichkeit, widmet der 
Verfasser das vierte Kapitel. Pas folgende 
fünfte belässt sich mit der sozialen Bewegung 
und den Keformparteien, das sechste bringt 
eine fesselnde, in ihren Ausführungen treffliche. 
Darstellung der Begriffe .Sozialismus uud Indi- 
vidualismus, deren naturgetnässe Zusammen- 
gehörigkeit und Relativität uns dargethnn wird, 
während iu dein siebenten Kapitel die sozial- 
demokratische Partei nnd ihr Programm in 
würdiger Weise, sine ira ne Studio, behandelt, 
wird. Pas hei weitem umfangreichste Kapitel 
ist das nun folgende achte, in welchem der 
■ Grund- mul Zweckgedanke des Buches, die 
Bodenbesitzreform, eine von tiefem Erlässen 
des Stoffes nnd grosser Beherrschung der 
Litteratnr- zeugende, in geschichtlicher, philo- 
sophischer und wirtschaftlicher Beziehung gleich 
bedeutende geistvolle Beleuchtung erfährt. Pas 
Schlusskapitel, ein prophetischer lleerrufer des 
Progrnmmes „des bodcubcsitzeuden Staates“ 
ruft alle unter das gemeinsame Banner des 
mensehculieglUckenden Gedankens „allen die 
Erde. “ 

Pas ist der Inhalt des Backhaus sehen 
Werkes. Gerne würde ich näher darauf ein- 
gelien, als der mir iu diesen Blättern verstauet« 
Raum es erlaubt, denn cs wurden eine solche 
Fülle von Gedanken in mir angeregt, dass ich 
Mühe habe, mich kurz zu fassen. Das Buch 
ist mit jener heiligen Wärme geschrieben, 
welche der natürliche Ausfluss jeder tiefgehen- 
den l.’eherzeugnng ist, und von ihr fortgerissen 



106 


steigert sich ilie Sprache oft zu poetischer 
Hohe. Dabei weht ein (jeist der Milde, der 
Versöhnlichkeit und Menschlichkeit den Leser 
an und greift ihm ans Herz. Nicht mit 
Menschenzahlen, mit Quadratmetern u. (ietreide- 
produktion, dem wissenschaftlichen Rüstzeug 
verknöcherter Professoren der Nationalökonomie 
oder fanatischer Parteipolitikcr werden wir 
ahgespeist, nein unser Gewissen wird wachge- 
rufen durch die warnende Stimme eines von 
edler Menschenliebe durchdrungenen Kämpfers 
für das Ideal einer Gerechtigkeit, deren goldene 
Frucht Glückseligkeit heisst. 

Sind wir auch nicht in allen Punkten mit 
dem Verfasser einverstanden, so doch in dem 
leitenden Gedanken der Erlösung aller darbenden, 
in Not und Elend wandelnden Brüder. Wie und 
anf welche Weise ein jeder am besten zu helfen 
vermeint, ist ja keine Frage des Prinzips, son- 
der Taktik. In den IlörsSlen der Hochschulen 
und den Hullen der Parlamente wird die soziale 
Frage nicht gelöst, alter Menschen braucht es. 
die von seinem humanistischen Sozialismus er- 
füllt sind, dessen typischer Ausdruck sich in 
dem Backhans schen Werke findet. 

Möge das Buch Streiter werben fiir den 
heiligen Kampf, bis alle an dem unermesslichen 
Mahle tcilnehnien können, von dem der Dichter 
(t’onr. Ferd. Meyer in dem mystisch-visionären 
Gedichte .Alle“) sagt: 

.Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens. 
Da streckte keine Schale sich vergebens. 

Da lag das ganz« Volk auf vollen Garben, 
Kein Platz war leer und keiner durfte darben!“ 
ZUrtch. Dr. W. Bolza. 

M. G. Conrad, Kctzcrblut. Sozialpolitische Stim- 
mungen und kritische Abschlüsse. München 
1893. Verlng der Münchener Handels- 
druckerei und Verlagsanstalt M. Poessl. 

.Und was mich schlecht dünkt, pack' ich an 
Und zahl' ihm blutige Hielte. 

Und was als gut sich erweisen kann. 

Dem weilf ich meine Liebe’.' 

Das ist mit Conrads eigenen Worten der Grnnd- 
ton dieses herrlichen Buches, dessen Stimmungs- 
bilder dem Leser der prächtigen .Gesellschaft“ 
nicht unbekannt sein werden. .Tropfenweise 
wirkt die Wahrheit nicht, sie muss wie ein 
Platzregen niedergehen“, und wahrlich, kaum 
einer der gegenwärtig lebenden deutschen, 
krafter füllten. zielbewussten Männer weiss 
unserer Gesellschaft so die Wahrheit zu sagen 
nie Conrad. Nichts Gesuchtes. Gewundenes 
ist dabei; nein Herzblut, frisches Herzblut, 
eines die Lüge bis auf den Tod hassenden 
Mannes strömt uns entgegen. Und deutsch ist 
Conrad, wie keiner, Germane vom Scheitel bis 
zur Sohle, ein Mann, den man liebgewinnen 
muss, wer nur einmal seine Worte in sich auf- 
nahm. Das Ketzerblut ist eins derjenigen 
Bücher, die von echten Volksfrcnnden in Massen- 
auflagen verbreitet werden müssten. Dann erst 
wird der Reformator Conrad die Wirkung seiner 


Worte allgewaltig spüren, er wird es spüren, 
dass die Kraft des Geistes den Sieg behält über 
eine Welt des Scheins und der Lüge, dass die 
jammernden Vcrfallzcitler dahinsiechen und ver- 
gehen. und eine .Tüngersehar gewaltig gross 
wird sich um ihn versammeln, die seinem Hcrolds- 
rufc folgen: 

.Herans, mein Kind, und recke froh die Glieder 
Im Sturm und Drang der blühend neuen Zeit, 
Stimm' an aus voller Brust das Lied der Lieder. 
Den Psalm der Kraft, zu Mannesthat bereit. 

Br. F. H. 

Sammlung pädagog. Vorträge. (Herausgeg. von 
W. Meyer- Markau. V. Bd. Heft 4): 
.. Grundzüge einer Gedächtnislehre“, eine 
Vorlesung von Dr. Eugen Dreher. Bielefeld, 
Helmich's Verlng. 

Es ist eine wirklich klar und angenehm 
gesrhrietiene psychologische Studie, die Dr. Engen 
Dreher uns hier bietet. Ich kannte den Autor 
vorher aus seiner Schrift gegen den Materialismus, 
und wie ich gestehen will, ging ich mit einem 
Vorurteil an die Lektüre der Abhandlung des 
.Drachenlöters: 1 Ich fand mich enttäuscht. 
Abgesehen davon, dass die Grundidee, auf welche 
Dr. Dreher seine Gedächtnislehre auf bauen will, 
der Dualismus der Seele (.bewusst,“ und „unbe- 
wusst“) noch nichts weniger als allgemein an- 
erkannt ist, sind aber die logischen Konse- 
quenzen, die sich aus dieser Grundidee für die 
Wissenschaft des Gedächtnisses ergeben, voll- 
ständig einwandfrei. Wo Dr. Dreher anf den 
Materialismus zu sprechen kommt, wie auf Seite 
1 und 2 , ist er unglücklich. Die Psychologie, 
die er im Auge hat. ist lange nicht so der 
materialistischen Auffassung zuwiderlaufend, als 
er das hiustcllen möchte. Leider gestattet mir 
der knappe Raum nicht, näher auf diese Frage 
einzugehen und ich muss mich deshalb begnügen, 
die Arbeit zu intensivem Studium zu empfehlen. 

Mietersheim hei l.iitir Emil Hauth. 

Berichtigung: In der Antikritik der vor. 
Nummer ist anf S. SS Zeile 8 statt .Treue" — 
Ironie, auf S. 89, Zeile 2 statt „Loda* — 
Lcda lind Zeile 13 .den Autor trotzdem". . . 
zu lesen. 

Briefkasten. 

Die geehrten Mitarbeiter worden geboten, vor- 
läufig lledirhte nicht einznsenden. da noch toi ange- 
nommene Gedichte ungedruekt liegen. Ca. 250 Ge. 
dichte mussten in den letzten beiden Monaten als völlig 
ungeeignet altgelehm werden. — F. A.inB. Gedichte un- 
geeignet. Anonyme Einsendungen linden ausserdem 
nicht Verwendung. — F. S. in H. und W. K. in H. 
Warfe sciion lange auf einen Brief. Frdl. Urüssc. 

E. H. in M. llerzl. Dank fiir Ihre Zeilen; Antwort 
erfolgt in Kürze. - K. M. in L. Schütteln Sie Ihre 
Weltschmerzstimmnngab und sehen Sie die Welt ohne 
trübe Brillengläser an. — W. S. in G. Wollen Sie das 
betr. Buch besprechen ? Ich muss darüber verfügen. 
— L. P. in D. Psychodramen können erst dann Auf- 
nahme linden, wenn die in dieser Nr. genannten Ver- 
wendung gefunden haben. 

Redaktions-Schluss für Nr. 9 am 18. Mai. 


107 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

Kcuerschmnungeti der srhriftstellerndcn Mitglieder der „litterarisehen Gesellschaft Psvchodramn “ 
c*nmiu I frei in der Littcrahirtaf« I anfgeuonimen. Im Wiederholungsfälle w ird der Anzeigenpreis von 
riir die Meinzeile Itereclinet, welcher atteh fiir Nn-htmi Glieder festgesetzt ist. Anzeigen sind alt die 

leitung zu richten.) 


werden 

20 Pfg. 

Schrift- 



Psychodramen. 

Verlag von Ph. Reclam-Leipzig. 

2 Bände, ä Mk. 0,20. 



R ichard von Meerheimb- Nummer 

■les „Hausbuches deutscher Lyrik“ 
(Chefred. Herrn. Klehne.i 

Zum ermässigtcn Preise von Mk. 0,40 post frei bei 
Einsendung des Betrages zu beziehen durch die Schrift- 
leitinig der „Neuen Jitter. Blätter.“ (Nur fiir Mit- 
Glieder der ,1. (i. Ps.) 


Verlag von J. Kühtmanns Buchhdlg. 
(Gustav Winter) in Bremen. 

Soeben erschien : 

Franziskus Hähnel. 

Sie lireinifüjfii Pjter iniö ödjrift- 
Itcller ki (firpiwirt. 

Eine litterarisohe Plauderei. 

Elegant cart. I Mk. 

(Jeh. ll<»f rat Prof. Joseph Kürschner: „Ich 

wünschte wohl, das« jede Stadt ein ähnliche* Wcrk- 
chen itufzu weisen hätte. E» würden Bausteine sein, 
nützlich fiir den grossen Bau der deutschen Litteratm- 
geschieht*.* — 

Äusserst giiustige BeurteiJungen im „Hamburger 
Fremdenblatt“. „Bremer Courier“, „Provinzialst g “ ete. 

Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 


F ranziskus H ähnel. 

* Eike. 

Ein psychodramatisches Halliggemälde. 

3. Auflage. - (Mk. 0,20,. 

Verlag v.J.KühtmanDS Bucbhandlg. (G. Winter), Bremen. 

In vielen Zeitungen und litt. Zeitschriften sehr 
loliend besprochen. Es sind nur noch wenig Exetniil. 
der 3. Aufl. vorlmudejtj eine neue Sonde rau Hage findet 
nicht statt. 


Wilhelm Emanuel Backhaus. 

Allen die Erde. 


Kritisch-geschichtliche Darlegungen zur 
socialen Bewegung. 

Leipzig, Verlag von Wilh. Friedrich. — Preis 3 Mk. 



Auf buntbewegten Gassen. 

Novellen und Bilder. 

Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. 
Frei* Vf k. 1,50. 

^jj hTsUnrr ^ rfluni- J^citmifl 

Praktische Zeitschrift 
zur Belehrung und Unterhaltung für 
die Hausfrau und Familie. 

— »fr Gegründet 188». -< ■ — 

Verlag u. Schrift leitnng: Adelaide v. (iottberg Herzog 
und Maria Iloberenz in Dresden i Finna Dolierenz & 
Herzog.) Preis nro Quartal nur 80 Pfg. (in Dresden 
seihst ftO Pfg.); durch die Post und Jede Buchhandlung, 
wie auch direkt durch die Geschäftsstelle : M a t h i I d eu- 
strasse 26 zu beziehen. Jährlich erscheinen 26 Nrn. 
dieser allgemein beliebten, sehr reichhaltigen Frauen- 
Zeitung mit den Uratis-Brilngen „Deutsche Mode und 
Handarbeit* und „Musik“ (jede monatlich einmal). 
Insertionapreis 30 Pf. pro Zeile. Bei grösseren Auf- 
trägen und Wiederholungen entsprechender Kabatt. 
Proltenuininern werden anf Wunsch gratis und franco 
versandt. 

—= Novität! » 

•Sueben ist in Unterzeichnetem Verlage er- 
schienen und durch alle Buchhandlungen zu 
l>eziehen : 

freit papieren 
qV eines Schwärmers. 
Worte an die Zeitgenossen. 

llerausgegelien von 

Jfanri«*« Keluliol«! von Stern. 

Preis: 1 Mark. 

E. Piersons Verlag, Dresden u. Leipzig. 


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los 


„REFORM“ 

Zeitschrift 

I) des Vereins für 
Lateinschrift. 

2) des algemeinen fer- 
eins für fereinfachte 
rechtschreibung. 

Der rechtschreiliferein fcr- 
IllllL't 

iinwemlting iler lnteim>rhrift. 
urixliiicbstabeii mir für luz- 
anfani; und cij'ennamen : 
er bcleiiigt 

ili illierlll\a*igen ilemitigx- 
liucliataben. 

<li kunfumiiitenferiloppeliiiii; 
in einer uml derfellien fillie, 
und 

gibt jedem laute den im zil- 
kiuuinenden Imclistaben. 

Obnian beider fereinc : dr. 
Edw. Lohmeyer in Kassel. Old. 
initgl. erhalt, für 2 .M. di 
monatsschrift Keform, zu be- 
stellen bei frl. Pauline Loh- 
meyer in Kassel, ili auch 
|>robenumiiiem uml fereins- 
|ir<i«i>ekte frei ferfcndet. 


Hermann Kiehne’s 

Hausbuch deutscher Lyrik, 

Monatsschrift für Dichtkunst und Kritik 

mit Dichterporträt* in Lichtdruck. 

— ■ Jutir4*Naiboiineiiirnt O Nk. == 

Mitwirkung hervorragendster Dichter und Dichterinnen .hingen 
Talenten Beachtung, Anregung, Förderung. 

Adels- und Salonbl&lt: Die*«« Zeitschrift sollte in k**in«ms deutschen 
I In iisc fehlen. in welchem inan echte Poesie zu schätzen weis* l)us »Hausbuch* 
«xi eine der bestredigierten lyrischen Zeitschriften. welche wir können. Dass in 
di'iii .Hau.sbiielr auch die litterurisehe Kritik eine gefestete .Statt «• hat. ist l»e- 
kunnt. Die*c interessante Zeitschrift dient nur der wirklichen Kunst «le* Liedea. 
Das .llauslmclr hat sich zu einen» Zeutralpunkt zeitgenössischer Lyrik empor- 
geschwungen 


Inhalt: Dass ich s doch erlebtet S. 0:t. — Unser Preisausschreiben. S. 9t. Zu Ende. Psychodrama 

von Wilhelm Becker. S tu. — Psychodrama tisehes Keim. s. {»5. • Die Freiheit der Kunst Von Valentin 

Traudt Schluss.» S. 9.v Gedichte von Wilhelm Schindler. W Lüdegger, Max Gelssler. Maurice v. Stern, 
Reinhold Fuchs, Pauline HofTmann von Wangenheim. Hermann Kiehne, Ernst Roeder, Uhlmann-Blxter- 
helde. Hermine von Preuschen u. s. w. S. in:— toi. Litterariachc Rundschau. S. toi. Neuerscheinungen 
— Beurteilungen. — Briefkasten. — Littcraturtafel und Anzeigen. 

Veiantwortl. Schriftleiter: Franziskus llähnel, Bremen. Druck von II n m eye r d Meyer, Bremen, Hut eiiliof 


Für alle Freunde platt- 
deutscher Muse: 

Clr pinto. 

i£u Illärfcu 

«Olt 

lUilljdin Itocro. 

licrittrtcbcH pou bcu platt. 

Mit'. I th IVrccn 
, . 0 > ii i d; b a r u " in titrlin. 

Gegen Einsendung von 40 ^ 
zu beziehen durch B. Arke, 
(Bücherwuri des Vereins 
v Quiclibon»*), Berlin S. 0 , 
Engelufer w. 


JSlirlltfi rlrra 1200 IflulTratiuncn aue allen feebietm 
bcs üDiltriia. 



Jälirlidi 24 dielte. JEiinftcr Jahrgang. 


Digiti 




(§) I. Jahrgang. Bremen, den I. Juni 1893. 


Nr. 9. 


©) 



W 


M.mwkß/ ( 





Monatsblatt 

der 

Litterarischen Gesellschaft Psychodrama 

und 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Heransgegeben von Franziskus Hähnel. 

V*M lag von J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter), Bremen. 

m »i r» i n • • «ttttyi • <«»**«** hti > r> iu im rn m * »to ».* iimutnu «rrn i rmmmmT 
Di«* „Neuen litte rarwehen Blätter“ erscheinen vorläufig monatlich und werden an die Mitglieder der 
„litter. Gesellseh. Psyehl* frei versandt Für Niehtmirgl jeder der Gesellschaft sind die ,,N. 1. Bl.“ durch den 
Verleger: J. Küht in au ns Buchhandlung :G. Winter) in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
PoxtHiistaltcn zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich. Einzelnummern 40 Pfg. Anzeigen werden mit 80 Pfg. 
für die gespaltene Kleinzeile berechnet. 


Nachdruck der psychodramatischen Dichtungen nur unter besonderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge- 
stattet. Nachdruck des übrigen Teiles der „N. 1. Bl.“ unter Quellenangabe erwünscht. 


Unsere Leser. I. 

,.lede Gattung der Scribonten schreibt 
für ihre Gattung Leser, die sie ihr Publf- 
kam, ihre Leser nennen. Aus fröhlichen oder 
traurigen Erfahrungen, welcheSchrlftsteller 
ain meisten gelesen werden, kann man also 
auf den Geschmack, auf das Muss der Bil- 
dung des Publikums schliessen. dem diese 
Schriften vor andern oder aussch liessend 
wohlthnn. Die mittelmässigen, die leichten, 
üppigen, lüsternen finden natürlich die 
meisten Leser; vielgertihmte Schriftsteller 
haben nur durch Zeugnisse anderer ihren 
Ruhm erlangt und stehen auf g u t e ii G 1 a u - 
beit, ungeleseu in den Bibliotheken. Das 
Publikum hallt uur ihre Namen wieder. 


Herder, Haben wir noch das Publikum 
und Vaterland der Alten? 

‘gjf' lia, ilenkt mancher, der diese Überschrift 
liest, weil sie ihm gerade in die Augen 
fällt, „darin werden wir abgekanzelt, die wir 
diese Blätter erhalten und — nicht lesen! 1 Doch 
diesmal mag das Kedermcsserelien ruhig die Nr. 
öffnen, es werden keine Ausfälle darin sein. Die 
eiligen Worte Herders hatten vielmehr Anlass 
gegeben, ein klein wenig Umschau zu lullten, 
wie sich das Lesc]mbliknm der „N. i. Bl! 1 bis- 
her znsammensetzte und zu fragen: Wer sind 
fibcrhau|>t die Leser litterariseher Zeitschriften? 

Wenn die eigenen Erfahrungen mit den 
Beobachtungen hei anderen Zeitschriften zn- 


sammengestellt werden, so ergiebt sich für letz- 
tere Krage eine Antwort, die dem wahren Litte- 
ratnrfreunde wenig erquicklich sein wird. Es 
haben alle guten litterarischen Zeitschriften, in 
deren Iiahmen vor allem die l’ftege echter zeit- 
genössischer Poesie liegt, das Bestreben, sich 
nicht an ein besonders ausgewähltes Lesepnbli- 
knm. sondern an die Allgemeinheit zu wenden. 
Mehr oder weniger ist auch jede litterarisch- 
poetische Zeitschrift, — mit Ausnahme der- 
jenigen, die lediglich Oeschäftszwecke im Auge 
hallen und vor allem auf die Eitelkeit aller der- 
jenigen Leser spekulieren, die ihren Namen 
anders als auf Visitkarten gedruckt sehen milch- 
ten, — bestrebt, eine Anteilnahme an dein littc- 
rarischen Schaffen da zu erw ecken, wo eine solche 
vollständig schlummert. 

Wer sind aber in Wirklichkeit die Leser 
unserer litterarisch - poetischen Zeitschriften? 
Ziim ersten sind's diejenigen Schriftsteller und 
Dichter, die sich einer „allgemeinen“ Aner- 
kennung noch nicht erfreuen, die wie man zu 
sagen pflegt, „noch nicht gesucht sind! 1 Derer 
sind recht viele und weit mehr von Bedeutung 
als in dem Kreise der sogenannten „Vielgc- 
lesencn“ Warum sie Leser dieser Zeitschriften 
sind und durcli wen der weitere Leserkreis ge- 
bildet wird, soll in der nächsten Nummer kurz 
erörtert werden. 

Br F. H. 


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110 





sychodramenwelt.0 


Aus der „Litterarischen Gesellschaft 
Psychodrama: - 


Unser Preisausschreiben. 

Die beiden preisgekrönten Dichtungen sind 
in der gegenwärtigen Nummer veröffentlicht. 
Auch die Verfasser der übrigen, auf Seite i>4 
namhaft gemachten, Dichtungen hal>en sich bis 
auf zwei bereits zu erkennen gegeben. 

Der Vorstand 

•ler „Litter. Gcaell»cliufl Psychodrama!* 


Zweigverein Berlin. 




Die Sitzungen finden während der Sommer- 
monate alle 4 Wochen an einem Mittwoch im | 
Restaurant .Königshallen*. Königstr. 32, statt. 
Der in Aussicht genommene öffentliche Vortrags- 
abend wurde mit Rücksicht auf das solchen Ver- 
anstaltungen wenig günstige warme »Sominer- 
wetter bis zum Herbst verschol>en, dagegen ist 
für den 3Ionat Juni ein Ausflug geplant. 


Zweigverein Bremen. 

i’lier den gut brauchten Vortragsabend 
vom i>. Mai im Kaiaeraaale der .Union* brachten 
die hie«ig«n Blätter längere Berichte. Die 
.Bremer Nachrichten “ schrieben wie fuhrt (mit 
einigen Kürzungen. Die Schrift!.) : 

Litterariache Gesellschaft .Psycho- 
drama“ Die am Freitag stattgefundene Vor- 
tragarcrsaminlung des hiesigen Zweigvereins der 
Gesellschaft eriiffnete der Vorsitzende, Herr Dr. 
Jacobi, mit einer Begrilssung der erschienenen 
Damen und Herren, besonders der l lüste, unter 
welchen namentlich der Bremisehe I.chrerverein 
vertreten war, und erteilte sodann Herrn Henri 
(iartelmann das Wort zu seinem Vorträge 
Uber Dramatik. Herr Gartehnann hat seine 
Ansichten über dieses Thema in seinem Werke: 
.Dramatik, Kritik des Aristotelischen Systems 
und Begründung eines neuen“ (S. Fischers Ver- 
lag. Berlin 1892) niedergelegt und damit liereits 
das lebhafteste Interesse in weiten Kreisen waeh- 
gemlen. Ausgehend von der Aristotelischen 
Definition des Dramas als einer Dichtnngsnrt, 
welche Handlungen darstellt, führte Redner 
in intercssantsr Weise aus, dass die Auffassung 
des Aristoteles sowohl hinsichtlich der Form als 
auch des Inhalts nicht mehr stichhaltig sei. j 
Da es nicht m&glicb. dieses Thema im Kähmen 
eines Referates auch nur annühemd zu behan- 
deln. sei nochmals auf das oben erwähnte Werk : 
flartelmanns verwiesen. Herr (iartelmann schloss I 
seine interessanten Ausführungen mit der Mit- 
teilung, dass von gegnerischer Seite in der Be- 
urteilung seiner Theorie logische Gründe bis 
jetzt nicht geltend gemacht seien. - In einer 
dem frei gehaltenen und äusserst beifällig auf- I 


genommenen Vortrage sieh anschliessenden 
Debatte kamen entgegengesetzte Meinungen 
nicht zmn Ausdruck. Nach einer Pause bracht« 
der Schriftführer des Vereins, Herr Franziskus 
Hähne I, die preisgekrönten Psychodramen 
-Sankt» Julia" und .Paganini-I’hantasic" zum 
Vortrage. Der Name des Autors der erstge- 
nannten Dichtung ist bis jetzt noch nicht be- 
kannt, während sich als Verfasser der zweiten 
Herr Schriftsteller Wilhelm Schubert, be- 
kannt unter dem Pseudonym l’ctcr Mcrwin, 
bereits zu erkennen gegeben hat Tier nächste 
Vcrcinsnbend der Gesellschaft verspricht wiede- 
rum änsserst interessant zu werden. Es ist 
geplant, eine der neuesten dramatischen Schüp- 
lungen zum Vorträge und teilweisen Darstellung 
zu bringen, nämlich das vieiuinstrittene Schau- 
spiel G. Hauptmanns .Die Wcltcrf 


Sankta Julia. 

Frei krönte h Psychodrama von Alice Frelln 
von Gaudy-Dresden. 

Motto: 

„Selig sind, die reines Herzens sind'. 1 
(Lallend :) 

Gicb Deinen Arni zu in Heimweg, Zecligenosse ! 
Im Wirlicl tanzt da» ganze lust’ge Rom 
Vor meinen Blicken. Welch ein Bar-banal ! 
Das nenn’ ich Feste feiern! Das ist Jubel! 
Hei (‘aju» ! Dieser süsse Freudenrausch 
Wär’ schöner noch, wenn nicht am Morgen stets 
Ein wüst* Erwachen uns mit Ekel lohnte. 
(Lachend : | 

Wie? 3Iorgen sei es längst? Ei Freund. Du irrst : 
Es dämmert kaum ! — 0, ich bin müde — müde — 
((ialmend ;) 

Hier schon mein Thor? Das freut mich. — So. 
auch klopfen 

Willst Du für mich? Ich fände kaum den Ring! 
Schlaf’ wohl, Du edle Stütze meiner Schwachheit. 
(Hach ratend :) 

Hör’ — warte doch! Erinn’re Dich, den Krämer 
Mir herzusenden, wie Du heut’ versprachst : 

Ich kaufte gern für Julia ein Geschmeide. 
(Fragend:) 

Was höhnst Du, Spötter? — — Ja, sie soll 
sich nicht 

Als Sklavin bei mir fühlen! — Bald wohl schenke 
Ich ihr die Freiheit. -- — Geh’ nur — geh’. 
Du Schalk, 

l T nd prophezeihe andern Leuten Hochzeit! 

((•ahnend beim Eintritt in da* Haus:) 
Schlicss’ fest die Thür’, (’amillus. — Sei gegrftsst. 
Kalt ist es hier. — Die Kohlen in den Becken 
Sind ausgeglüht! Hat Julia nicht gesorgt? 
Was murmelst Du? Sprich lauter, träger 
Grankopf. 

(Bi Milend :) 

Hier — nimm den 3Iantel ah! — Wo bleibt 
sie heute? 

Ruf’ sie herbei. Sie komme allsogleich 
Mit ihrer Flöte. Sag* ihr, ich sei müde. 

Doch ehe ich den Schlummer suche, will 
Ich sie noch spielen hören, — will sic sch’u! 
il'aus*- i 

Was rührst Du Dich nicht von der Stelle? 


iQOgle 



111 


Vorwärts! 

<ieV — rufe sie! — — Wie? — Du ver- 
schlafner (ireis, 

Wie? — Julia sei nicht hier? — Sei nicht 
im Hans? 

Sei fort? — t’ml Du, der faule Sklavenvogt, 

Du hättest sie nicht linden können ? — Lilsmer ! 

{Überzeugt :) 

Nie wiegte sich ihr Zartgefühl hinaus. 

Fast nie betrat das scheue Kind die Gasse, 

Und heute sollte sie Thor, der ich hin 

Mich aufzuregen! — — 

(Heiter:) 

Hier l'ainillns, schnell, 
Lös' die Sandalen mir. — Du hist betrunken — 
— So scheint cs mehr als Dein verrufner Herr ! 
(BegUtigt-ml:) 

Nun — nnn! Beleidigt hab' ich Dich? — Ei, Alter, 
Du musstest Schlimmeres Dir gefallen lassen. 
(Ahnungsvoll:) 

Was fliehst Du meinen Blick? Du zitterst? Sag’, 
Was soll Dein angstvoll Niedorknie’n? — O, 
Götter — 

Ist Julia heut' ein Unglück zngestossen? 
(Rufend:) 

I lieb Antwort. Kind, gieb Antwort! Bist Du hier? 
Wo bist Dn, Julia? Ju— li a! Mein Liebling? 
(Erschöpft:) 

Im ganzen Hanse such' ich sie vergebens. 

Scheu drückt derSklavenSchaar sich in dasDnnkcl, 
Und keiner stellt mir Rede! — 

(Befehle ml:) 

Fackeln her! 

Durchforscht die Räume — leuchtet in den Garten 

Bis sic gefunden ist! — Ihr zaudert, — 

schweigt — 

Und heftet starre Blicke auf Camillas? 

Weiss er? — Ihr nickt. Er weiss von ihr! 

Ha — Schurke. (Wild:) 
Mein Eisengriff umklammert Deinen Hals, 

Dass Dir der Atem mangelt nnd die Augen 
Aus ihren Höhlen quellen! Antwort gieb: 

Wo blieb die Sklavin Julia? (Erschüttert :) 
Fortgeschle]i|it ! 

O. hör’ ich recht ? Im Namen — wie? DesKaiscrs! 
Wohin? Wohin geschleppt? Zum Tode! Götter! 

(Ringend :) 

Znm Tode! Und weshalb? I)u windest Dich, 

Hinweg die Hände, die mein Knie umschlingen, — 
Erst rede! (Pause.) 

(Tieferschüttert:) 

I). mein Ahnen! Christin war sie! 

Das süsse, stille Kindl Und wer verriet es? 

(Drängend :) 

Wie ward es kund ? — „Die Frttch tehändlorin “ — 
So stammelst Dn — .die alte Porzin“ — weiter — 
Auch sie war Christin? Und im Einvernehmen 

(Schmerzvoll :) 

Mit ihr stand Julia? — (l, du redest wahrt 
oft sah ich sic mit jener Alten plaudern. 

Und Späher, die durch Romas Gassen schleichen — 
Ich weiss cs jetzt, entdeckten Porzias Glauben, 
Errieten Julias heiligstes Geheimnis! 

(ln wildem Leid:) 

Fort, Angst, die mir des Denkens Kräfte raubt : 
Jetzt gilt es Geist und Mut zusammenraffen. 
Um Julia zu bofrci’n! — — Ihr Sklaven, eilt! 
Bewaffnet Euch! — Das Schwert umgürtet mir! 
Die Thore öffnet! Fort! Hinaus — hinaus! 


I Weckt lärmend rings die Nachbarn aus dem 
Schlummer. 

Pocht an die Häuser! Beistand — Beistand 
brauch’ ich! (Pause.) 

Ha! schon belebt sie sich, die stille Strasse, 
Schon strömt der Nengiervollen Schar zusammen. 
Unwillig, oh der Störung. (Flehend, beschwörend:) 
Freunde, helft mir! 

Mein l’ajus. Sixtus, Rufns — und ihr Andern, 
Bewaffnet folgt mir zum Gefängnis! — Eile 

Timt not! — Entsetzen, Staunen fasst 

Euch an, 

Da Ihr vernehmt von jenem frechen Ranbe! 

(Ermutigend:) 

Auf denn! Zn ihr! — 

(Angstvoll :) 

Was zögerst Du, mein Floras, 

Und flüsterst haiinlich in des Nachbars Ohr, 

Der jäh veitdeicht? — — Was wendet Ihr. 
erschrocken. 

Das Antlitz fort, nnd tragt die Kunde weiter, 
Dio Eure Herzen plötzlich mir entfremdet? 
Unschlüssig stockt der marschbereite Fass — 
(Dringend :) 

1 Was ist es, Freunde? Sagt? 

(Nledorgoschmetl-ert :) Zu spät!! Ihr Götter! 

Die Rettung kommt zu spät! Um Mitternacht, 
Als ich heim wüsten Oastnmhl schwelgte, ward 
Der ungerechte Richtersprncli vollzogen? — 
(Raaend:) 

Weh’ ! Julia stieg hinab — zum Reich der Schatten 
O, Wahnsinn, komm’ — nmdunkle meine Sinne. 
Dass ich das Fürchterliche nicht begreife! 

(Znsammengebrochen in wildestem Schmerz:) 
Hinweg — hinweg ihr Alle! Lasst mich liegen, 
Lasst mich die Stirn auf diese Steine pressen 
Bis die Gedanken mir vergch’n! — Ihr Tröster, 
Spart Euer Mitleid! .Weicher:) 

Wie? Du weinst. Uamillus? 

Du treuer Sklave! Du allein verstehst 
Mit mir zu (üblen — Dn nur kanntest sie! 
(Lebhafter:) 

j Empor soll ich mich raffen? Denn erkundet 
Hast Du, wo wir sie tinden? •- Guter Greis. 
Komm’, stütze mich und hilf! — Gebrochen ist 

Der jungen Glieder Spannkraft 

{in neuem Weil:) O, des Leides, 

Nicht sie — mir des erstarrten Leibes Schönheit 
In Toileskälte wiederseh’n zu dürfen! 

(Anfcuernd :) 

Ja, lass uns eilen, blut'gen Römerschergen 
Das heilig-reine Kleinod zu entreissen! 
(Erkennend:) 

Dort — in der l erne — blendet mich die Sonne, 
Die glühend sich am Horizonte hebt 
Dort — jenes Kreuz — o Götter — geht mir 
Kratt — (Auhchreiend :) 
Sie ist es! (Wild ringend:) 

Haltet mich nicht! Lasst mich, Freunde! 
Ich muss zu ihr! (Leidenwhaniich:) 

0, Du mein Glück, mein Alles, 

Zu Deinen Füssen sink' ich in den Staub. 

Dein Marterholz umklammernd. — Fluch den 
Göttern, 

Die Dich nicht schützen konnten! Finch den 
Schergen, 

Die Stricke roh um Deine Glieder wanden. 


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* 


112 


Dass, qualvoll schwebend zwischen Erd’ und 
Himmel, 

Die reine, junge Seele Du verhauchtest! 

(Anf horchend:) 

Wie? Tröstest Du. l'amillits? — Sie starb gern? 
Sie folgte frei mul willig ihren Häschern. 
Stolz. (Orden Herrn und Heiland, dem sic diente, 
Das Opfer ihres Lebens darzubringen? — 
(Klagend:) 

0, armes, armes Kind. Du ahntest nicht 
Welch' holdes Ollick in naher Zukunft winkte! 
Des .fahrestages Deines Kommens harrt' ich. 
f'm Dir der Freiheit hohes (lut zu schenken, 
Um Dich zu bitten: , Werde meine Gattin!" 
Seit jener Stunde, da Dein zarter Fuss 
Mein Haus betreten — hnb’ ich Dich geliebt: 
Erst wildentHummt — dann still und tief und heiss! 

.Begeistert : . 

Du warst, das einz’ge Weib im wüsten Rom. 

Das mich noch Achtung lehrte vor den Frauen, 
Die uns re Ahnen göttergleidi verehrten. 

Und die jetzt tief zum Staub herabgesunken! 
Nur meine Sklavin warst Du. dennoch sah ich 
Empor zu Dir voll inniger Bewnnd'rung 
Und heilig war mir Deine keusche Reinheit. 
(Mild, ventttlint:) 

0 Wunder! Liniierung wird meinem Schmerz. 
Dem wilden, marternden heb" ich die Blicke 
Zn Dir. Verklärte! Wie ein Glorienschein 
Umstrahlt Dein Haupt der Morgensonne 

Schimmer. 

Und jener heil’ge Friede, der die edlen. 

Die marniorblassen Züge Dir durchgeistigt. 
Will sanft sich in mein wundes Herze senken: 
Im Tode selbst verbreitest Du den Hauch 
Des Göttlichen — der Dir im Leiten eigen! 
(Grü belud: 1 » 

Wo find' ich Dich, entschwund ne Seele, wieder? 
Nicht unten, in des Hades Schattenreich, 

•Stumm unter Stummen nur in Lichtgefilden, 

Wie sie der Nazarener Glaube träumt. 

Kannst I)u. die Reine, wandeln! Wehe mir, 

(ln wilder lteue : . 

Im Staube schreite ich, im wüsten Schlamme. 
Im tollen Rausche eitlen Sinnenlebens! 

Hinweg, verwelkte Rosenzier! Du Kranz. 

Der noch in den verworr nen Locken haftet. 
Als Zeuge jenes wilden Rachanals. 

(Innig.) 

Hier, unter Deinem Kreuze, edle Tote, 

Leg’ ich ihn nieder — und mit ihm mein Herz, 
Das lasterhafte. - Ekel fasst mich an. 

Vor all' den wüsten und gemeinen Freuden. 
Die mich bisher gelockt! — 

>&lel, wann:) 

Dein reines Bild 

Darf nur in einer reinen Seele wohnen. 

1 nd mich erfüllt ein brennendes Verlangen, 

Dir gleirh zu sein an Wert und Sinnesadel! 

(Gross:) 

O, welch ein Glaube, der zur Höhe führt. 

Zum Fricdensglanz auch unter Todesqualen: 
(Feurigri 

Ich will ihn lernen' Ich will kämpfen! Ringen 
Nach der Vollendung leuchtend hohen Zielen! — 
Den Deinen zugesellt. ein Nazarener, 

Will ich Dich grüssen einst im Paradiese! — 


Paganini-Phantasie. . 

(Einer Seele Iiraum.) 

Preisgekrönte» Paycliodrama von Wilhelm 
Schubort (Peter M r r w i n ;• Magdeburg. 
Horch, dies Glockenläuten ! horch ! es ziehen 
Durch die Strassen Tranermelodieen : 

Nach dem Takte, grab wärt* schwankt von hinnen 
•fetzt mein Sarg mit meinem Leichnam drinnen. 
Dazu dröhnt der Stäbe dnnipt Geklapp; — — 
Im GewOll) der Geig’ hier ist inein Grab. — 
•fetzt. — ein Ruck : man setzt mich auf den 
Spalten 

Meiner Geige ab. — mein letztes Halten! — 
Jetzo schurrt mit mir der Sarg und scharrt 
In die Tiefe, und das Scilwerk knarrt. - 
Horch! wie jetzt auf mich herniederrollen 
Dumpf und dumpfer, polternd. Scholl' auf 
Schollen ; 

Dumpf winl — . dumpfer filier mir der Schall, 
Still von Jammern wird’* — , still überall : 

Da — herab mir wie aus Sternenweite 
Gellt ein Schrei noch — — , klirr! reisst eine 
Saite ! 

! Im Grabe jetzt hält es mich länger nicht. 

Es drängt mich hinaus, durch die Erdensehicht : 
Nun hab' ich lang genug stille gelegen. 

Hinaus nun muss ich nach Luft und Licht. 
Hinaus in den Äther auf Weltalls« egen 
Den Sternen, den ewigen Lichtern entgegen. 

Tod, über mir hockend hälst du gepresst 
Auf meines Leibes witternden Rest 
Gespreizt die Finger der Knochenhände ; 

Du wähnst, du hältst mich im Fleische fest. 
Als oli mit dem Leibe mein Leben ende, 

Und ich aus dein Fleisch meinen Weg nicht 
fände? 

Husch! wie meiner Leich’ ich jetzt trügerisch — . 
Und jetzt dem Geripp aus den Fingern 
entwisch’ ! 

i Und, husch! wie ich jetzt meinem Sarge 
entgleite 

Und jetzt meinem Gralm, noch sclianfelfrisch! 
Auf jauchz' ich, des Todes Sklav, der 
Befreite — , 

Da. klirr! schon wieder zerspringt eine Saite. 

Hinauf! ich zerfliess' in den Erddunst-Ball! 
Eine Fackel in unsichtbarer Hand 
Hinaus mich ergiess’ ich in s lichtlos All. 
Nichts seh’ ich im Leeren als diesen Brand — , 
Auch nichts von mir selber; so, gleich den 
Vögeln, 

Mich fühl’ ich die Weltallsnacht durchsegeln — 
Das ist nicht das All : das ist ja das Nichts, 
Durchleuchtet von mir mit dem Flackerding; — 
Jetzt stösst es an was, — ach ! da zerbricht’*. 
Fällt, — drunten verlöscht cs als Fnnken- 
ring ; 

Dies vor mir, — belebtes Gestirne, weiland, — 
Ist jetzo ein wüstes Weltallseiland — — — , 
„Jetzt!" „hier!" — Also doch in Zeit mul 
Raum ! 

Zu treib’ ich — in einem Atemzug 

Auf ein Liclitiueer, tauche in Fcncrschuum; — 


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113 


Wohin mich ilic Wcltnllsfnhrt doch trag! 

Ich hin auf dem Mars, hin auf meinem Sterne; 
Zu dem ich betet' au! Erden 80 gerne. — 

Da Hackern mir zu von de» Lichtballs Rand 
Menaebgfiedrige Flammen; das züngelt und 
blinkt ; 

Der Seligen Schaar, die mit lohender Hand 
Der neuen Seel' ein Willkommen winkt. 

Doch was ich aueli späh’: von den Flammen 
unziihl’gen 

Noch keinen Liehen fand ich als Sel'gen. 

Dahinnen ja liess ich mein trautes Lieb; 
Fremd sind mir die Seelen, — ich ihnen aueli ; 
Drumiu brennen auf einmal sie so trüb : 

Auf ging ihr frohes Erwarten in Rauch. — 

Ach ! einsam, fremd in der Seligen Mitte 

Klirr ! springt eine Saite : das war tiie dritte. 

Wie sehn’ ich mich nach der alten Erde, 

Nach Dir. mein Lieb, das im Winkel am Herde i 
Du um ilie begrabene Liebe weinst! — — 

Da bist du ja. Erde! du Stern, der am Himmel 
Ais Nadelstich im Sternengewimmel 
Mir liimmemd und winkend herllberseheinst ! — 
Ein Atemzug. — solch Jahr im Traume, — 
Mich trägt attl dem Fluge im Weltenraume 
Zu meiner Erde, zum traulichen Einst : 

Da gliihn ja die Berge. — heim treiben die | 
Herden ; 

Jetzt halien sie Abendröte auf Erden, — 

Dort blinkt mein Häuschen : drin wohnt mein ! 
Lieb. 

Als Heulwind. husch ! nun über die Dächer, 
Flurschlürfend, raschelnd, durch Schlüssel- 
löcher, — 

Hinein jetzt zum Lieb als Weltallsdicb! 

Da liegt sie im Arme einem Ämtern, 

Das koset, die glühenden Blicke wandern: 

,Du Einz'ger!' — — .Mein Alles! küsse 
mich! küss’! 2 — 

,Da spukt es ! so horch doch, dies Auf und 
Nieder ! 

Mein Seiger!* — — , Was tot ist, kommt 
nicht wieder ; 

Begraben — vergessen! Begrab’nes 

vergiss!* — 

Ach, Seel’ ohne Heimat hienieden und droben. 
Du wärest besser in’s Nichts zerstoben — — — ! 
Da, klirr! Die letzte Saite zerriss. 


(ad auscnltatores.) 

Ach, in der Welt noch bin ich — , noch 
lebendig! — — 

Nach dieser — seht! — gewaltsamen Entseelung 
Hört auf mein Spiel. — Leidwesens voll nur 
end’ ich. 

Empfangt, Herrschaften, meine tiefst’ 
Empfehlung 

Nebst Dank für etiem Beifall tausendhändig. — 
Zurück nun, Welttraum, in die Geigenhölilung! 




Psychodramatisches Echo. 

(Guter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ragender Kritiker über das l’syeliodrama bringen.) 

Der bekannte Literaturhistoriker Otto 
von Leixner schrieb in der .Deutschen Ronian- 
zeitung“ (18*J3, Nr. 24 1 u. a.: 

Der sächsische Oberst Richard 

von Meerlieiiuh hat das .Selbstgespräch, das die 
modernste Schule aus ihren Bühnenstücken verbannt, 
zu einer Art von kleinem Drama entwickelt. Den 
Hauiitstnff bildet natürlich die Darlegung von Seelen- 
ziistandrn. Seine mit grosser Begabung verfassten 
Arbeiten haben viele Freunde gewonnen und Aulass 
zur Bildung einer Gesellschaft .Psychodrama“ gegeben, 
die aber nicht nur diese Gattung allein, sondern die 
nationale Litteratnr überhaupt pflegen will. Ich freue 
mich über jedes Anzeichen von wachsender Teilnahme 
für Erzeugnisse der Poesie und wünsche der Gesell- 
schaft fröhliches Gedeihen 





Aus der 

h 

itteratur der Gegenwart. 




Ich schritt in weltverlor'ner 
Einsamkeit 


Ich schritt in weltverlor'ner Einsamkeit. 

Heut' durch die silbergraue Dämmerung 
Des tausendjährigen Olivenhains. 

Im tiefsten Blau erstrahlt’ Liguriens Meer 
Und hohe Palmen ragen still empor. 

Halb See — und halb OrangenblUtenhnuch, 
Kühlt mir ein leiser Wind die heissen Schläfen 
— Dumpf dröhnt empor das eh’rne Lied der 
Brandung, 

Der Vögel Sang umschmeichelt süss mein Ohr 
Und in die Seele dringt mit jedem Hancb 
Die Weltenschiine — 

Da denk’ ich Dein — was könnt' ich And’res 
thun 

In meines armen Lebens besten Stunden. 

Da denk' ich Dein und denk’s mit tausend 
Schmerzen. 

Wie hist Du fern, wie zürnst Du meiner Seele, 
Dass sie sich zitternd zu der Deinen flüchtet, 
Dass sie sieh zitternd an die Deine schmiegt. 
Doch woiss ich’s — schritt'st Du heut’ an 
meiner Seite, 

Schaut' ich auf’s Neu’ in Deine ernsten Augen, 
Vergeben müsstest Du dem armen Weibe, 

Das wie ein Kind sein Leiten würfe hin 
Um Deine Liebe! 

Rom. Hermine von Preusehon. 

Liebe! 

iEiue Viafon). 

Ein Wintertag. Novembersturm blies scharf. 
Schneeflocken treibend durch die engen Gassen. 
Nur die Laterne frühen Schimmer warf 
Noch auf die Strasse, einsam und verlassen. — 
Mürrisch schritt ich dahin. Der fahle Schein, 


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in 


Iler flackernd auf dem weissen Schneegrund 
schwebte, 

Und kraftlos, wie im Tudeskampfe bellte, 

Erregte mich. Denn konnts ein Bild nicht »ein 
Von Wünschen, die in Kopf und Herz uns 
summen, 

Und zuckend in enttäuschter Brust verstummen ? 

So sann ich, als so alles ringsum schwieg. 

Da weckte mich aus meinen stillen Träumen 
Aufjuhclnd eine fröhliche Musik. 

Sie klang zu mir ans weiten, hellen Räumen, 
lind drinnen bei den lockend wilden Klängen 
Sah ich die Menge Kopf nn Kopf sich drängen. 
Ein lauter Frohsinn lachte mir entgegen, 

Und ich. erwacht aus dflst’ren Phantasien. 

Ich fühlt' in mir den Widerhall sich regen — 
Mich wollts wie Sehnsucht in die Halle ziehn! — 

So trat ich ein. Die Luft war dumpf und 
schwer. 

Umnebelnd wehten draus des Weines Dünste, 

Die lust’gen Weisen rauschten um mich her, — 
Hier feierten ihr Fest die leichten Künste! 

Und wie ein fern verhallter Donner klang 
Das Lachen. Jubeln hier den Raum entlang. 

Ein Taumel wars, der hier das Scepter führte, j 
Der jedem leicht die schnellen Sinne reizte. 

Der einen jeden wundersam berührte 

Mit Zauberfülle, die nicht kargend geizte! — 

So stürzt ich mich hinein in diesen Trubel 
Der Lebenslust, die mir entgegen quoll. 

Ich stimmte ein in diesen wilden Jubel, 

Der mählich zum Bacchantenliede schwoll — 

Ich sang es mit, und fand mich bald im Kingc 
Der Königinnen dieser wilden Nächte, 

Die man im Seidenkleid, im Uoldgeschlingc 
Den schönen Schmetterlingen gleichen möchte. 
Erlischt der Lichterglanz mit seinen Götzen, 
Fasst vor der eklen Larve dich Entsetzen! — 
Hei ! wie die wilden Töchter mich umringten. 
Mit dunklen Augen, die verheissend sprühten. 
Mit vollen Lippen, die zum Kusse winkten. 

Mit roten Wangen, die voll Leben glühten! 

Wie sich die Busen auf und nieder senkten, 
Dass sich auf sic die heissen Blicke lenkten.— 
Ilei. wie die Weisen immer toller schwirrten, 
Dass sie wie Feuer in das Blut sich gossen. 

Wie sich die Sinne immer mehr verwirrten, 

Wio wilde Lieder von den Lippen flössen — 


Da blickt ich auf ! Will mich ein Traum 
• betrügen ? 

Ich sah vor meinem Geist ein Bild erstehn, 
Wie anders las ich doch in diesen Zügen 
Des Lebens Lust auf seinen reinen Höh'n! 

Wie anders les’ in diesen Augen ich, 

Nicht Lust, nein, eine Seele liegt darin. 

Ja. eine Seele, die gesorgt um mich, 

Und eine Seele, deren Gott ich bin! — 

Und während meiner liebend sie gedacht, 

Hali ich geschwelgt in wilder Sündennacht ! 
Und während sic mir ihre Grüsse sendet. 

Hab ich von meiner Treue mich gewendet! 

Da sprang ich auf, gepackt von wilder Reue, 
Und flog davon von dieser wüsten Stätte. 

Ihr lichtes Bildnis gab mir heilge Weihe. 

Dass ich mich selbst vor nicd’rcm Handeln rette. — 


Und dann allein — entflohen dem Getriebe — 
Dank dir, dass du gesiegt, du heilge Liebe! 

Da schlug cs Mitternacht vom nahen Turm, 

Und in den Gassen heult Novembersturm. 

Doch wohl wie nie ward mir zu Sinne nun, 

Da mich die Lieb' bewahrt vor sünd’gem Thun ! — 

Bremen. Johannes Meinen. 

Aus Dornen. 

Dess hab ich keine Sorge, 

Dass du mich je vergisst. 

Weil dein Herz mit dem meinen 
Zu fest verflochten ist. 

Dir war mein stilles Lieben 
Ein Rüslcin eig’ncr Art, 

Wie du es nie gefunden 
Auf wcchsclvoller Fahrt. 

So dornenlos und lieblich 
Und immerdar im Duft ! 

Das ist’s, was Dir mein Lieben 
Treu ln Erinnrung ruft. 

Nun ist es Herbst geworden; 

Doch meidest du muh auch, 

Mein musst du still gedenken 
An jedem Rosenstrauch. 

Ob jetzt nur Dornen stehen. 

Dein Auge schaut zurück — 

Du träumst in Dornenhecken 
Von früh vcrlor’ncm Glück. 

Ohlau. . Anna Nitschke. 

Im Wechsel der Tage. 

Ich war ein Kind. Froh nach des Mittags Spiel 
Eilt’ ich hinein in’» traute l’lauderstübchen, 
Und thronend auf der grauen Ahne Schoss 
Lauscht' ich den Märchen, die sic lächelnd spann. 
Den Märchen von den Riesen nnd den Zwergen, 
Von kühnen Riltem. weissen Wunderfrauen 
Und von dem Glanz der .alten, guten Zeit". 
Kaum atmend hing ich stumm an ihrem Mund 
Und lehtc Stunden süsser Seligkeit. 

Des Nachts sogar in farhenbunten Träumen 
Ward meine junge Seele noch lieglückt 
Durch all den Zauber der Vergangenheit. 

Zum Jüngling wuchs ich auf. Aus jenen Fernen, 
Die w-onncschwärmeml ich als Kind durchflog, 
Lenkt' ich hinweg mein Sinnen zu der Zuk un 1 1 
Und ihren wunderbaren Rätselreizen. 

Der Himmel lockte, blau, in ew’ger Klarheit, 
Von keiner Wetterwolke jäh getrübt. 

Auf stillen, duftumhauchten Blütenpfaden 
Trug’s mich empor zu Sonnenlichter Höh’, 

Und dort, im Reich des Friedens eine GlUckshurg 
Erbauten mir die Hoffnung und der Glaube. 

Und wieder sah ich Jahr um Jahr entwandern. — 
Aufs wetteracb Wille Kamptgetild des Lehens 
Trat ich hinaus, zur Manneskraft gereift. 


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115 


Hier steh' irli nun. umgährt vom Sturm iler Zeit, 
Mich kräftigend im Segen, iler entquillt 
Iler i’ttiebtcrfülliing un<l der Thatenfreude. 
Nicht in die Weite geht mein Sehnen mehr; 
Ich griisse laut den Hauch der Gegenwart 
t'nd in mir selbst hab' ich mein Glück gefunden. 
Strassburg i E. Christian Schmitt. 


Parzenchor. 

.Ja, knirsche nur in Deinen Ketten 
Und suche Dich zu reiten, 

Dein Schicksal umklammert Dich riesenstark! | 
Ks greift Dir ins Mark 
Und liisst Dich nicht los, 

Es zieht mit Dir, 

Es flieht mit Dir 

In des Waldes dunklen Schuss, 

In der Berge schweigendem Kaum, 

Auf des Meeres brandenden Wogenschaum, 

Zu der Menschen lärmender Menge. 

In des stillen Kämmerleins Engel 

Du bist ein Kind der unendlichen Reihe: 

Alle die Schreie 

Des Schmerzes und der Lust 

Von unbekannten Wesen, 

Die vor Dir gewesen — 

Sie tönen wieder in Deiner Brust! 

Laut brüllt nach Genuss in Dir 
Das brünstige Menschentier, 

Das von der Liebe nur kannte die Gier; 

Es reisst Dich gewaltig zu Hiiiunelsfemen 
Das Erbteil vom Urahn. 

Der scheu einst schaute zum Licht, zu den 
Sternen, 

Und wie am Sommerfaden der Wurm 
Hierhin und dorthin schwebt im Sturm, 

So schwankst Du hinauf und hinab. — 

Ja, knirsche nur in Deinen Ketten!“ 

Berlin. Max Hoftmann. 

I 

Morgendämmerung. 

Noch ruht der Morgen in grauer Kerne, 

Und Dämmerung träumt auf Wald und Flur; 
Erblichen sind die letzten Sterne. 

Und lioffnungzitternd liegt die Welt. 

Es webt hinab, hinauf die Weiten 
Der Morgentraum im Dämmerlicht: 

Dort wo vcrblichne Nebel gleiten 
Ein einsam Vöglein zu mir spricht. 

In bangem Dämmerlicht der Sorgen 
Sind meine 'I'age hingetloh'n. 

Ein stetes Hoffen auf den Morgen 
Belebt mein Herz so lange schon. 

Nun flattert Blatt um Blatt im Winde, 

Am Himmel Steril um Stern erbleicht! . . . 

Ob ich die Sonne wohl noch linde. 

Bevor die Nacht den Geist umschleicht? 

Homberg a lthein. Hugo C, Jüngst. 


Für Wahrheit 

Durch ein gefahrlos Leben ängstlich zagen 
Sichst du die liigcnvollen, feigen Seelen. 

Die nie den äussern Tugendpfad verfehlen 
Und selbstbewusst auf Maulwurfshügeln ragen. 

Vom Ideal zur Bergeshüh' getragen, 

Des Lichtes Klammen freie Geister stehlen, 
l'nd, ehrlich, wollen sie cs nicht verhehlen. 
Dass grau'nerfUllt sie auch am Abgrund lagen. 

Der Keigling bat kein wildes Herz zu zähmen. 
Ihm sind zu weit die engsten Klosterzellen, 
Die seine schwache Seele völlig lähmen. 

Des (ieistigfreien Brust soll Kampflust schwellen. 
Er soll sich jederzeit der Lüge schämen 
Und lilr die Wahrheit sich zum Kampfe stellen! 

Neudorf. Schmldt-Bridlkow. 

Gedankensplitter. 

Die lyrische Dichtung ist eine Art von 
Autosuggestion. 

Genie ist elementar, Talent ftiessend. 

Nicht Wissen ist Bildung, sondern die Art 
zu wissen. 

Lügen gehören zur Acsthctik des liehen*. 

Unsere Ethik besteht aus einer Reihe kon- 
ventioneller Lügen, die uns die Aesthetik unserer 
Zeit aufdrängt. 

Natur und Kultur sind immer die heftigsten 
Gegnerinnen gewesen. 

Unser sogenannter gesellschaftlicher Ver- 
kehr ist nichts anderes als ein grosses Riicksiclit- 
nebmen. 

Gefühlsmenschen sind niemals Cbaracterc. 
Die Musik ist der Hypnotiseur der Seele. 

Eine Kinderseele gleicht einem Klavier; 
erst wenn die Tasten von berufenen Händen 
hertthrt werden, klingen die harmonischen und 
gemUtstiefen Saiten in ihm an. 

Hamm iWcstf.). Uhlmann-Bixtorhclde. 


Litterarische Rundschau. 

Von Karl Kraus-Wicn erschien in der 
Mai-Nummer der . Gesellschaf r“ ein sehr be- 
achtenswerter. schneidiger Aufsatz .Zur Über- 
windung des Hermann Bahrt' 

Dieselbe Nummer brachte von Uhliuann- 
Bixterheidc eine psychologische Skizze aus 
dem Arbcitcrlehen .Auch einer:' Uhlmann- 
Bixterheide wird demnächst eine Reihe sol- 
cher Skizzen gesammelt veröffentlichen. Zugleich 
arbeitet, derselbe mit IV t er Hille, dem früheren 
Herausgeber der , Völkermuse“, an einer ästhe- 
tisch-kritischen Würdigung der westfalischen 


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116 


Diehtercharaktcrc dar Gegenwart, welche unter 
dein Titel „Westfälische Dichtung der Gegen- 
wart“ noch im Laufe diese« Sommers erschei- 
nen wird. 

K r n s t R n s m c r , dessen Schauspiel „ Dämme- 
rung' Ende März ds. .1«. bei seiner Aufführung 
in Berlin von der Kritik übereinstimmend als 
des Werk eines ganz ausserordentlichen Talentes 
anerkannt wurde, veröffentlicht demnächst in 
dem Münchener Verlag I)r. E. Albert & Co.. 
Separat- Konto, ein Schauspiel in 5 Akten: 
„Wir Drei!" 

Ein Lesebuch für die reifere Jugend, 
tlas sich vollständig frei halten soll von reli- 
giösem und patriotischem Lehrstoff, will der be- 
kannte Pädagoge und Novellist Ha rru Köhncke 
in Hamburg, Belle-Alliancestrasse 66, hernus- 
gelten. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, 
die sich an dem Werke beteiligen wollen, er- 
halten nähere Mitteilung auf direkte Anfrage 
liciin Herausgeber. 

Der Delegicrtentag deutscher Jour- 
nalisten und Schriftsteller in Leipzig 
gestaltete sich gleich am ersten Verhandlungs- 
tage sehr lebhaft. Nachdem Herr Aug. Nie- 
tn attn den Vorsitz übernommen, erhielt Ludwig 
Viereck zum Referat über den gedruckt vor- 
liegenden Statuten - Entwurf der Münchener 
Kommission, betreffend Gründung einer allge- 
meinen l'ensionsanstalt für Journa- 
listen und Schriftsteller das Wort. Die 
Verhandlungen gipfelten unter allgemeinem 
Beifall in dem Beschluss, sich zunächst unter 
Vorbehalt der etwa notwendig werdenden Ände- 
rungen auf den Boden des Münchener Entwurfs 
zu stellen und mit allen Kräften in die Agi- 
tation für die Begründung einer selbstän- 
digen Pensionskasse einzutreten. 

Die erste Aufführung des Dramas „Der 
Trifels und Palermo* von Detlev von Lilien- 
cron findet im August dieses Jahres auf dem 
kgl. Hoftheater in München statt, ln Kürze 
erscheint von Detlev von Lilicncron im 
Verlage von Wilhelm Friedrich in Leipzig „Neue 
Gedichte!’ 

Wien, die gepriesene Stadt .an der schönen, 
blauen Donau*, ist zwar sehr „gemütlich“, aber 
litterarisch tot. Der „Verein für modernes 
Leben* ist längst schlafen gegangen: denn die 
dekadenten Herren verwechselten Litteratur- 
machen mit Kaffeehaushocken. Endlich will 
sich's wieder rühren. Schüchterne Anfänge zu 
einem Vereine sind zu verzeichnen. Ein Häul- 
lein Litteraturheflissener versammelt sich all- 
wöchentlich und ehrt durch Vorlesungen grosse 
Dichter oder — sich selbst, wenn der Vor- 
lesende sich seihst vorliest, f’nser Mitarbeiter 
Karl Kraus, der den jungen Verein in Szene 
gesetzt liat, las an mehreren Abenden, ans 
Hauptmann's Weberdrama den 2. und 5. Akt. 


Jakobsen’s „l’est von Berjanto*. gegen zwanzig 
I’oesieen Lilicncron s. ferner Gedichte von Gustav 
Falke. Wedekind. Iteder, „An der Weiche", ein 
Psychodrama von Franziskus Hähncl. Ausser- 
dem lasen Felix Döruiann ans Hartleben's 
„Pierrot lunaire“ und die Herren Anton 
I.indner. Richard Schaukal, Pani Werth- 
lieimcr eigene Gedichte, unter welchen Anton 
Lindner s treffende Satire auf die hektisch- 
neurotische Poesie Dönnann’s am meisten An- 
klang fand. Die Gesellschaft blühe, wachse und 
gedeihe ! 

Am 6. Mai veranstalteten der Deutsche 
I.chrcr-Schriftstcllcr-Bund und der Erk’sche 
Männergesangverein im National-Thcater 
zu Berlin eine Festvorstellnng zum Ehrenge- 
däclitnis für Ferdinand Schmidt und Lud- 
wig Erk. Eingcleitet wurde der Abend mit 
einem von idealer Begeisterung durchglühten 
szenischen Prolog von Paul Risch, der in 
wirkungsvoller Weise zur Darstellung gelangte. 
Hieran schlossen sich mehrere vom Erk'schen 
Vereine trefflich vorgetragene Volkslieder, wo- 
rauf Hermann Jaiinkes: Gold und Eisen 
zur ersten Aufführung gelangte. Ein Yolks- 
schauspicl nennt cs der Verfasser und der Inhalt 
rechtfertigt diese Bezeichnung vollauf. Es ist 
ein Volksschauspiel im herrlichsten Sinne des 
Wortes aus einem deutschen Geiste geboren, 
von dem innigen deutschen Volksgemiit durch- 
pulst und dramatisch wirksam aufgebaut. Der 
wahrhaft durchschlagende Erfolg, der dem 
Stücke von dem bis auf das letzte Plätzchen 
ausverkauften Hause zu teil wurde und Darsteller 
und Dichter immer wieder von neuem vor die 
Rampen rief, ist gleichzeitig ein erhebender 
Beweis dafür, dass es doch in unserer „herrlich- 
modernen’' Zeit anch noch Menschen giebt, die 
sich für ein Bühnenstück liegcistern können, 
dem so ganz das moderne Paprika-Gewürz der 
Frivolität fehlt. Naher aul den Inhalt des 
Stückes, das um das Jahr 1500 in Nürnberg 
spielt, einzugelien, verbietet mir liier der Rnnm. 
Dennoch will ich nicht unerwähnt lassen, dass 
die von Adolf Wiedecke, dem Kapellmeister 
des Natiunal-Thcaters, so recht frisch und volks- 
tümlich komponier! en Lieder, die nicht wie sonst 
hei sogenannten Yolksstttcken coupletartig cin- 
geschoben sind, sondern sich wie ganz von selbst 
in die Handlung verflechten, und die vorzüg- 
liche Darstellung ehrlich den Sieg miterrnngen 
haben. Die rührige Direktion des National- 
Tbeaters hat das Stück sofort in ihr Repertoir 
mitgenommen und damit, wie die bisherigen 
Wiederholungen gezeigt haben, keinen schlechten 
Griff gethan. 

Berlin. Wilhelm Becker. 

Eingesandte Neuerscheinungen. 

(Die Besprechung erfolgt thunliuhst in Reihenfolge 
der Einsendungen.) 

Finne, Gabriel. Die Eule. Schauspiel in einem 

Äkt. Einzig autorisierte, vom Verfasser 

dnrehgesehene Übertragung aus dem Nor- 


OOQ 


le 



117 


wegischen von Emil Brauscwetter. 
München, Druck nml Verlag von l>r. 
E. Alljert & Co., Separat-! ontu, 18113. 
hrosch Mk 1. 

Or. Veeck, Buddha und Christus. Berlin, Ver- 
lag von Itichnrd Besser 1893. l’reis 11k. 0.80. 

Prof. Or. Ludwig Geiger. Augustin, Petrarea, 
Rousseau. Berlin 1893, Verlag von Richard 
Lcsser. Preis Mk. 0,80. 

Adolf Paul. Alte Sünden. Spicsbllrgerliehcs 
Schauspiel in drei Aufzügen und einem 
Intermezzo. Berlin 1893, Verlag des 
Bibliographischen Bureaus. Preis Jt 1,50. 

V. Burenln, Das Totcnhein. Ein absonderlich 
— mysteriöser Kriminal lall. N'nch der 4. 
Anllage des russischen < higinals übersetzt, 
mit Anmerkungen und einer Einleitung 
versehen von Wilhelm Henckvl. München. 
1893, Verlag von Dr. E. Albrecht & Co., 
Separat-! 'onto. Preis Mk. 1. 

Max Dittrich, König Albert und seine Sachsen 
im Felde 1819. 1888. 1870 71. Vaterlän- 
dische ( iedenkblätter. Dresden, 1893, Dmck 
und Verlag der Alhanns’ sehen Buchdruckerei. 
Preis 11k. 1. 

J. von Harten • Dillen, Von’n Werserstrann'. 

l'Iattdütsihe Dichtungen. Heft 1 und IV. 
Selbstverlag: Listringen liei Hildesheim, 
1893. Preis ä Heft Mk. 0,50 

Kurt Baecker. Die Volksuntcrhaltung. Berlin. 
1893. Deutsche Schriftsteller- Uenossen- 
scliafr. Preis Mk. 1,30. 

Frau Rieke Nauke-Lehmann, 3‘i Monate .gnä- 
dige Frau: 1 8. Aufl. Berlin, 1893, Deutsche 
Schriftsteller-Genossenschaft. Preis Mk. I. 

Luise Otto, Mein Lebensgang, (ietlichte ans 
fünf Jahrzehnten. Leipzig, Verlag von 
Moritz Schäfer, 1893, bröselt. Mk. 3,50, 
geh. Mk. 3,50. 

Julius Knopf. Politik. Plauderei in einem Auf- 
zuge. Berlin, 1893, Verlag des „Reform- 
Bureau: 1 

Wilhelm Ruland und Laurenz Kiesgen. Himmel 
und Erde. Dichtungen. Leipzig. Verlag 
von Robert Claussner, 1893, Preis Mk. 2. 

K. Lorentz, Das Internat. Leipzig, ( ’arl Jaconscn. 

1893. 

Willy Lentrodt. Heisse Spuren. (irossenhain 
und Leipzig. 1893. Verlag von Baumert 
& Ronge (Heinrich Ronge). 

Franz Wichmann, Dichter-Ehe, Roman. Leipzig. 
Verlag von Robert Claussner, brosch. Mk. 5. 
geh. Mk. 6. 

A. von Sommerfeld. Leidenschaften. Realistische 
Geschichten aus der liegenwart. Leipzig. 
Verlag von Robert Claussner. Mk. 0,50. 

Hans Eschelbach, Wildwuchs, (ietlichte Leipzig. 
Verlag von Robert Claussner 1893. 


Die Zerstreuung. Blatter für Scherz und Ernst. 
1, Jnlirg. Nr. 4. Herausgegeben von t'arl 
Neumann und Carl Pitlik. Verlag von 
Hermann Krause A Sohn in Rostock Er- 
scheint halhmonatl. Quartal Mk. 1. 

Henri Gartelmann, Sturz der Metaphysik als 
Wissenschaft. Berlin, Verlag von S. Fischer, 
1893. Preis Mk. 7. 


Beurteilungen. 

Zeitgedichte 1864— 1889 von Wilhelm Fischer 
aus Wermelskirchen. Saarbrücken, lie- 
brüder Hofer 1893. 

Den Lesern der Kölnischen Zeitung, des 
Lahrer hinkenden Boten Kalenders, des Berg- 
mannfreundes in Saarbrücken ist der Name 
Wilhelm Flacher seit langen Jahren schon der- 
jenige eines liehen Freundes und treudeutsch- 
gesinnten Schriftstellers und Dichters. Er hat 
in seinen holländischen und anderen Geschichten 
so manches kernige kräftige und sinnig-humor- 
volle Wort an seine Leser gerichtet und seine 
schlichte keusche Denk- und Schreibweise gab 
in Form und Inhalt seinen moralischen und 
drolligen Erzählungen ein wahrhaft klassisches 
Gepräge, wie cs heutzutage auch in der deut- 
I sehen Litteratur immer seltener wird, ln seinen 
| Gedichten pulst gleichfalls warmes Leben und 
Empfinden und echt deutsche Gesinnung; für 
Vaterland und Volk. Kaiser und Reich schmiedet 
er manchen klingenden Reim, flicht er manche 
kunstreiche Strote. Die vorliegende Sammlung 
i .Zeitgedichte“ spiegelt vorwiegend wieder jenen 
Abschnitt der deutschen Einigungskriege unter 
Kaiser Wilhelm dem Siegreichen, sowie wichtige 
Ereignisse aus der Regierung dieses unsterb- 
lichen ersten Hohenzollernkaisers, während 
welcher der Verfasser als Rector der höheren 
Schule zu l Utweiler hei Saarbrücken thätig war. 
Seit 1881 lebt er procul schob» als Emeritus 
in Bückeburg. Die Zeitgedicbte, seiner Zeit 
in verschiedenen Blättern veröffentlicht, sind 
insgesamt formvollendet, gedankenreich und 
zündend. Sie verdienen die wärmste Empfehlung 
eines jeden Vaterlandsfreundes and ein Plätz- 
chen in der Familienhihliothek eines jeden 
deutschen Hauses, wo das Andenken der ver- 
rauschten letzten drei Jahrzehnte mit ihren 
gewaltigen Ereignissen hoch gehalten wird. 

Berlin. Max Dittrich. 

Gross Natur. Franz Held. Ausgc wählte 
Gedichte. 3. Aull. (Berlin, Fresko- Verlag). 

Eigenart ist gut, heim bedeutenden Dichter 
notwendige Voraussetzung. Die mittehnässigen 
Talente von heute aber wollen originell sein 
um jeden l'reis. Und das ist lächerlich. 
Wer nicht die Fähigkeit besitzt, für seine 
Kmptindungcn auch dichterische Formen (im 
weitesten Sinne) ztt schaffen, der lasse ent- 
weder das Dichten ganz bleiben, oder aber, 
wenn es ihn doeli dazu „drängt“, er arbeite 
I „nach berühmten Mustern“. Franz Held ist 


Dia 


yole 



118 


nun zwar kein beileutenilcs lyrische» Talent, 
aber er hat trotzdem «las Mass dichterischer 
Begabung, «las ihn befähigt, seine eigenen 
Empfindungen in diesen entsprechende 
eigene Form zu giessen. Aber er tibertreibt. 
Seine Originalität ist affektiert, ist eine Origi- 
nalität, .um jeden Breis*, gesucht, und «leshalb 
lächerlich. Es ist dies ähnlich, als wie wenn 
ein Mensch, um den Namen eines Herdenriehs 
von sich zu weisen, auf allen Vieren geben 
oder mit den Beinen essen wollte. Bilder, dass 
cs einem kalt Über den Kücken läuft, Wort- 
bildungen, denen unbedingt «las Patent ver- 
liehen werden sollte, neben echt poetischen 
(iedanken mul Empfindungen. Leider sind 
diese letzteren spärlich vorhanden. Wie diese 
Schraubenoriginalität sieh zu einer zweiten 
Auflage hat verirren können, ist mir bis dato 
ein Kätsel. 

Mletcrsbelm bei Lahr. Emil Hauth. 

Lieben und Streben. Qediehtc von Herrn. 
C 1. K o s e 1 , Wilstegiersdorf Pr. Schl. 
H. Marx 1892. 

Eine Sammlung munterer und sanglicher 
Gedichte, welche nicht verläugnen, dass «1er 
junge Verfasser auch «1er Malerei im Vollbe- 
sitze iles besten Talentes dient ; die Tiefe und 
Macht des Gefühles «fes begabten Lyrikers, 
nicht eine sinnliche nml maaslose Erotik, nicht 
ein Keimgeläute, welches leere Worte unt- 
schliesst, sondern ein gedankenreiches Werk, 
mit glücklich erfassten und glücklich niederge- 
schriebenen Stimmungen bilden die Gedichte 
von Lieben und Streben des Verfassers. 

Wien. W. A. Hammer. 

Deutsche Lieder aus Italien v. Leopold Jakoby. 

(München 1892. Verlag der Handels- 
dnickcrei mul Verlagsaustalt M. I’ocssl.) 

Es ist ja schön, andere für sich denken zu 
lassen und sich in den Heerbann von Autoritäten 
zu stellen. Es kostet weder Austreuguug noch 
Miihe und hat — das ist in unserer Zeit ganz 
besonders gravierend — den Schein der Ge- 
lehrsamkeit für sich. Dass wir aus diesem 
Grunde in einer Aera der Schlagwörter leben, 
wird kaum zu bestreiten sein. Deun hente, 
wo die Wissenschaft in ihren zahllosen Ver- 
ästelungen von einem einzigen unmöglich be- 
wältigt werden kann, ist auch der Gewissen- 
hafteste darauf angewiesen, gewisse Uesultate 
der Forschung ununtersucht lür cigeuc Zwecke 
verwenden zu müssen. L'nd der oberllächlh-he 
Kopf denkt mit dem Sprichwort : .Was dem 

einen recht ist, ist dem andern billig“, gebt her 
und anektirt — seine ganze Weisheit. Max 
Nurdau hat vollständig recht, wenn er meint, 
mau solle eigentlich keinen Ausdruck gebrau- 
chen, ehe man ihn untersucht habe, ln ganz 
besonderem Masse ist diese Forderung berech- 
tigt, wenn es sich um Anwendung von Sentenzen 
u. dgl. bandelt. 

Ein Schlagwort, das viel gebraucht wird, 
alier wenig untersucht zu werden scheint, ist 
der Ausspruch Frciiigrath's : 


1 „Der Dichter steht auf eine höhere Warte 
Als auf der Zinne «ler Partei.“ 

Warum? Er soll das Allgemein-Mensch- 
liche in seine Dichtungen zum Ausdruck bringen. 

Aber hat es nicht zu jeder Zeit Parteien 
gegeben, welche eben dieses Allgemein-Mensch- 
liche, das Glück der Gesammtheit, auf ihre 
Fahne geschrieben haben. Dass der Dichter 
nicht dazu «la ist, «las Parteiprogramm zu ver- 
sifizieren, ist allerdings einleuchtend, aber so 
apodiktisch dem Dichter das Recht abzusprechen, 
für eine Partei einzutreten, ist ungerecht- 
fertigt. — Diese Expektorationen waren nötig, 
tun «lern Buche gegenüber, «las ich liier zu be- 
sprechen habe, einen Stanilpuukt zu gewinucii. 

I Leopold Jakoby ist Sozialist und seine 
„Deutschen Lieder aus Italien“ sind sehr grossen 
Teils von dem Gedanken des Sozialismus durch- 
drungen. Ja, man kann sagen, die sozialistischen 
Ideen sind der rote Faden, der sich durch das 
j ganze Buch hiuzieht. Der Dichter steht .auf 
«ier Zinne der Partei“, den Blick zur fernen 
leuchtenden Zukunft gewandt, in «1er linken 
Hand die rote Falme und in der reditcu das 
Kampfschwert für Freiheit, Gleichheit, Brüder- 
lichkeit. 

Das ist das Allgemein-Menschliche, das die 
sozialistische Partei vertritt und dem Jaeoby 
in seinen Liedern einen heilig-begeisterten Aus- 
druck verleiht. Oder ist es nicat ein Odem 
heiliger Begeisterung, der (in dem Gedicht 
„Bekenntnis-) in den Versen wellt, wo er „das 
Grosse, was die neue Lehre verkündet“, aus- 
spricht? : 

„Dass sie «len Menschen hiustellt 
in den Weltraum und auf Erden: 

Die Arbeit hinter ihm 
Die Gleichheit unter ihm, 

Die Liebe zu seiner Linken, 

Die Gerechtigkeit zu seiuer Rechten, 

Die Wahrheit vor ihm 
l'nd die Freiheit über ihm. 

Aber die Schönheit iu ihm!“ 

Mit genialem Blicke erkennt er aus dem 
Gange der Geschichte die Gesetze menschlicher 
Entwicklung, mit prophetischem Blicke schaut er 
in die herrliche Zukunft. Und wenn die litte- 
rarisfhen Archivare ihn in die Kiuupelknmmer 
für „Tendenzdichtung“ werfen, Jakoby braucht 
sich darum nicht zu kümmern. Er ist ein 
Dichter, und das Volk wird ihn hören. — Doch 
auch der Liebe zollt Leopold Jakoby seinen 
Tribut. Einige der Lieder an Fanny siml 
Perlen der Liebeslyrik. Andere Gedichte, meist 
solche erzählenden Inhaltes, wären zwar besser 
aus dem Buche wcggeblieben, wie auch an 
einzelnen Stellen in formeller Hinsicht Tadelns- 
wertes sich fiinlet. Aber dieses wenige muss 
eben bei Jakoby ebenso gnt wie bei anderen 
echten Dichtern mit in Kauf genommen werden. 
Dem Buche aber wtlnscbe ich. dass es hinaus- 
kiingen möge unter alle Völker, ihnen zu 
künden die grosse Irfhrc von «1er allgemeinen 
Menschenliebe. 

Mietershelm b. Lahr. 


Emil Hauth. 


119 


Rotes und blaues Blut von il. v. Reiter. 1 
München. Verla*; von Dr. E. Albert & 

Co. 189:1 U. Auflage. 

Die vieiangefeindete Lyrik! Nie ist sie 
so üppig in's Kraut geschossen, wie im letzten 
Jahrzehnt, nie aber auch hat sie so reich in 
Blüte gestanden, wie heut. Die Stürmer und 
Dränger sehen, dass sie selbst immer wieder 
verstimmt und verdrängt werden, dass ihre 
Genialität ihre Jugend war. Den .Jungdeut- 
schen' folgte „Uründentschland" ; sie wurden 
durch die .Moderne“ vom Throne gehoben, 
deren Herrschaft auch nur ein Sänglingsjahr 
bedeutete, denn schon sitzt die .Neu-Moderne“ , 
über ihnen. Ich hin Überzeugt, der .Musen- I 
almanach“ von 1893, der .lediglich im Hinblick 
auf Talente“ heransgegeben ward, wird für 
viele Jahre der letzte d ieser Richtung bleiben, i 
Die neueren Dichter haben cs nicht mehr nötig, ] 
sich sammeln zu lassen, seit sie sich seihst 
sammeln, d. li. seit sic nicht mehr trotzig 
gegen das .Liraleyem“ los stürmen, seit sic 
nicht mehr kampfesinutig ihre .Richtung ver- 
treten“, sondern kraftbewusst ihrer Individu- 
alität gemäss arbeiten. Denn je mehr sie ihrer 
eigenen Individualität leben, desto mehr zwingt 
sie dio Gerechtigkeit, anderer Eigenheit gelten 
zu lassen. Die Welt ist eben nicht nur Licht 
und Glanz, sondern auch Schatten und Nacht, 
und nicht nur der blaue Himmel herrscht über 
uns, sondern auch graue Wolken sind dort. Also 
singe nicht Idos, wem Gesang gegeben, sondern 
auch, wie sein Ton liegt, vorausgesetzt, dass 
dieser Ton voll und schön, und nicht auf Spat- I 
zcnlärm und Krähengekräcbz abgestimmt ist. 

Ein Häuflein der .Alten“, also derer, die 
vor .lungdeutschland ihren Einfluss auf das 
poetische Gemiith übten, ist trotz allem Wechsel i 
sich selbst treu geblieben. Zu ihnen gehört I 
H. von Reder, der sich als Maler voll Poesie, j 
als l’oet voll köstlicher Malerei einen doppelten, 
in jeder Richtung unantastbaren Ruf schuf. 
Gerade im Kreise der Leser dieses Blattes gc- 
niesst er volle Würdigung. Seinem .Wotan“ 
liess er soeben obengenanntes Buch folgen, auf I 
welches ich die Aufmerksamkeit der Freunde 
seiner Poesie lenken möchte. Das Buch enthält 
zwei Dichtungen in prachtvollen Einzelliedern, I 
wie sie uns so knapp und klar nur Reder bietet : 
„Die Fischerrosl“ und „Werner, der Falkonier“. 
Würden wir die Dichtungen als sociale nehmen, 
so käme das blnuc Blut schlecht weg ; denn 
das Edelfräulcin zeigt sich kokett und falsch, 
während die Fischerrosl ihrem Liebsten die 
Treue noch filier das Grab hinaus hält, trotz 
aller Lockungen, die an die wilde junge Meid 
hcranst iirmen. Werner, der Falkonier singt 
von sich : 

Im tiefen Thal hin ich geboren, 

Wo hoch ihr Schloss am Felsen stellt. 

Mein Ahn hat Helm und Schild verloren 

Und seinen Staub der Wind verweht. 

Während er den Edelfalken zähmt und 
um das Edelfräutein wirbt, trauert das Köhler- 
töchterlein : 


.O Falkner, stets gedenk ich dein 
Und kann es dir nicht sagen, 

Wieviel des Grams und bltt'rer Pein 
Ich schon um dich getragen. 

Wie oft an meinem Blumenhag 
Bist du vorbei gegangen. 

Es kam der Tag, cs ging der Tag 
lm Hoffen und im Bangen. 

Das Edelfräulein geht in Sauirnt 
Und ich im groben Linnen — 

In deinem stolzen Herzen flammt 
Ein übermütig Sinnen.“ 

Dem Uekermut wird schlecht gelubnt! Das 
Edelfräulcin spielt eine Weile mit ihm, da rafft 
er sich auf, lässt sich im Kampfe zum Ritter 
schlagen und kehrt heim, das Fräulein vom 
Schlosse zu begriissen. Mit ihm aber sprengen 
zwei Nebenbuhler. 

.Ich liehe das Fräulein“, — .Wir lieben es auch.“ 
Da rauscht es, ein Reiher erhebt sich im Strauch. 
Wess Falke im Kampfe den Reiher bezwingt. 
Als Sieger von allen das Fräulein erringt. 
Streich Reiher, drei (leier, das kostet dein Blut. 
Und Fräulein, drei Freier, das eudet nicht gut. 

Ja. es endete nicht gut. Die folgenden 
prächtigen, klingenden Verse erzählen uns der 
Falken Kampf mit dem Reiher, der Ritter 
Kampf untereinander. Jan Werner wird er- 
stochen. Die beiden Anderen planen : 

.Der Sieger sei der, dem das Fräulein zum Sold 
Für treuliches Minnen ein Zeichen gezollt. 

Der löst sich die Nesteln am Warnmso, da war. 
Verborgen am Herzen ihr lockiges Haar. 

Der streift sich die Stulpen herab von der Hand, 
Da hielt seinen Fiuger ihr Keifen umspannt. 
Die beiden erblassen und blicken sich an. 
Verflucht, sei die Falsche, die solches gethan. 
Verschiedene Wege reiten die Zwei, 

Des Friedens verlustig und vogelfrei.“ 

Zum Ausklang sehen wir die zerfallene 
Burg, um die die Rahen flattern, und wie sich 
die Muhmen in der Kunkcistnbe all die ver- 
schollene Märcu erzählen . . , 

Die Fischerrosl ist eine Geschichte im 
bayrischen (’olorit: Berge und Seeen werfen 
ihre Lichter und Schatten darein. Es kann 
sich hei H. von Reder* Dichtungen nicht mehr 
um kritische Durchsicht handeln; bei ihnen gilt 
cs bloss, dem Leser seine Eigenart lieb mul 
wert machen. Ich darf mich also auch hier 
vorzugsweise an Auszüge halten. Der Rosl 
Liebhaber ist ein gar stolzer, kecker Bursch ! 
Einfacher und ergreifender kann ein Ixeheusbild 
kaum gezeichnet werden, als dieses: 

„Hans traf ein Mädchen auf dem Weg 
lm Arm mit einem Kind. 

Die Iiesci wars. Wo gehst du hin V 
„Wo keine Menschen sind.“ 

Sie sprach es ganz gelassen aus 
ln ihrer bitt'ren Not, 

Sie suchte ihren letzten Freund 
Und dieser war der Tod. 


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120 


Den fand sie in Her stillen Flut 

Zugleich mit ihrem Kind. 

Nun Hoh der Hans jedweden Ort 

Wo keine Menschen sind. 

Der arme Haus ! Nachdem er einem spott- 
süchtigen Gesellen mit dem Xickfaug den Dar- 
aus gemacht, wird er nach der Rückkehr aus 
dem Uetilnguis selbst von einem Nebenbuhler 
erschossen. Die Fischerrosl bleibt einsam, „die 
geht nach ihrem Kopf.“ Alle Werber weist 
sic ab, bis sie selbst bei einer Sturmlahrt Uber 
den See den Tod findet — oder sucht? 

Das Nationale vertiefend, webt sich in 
diese Volksgescbicbte das Schicksal des unglück- 
lichen Bayernkönigs Ludwig II. 

Dass der Dichter Menschenschicksal, Stim- 
mung und Naturbild in einer Weise verwebt, 
die durch Einfachheit und Grösse zur Bewun- 
derung hiureisst, das erkenne der Leser aus 
einem Gedicht, mit dem ich diese Besprechung 
und Empfehlung des Buches schliesse: 

Aul den Würmsee fallt ein Schatteu 
Aus des Himmels lichten Höhn, 

Eine dunkle Wolke wirft ihn 
Goldgorändert. wunderschön. 

Mfilig wandelt sich die Wolke 
Zackig um zum Kruneureif, 
lind daneben eine and re 
Dunkler noch zum Drachen Greif. 

Als der Sonne Gold vergangen, 

Und den Wilrmsee hüllt die Nacht, 

Hab ich lang noch an den Schatten, 

Au das Wolkenbild gedacht. 

Ohlau. Anna Nltschke 

Laskaris. Kino Dichtung von Arthur l’Iungst. 
II Teil: Der Alchymist. — Leipzig. 
Wilhelm Friedrich, Preis eieg. geh. Mk. 3. 

Den ersten Teil dieser grossartig angelegten 
Dichtung hnlie ich in Nr. 3 der „N. 1. Bl.“ be- 
sprochen. Im Allgemeinen kann ich mich auf 
das damals gesagte beziehen. Formell ist der 
vorliegende Band bedeutend vollendeter. Inhalt- 
lich ist das Kolorit heller. Von bezaubernder 
Empfindung sind vornehmlich die Dialoge zwischen 
dem Liebespaare Laskaris und Irene. Da haben 
wir Kraft — kein schwindsüchtige Blaublümlein- 
gebimmel, wie es die Liebeslyrikerchen in Gold- 
schnitt oft producieren. Gewaltige Gedanken 
finden sich auch hier mit freigebiger Hand ausge- 
streut, so besonders S. 72: 

Die Menschheit ist ein brütender Vulkan, 

Der auf- und niederwogt in Feuerglut u. s. f 

Den Inhalt der Dichtung wiederzugeben, gebricht 
es leider an Raum, überdem dürfte damit dem 
Dichter, den ich (en passant) zu dieser seiner 
künstlerischen That herzliehst beglückwünsche, 
nicht gedient sein. Ich bemerke nur: dass ich 
das in seiner Art wohl einzig dastehende Werk 
jedem wahren Litteraturfrennde mit allcrreinstem 
Gewissen empfehlen kann. Was sein Äusseres 
betrifft (Kleider machen Iauttc bekanntlich), so 


wird es auch der Bibliothek des verwöhntesten 
Einban dgourmandh keinen -deshondeur“ machen. 
Rotleinen mit reicherGold- und Schwa rzpressung, 
luxuriöser Goldschnitt — mit einem Worte, innen 
und aussen gleicherweise gediegen! 

Wten. Ottokar Stauf von der March. 

I*. s. Wie mir Herr I>r. PfuoRst mitteilt, wird 
ein III. Teil der Dichtung die philosophische Konklusion 
des Ganzen eutlialten: gelegentlich der Kritik desselben 
werde ich den Inhalt des ganzen Werkes skizzieren 
und dessen Ideen der Betrachtung unterziehen. Stf. 

0. Hotzen, Wichtuann. der Kreuziahrer. Eine 
nitbremische Geschichte. Mit 4 Tvpo- 
gravnren. Bremen 1893, Druck und Ver- 
lag von farl ixhünemann. Preis 1.20. 

In 109 wohlgeformten Stanzen erzählt der 
Dichter der „Pilgerfahrt“ naelt zehnjähriger 
Pause die einfache, romantische Geschichte des 
im Bremer Dome begralienen Krenzfnhrcrs 
Wichmann. Durch Unvorsichtigkeit füllt Wich- 
mann bei der Belagerung von Lissabon in die 
Hände der Mauren und wird liier von der 
Sultanstochter geliebt und befreit. Mit frischem 
Humor wird diese altbremiache Geschichte an- 
sprechend besungen. Bei einer wohl zu er- 
wartenden 2. Auflage wäre es zu empfehlen, 
ungebräuchliche Formen, wie „Brau“ statt 
„Braue“ (S. 7), „zu hesenden“ (S. 8 und 11), 
„mit Fuge“, „sieh verliegcn“ (S. 10) u. ein. a., 
sowie den störenden Trochäus in der vorletzten 
Zeile der 28. Stanze zu ticseitigen. 

Bremen, Erich Bardewtek. 

Tiberius Grachus Trauerspiel in 5 Aufzügen. 
Von Paul Barth. Leipzig. Reissners 
Verlag. 

Keine .lambentragödie. kein unverdauter 
Shakespeare! Da» zunächst zur Beruhigung für 
diejenigen, die an die Lektüre eines antiken 
und gar fiinfaktigen Trauerspiels sieh nur mit 
bangem Schauder heranmachen Im Gegenteil, 
markige, fein charakterisierende und an origi- 
nellen. aber meist trefflich gelungenen Metaphern 
und Vergleichen reiche Prosa wird auch die- 
jenigen fesseln, die heim Titel ein „Was ist 
uns Hecuba" ausrnfen möchten. Barth hat 
augenscheinlich eingehende historische Studien 
gemacht und nicht wie Wilbrandt in seinem 
„Gracchus der Volkstribun' die Gestalten dieses 
antiken Lassalie mit der seines Bruders verquickt 
und das Lehen des grossen Scipio seinem Stück 
zuliebe um 13 Jahre verlängert. Die einzelnen 
Mitglieder der revolutionären und der .Staats- 
partei sind sicher charakterisiert, in den Volks- 
seenen zeigt sieh der vorteilhafte Kinfinss des 
grossen Britten, die Handlung wird wuchtig 
und ohne ermüdende Längen durchgefflhrt, so 
dass das Stück auch auf den weltbedeutenden 
Brettern mit Ehren liestohcn dürfte. 

Leipzig. Heinrich Sliimcke. 

Franz Held. Manometer auf 99! Soziale» Trauer- 
spiel. Berlin 1893. Fresko - Verlag. 
230 Seiten. 

Dem Buche ist ein Prospekt beigelegt. in 
welchem es unter Anderem heisst: „Wir haben 



121 


das Vertrauen zu Ihrer litterarisclien Einsicht, 
dass Sie nach Prüfung des Dramas den maas- 
losen Schmähungen, welche die Berliner Rezen- 
senten über dasselbe an Stelle einer Kritik 
ausgossen, empört entgegentreten und Ihren 
Lesern die Augen über den Inhalt der Dichtung 
Offnen werden.' 1 Das bedeutet auf gut Deutsch : 
rezensiere das Werk günstig, sonst bist du ein 
Duniinkopt. Ich hätte diesen zweifelhaften 
Ehrentitel gewiss mit der grössten Seelenruhe 
eingesteckt und das Drama gründlich „herunter- 
gerissen“, wenn ich es nur vor meinem kritischen 
Gewissen verantworten könnte. Helil will in 
diesem Werke den Gegensatz zwischen Kapi- 
talismus und Geistesproletariat schildern. Sein 
gesttndor dramatischer Instinkt leitete ihn. den 
Kampf dorthin zu verlegen, wo die Gegensätze 
am heftigsten aufeinnnderplatzcn. nämlich in 
der Familie. Der Verfasser führt uns zwei 
Brüder vor, der Jüngere, ein Schriftsteller, wird 
von dem Älteren, einem Grosskapitalisten, aus- 
gehalten. Bei der Reichsrutswahl werden beide 
in einem und demselben Bezirke als Kandidaten 
antgestellt: der erstere von der sozialistischen, 
der letztere von der freisinnigen Partei. Nun 
entspinnt sich zwischen dem Brudcrpanr ein 
Kampf, welcher im fünften Akte einen tragischen 
Abschluss findet. Das Problem ist gewiss ein 
hochinteressantes und Held hat es auch ver- 
standen, die beiden Hauptpersonen mit feinen, 
charakteristischen Zügen auszustatten und ihre 
Gegensätzlichkeit schroff hervortreten zu lassen. 
I-eider ist es dem Verfasser nicht überall ge- 
lungen. seine Ideen in Fleisch und Blnt umzu- 
setzen; inan sieht manchmal förmlich den 
Dichter, wie er hinter seineu Personen steht 
und ihnen all' die geistreichen Bemerkungen 
souffliert. Gut gezeichnet ist der Arbeiter Werner 
und der Heizer Becker. Kür total misslungen 
halte ich das sentimentale Arbeitennüdchen 
Elise. Ihr ewiges SUssholzraspeln hat mich 
geradezu angewidert. Ein Hauptfehler dieses 
Dramas ist auch die ungeheure Länge ; dadurch 
geht die ganze dramatische Schlagkraft beinahe 
spurlos verloren. Füllige Male gerät der 
Dichter auf Abwege, welche an die Schancr- 
phantastik eines l’oe und Hoffinann erinnern. 
Solche Ausgeburten einer wüsten Phantasie sind 
nicht zu entschuldigen und mag man sie auch 
für tiefsinnige Symbolik ausgeben. Obwohl ich 
das Drama liir keine erlösende Offenbarung 
halt«; muss ich doch constatieren. dass die 
Berliner Kritik in ihrem Tadel allzuweit ge- 
gangen. Dem Verlage möchte ich raten, künftig- 
hin die Beilage eines solchen oder ähnlichen 
Prospektes zu unterlassen ; dergleichen ist für 
Kritiker einfach eine Beleidigung. 

Wien. Josef Sch mid- Braunfels. 

Anna Croissant-Rust. Feierabend und andere 

Münchener Geschichten. Dr. E. Albert & Co. 

Mk. 2. 

Schon die Skizzen, mit denen die Münchener 
Dichterin in den Satiiuielbänden der „Modernen 
Gesellschaft" debütierte, zeigten uns Kran 
Croissant-Rust als eine StiiMuungsmalerin von 


grosser F’einheit und Beobachtungsgabe. So hat 
sie denn auch das Milieu der Titelgeschichte 
„Koieraliend“ itt seinen feinen und feinsten Zügen, 
in seiner nackten, trostlosen Traurigkeit durch- 
schaut und geschildert. — Die Bergmanns- 
Familie Mähen ans „Uenninal“ und die Stamm- 
gäste aus der rauch- und alkoholgcschwängertcn 
Kneipen-Lnft des l'nssommoir sind Schicksals- 
und Leidensgefährten der Münchener Proletarier, 
die F'ran Croissant in ihrem Kampf um Brot 
und Liebe beobachtet hat. Es ist kein Buch 
für jedermann und wer nur (Richtige Pnter- 
haltnngslektüre sucht. „Spannendes" im land- 
läufigen Sinne des Wortes, oder sich fürchtet, 
dass ihn einmal der Menschheit ganzer Jammer 
anpacke, der wird cs besser nicht in die Hand 
nehmen. 

Leipzig. Heine. StUmcke. 

H. Schaffer. Noblesse oblige. Erzählung. — 
Lichtbilder. Heitere Erzählungen, l.n.2. 
Band. Verlag von Julius Zwissler in 
Wolfenbüttel. 

Wenn das Gebiet der heiteren Erzählung 
■ und besonders das der Humoreske in der Gegen- 
wart auch eine nnsserlieh allsgebreitete Pflege 
lindet, da die grosse Anzahl Tagesblätter ihren 
' Lesern damit in erster Linie entgegen zu kom- 
' men glauben, so ist es doch Thatsacbe, dass die 
meisten Schöpfungen eben nichts anderes sind, 
als Eintagsfliegen. Auf Kosten komischer Ver- 
wicklungen wird eine liebevolle, eingehende Zeich- 
nung der Charaktere äosserst selten attsge- 
führt. Nun, es gehört freilich auch etwas mehr 
dazu, als nur die Feiler gewandt führen zu 
können. Ich halte mich sehr gefreut, in den 
ulten genannten Erzählungen von H. Schaffer 
ein Erzählcrtalent kennen gelernt zu haben, 
wie wir es selten finden. Mit leittem Blick, mit 
liebenswürdigem frischen Humor, dabei in einem 
: köstlichen Plnudertone werden uns treu gezeich- 
nete Personen ans dem wirklichen Leiten vor- 
geführt. als olt uns Meister Hendaehcl Bilderchen 
aus seiner Skizzenmappe böte. Der alte,, Copitzki", 
und der „Freiherr von Ernsthausen“ in derErzäh- 
lung „Noblesse oblige ", der Backfisch „Uli“ und 
Tante Nora in der Erzählung „Im Druck er- 
, schienen“ mit der köstlichen Satire auf die„grosse“ 
Dichterin Friederike, — Kempner natürlich, 
i Lichtbilder 2. Bd.), der Kandidat Bücher. Eveline 
und Georgine Schlundltorg und das reizende Kat- 
ehen in der heiteren Erzählung „Schnewittchcn" 
(Lichtbilder I. Bd.) nnd manche andere Gestalten 
mehr steigen so deutlich vor unseren Augen auf, 
dass man sielt immer wieder an den genannten 
Erzählungen erfrischen und erlreuen wird. 
Mögen sic einen recht weiten Leserkreis finden. 

Bremen. Erich Bardewiek. 

Thüringer Dorfgeschichten. Novellen von Rudolf 
Braune. Leipzig, Verlag von Friedrich 
Schneider. 1893. 

Vier anspruchslose Erzählungen bietet uns 
der Verfasser: Die Bienenmfllile. — Zwei Theater- 
abende. — Die alte Karoline. — Der Kantor 
— Tischler. Der Ton der Dorfgeschichte ist 



122 


ihm treulich gelungen. Es sind einfache, schlichte 
Mensc hen, die uns in ihren Freuden und Leiden 
geschildert werden. Leider habe ich den herz- 
erquickenden Ham b der Thüringer lierge ver- 
gebens gesucht; es sind meist trübe liilder, die 
uns Rudolf Braune zeichnet, alter Bilder voller 
Lebenswahrheit. 

I'en Freunden von Dorfgeschichten dürfte 
das Buch willkommen sein. 

Hamburg. Emil Nöbis. 

Ein Litteraturdenkmal. „Die Gesellschaft“, 
Monatsschrift für Litteratur. Kunst und 
Sozialpolitik. Verlag W. Friedrich in 
Leipzig. 

Jawohl, diese nenn Jahrgänge enthalten 
in der Thnt ein beträchtliches Stück Litteratur 
und kein Zukunft »professor wird unsere präch- 
tige .Gesellschaft" umgehen dürfen, wenn er 
eine Litteratnrgeschichte schreiben wird, welche 
auch die Litteratur nac h 1882 behandelt. Diese 
neun dicken schwarzen Bände, die Herr Wilhelm 
Friedrich in seiner Uieseubibliothek stehen hat 
nnd tun die ich ihn aus innerstem Herzen be- 
neidete, sind ein Dokument der Entwicklungs- 
geschichte des deutschen Realismus. M. U. 
Gonrad in München hat vor zwei Jahren die 
Redaktion niedergelegt und dieselbe an Hans 
Mer in n abgetreten, nimmt aber noch immer 
eine führende Stelle in dem führenden Organe 
der jüngstdeutscheil Bewegung ein. Bewun- 
dernswürdig sind seine Leitartikel, von derber 
Frische und von einer zündenden Kraft der 
Rede, die ihresgleichen sucht — nnd wenn zu- 
weilen im ehrlichen Zorne des Auticorruptionisteii 
auch ein ganz klein wenig Ungerechtigkeit 
gegen Sorddeutschland, gegen das litterarisch 
immerhin hegemonierende Berlin mitunterläuft, 
mau vergiebt das dem tretllichen Manne, der 
wirklich ein Held im Kampfe gegen das 
l’hilistcrthum ist, ein Hühne, wie ihn Lilien- 
cron nannte. 

.Für Recht und Wahrheit streitest du. 
Die Junge Schaar geleitest du 
Allendlich doch zum Siege!' 1 

Voll Feuer nnd Schneid’ wie diese srhünen 
Worte aus dem ..Haidegänger“ des kleinen 
grossen Dichter-Barons ist der Mann, an den 
sic gerichtet sind. 

Gegenwärtig liegt die Leitung der Monats- 
schrift iu bewährten Händen. Unser, guter 
Hans Mcrian ist ein gar gescheiter Herr. 
Kr hat sich als Satiriker einen grossen Namen 
gemacht. Kr ist es, der cs zum ersteiimale 
-gewagt“ hat, den Herrn Professor Georg 
Ebers von dem festen und hohen Piedcstal, 
das die litterarische Ammenwelt ihrem ägypto- 
logiscben Gützen errichtete, zu werfen. 

„Die Gesellschaft" hat den Namen „Detlev 
von Liliencron“, der Welt gesagt, mul wenn 
auch die Welt, die von Philistern und Ponsi- 
oimt-stanlen belebt wild, tanh ist. cs bleibt 
doch ein unsterbliches Verdienst. Nicht so gut 
kommt der grösste aller lebenden Dramendichter 
weg. Wir sind nicht blind gegen die Schwäche 
unserer vortrefflichen Zeitschrift, die statt der 


| „Gartenlaube“ und anderer alleinseligmachender 
Fainilieiihlättcr im Hause jedes biedern Deut- 
schen antliegen sollte: 

Kin bischen weniger ßleibtren- und 
ein bischen mehr Gerhart Hnnptmann- 
Ctiltur könnte nicht schaden. Wenn eine 
moderne Zeitschrift Karl Franset. Fer- 
dinand Gross nnd Sacher- M asoch im 
Portrait brachte, lässt sich da kein Plätzchen 
für den grossen Schlesier finden? 

Wien. Karl Kraus. 

Nordwesf. Monatsschrift für Gemeinnützigkeit 
und Unterhaltung. Sprechsaal für alle 
Tages- und Lebensfragen. Begründet 
von August uuil Mathilde Lammers. 
Fortgefülirt durch Dr. Wilhelm Bode 
in Hermsdorf bei Dresden. Bremerhaven 
und I<eipzig, Verlag von Uhr. G. Tietikcn. 
Vieitelj. Af. 1,60; eiuz. Nrn. .it. 0.6U. 

Die ersten 4 Monatshefte des XVI. Jahr- 
gangs dieser bekannten gemeinnützigen Zeit- 
schrift, deren Aufsätze Bezug haben auf die 
Frage: „Wie leben wir und wie sollten wir 
leben, als Einzelne, wie als Volk“, sind vor- 
trefflich im Sinno des leider so früh verstorbenen 
Kämpen für echtes Volkwohl A ttgust Lammers 
von Herrn Dr. W. Bode fortgeführt. Sie ent- 
halten eine Fülle von bemerkenswerten Äusse- 
rungen zu allen Tages- und Lebensfragen nnd 
sind mit den Portraits von August und 
Mathilde Lammers, Viktor Bühmert 
and Karl Mez geziert. Ich empfehle diese 
Zeitschrift warm allen Lesern, denen wahres 
Menscheuwobl am Herzen liegt. 

Br. F. H. 

Der Stein der Weisen. (Siehe S. 124.) 

Das soeben cingegangene 11. Heft dieser 
bedeutenden, populär- wissenschaftlichen Zeit- 
schrift schlicsst sicli den vorbergegangeueii 
Heficn mit c-iner neuen Beilage „Sommerfahrten“, 
in der Burgen und die Anasicbtswurtcn hei Wien 
geschildert werden und die mit dem schönen 
Vollbilde „Partie an der Schwarzwaldbahn" 
geschmückt ist, würdig an. Diese vornehme 
Zeitschrift sollte in keiner Familie fohlen. 

Briefkasten. 

F. S. in Hg. n. W. K. iu H. Krdl. Dank u. herzl. 
ISrUfise! Ich schreibe. xobtM ieh irgend Zeit gewinne, 
i — M. M. in L. Von einer Besprechung ich aus 

naheliegenden Gründen akiiscbeii. Fnll. lirtus! — 
G. L. in B. Die ,N. I. Bk' nehmen darin eine ejfren- 
lirhe Ausnahmestellung ein; ein Zehntel der Leser sind 
vielleicht nur schriftstellerisch thätig. T. G. in T. 
Ausführlicher kann ich unmöglich die Ablehnung; Ihrer 
Gedichte !«• gründe n — M. B. iu H. Brief folgt bal- 
digst. Auch mir hat Nr. h schon im Manuskript recht 
w enig gefallen. Sn* sind nicht der erste, dem man- 
ches Gedieht nicht hehagt und doch nehme ich kaum 
den zehnten Teil der Einsendungen an. - F. D. in K. 
Dass Sie sich für einen der lwdentendsten Poeten halten, 
glaube ich gern. Kür die „N. 1. Bl!‘ sind Ihre Gedichte 
zu , hervorragend:' .Dass Sie die in Aussicht gestellten 
1»> neuen Leser nun vom Bezug ahlmlteu. liegt doch 
wohl in Ihrem Interesse. — J. T. in H. Ihren liel*»ns- 
unrdigen Drohbrief hatte ich mit grossem Vergnügen 
gelesen: die Gedichte sind alter dadurch nicht besser 
geworden. Lesen Sie bitte. Nr. I von den .Bosen Gei- 
stern;* L. S. in Fr. Am Übeln! Auf Wiedersehen. 

Redaktions-Schluss für Nr. 10 am 18. Juni. 


Digiti; 


zeo Dy vjuuyit. 




123 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Di« Neuerscheinung^ der schriftstcllernden Mitglieder der „litterameheu Gesellschaft Psychodrama,“ werden 
einmal frei in der Litteraturtafel aiifgeuoiiiiucn. (in Wiederholungsfälle wird «lei Anzeigen preis von 20 Pfg. 
für die Kleinzeile l>e rechnet, welcher auch für Nirhtinitglieder festgesetzt ist. Anzeigen sind au die Schritt* 


Icitung zu 



fkidjjarS t>. ^fter§eiml>, 


Psychodramen. 


Verlag von Ph. Reclam-Leipzig. 

2 Bände, ä Mk. 0.20. 



** iles „Hausbuches deutscher Lyrik“ 


(Chefred. Herrn. Kiehne.i 
Zum ennässigten Preise von Mk. 0,40 post frei l»ei 
Einsendung «les Betrages zu beziehen durch die Schrift- 
leitung der „Neuen litter. Blätter.“ (Nur für Mit- i 
glieder der .1. G. Ps.) 



Verlag von J. Kühtmanns Buchhdlg. 
(Gustav Winter) in Bremen. 


Soeben erschien : 

Franziskus Hähnel. 

Die brentifdjeu Didjtcr nnü Sdjrift- 
fteller ki ©carnraart. 

Eine literarische Plauderei. 

Elegant cart. I Mk. 

Geh. llnlrat Prof. Joseph Kürschner: „Ich 

wünschte wohl, dass jede Stadt ein ähnliches Werk* 
eben atlfzu weisen hätte. Es würden Bausteine sein, 
nützlich für «len grossen Bau der deutschen Lit lernt Ur- 
geschichte.* — 

Äusserst günstige Beurteilungen im „Hamburger 
Kremdenblatt", „Bremer Courier*. „Provinzialztg * etc. 


Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 



F ranziskus H ähnel. 

4 M Eike. Ktr 

Ein psyehodramatisches Halliggerpälde. 

3. Auflage. - (Mk. 0,20) 

Verlag v.J.KübtniaDns Buchhandlg. (G. Winter), Bremen. 

In vielen Zeitungen und litt. Zeitschriften sehr 
lobend h«*spr»rhen. Es sind mir noch wenig Kxemid. 
•ler 3. Aull, vorhanden; eine neue Sondern ullagc Nnilet 
nicht statt. 


ichten.) 

Arthur Pfungst 

Laskaris II. Teil. Der Alchimist. 

Leipzig 1893. Verlag von Wilhelm Friedrich. 

Preis eleg. geb. M. 3. 

Fanny Birndt. 

Lieht- und Schattenbilder. 

Erzählungen aus «lein Leben. 

Dresden 1893. Verlag von Just. Naumann. 

Valentin Traudt. 

■*- Seelenliebe, +■— < — 

Rcman in 3 Büchern. 

Verlag von Oskar Ehrhardt. Marburg' a. L. 1893. 

Preis M. 3.— 

MARTIN MAAK. 

Die geschlechtliche Fortpflanzung als Endxweek 
unseres Daseins. Die gcschieehtliehe Enthalt- 
samkeit vom idealen Standpunkte ans. ihre natür- 
liche Berechtigung «ml innere sittliche Not- 
wendigkeit. 

Eine philosophische Studie. 

Verlag von Max Spolir in Leipzig 189.1. 

Preis M. I.- 

Henri Gartelmann. 

Sturz der MethaphysikalsWissenschaft. 


Kritik des transcendrutalen Idealismus 
Imannel Kants. 

Berlin. Verlag von S. Fischer. 1893. Preis M. 7. — 



Praktische Zeitschrift 


zur Belehrung und Unterhaltung für 
die Hausfrau und Familie. 

— ■> (-«‘gründet IH8H. -4* — 

Verlag u. Schriftleitung: Adelaide v. tiottlierg-lle rzog 
und Maria Itoberenz in Dresden (Kirtna Doberenz & 
Herzog.» Preis pro Quartal nur SO Pfg. (in Dresden 
selbst f.O l'fg,); durch «lie Post und jede Buehhamllung. 
wie auch direkt durch die Geschäftsstelle : Math ilden- 
strassc 20 zu beziehen. Jährlich erscheinen 20 Nrn. 
dieser allgemein beliebten, sehr reichhaltigen Krauen- 
Zeitung mit «len Gratis-Beilagen „Deutsche Mmlc un«l 
Handarbeit* und .Musik* (Jede monatlich einmal . 
Insrrtionspreis 80 Pf. pro Zelle. Bef grösseren Auf- 
trägen uiul Wieilerlioiuiigen entsprechender Kubutt. 
Probcmiinmern werden aut Wunsch gratis un«l franco 
versandt 


Digitized 


124 


„REFORM“ 

Zeitschrift 

I) des Vereins für 
Lateinschrift. 

2) des algemeinen fer- 
eins für fereinfachte 
rechtschreibung. 

Der rechtschreibferein 1er- 
langt 

anwendung «lcr lateinschrift. 
gruslmchstaben nur für fnz- 
anfang mul eigennanten : 
er befeitigt 

di llberflllssigen denungs- 
btirbstaben. 

di knnfunantenferdoppelung 
in einer uml dcrfellicn filbe, 
und 

>;ilit jedem laute den im zu- 
kommenden liuclistalien. 

Ohman beider fereinc: dr. 
Edw. Lohmeyer in Kassel. Ord. 
milgl. crlmlt. fllr 2 .M di 
monatasclirift Reform, zu be- 
stellen bei frl. Pauline Loh- 
meyer in Kassel, di auch 
probeimnnuem und fercins- 
prospekte frei fcrfcndet. 


Jäfirfitfi circa 1200 JnuSralioncn aus allen tSeUielcn 
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Jäfirlidi 24 ih|tc. Jfünftcr JaljröanR. 




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Dichtungen von 



Alice Freiin von Gaudy. 

Stuttgart, Verlag von ßreinert & Pfeiffer. 
Prei» eiet. pb. :t tlk. 


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Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung 
(G. Winter) in Bremen. 

ln 8 Tagen eradieiut. zu (»esdienkz wecken 
sehr geeignet : 

Psychodramatische 

Dichtungen. 

I nter Mitwirkung von Richard von Meerheimb. 
Pauline Hoffmann von Wangenheim. Ernst Roeder. 
Wilhelm Becker. Felix Zimmermann. Alice Freiin 
von Gaudy und Wilh. Schubert il’eter Mer» in 
herausgegeben von 
FraiizUku» Ilälmcl. 

Preis eleg. cart. und ausgestattet 2 Mk. 


Inhalt: Unsere Leser I. S. 10O. — Unser Preisausschreiben. — Zweigverein Berlin uml ßremeu. s. Hl». 
- Sankt» Julia Psychodrama von Alice Frelln von Gaudy. S HK». PngnninUPhantusie. Psychodrama von 
Wilhelm Schubert (Peter Merwln). S im. Psyeliodrainatiselies Eelio. s 113. - Gedichte von Hermine von 

Preuschen, Johannes Meinen, Anna Nltschke. Christian Schmitt. Max Hoffmann. Hugo C. Jungst, Schmidt- 
Brädlkow uml Uhlmann-Blxterheide. S. nt 11.Y Littprariachc Rumlsehnii. S. llt». - Neuerscheinungen. — 
Beurteilungen. — Briefkasten — Lifteruturtafel uml Anzeigen. 

Verant wort 1 . Schriftleiter: Franziskus liälinel, Bremen. Druck von Itnmeyer A Meyer. Bremen. Hurenhuf. 


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@ I. Jahrgang. 


Bremen, den I. Juli 1893. 


Nr. 10 u. II. 





^0umkß/ ( 





Monatsblatt 

der 

Litterarischen Gesellschaft Psychodrama 

nnd 

Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Herausgegeben von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter), Bremen. 


1 Tj iTiTTTTTi t • «Tm imiinil (TTTTTT JJ1J Hfl mfl.nTTfl II I 


Ti rrviTf'i iiiiiii« 


Die „Neuen litterarischen Blätter“ erscheinen vorläufig monatlich und werden an di« Mitglieder der 
.Jitter. CJesellsch. Psychl* frei versandt Für Nichtmitglieder der Uesellschart. sind die „N. 1. Bl.“ durch den 
Verleger: J. Kühtmanns Buchhandlung (0. Winter) in Bremen, sowie durch alle, Buchhandlungen nnd 
Postanstalten zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich. Einzelnummern 40 Pfg. Anzeigen werden mit 20 Pfg. 
flir die gespaltene Kleinzeile berechnet. 


Nachdruck der psyehodramatiHclien Dichtungen nur unter besonderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge- 
stattet. Nachdruck des übrigen Teiles der ,,N, 1. Bl.“ unter Q ue I len an g a he erwünscht. 


1 1 1 « ir n i iih t nt^ni > i ■ i * t i» i OiEEB.1 • * » * * tt 

Unsere Leser. II. 

Du die deutsche Muse eine so ehr* 
würdige Vestalin, die Priesterin der Wahr- 
heit und Tugend ist: warum sollten wir 
nicht auch die Kleinigkeiten übersehen, 
die hie uud da Alten oder Ausländern zu 

weit nachfolgen? 

Ein Dichter ist Schöpfer eines Vol- 
kes am sich ; er giebt ihnen eine Welt zu 
sehen und hat ihre Seelen in seiner Hand, 
sie dahin zn führen. 

Herder, Über die Wirknng der Dicht- 
kunst auf die Sitten der Völker. 

Is Leser litterarisch-poetiseher Zeitschriften 
wurden in der vorigen Nummer in erster 
Linie die weniger allgemein bekannten Schrift- 
steller genannt. Sie sind Leser, — damit sind 
min nicht gerade Abonnenten gemeint, — ver- 
schiedener solcher Zeitschriften, weil sie mit dem 
gegenwärtigen poetischen Schaffen im eigenen 
Interesse Kühlung behalten müssen, nnd zum 
andern, weil es Zeitschriften giebt, die ihre 
Beiträge nur dann anfnehmen und zwar mit 
„Kusshand 1 , wenn sie sich als zahlende Leser 
auswoisen können. 

Den weitaus grössten Teil des Leserkreises 
stellt der litternrischc Dilettantismus. Mit diesem 
Leserkreise müssen gegenwärtig leider viele unse- 
rer poclisch-Iittcrarischen Zeitschriften rechnen 
und oft Rücksichten ihm gegenüber walten lassen. 


LiJtri t v r» rrrr. t j rx 

die weder nnscrer Litteratur, noch den weiteren 
Leserkreisen zmn Vorteile gereichen. Jeder 
halbwegs Gebildete, der weiss, dass „fein* nnd 
„sein“, „Bann“ und ..kann“ u. s. w. einen Reim 
geben, ist imstande, so etwas zusammen zu 
schmieden, dass er dann mit dem Namen Ge- 
dicht schimpft. Dass auch Herzblut dazu ge- 
hört, frisches, rosenrotes, warmes Herzblut, — 
ei woher sollte das anch bekannt sein. Wehe 
dem Schriftleiter, der sich erkühnt, ein einge- 
ltendes Gedicht, etc. abzulehncn, „Urteilsnnfiihig- 
keit“ ist das Geringste, das ein solcher „Schrift- 
steller“ in längerem Antwortschreiben heftig er- 
grimmt, demselben bietet. Die ständige Be- 
hauptung pflegt dann zn sein, namhafte Dichter 
der Gegenwart, — cs folgen oft mehr als 
zehn Namen, — hätten ausserordentlich aner- 
kennend über das Abgelclintc sich ausgesprochen. 
Solange ein Dilettant noch nicht Druckerschwärze 
kennen gelernt hat, pflegt, er einer der besten 
„unserer Leser“ zn sein, ist er aber ein ein- 
ziges Mal gedruckt, dann sucht er das Talent, 
das ihm fehlt, dnreh den Mantel der Unver- 
schämtheit nnd Unverfrorenheit zu verdecken. 
Da der litterarisehe Dilettantismus noch immer 
den Markt überschwemmen hilft, so hat er anch 
dazu beigetragen, das Verständnis für wirklieh 
dichterische Leistungen zu verkümmern. Wer 
darüber etwas Gediegenes und Beherzigens- 
wertes lesen will, der nehme Otto Ernst's preis- 



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126 


gekrönten Essay in seinem „Offenen Visier“ 
zur Hnml. 

Der kleinste Leserkreis unserer poetisch- 
litterarisehcn Zeitschriften wird von den wahren 
Litteraturfrennden gebildet, von denjenigen 
Menschen, die das Bedürfnis in sich tragen, 
aus dem Erdcnstanh des täglichen Lehens zur 
Sonnenhöhe der Poesie und Kunst sich tragen 
zn lassen, von denjenigen Menschen, die Verse 
geniessen künnen, ohne seihst solche zu fabri- 
zieren. Das ist freilich ein recht kleiner Kreis, 
— eine kleine, stille, liehe, andächtige 
Gemeinde, Die „N. 1. B‘." erfreuen sich eines 
solchen Leserkreises in etwas grosserem Um- 
fange, als es sonst hei litternrisch-poetischen 
Zeitschriften wohl der Fall zn sein pflegt. Es 
ist ja nicht möglich, als Schriftleiter einem jeden 
Leser ans diesem Kreise alles recht zn machen, 
nher immer wird doch anf diesen Leserkreis in 
erster Linie Hllcksicht zn nehmen sein, wenn 
es gilt, nach Kräften ein Scherflein zur Er- 
weckung der Anteilnahme an dem litterarischen 
Schaffen der Gegenwart beizutragen. Wer Ge- 
legenheit gehabt hat. ans diesem Kreise, sei's 
als Schriftleiter, sei’s als Mitarbeiter einer sol- 
chen Zeitschrift, Urteile der einzelnen Leser zn 
hören, wird gefunden haben, dass in diesem 
Kreise die schärfsten, besten nnd gerechtesten 
Kritiker weilen. Unter den Dilettanten finden 
sich nur Krittler und Besserwisser, sie geben 
ihr Urteil auch unaufgefordert, nnr der wahre 
Litteraturfreund weiss zn geniessen und ein sub- 
jektives Urteil zn geben; er giebt es nur schwer 
und weiss weder zn lobhudeln, noch herunter 
zn reissen. Von diesen kann der Herausgeber 
einer jioetisch-littorurischen Zeitschrift vieles 
lernen, vorausgesetzt, dass er Selbständigkeit 
und Standhaftigkeit zur Verfolgung eines ge- 
steckten, als wahr erkannten Zieles genug besitzt 

Eines vierten Leserkreises will ich nnr neben- 
her gedenken. Es ist der Kreis der sogenannten 
Lesezirkel. Hier finden sich vereinzelt auch die 
schon genannten drei Leserkreise, zum grossen 
Teil jedoch nnr die sogenannten „Mapiienhalter 1 .’ 
Die Mappe kommt, die Mapi>e geht, der Inhalt 
derselben blieb ihnen meist ein mit vielen Riegeln 
verschlossenes Thor, wenigstens der Inhalt der 
selten „illustrierten " poetiseh-litternrischcn Zeit- 
schriften, die ein litteraturfrenndlicher Buch- 
händler der „Mappe“ oder dem „Kasten“ beilegte. 

Ist cs denn gar so schwer, die Gemeinde 
der warm empfindenden, bcgcistcrangsfühigen 
Leser zn erhöhen, die Freunde unserer Littera- 


[ tnr zu vermehren? Vor allem heisst’s da ein 
znsetzen, wo es faul in nnserm Schrifttum ist; 
Fort mit dem Dilettant isrnns aus unseren poetisch- 
littcrarischen Zeitschriften! Das ist zwar zu- 
nächst eine Sisyphusarbeit, aber Energie und 
Umsicht führen zum Ziele. Man darf nnr nicht 
das Kind mit dem Bade ausschütten. Es ist 
heute oft nicht ganz leicht, den Dilettanten vom 
Künstler zu unterscheiden. Schon Goethe schrieb: 
i „Es ist hier eine grössere Gefahr als bei andern 
Künsten, eine blosse dilettantische Fähigkeit 
mit einem echten Kunstberufe zn verwechseln!“ 
Mag auch die Lebensfähigkeit einer poetisch- 
litterarischen Zeitschrift dadurch zunächst ge- 
fährdet erscheinen, der Herausgeber einer sol- 
chen muss, wenn ihm überhaupt an einem guten 
Leserkreise etwas gelegen ist, die Bestimmung 
fallen lassen, dass jeder Einsender von Gedichten 
die Bezugsqnittung beizufügen habe, er muss, 
wenn es irgend angeht, jede Einsendung schrift- 
lich beantworten. Es ist besser, eine solche 
Zeitschrift aufzugeben, als sie zur Brutstätte 
des blutigsten Dilettantismus zn machen. Der 
einmal energisch, wenn nuch möglichst liebens- 
würdig abgewiesene Dilettant kommt selten 
zum zweiten Male wieder. Der Dilettant ist 
viel zn sehr von der Vollkommenheit seiner 
Machwerke überzeugt, als dass er sich der 
„Urteilsnnfähigkcit“ des betreffenden Schrift- 
leiters zum zweiten Male aussetzte. Diese Mnss- 
regel hat ausserdem den Vortheil, dass einer 
Zeitschrift von vornherein der unangenehme 
Beigeschmak des „Gcschäftcmachens“ genommen 
wird. Solche Zeitschriften, die lediglich als 
Geschäftsgründung nuf die Eitelkeit und Dumm- 
heit spekulieren, werden ein solches Vorgehen 
zwar nicht nachahmcn, aber doch aus guten 
Gründen warm begrüssen. 

Mit der unnachsichtlichen Ausrottung des 
poetischen Dilettantismus ist freilich noch nicht 
unmittelbar der dritte Leserkreis vergrOssert. 
Hier heisst's immer von neuem zu wecken. 
Einen Todesschlaf schlaft das litterarischo Inter- 
esse gerade nicht, das beweisen die letzten drei 
■fahre zur Genüge. Frei von allen Parteikäm- 
pfen, frei von Nürgcl- und Kritikersucht, nnr 
unter dem Banner der Wahrheit und Schönheit 
kann eine poetisch-litterarische Zeitschrift sich 
Freunde nnd Leser erringen. Wohl dem Ver- 
leger, der Wagemut genug besitzt, immer nnd 
immer wieder Massenauflagen der in seinem 
Verlage erscheinenden Zeitschrift so wenig auf- 
i dringlich als irgend möglich hinauszusenden ins 


gle 


Volk, wohl üeiu Herausgelicr, der nie vergisst, 
dass die Hebung des gegenwärtigen Schrifttums 
von der allgemeinen litterarischcn Anteilnahme 
aller Stände und Bcrufsarten abliiingt. .Schlaf- 
trunken kommen die Geweckten, langsam, oft 
trüge heran, — wenn aber die goldene Morgen- 
sonne der Schönheit, und Wahrheit in die ver- 
schlafenen Augen lacht, verschwunden ist als- 
bald die Müdigkeit und Schlafsucht, hell und 
heiter blickt das Auge in die lachende Sonne, 
das Auge „unserer Leser“, die ich allen 
guten, redlich zum Besten unseres deutschen 
Schrifttums strebenden poetisch - litterarisclicn 
Zeitschriften zu Tausenden und Abertausenden 
von ganzem Herzen wünsche, im Interesse un- 
serer Litteratur und unseres Volkes. 

Br. F. H. 


Eindruck hinterlassen, sondern auch der Gesell- 
schaft eine lteilio neuer Freunde angeführt. Einen 
solchen Ausflug mit Bootfahrt, einem kleinen 
Tänzelten, einer humorvollen Fcstzeitnng möch- 
ten wir auch den andern Zweigvereinen warm 
empfehlen. Dem Vorstand des Berliner Zweig- 
vereins aber sei für seine Bemühungen und 
Opfer im Dienste des Schönen der herzlichste 
Dank der Gesellschaft dargebrucht. 

Am 21.Jnni fand int Ycrcinslnkale „Königs- 
hnllen“ die Moltatsversammlung, die ebenfalls 
sehr zahlreich besucht war. statt, l.'ntcr anderm 
sprach Herr Karl Storck Alter „Liebe lind 
Frauen bei .Shakespeare“ 

Am 23 Juli rindet auf allgemeinen Wunsch 
noch ein Ausflug statt und zwar eine Krcniscrfahrt 
nach Saatwinkel, einem in der Richtung nacli 
Spandau idyllisch gelegenen t >rtc. Anmeldungen 
dazu nimmt schon jetzt entgegen Herr Schrift- 
steller Wilhelm Becker S. 0. 16, Franzstr. 10 





Aus der „Literarischen Gesellschaft 
Psychodrama“ 


In der nächsten Nummer wird Tag und < >rt 
der Hauptversammlung bekannt gegeben werden. 
Die geehrten Mitglieder werden freundliclist er- 
sucht, ihre darauf sielt beziehenden Wünsche 
dem Unterzeichneten Vorstände baldigst kund 
zu geben. Etwaige, der Hauptversammlung zu 
unterbreitende Anträge werden gleichfalls bis 
Mitte August erbeten. Da die soeben erschie- 
nenen „Psychodrama tische n Dichtungen“ als ein 
geeignetes Agitationsmittel ftir die Bestreitungen 
unserer Gesellschaft sich bereits erwiesen haben, 
so ersuchen wir die Mitglieder frentidlirhst, in 
Bekanntenkreisen auf dieselben aufmerksam zu 
machen. Mitglieder, die am 1. Oktober nett cin- 
zutrelen wünschen, können das Buch gleichfalls 
zum Vorzugspreise erhalten. Der Ertrag des- 
selben wird im Interesse der Gesellschaft ver- 
wandt werden. 

Der Vorstand 

der .bitter. Uescllscliaft Psychodrama!' 


Zweigverein Berlin. 

Über das Sommcrfest. das am 14. .Ttttti in 
(iriitiatt unter reger Beteiligung statt fand, ist 
uns ein ausführlicher, humorvoller Bericht ztt- 
gegangen. Leider können wir denselben wegen 
Raummangel nicht zum Abdruck bringen. Das 
von dem rührigen Berliner Vorstände veran- 
staltete Fest hat nicht nur alle Teilnehmer aufs 
höchste befriedigt und einen bleibenden, schönen 


Zweigverein Bremen. 

(»egen den Redner der am 5. Mai veran- 
stalteten Vorstamlsversammlung (s. Nr. ft) er- 
schien Sueben ein anonymes Pamphlet eines 
recht feigen litterarischen Wegelagerers, betitelt 
„Der bremische Leasing“ T>a in diesem Mach- 
werke auch über das Publikum der betreffenden 
Versammlung erlogene Behauptungen aufgestellt 
werden, weisen wir an dieser Stelle auf die 
energische Zurückweisung auf S. 153 d. Nr. 
hin. Der ungenannte Autor stellt sieb als Gcg- 
ner der von Henri Gartclmann in seinem 
Vorträge entwickelten Grundsätze vor. In der 
Versammlung wurden aber die etwaigen Gegner 
aufgefordert, sich an der Besprechung zu be- 
teiligen. Er zog c» vor zu schweigen (aus 
Feigheit oder Unvermögen ?) und dafür aus dem 
Hinterhalte ernstgemeinte Bestrebungen in seiner 
Einfalt (oder Bosheit?) zu verunglimpfen. Der 
Verachtung eines jeden gebildeten Menschen 
kann sich dieser litterariache .Strauchrittcr ver- 
sichert halten „ „ . . /• L.J . '' 

f .in (tv »> - *■ 

Judas. 

Psychodrama von Laurenz Kiesgen-Costor. 

Motto: 

Kal va «pydpia sv t(i» 

vatp, dvr/topr,?s • xal artXÜiov 
arnftfrvo. Mail). 27, 5. 

„l'iid erwart dir Silberlinge in den 
Tempel, entfernte sieh and ging 
Inn und erhängte sich.*’ 

Matth. 27, 5. 

(Mit gefasster Stimme; steigernd:) 

Sieh du zu? — Ist das die Tröstung? 

Die Antwort meiner tobend bangen Angst ? 
Was that ich nur? — Ich tränte ihrem Wort: 
„Wir wollen bloss sein zuversichtlich Werben 
Die Festestage über unterbrechen. 

Und seine Wunderkraft im Kerker proben!“ — 
Und da — verriet ich ihn. — Weh mir! 



128 


Ich liali ilas Lamm den Wulfen nnsgeliefert ! 
Die Gleissnerscbar! Jetzt kenn’ ich erat die 
Züge, 

Die klug sie unter frommer Larve bargen. 

Ich hört' die Menge seinen Tod begehren. 

Der Söldner rohes Spotten 
Trieb mich hinweg. Es ist ihr blutiger Ernst. 
Und dem Verräter weiss man nur zu sagen: 
Sieb' du zu! — 

(Erregt:) 

Ifn, die Silberlinge, die mich lockten. 

Ich will sie nicht. — Hier ist das heilige Hans 
Jehovas. 

Wie hüllenätzend, heissend Feuer 

Glüht mir das Sündengeld in meiner Iland! — 

Du! Tempel, nimm den Blutpreis! 

Und klirrend, wie ein wimmerndes Gewissen, 
Die Steine mögen ihre Thnt verkünden, 

Und dass ich, Judas, ihn verriet. — 

(Pause; horchend :) 

Ein Schritt, der zagend naht? — Wer ist’s? 

Simon? — Und in Thränen? 

(Heplizirend :) 

Du hast den Meister 
Verleugnet ? — 

(Mit höhnischem Pathos:) 

Ha, ha, ha, verleugnet? 

Und darum flennst dn? — Narr, wie müsste 
ich dann 

Zum Himmel schluchzend Thrüncnstrüme 
sprudeln, 

Dass drill versinkend alle Berge schmölzen! 
Verleugnet?! — Ich verriet ihn bloss! 

Hörst du? — — 

Ja, geh nnr hin; es ekelt mich dein Leid. 

(Mit Mühe die Erregung liemeiaternd:) 

Wie mir sein Anblick nun schon aufgeregt, 

Die alte Galle und den kalten Neid! 

Ihn wollt ich überflügeln, den Felsen, 

Wie ihn der Meister einst genannt. — — — 
Und ha! Ich hab’ ihn überflügelt! 

Er kannt’ ihn nicht vorm feigen Söldncrvolk, 
Und ich, ich zeigt ihn jenen allen. 

Er hat verleugnet ihn, und ich hab ihn verraten. 
Ist das nicht iibcrHiigclt?! — 

(Panse.) 

Ich muss hinaus aus dieser Gassen enger Schlucht. 

Ins Freie! — 

(Kuhig, mit einem Anflug weicher Milde ) 

Wie ist es ruhig hier! — 

So gross und sternlos schwarz der Himmel, 
Trostcinsain wird's im Innern mir. 

Wie leiser Regen 

Tropft die Erinnerung in meine Seele nieder. 

— Die schönen Tage, da sein himmlisch 
Wort 

Uns h.ilsamkühl den müden Sinn erfrischte; 

Die hellauf lodernde Begeisterung. 

Wenn starr mein Ang’ an seinem Antlitz hing. 

Die selige Ruh. — Und dann — wenn 

Doch weg, du Weih der Sünde, Magdalene, 
Hinweg! — Auch du trägst Schuld, dass ich’s 
gethan I 


Leidenschaftlich :) 

Ich liebte Weiber, und ich liebte Geld. 

Und Geld und Weiber säten das Verderben, 
Das ungeheuerste, das je die Welt erlebt. 

Aus gift’gem Sündensamen keimt die Frucht, 

Die lästernde, vernichtende Verzweiflung. 

(Steigernd:) 

Es drückt wie Felsenlast auf meinem Herzen; 
Ja, Gott ist nicht so mächtig, diesen Frevel 
Zu verzeih'n. Es zerschmettert mich! 

(Horchend ; abgerissen :) 

Es kommt wieder. — Dort. — Wer bist du? 
Welch höllischleuchtend Mal strahlt deine Stirn? 
Bist du der Satan, der in dieser Nacht des 
Unglücks 

Mich höhnt? 

(Replizierend ; angstvoll:) 

Dn hist Kain? — Heb’ dich hinweg ! 

O lass, o schone mich; o — — — ich — — 
Ich flieh’ vor dir, verdammt Gespenst der Hölle! 
Er kommt. — — 

(Im Fliehen, keuchend:) 

Sein Lachen pfeift wie Sturmgeheul .... 

Ich . . . hör’ ihn folgen .... den Bruder- 
mörder .... 

Ich rase hin .... zum End der Erde . . . 
Dicht ist er hinter mir , . . ich fühle 
Die kalte Faust ... Er greift mein Bein . . . 
Da stürzt er mich! — Ich sterbe . . . 

(Panse; in verwundertem Tone:) 

Kein Wesen rings. — Was fällte mich? 

(Stark :) 

j Ein Strick!! 

(In gesteigerter Leidenschaft :) 

Den sandte Satan mir, mein lieber Bruder. 

0 ich verstehe dich! 

Du willst, ich mache meiner (jnnl ein Ende, 
Ich selber soll erwürgen die Gedanken. 

Die mir in toller Flucht das Hirn zertreten. 
Wo bist du. Kain? — Nicht fürcht’ ich mehr 
dein Drohen; 

| So komm, und zeig’ auch mir die dunkle Strasse, 
j Die Abel du mit deinem Stock gewiesen! 

(Verzweifelt:) 

Ich bleib’ allein; ich muss mich selbst Iteratcn. — 
— Wie günstig passt mir doch die Stelle hier, 
Wo mir der Teufel stellte klug ein Bein! 

Das ist ein Baum; so wird ein Ast wohl taugen 
Zn tragen mich als wunderseltne Frucht. 
(Entschlossen:) 

Ich cnd’s. Nun zitt’re nicht, du Faust, 

Und schürze todessicher mir den Knoten. 

I Leg’ sanft dich, Schlinge, um meinen Hals; 

Er trug fürwahr den klugen Kopf zu lange. 
Trenn’ ah vom brausend ungestümen Herzen 
Das Hirn, das seinen schlechtesten der Pläne 

Heut’ ansgedacht, — — 

So, das >vär’ gethan. — — — 

(Mit kaltem Holme:) 

Und nun beherzt. — Ein Stein ist hier. — 

Der Satan 

Hat liebevolle Fttrsorg’ gut getroffen. — 

Von diesem Stein wünsch’ ich der gnnzen Welt 
Ein nieversiegend, ewig-jung Verderben, 


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129 


Und mir weih' ich den schönsten aller Flilche! 
Nun wag'«, inein Fuss! — 

Den letzten Sprung — 

— - — Zur Hülle! — 


Psychodramatisches Echo. 

(Unt«r dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor- 
ragender Kritiker über das Psychodrama bringen.) 

Der bekannte Ästhetiker Prof. I)r. Paul 
Hohl fehl schloss einen längeren Essay Uber 
Kichard von Meerhciiubs Psychodramen, nach- 
dem er ihre künstlerische Eigenart näher dar- 
gelcgt hatte, mit den Worten: 

„Pie Berechtigung einer solchen dramatischen 
Dichtung lasst sich rein theoretisch durchaus nicht 
bestreiten, um sow-euiger, wenn eine ganze Reihe 
solcher Dichtungen in hochachtbarer Bad anzieheuder 
Ausführung zur Prüfung aller vorllegt.* 



M. G. Conrad. 

Knie liUerariscbe Skizze von Heinrich Stümcko. 

Wenn einst die Geschichte der grossen 
litterarischen Bewegung in den Höer Jahren 
unseres Jahrhunderts geschrieben werden sollte, 
so wird dein Hanne, mit dem wir heute uns re 
Leser näher bekannt machen wollen, darin ein 
bedeutender Platz angewiesen werden müssen. 
Ja vielleicht wird der prüfende Littcrarhistoriker 
schreiben, dass auch er ihn nicht besser charakte- 
risieren könne als mit der Bezeichnung des 
„ritterlichen“ Hutten der litterarischen Revo- 
lution. wie dies bekanntlich Conrads Freund 
und Kampfgenosse Bleibtreu in der Widmung 
seiner Broschüre „Revolution der Littcratur“ 
th.it. — Wer den Vergleich im Einzelnen durch- 
führen wollte, fände mehr als ein tertium coin- 
parationis. Wie der Relormationshcld ist t .mrad 
ein Sohn der fränkischen Erde, wenn seine Wiege 
auch nicht auf einer Burg, sondern in der schlich- 
ten Stube des Landmannes gestanden; wie Hutten 
zog er früh nach Welschland, lernte Papst und 
Klerisei kennen und in ihren Schwächen be- 
kämpfen, und heimgekehrt begann er den Strauss 
mit den litterarischen 1 tnnkelmiinnem, den Kampf 
gegen Fremdtümelei und Lüge, für moderne 
Ideale und moderne Kunst, ohne Furcht und 
Rücksicht freudig bekennend: Ich bab's gewagt! 

Schon der Titel seiner ersten Schrift, mit 
der er 1871 als Filnfundzwnnzigjähriger hervor- 
trat, lautet, bezeichnend: Erziehung des Volkes 
zur Freiheit. Es ist dasselbe Motiv, das noch 
jüngst in seinen „Briefen an die deutsche 
Nation'* nachklang, ln diesem Sinne nahm er 
teil ain Kulturkampf, arbeitete er in der Loge, 


die ilnn damals geeignet schien, „mehr Licht*' zu 
schaffen. 

Auf dein Gebiete der Kunst war es zuerst 
die Musik, speziell die Otter, liir deren Refor- 
mator Wagner Conrad als Bundesgenosse auf 
den Plan trat. Während seines Pariser Auf- 
enthaltes kam der Littcrut in ihm völlig zum 
Durchbruch. In frischen, an originellen Ge- 
danken und Wendungen reichen Charakteristiken 
führt er n. a. den Grossmeister des Naturalis- 
mus, Augier und Daudet, Figaro und seinen 
Generalstab, den Modeprediger und galanten 
Abbe uns vor. Am gelungensten von den 3 
Bänden Parisiann, Französische CharaktcrkSpfc 
und Jladame Lutetia ist der letzte. Es sind 
Reisebricfo, für die Augsburger Allgcm. Zeitung 
geschrieben. An interessanten und mit Kenntnis 
geschriebenen Büchern Uber unsere gallischen 
Nachbarn ist. wahrlich kein Mangel. Von Heine 
und Bünte bis zu Lindau, Zolling und Nord.au 
erstreckt sich die lange Kotte; nlicr Madame 
Lutetia kann sich getrost daneben sehen lassen ; 
ein prächtiges Kaleidoskop, in dem unter Conrads 
kundiger Hand wir immer neue glänzende 
Bildchen Zusammenflüssen sehen aus jedem 
irgendwie interessanten Winkel der Riesenstadt, 
und unser Führer giebt bei jedem auch aus 
Rücksicht auf unsere Verhältnisse sein Urteil 
ah und lobt und tadelt bald Freund, bald Feind. 
— Unter dem Einflnss dos Pariser Kunst- nnd 
Boulevardlebon» entstand auch seine erste 
dichterische SchSpfung: Lntetias Töchter. Es sind 
Pariser- Deutsche Liebesgeschichten, wie Conrad 
seihst sie nennt; dieCoeotte, die Kleine Marquise, 
die nach Abwechslung lechzende Schauspielerin 
sind die Heldinnen. Es liegt nahe, den Meister 
auf diesem Gebiet, Guy de Manpassant zum 
Vergleich herunzuziehen ; aber wir können nicht 
sagen, dass Conrad von ihm sieh beeinflusst 
zeigte wie neuere Berliner Nachahmer. Das 
deutsche Empfinden, der deutsche Humor, die 
frische Unmittelbarkeit der eigenen Anschau- 
ung verleugnen sieh nirgends und andrerseits 
hai Conrad von den französischen Meistern 
jenen leichten eleganten Plaudcrton gelernt, 
der über die Gewagtheit mancher Scenen 
und Situationen spielend hinweghilft. — In dem 
Münchener Novcllenband „Totentanz der Liehe“ 
hatte jene leichte neckische Auffassung der 
herbem pessimistisch dnrehtränkten Weise Zolas 
Platz gemacht und die brutale Nacktheit und 
Gewagtheit in der Schilderung von Szenen ans 
der Nachtseite des Lebens, die Wiedergabe 
physiologischer Vorgänge und diskreter Interieurs 
zogen diesem Buch ebenso wicBlcibtrctisNuvcllen- 
band „Schlechte Gesellschaft“ die ersten und hef- 
tigsten Angriffe von .Seiten der neuen Strömung 
feindlichen Kritiker zu, — ln das Jahr 1885 
fällt, die Gründling der „Gesellschaft“, die Con- 
rads Namen am meisten bekannt gemacht und 
mit der er sich last unbestrittene Verdienste 
erworben hat. Wohl hatten schon zu Anfang 
der 80er Jahre die Gebrüder Hart und andere 
im Sinne der modernen Richtung geschrieben 
und in die Feuilletons der Tagcsblätter und 
Zeitschriften sich hin und wieder ein Artikel 





130 


über Zola, Turgenjew oder Daudet verirrt, alter nungen »einer Mitarbeiter. Manchmal sprach 
eine erschöpfende i'bcrsiclit und ein l'rogratmu »ich einer lobend in der Gesellschaft über Leute 
liir die Zukunft, eine Kritik der zeitgenössischen au», die Conrad mit Zola nl» .me» liaines“ bc- 
l'roduktion vom realistischen Standpunkt, eine zeichnen könnte; öfter» wurde auch dasselbe 
ordentliche Präzisierung desselben, das alles Buch zwei Mal im entgegengesetzten Sinne 
brachte erst das neue Organ in seinen 15 bis besprochen; komischer Weise machten gewisse 
jetzt vorliegenden dickleibigen Bünden, von Kritiker, wohl an das Roma Iocuta est und 
denen der erste bereits eine bibliographische ! Mucke nicht! anderer Chefredakteure und Ver- 
Seltcnhcit ersten Ranges ist. 1 leger gewöhnt, der .Gesellschaft* einen Vor- 

Einerseits wurde die Gesellschaft in kurzem wurf daraus, dass die Herren über Ibsen und 
der Brennpunkt, in dem alle Strahlen modernen Keller nicht einig wären. — 

Geisteslebens sich sammelten ; eine grosse An- Wenige neue Blätter halten wohl mit 

zahl heute mehr oder minder bekannter jüngerer solchen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, 
Schriftsteller trat in ihren Spalten zum ersten I wie die .Gesellschaft*. Die Gegner der modernen 
Male kritisch oder produktiv in die Öffentlich- Richtung. Rezensenten und Conkurrcnten können 
keit. Andererseits gelangte mancher ältere und das süsse Bewusstsein haben, dass sie alles 
verdiente, alter detuGeschmack der grossenMenge ! getban, um dem neuen Blatt das Leben sauer 
nicht entgegenkommende und darum unter- i zu machen. Erst wurde irgend ein Buch der 
schätzte Mann tlnrch sie zu gebührender Wür- | Conrad, Albcrti, Hoiberg odor Liliem ion in 
digung. parteiischer Weise zerrissen und an den Pranger 

Von Conrads Feiler erschien regelmässig gestellt, und wenn dann in der .Gesellschaft“ 
der Leitartikel, politische, soziale, künstlerische eine geharnischte Gegenerklärung und Bc- 
Fragcn behandelnd, in der Regel auch MQncbe- i leuchtung erschien, wobei Fritz Hammer-Conrad 
ncr Kunstberichte; hin und wieder eine kleine I auch nicht mit Glacehandschuhen Zugriff, dann 
Studie, ein Wort zur Abwehr oder ein frischer wurde nachher gejammert und das .gesittete 
fröhlicher Angriff. Die besten Stücke bat Conrad I Publikum“ zeternd auf die Roheit und Sclbst- 
aueb in Buchform unter den Titeln Fantasie, j beräucherung der jungen Schule hingewiesen. — 
Pmnpancila, Deutsche Weckrufe, Gedichtete Es fällt uns nicht ein, zu längnen, dass nament- 
Masken, Kctzorblut herausgegeben. Eltcnso lieh in den Jahrgängen 87 — 8!) von Seiten 
interessant wie originell sind auch die Bücher- manches Kritikers zu weit gegangen wurde 
rezensionen aus seiner Feder. Nach den schalen in der Verspottung der Butzcnsclicibcnljrik, 
Milch- und Wassersuppen, dem nichtssagenden der Blauveilchen- und Strickstrumpfpoesie, dass 
Phrasenbrei, wie sie die landläufige Kritik noch manches Gedicht, manche Novelle besser fern 

zumeist unter dem Deckmantel wohlthucnder geblichen wäre, die an die Kraftmeierei des 

Anonymität Jahr für Jahr dem geduldigen Lese- Hebbelschen Holofernes und Klingerscher Helden 

Publikum auftischtc, musste es Anspruchsvollere gemahnte und nur zu deutlich die trotzige 

und Selbstdenkende aufs angenehmste berühren, Freude des jungen Autors verriet, einmal der 

das kritische Amt endlich wieder einmal in den herkömmlichen prüden Mural ins Gesicht zu 

Händen einer Persönlichkeit zu sehen, einer schlagen, zugegeben ferner auch, dass porsön- 

Individualitüt, die etwas gelernt hatte, die liehe Freundschaft nnd Kampfgenossenschaft 

horrihile dictu die Bücher auch las, statt sie das Zünglein der kritischen Wage gelegentlich 

halb aufgeschnitten beim Antiquar zu versilbern, stark zu Gunsten eines eben nur modernen 

nnd die es sich erlaubte, ohne alle Rücksicht Werkes ausscblagen liess: Aber das sind Eigen- 

anf akademische 8chab!onc und den berühmten tümlichkeiten. die sich bei jeder litterarischen 

Namen des Verfassers selbständige Gedanken Revolution finden, die die Jugend inszeniert, 

zu haben und sans gene auszusprechen. Conrad Als die staubigen Perrücken der Racine und 

hat seine bestimmte Manier, die man aus bun- Corneille ausgeklopft wurden, der kecke Prc- 

derten herauserkennt, aber er hat sein Instru- digersuhn uus Kamenz Meister Gottsched 

ment auf alle Tonarten gestimmt und handhabt 1 attaqniertn, als der Dichter der Vally mit 
cs mit Virtuosität. Der wirkungsvolle Ton des Heinse nnd Rousseau für schöne Nacktheit und 

Vademecums an den I’astor Lange, die weit- Natnr zu schwärmen anfing, da ging» auch 

männischc Eleganz PUckler-Muskaus, die derbe stürmisch zu und die jungen Leute sprangen 

l'ngenierthcit und volkstümliche Deutlichkeit mit den alten Herren auf ihren vergoldeten 

Abrahams a Santa Clara, die feine kritische Pappthrönchen nicht viel säuberlicher um als 

Ironie Fr. Th. Vischers und der Herzenston weiland die Soldaten des Breimus mit den 

schlichter warmer Anerkennung stehen ihm in j römischen Vätern. Und nicht zu vergessen, 
gleicher Weise zu Gebote, je nachdem es sich dass abgesehen von einigen glänzenden Aus- 

dantm handelt, einen Ästhetiker alten Schlages nahmen so wenig Wohlwollen und so viel gc- 

heimzuleuchtcn, uns in die Werkstatt oder ! Iiässige Angriffe, wie sic das sog. jüngste 
Schreibstube irgend eines .Münchener Künstlers ! Deutschland erfuhr, sich den Neuerern gegen- 
ztt begleiten, einem Angriff zu parieren "der ! über bei früheren litterarischen Umwälzungen 
dem Verdienste seine Krnne zu reichen. Wenn meines Erachtens nicht geltend machte. Noch 

auf einen Mann BuffonsWort : style c'cst Phoneme 
passt, so ist es hei Conrad der Fall. 

Als Rcdaktenr kennzeichnet ihn vor allem 
eine seltene Objektivität gegenüber den Mci- 


ganz kürzlich verunziert z. B. Max Nordau 
unbegreiflicher Weise sein zwar anfechtbares, 
aber geistreiches und fleissiges Buch .Entartung" 
mit ebenso unbewiesenen wie plumi>eu und 



131 


von persönlicher ßancune zeugenden Ausfällen 
gegen Blcibtrcu. 

Doch kehren wir zu Conrads persönlichem 
Schaffen zurück. 1887 erschien sein erster Roman: 
„Was die Isar rauscht“, dem zwei Jahre später 
die „Klugen Jungfrauen“ folgten, und noch eine 
stattliche Reihe sollte sich ihnen nnschliessen, 
doch scheint es neuerdings, dass Conrad den 
Plan zu einem ganzen Münchener Romaneyklus 
wieder aufgegehen hat. Manche Vorwürfe, die 
man gegen die erschienenen zwei Werke richten 
kann, dass sic an Ungleichmässigkciten leiden, 
eine Menge Fäden aufgenommen und wieder 
fallen gelassen wird, könnte Conrad mit dem 
Einwand entkräften, dass wir den Cyklns als 
Ganzes sehen und beurteilen müssen. Es ist 
eine schöne Forderung, die Conrad an einen 
deutschen Roman stellt : Ein deutscher Roman, 
der was Rechtes sein will, muss das Deutsch- 
tum aus allen Poren ntmen; er muss strotzen 
und zucken und glühen von dem Lehen, das 
der Verfasser mitten in seinem Volke seihst 
mit durchlebt und mit durchetnpfunden hat. so 
dass er uns mit dem Buche zugleich ein Stück, 
und zwar das beste, seiner eignen heissen Seele 
darbietet. Im allgemeinen werden auch die 
wärmsten Verehrer des Münchener Meisters zn- 
geben, dass seine Tbätigkcit auf diesem Gebiete 
nicht von besonderem Glück begleitet ist. Zwar 
handelt Conrad nach obigem Itecept und bringt 
eine Menge dem Romanschriftsteller ebenso 
schätzbarer wie unentbehrlicher Eigenschaften 
mit. Er hat Welt und Leben kennen gelernt wie 
einer; mit den Jesuitenpatres vom Monte-Casino 
Orgel gespielt, am Genfer See mit russischen 
Verbannten, an den Ufern des Tajo mit ge- 
krönten Häuptern geplaudert; er hat in Paris 
das Offizierspatent der Akademie errungen, am 
Tisch der Cngespundetcn, in Arbeitervereinen 
geredet und beobachtet, vor und hinter den 
Kulissen, im Bauernhof und im Atelier sich 
umgesehen. Eine feine Beobachtungsgabe, Reife 
des Urteils paart sich mit den schon erwähnten 
Vorzügen seines Stils, jugendlicher Frische und 
Wärme der Darstellung, so dass man die besten 
Erwartungen hegen darf. Aber dennoch fehlt 
seinen beiden Romanen dio reife Abrundung, 
die Geschlossenheit und Straffheit der Kompo- 
sition, die die Bände der Rougon-Ma«|uart, 
mit (lenen Conrad sein Werk doch wohl ver- 
glichen wissen will, auszeichnet. Dass einzelne 
Episoden, wie die grosse Logensitzung in der 
Hundskugcl, die Kegelgcscllschaft, einfach mei- 
sterhaft sind, dass wir prächtige Landschafts- 
bilder, feine und wahre Reflcktionen iilicr Kunst 
und Leben, kernige Briefe und Gespräche linden, 
wird nach Conrads früheren Leistungen nicht 
überraschen. Gelegentlich reitet ihn der Satan 
und lässt ihn wie den alten 8chartenmeyer in 
„Auch einer“ irgend eine kleine unappetitliche 
Beobachtung mitteilcn oder eine .Seite aus Krafft- 
Ebings l’sychopathia aufsehlagen, dass alle zart- 
besaiteten Leser Ach und Weh über die bösen 
Naturalisten schreien. 

Die beiden Bände „Erlösung“ und „Raub- 
zeug“ enthalten Conrads letzte novellistische 


Schöpfungen. Ein herber pessimistischer Zug 
geht durch beide Werke; der Sozialpolitiker 
Conrad, der in militaribus und litteris viel ge- 
sündigt sieht und viel auf dem Herzen hat, 
kommt stark zu Worte; vornehmlich Nuchtsliickc 
werden mit tiefem Ernst und grandioser Ge- 
walt der Sprache dem Leser vorgeführt. In 
, Raubzeug" macht sich hie und da ein Zug 
zur Mystik und Phantastik geltend, und auch 
Töne klingen an, die uns zu Conrads reifster 
und tiefster Schöpfung fainübcrleitcn, den evan- 
gelischen Erzählungen. Der Mann, der vor lö 
Jahren die religiöse Krisis des Gaetano Negri 
verdeutschte und in Anmerkungen und Ein- 
leitung die giftgetränktesten Pfeile gegen das 
moderne Christentum abschoss, er fand, als er 
sich nach langen Jahren umsah in der Geschichte 
nach Männern, die in der Zeit der Zerrissenheit 
und socialen Kämpfe um geeignetsten als Führer 
wären, in den Worten und Thatcn des grossen 
Galiläers noch immer das lauterste Gold. 

Nur musste es der modernen Menschheit 
in moderner Weise zugeführt werden und die 
doppelte Aufgabe des Dichters und Social- 
politikers nahm Conrad auf seine Schultern, 
und wir wagen schon nach dem 1. Teil „Berg- 
feuer“ auszusprechen, dass der Münchener 
Dichter auf diesem Wego das höchste in seiner 
Kunst erreichen dürfte. 

Conrads Schaffen bewegt sich überhaupt 
noch in aufsteigender Linie; er hat noch lange 
nicht das letzte Wort gesprochen. Dass er 
noch nicht die verdiente Anerkennung überall 
genicsst, darf uns nicht wundem. Ein Mann, 
der so wenig Compromissc mit dem Durch- 
schnittsgesehmack des Publikums schliesst. so 
olfen seine Meinung über Gott und alle Welt 
heraussagt, bittere Pillen nicht verzuckert und 
eine Katze eine Katze nennt, der kann nicht 
mit gefälligen weichen Modeschreibern an Be- 
liebtheit in den weitesten Kreisen wetteifern; 
aber die Anerkennung von Seiten derjenigen, 
die sein Wollen durchschaut Italien und alt- 
modisch noch für Individualitäten schwärmen, 
mehrt sich in erfreulicher Weise. — Ich habe 
hier in Kürze nur die Grundlinien seines 
Wesens und Schaffens zeichnen können; möge 
der Leser, der ein volles farbiges Bild wünscht, 
zu Conrads eignen Werken greifen. 

Bekanntlich hat Conrad seit einer Reihe 
von Jahren in München sein Heim anfgeschlngen, 
und der hohe stattliche Mann mit dem leicht 
gelockten blonden Haar und Bart, den blitzen- 
den blauen Augen im hochgeknöpften Jäger- 
rock und breitkrämpigen Filzhut gehört zu 
ihren bekanntesten Persönlichkeiten. Es war 
ein prächtiges Paar, wie ich ihn einst an dem 
berühmten Marinortischcben im Maximilians- 
Kaffee neben dem kleinen grossen Dramatiker 
von Skien mit der weissen Löwenmähne und 
dem feinen sarkastischen Lächeln anf den 
schmalen Lippen sitzen sah. 

In München wurzelt Conrad mit seiner 
ganzen Kraft; wir könnten ihn uns auch in 
Berlin z. B. nicht gut denken, und er würde 
es auch um den Preis grösseren Einflusses nicht 



132 


mit der sonnigen Isarstadt vertauschen. .Sagt I 
er doch seihst, dass München die Frciliilt, Frei- ] 
licht- und Hohenstadt ]>ar cxcllencc für Künstler 
ist, wenn auch der Durchschni t tsmünchener 
sich verteufelt wenig um moderne Kunst küm- 
mert und die freundliche Behandlung, die ihr 
von der ultramontancn Presse für gewöhnlich 
zu Teil wird, auch t'onrad gelegentlich mit ! 
Felix Dahn rufen lassen mag: Beatus illc 

qui procul Dalleriis ! 

Resignation. 

Zuweilen sah ich auf der Lebensreise, 

Dass hell der Mond ans schwarzen Wolken bricht ; 
Da rief es wohl in meinem Herzen leise: 
.Verweile! freno dich am milden Licht, 

Und wähne, dass so mild das Leben sei!“ 

Ich dacht' an finst’re Macht - und ging vorbei. 

Ich sah’ den Winter flieh’n, den Frühling nah'n 
Ich sah die Lerchen auf dem Felde wieder; 

Da rief mein Herz, beglückt von neuem Wahn: 
„Die Vögel zwitschern ihre Frühlingsliedcr, 
Verweile hier, denn draussen lacht der Mai!“ 

Ich dacht’ an Wintersturm — und ging vorbei. 

Ich sah gar manches Menschenkind so hold 
Des Weges zieh’n in seiner Jugendschöne, 

Mein Sinn Verguss, dass er dem Lehen grollt; 
Ich lauschte auf der Liehe Schmeicheltöne. 

I>a scheuchte mich empor der Menschheit Schrei, 
Ich dacht’ an all’ ihr Weh — und ging vorbei. 
Frankfurt am Main. Arthur Pfunttst. 


Seelenrätsel. 

Nun mag in Flammengüssen fliessen, 

Was längst mir bis zur Kehle schwoll; 

Mein eigen Weh will ich gemessen 
Aus Liedesbechern. übervoll. — 

Iloiho! Ich glaubt’ an meino Sterne! 

Ein furchtlos steuernder Pilot, 

Und in ein lockend Reich der Ferne 
Trieb mich ein inn’re» Machtgebot. 

Wenn bei des Geistes Adlertlilgen 
Die Erde unter mir verschwand, 

Sog Himmclsluft in vollen Zügen 

Die Seele mir im Geisterland 

Geblutet hab’ ich und gerungen — 

Dann fühlt’ ich reich mich, endlos hehr. 

Ein Herrscher, der die Welt bezwungen, 

Und dem gehorchen Land und Meer! 

Wandelnd im Reiche seliger Geister. 

Zwischen den Sternen im Hütenden Licht, 

Hob sich die schwellende Seele dreister. 
Weltengehcimnissc schreckten sie nicht. 
Schwelgend in göttlicher Strablenffllle 
Hat nur ilie innerste Seele gebebt, 

Rührt’ ich des schwankenden Vorhangs Hülle, 
Die vor den Rätseln der Ewigkeit schwebt. 
Ahnungsdämmernde Räume — 

Endlos dehnten sie Bich — 

Goldene Träume 


Winkten mir, grössten und lockten midi. 

Heller und immer heller 
Rosiger Glanz und Schein — 
ln kristallene Hallen schneller 
Und schneller lief ich hinein — 

Ein letzter hüllender Vorhang schwebt, 

Der leise sich kräuselt und rollt, 

Blitzend aus Silberfäden gewebt, 

Durchwirkt von Purpur und Gold. 

Herab — herab! .... 

Blutendes Licht in schmerzender Klarheit! 
Angen, ihr schliesst euch?! Das ist die 
Wahrheit, 

Die ewige Wahrheit! 

Nacht, Nacht, hässliche Nacht! 

Wäre ich nimmer wieder erwacht. 

Nun lieg’ ich gebrochen 
Im Brausen und Kochen 
Der innersten Seele. — Hässliche Nacht! 

Und kommt ihr wieder, bleiche Dämonen? 
Heran, du Dämmende Leidenschaft ! 

Hurra, wir ringen mit aller Kraft! 

Höllisches Weib mit den sprühenden Blicken, 
Darinnen thronen 

Zerstörungslust und Herrschbegier, — 

Zerknicken, zerknicken 

Will ich den trotzigen Nacken dir! 

Das ist ein Taumel — ein teuflischer Streit! 
Geh’ weg, ich schlag’ dir die Nase breit! — 
Ha, jetzt rieselt ein neues Gefühl 
Gross und hehr durch Hirn und Mark, 

Wieder mannhaft werd’ ich und stark, 

Und meine Seele wird ruhig und kühl. 

Was ich gelitten 
Und was ich gestritten, 

Blutet in klagenden Liedern ans, 

Rote, weinende Rosen im dichten Strauss. 

. . Seele, Seele, was bangst du so? 

Im Taue der Frische werde doch froh ! 

An deiner Lieder farbigen Blüten, 

Der Dichtung Sternen, den hell erglühten, 
Freut und erquickt sieh der Menschen Sinn. 
Seele, Seele, was bangst du so? 

Im Tau der Bewunderung werde doch froh! 

Was für ein närrischer Träumer ich bin: 

Als hätten die Menschen dafür noch Sinn. 

• * 
o 

Im fernen Norden liegt ein See versteckt, 

Von himmelhohen Felsen eingeschlosscn. 

Die noch kein Sonnenziingchen angeleckt. — 
Die Spitzen nur vom Abendrot begossen. 

Der Wildnis Auge, dieser runde See, 
Tiefdunkelblan in sich verschlossen ruht, 

Zum Himmel sendet einen Blick die Flut 
Wie unergründlich, tiefgeheimes Weh. 

Die Sage geht : Wenn mit gehob’nen Schwingen 
Ein scheuer Vogel arglos d rüber schwebt 
Und seine Augen in «lie Tiefe dringen, — 

Da fühlt er sich von heissem Weh durchhebt. 
Ein Sehnen fasst ihn. Aus dem stählern Blau 
Lockt eine Zwinggewalt, den Grund zu linden 


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Pie Schwinge lahmt, die Kräfte brechen, 
schwinden. 

Er stürzt und biisst die unbedachte Schau. 

Und diesem nngllicksvollen Scce gleich 
Liegt meine Seele unter mir gebreitet, 

Doch ist 's ein Teil nur. Wie ein Vogel spreitet 
Die and’rc Hälfte hoch im Luftbereich 
Die Schwingen, sehnsuchtsvoll, den Grund zu 
finden, 

Den Grund zu allem, was da sehnt und fragt 
Und schinerzensvull empor zum Himmel klagt, 
Wo stumm die Wolken segeln vor den Winden. 
Da forscht und starrt der Vogel ohne Ende, 
Dass einmal er das Heisscrschnte fände, 

Dass diese starre wellenlosc Fläche 
Der Weltcnrätscl Lösung endlich spreche. 

Wie lockt der See! 0 schmerzvoll hehre 
Wonne 

Im Taumclfluge zwischen Nacht und Sonne ! — 
Er forscht, er starrt. Ihn zieht des Seees Bläue. 
Mit schlaffen Flügeln segelt er aufs neue — 
Umsonst, umsonst , der Sehnsucht Drang zu stillen, 
Er muss hinab, cs lockt ihn wider Willen. 

Er forscht, er starrt — bis er hinabgezogen 
Verendend auf dem starren Spiegel treibt 
Und er verschlungen wird vom Hund der 
Wogen. — 

Das ew'ge Kätsel ohne Lösung bleibt. 


Was für ein toller Träumer ich hin! 

Als hätten die Menschen dafür noch Sinn. 

Dieses über dem Abgrund Schweben, 

Der Seele heimliches Doppelleben, 

AU’ das Uetüne, Gesumme, Gebraus, 

Das halte ein And’rer noch länger aus! 

Das ist das seligste Los auf Erden, 

Nur möglichst seicht und flach zu werden. 
Sieh' dir die Menschen doch an : wie nett ! 
Die werden dabei gesund und fett, 

Fragen den Geier nach Poesie, 

Beden sie d'rüber, so ist’s Ironie. 

Überhaupt, das sag’ ich dir laut: 

Ironie ist ein köstliches Kraut. 

Klagt dir einer von seinem Fühlen, 

Von seiner Seele Winden und Wühlen, 

Oder er spricht von Begeisterungsstrahl, 
(Glaubt vielleicht an ein Ideal!) — 

Hübsch in die Suppe rühr’ ihm dies Kraut. 
Wirst 'mal sehen, ob er’s verdaut! 

Oder du kannst ihm ruhig sagen: 

Lieber Junge, was soU dein Klagen, 

Hast ja so frische, rote Backen, 

Du willst dich mit „.Seelenrätseln“ placken? 
Das bischen Lieben, das bischen Hassen 
Musst du nicht gleich so tragisch fassen. 
Denken und Fühlen, das ist ein Fluch — 
Hier hast du ein praktisches Bechenbuch. 

Seele. Seele, was bangst du so? 

Werde in dir, in dir doch froh! — 

Will mich auch zur Buhe geben. 

Dieses doppelte Seelenleben 


Zehrt, wie die Flamme frisst das Licht, 
Ziel und Endzweck tindet's nicht. 

Alles nun in Trotzgewittern 
Will ich kurz und klein zersplittern, 
Will wie and’re Menschen hausen, 

Alles Hohe frech zerzausen. 

Hei! Das bleibt mein Hochgewinn: 
Trotz’ger Mut und kecker Sinn! 

Und der ganzen, faden Welt 
Die sieh reich und mächtig hält, 

Schlag’ ich einfach ins Gesicht, 

Fürchte iliro Larve nicht. 

Wächst des Menschenlebens lieinheit 
Nicht im Sumpfe der Gemeinheit? 

Ilei! was ist das Leben wert? 

Glücklich, wer von dannen fährt. 

Hoiho! Heb' dich Herz, nun froh! 

. . Seele, Seele, was bangst du so? . . 
Wenn du durch den Erdenmist 
Glücklich durchgesegelt bist, 

Und vermodert dein Gebein 
Unterm hald zersprung’nen Stein. 

Tobt die ganze Welt wie jetzt, 

Bis in Ewigkeit gehetzt. 

Immer der tollste Kerl, jnhu! 

Wünsch’ dir selber die selige Kuh". 


[ Seele, Seele, was bangst du so? 

Wirst du in diesem Taumel nicht früh? — 
Nun, so bleib' in des Lehens Nacht, 

Die beflügelte Sehnsucht, wie Gott dich 
gemacht ! 

Dresden. Felix Zlmmerinaun. 

Tantalus. 

(Aus einem l'yklus.) 

I. 

Wär' ich doch stampfen, trägen Geistes 
Geschleudert in dies Weltall hier 
Und lebte als ein stilles, feistes. 

Als glücklich-dummes Menschern icr ! 

Die feinsten, zartesten Organe 
Gab mir verseil wendriach die Natur, 

Damit es tausendfach mich mahne: 

Genuss winkt dir allein im Wahne, 

Dein Los ist das Entbehren mir. 

Iler armsto Bettler lacht hienieden 
Des Fürsten in dem I’rnnkpalast, 

Ist ihm die Sehnsucht nicht beschicdcn, 

Die nach dem Glück der Erde fasst. 

Zu ew'gern Schmerz wird mir der Glaube, 
Dass ich zu bessern! sei befugt, 

Ich bin der Aar bei jener Taube, 

Iler flügellahm, geduckt, vom Staube 
Auf nach dem Zug der Wolken lugt. 

Schweigt von dem hehren Wonncschaner, 
Mit dem die Phantasie beglückt! 

Durch sie fühl' ich mir mehr die Traner, 
Mit der mich das Entsagen drückt. 

Wohl zeigt sic mir die schönsten Wunder, 
Wenn ihre Leuchte in mir flammt, 

Doch, schwindet sic wie dürrer Zunder, 


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134 


Erscheint nuch tranriger der Plunder 
Des Seins, zu dem ich ward verdammt. 

Mit allen meinen Fibern lechze 
loh voller llrnnst nach dem Genuss; 

Doch ob ich in den Fesseln Ächze, 

Mich presst wie Eisen dieses Muss. 

Wenn sich auch dult’ge Blüten fürbten 
Beim Aulcrsteh'n vom Frühlingskuss, 

Ich zähle zu den Schmerzgckcrbtcn, 

Denn ich bin einer der Enterbten, 

Ein Lcid-erkorncr Lazarus. 

II. 

Auch mir, nuch mir ist sie erschienen, 

Die mir vom Anbeginn bestimmt, 
ln deren Blicken, deren Mienen 
Für mich die ew’ge Liebe glimmt, 

Anbetern! möcht' ich niederkniecn 
Und küssen nur den Saum vom Kleid, 

Doch ungeheure Schranken ziehen 
Sich hier, ich muss sic ewig fliehen, 

Die Liebe ward für mich zum Leid. 

Kein Wesen, dass nicht endlich hätte 
Sich an ein anderes gepresst! 

Kein Wesen, das sich nicht im Bette 
Zum zweiten schmiegt im warmen Nest! 
ln Luft, auf Erden und im Meere 
0 selige Zweieinigkeit! 

Mich nur belastet diese Schwero, 

Dass ich mich einsam selbst verzehre ; 

Die Liebe ward für mich zum Leid. 

Er. den ich Tag und Nacht muss hassen, 

Bei dem ich seufzend bin in Frohn, 

Er darf sie küssen, darf sie hassen, 

Ihr Leib ist seiner Sinne Mohn. 

Als würd' ich tausendfach gesteinigt, 

Jetzt nächtlich meine Seele schreit: 

Ich seh’, von Eifersucht gepeinigt, 

Sie beide stets im Kuss vereinigt ; 

Die Liehe ward für mich zum Leid. 

0 lebt’ ich auf der Sel’gen Inseln 
Mit ihr in stillem Traum vereint! 

Doch immer hör' ich nur das Winseln 
Des Herzens, das verlassen weint, 

Des Herzens, das zu starkem Fühlen, 

Zum Thron der Schönsten ward geweiht. 

Und das nun tjualen unterwühlen, 

Die alle Ruh’ von dannen spülen; 

Die Liebe ward für mich zum Leid ! 

Berlin. Max HofTmann. 

Am Grabe Hermann Conradi's! 

Nun steh' ich still, ein Grab, ein Dichtergrab! — 
Dem stummen Wclimutsschmerze hingegeben, 

Und jach sinkt all der Nebclflor hinab, 

Und die Atome atmen neues Leben. 

Wie lang’ ist’s her? — Erst wen’ge Monde! — 
Fast 

Will's mich doch eine Ewigkeit schon dünken, j 


Da sankst auch du im Kampf nach Ruh und’ 
Rast — 

Geliebt, ja glühendheiss geliebt! — Gehasst! — 
Den Leidensbecher -vollends leer zu trinken ! 

So starbst dn hin! Das Herz voll Feuerglut, 
Den Kampf mit dem, was hässlich, kühn zu 
wagen. 

Das tief durchwogt der Wahrheit Lavaflut, 
Acb, — dieses Herz hat aufgehört zu schlagen! — 
Und hier, hier gruben sic es ein, 
ln stiller Erde langsam zu vermodern, 

Sic hörten nicht der Flammenseele Schrci’n : 
,In hellen Gluten lasst mich feurig lodern! 

In Feuergluten, die mein Herz entbrannt. 

Dort lasst es nun zum Ende auch verglühen. 
Mit Elementen, innigst ihm verwandt, 
ln seiner Schönheit Strahlenglanz erblühen!“ 
Ach nein, sie hörten diese Stimme nicht! 

Das Herz, dns abseits ging des Wegs, des 
g'raden, 

Das hart erkämpft der ew’gen Wahrheit Licht, 
Dürft’ nicht im Urquell seines Glanzes baden! — 
Und einsam knie’ ich hier an deiner Gruft, 

Ich murmel' kein Gebet für deine Seele, 

— Horch, in den Zweigen rauscht die 

Abendluft! — 

Wcnn’s Wahrheit ist, das einst Vergeltung ruft, 
So stehst du frei von aller Schuld und Fehle ! 
Ein einzig’ Blatt, ein welkes Lorlieerblatt, 

Das nehme ich zum stillen Angedenken. 

Bei seinem Anblick, heissen Kampfes satt, 

Mein Herz in deine Worte zu versenken! 

Doch nun schlaf wohl! — Auf zielbewusstem 
Plan, 

— Wohl dem, der unter solchem Banner ficht, — 
Da ebnen siegreich wir die stolze Bahn 

Für gcist’gc Freiheit und für geist’ges Licht! 
Hamm (Westf.). Uhlmann-Bixterheldo. 

Der Adler von Sils Maria. 

An M. O. Conrad 

Morgen wars ; 

Zwischen Himmel und Erde 
Schwamm ein wolkiges Eiland. 

Rosig umhnncht, von Märchenduft, 

Und wie feurige Zinnen 
Eines ragenden Schlosses 
Glänzten die Fclsengipfcl von Sils Maria. 

Einsam wandert’ ich 
Durch den jungen erwachenden Morgen. 
Jubeln wollte ich laut: 

Auf den Bergen ist Freiheit! 

Es schwellt die Brust 
Sich übermütig, 

Weit, weit erhaben 
Über das kleine Menschenvölklein 
Dort unten im Thale, 

Wo träg noch alles im Schlafe. 

Höher möchte ich streben noch 
Wie du, o Adler, 

Zarathustras geheiligter Vogel. 

Suchst auf dem Felsengrat du des Herren 
Spur, 


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185 


l>cr minst ilns Haupt liier gebadet, 
ln tauiger Kiilile, 

Einsamkeiten «Hebend und grosse Gefahren. 

Pu das stolzeste Tier 
Unter der Sonne, 

Ilas klügste Tier, 

Warum bist du nieht ausgezogen auf 
Kundschaft, 

Kunde zu holen von dem herrlichen Mann, 
Per altchernen Tafeln viele gebrochen, 

Den des schwachen Geschlechts Treiben 
geekelt, 

Per vor Christus Kreuzen am Wegrand 
Nimmer gebetet, 

Und den Brunnen der Lust 
Frei von Gesindel, 

Per den Sommer liier fand mit kalten 
Quellen. 

Selige Stille, 

Hier auf den Fclscnbergcn von Sil« Maria. 

Aber auch ihn, der Wahrheit Freier. 

Ihn den Dichter und Sohn des Dionysos, 
Hüllte des Wahnsinn« Nacht 
In dunkle Tücher. 

Zum Kinde ward Zarathustra. 

Höher steigt der Aar, 

Als dunkles Fünkchen nur sichtbar 
Hoch in wolkiger Röte. 

Flieg’ gen Norden, mein Vogel, 

Flieg’ tn sanftere Berggclände! 

Port vor der Zelle des Kranken 
Lass deine Fittiche rauschen 
i'ber dem Haupt ihm. 

Bring' von den Srhncegctildcn 
Wonnigen Hauch ihm. 

Weck’ ihm grosse tliigclbrausendc 
Sehnsucht, 

Wege zu neuen Morgenröten 
Leite ihn, Aar, 

Auf dass noch einmal 
Glühend und stark 

Wie eine Morgensonne aus dunkler Höhle 
Nah Zarathustra! 

Leipzig. Heinrich Stümcko. 

Sonnenblick. 

Sieh’ noch einmal in Glanz und Duft 
dübelnd die Welt; 

Horch, wie lockend die Amsel ruft 
Weit iiber's Feld; 

Tauche in all' die Herrlichkeit 
Sehnend den Blick, 

Und es naht dir aus alter Zeit 
Lächelnd dos Glück. 

Homberg u Ulieiu. Hugo C. Jüngst. 

Zweifel. 

Lass Dir Zeit, Pu junge Seele 
In dem heissen Sehnsuchtsdrang, 

Dass sich erst die Kraft Dir stähle. 
Wissen ist ein starker Trank! 


Mit dem Wissen im Geleite 
Zieht der Wahrheit Ahnnugstraum, 

Und ihm folgt der Geist ins Weite, 

Und der Zweifel findet Raum. 

Zweifel ist ein starker Ringer, 

Und er macht die .Stärksten lahm. 

Heute süsser Fraudeubringer 
llriugt er morgeu Augst und Gram. 

Heute baut er gold’ne Schlösser, 

Morgeu reisst er's wieder eiu, 

Wie der Sturmwind die Gewässer, 

Wirft er hin und her Dein Sein. 

Wie der Sturm die schlanken Stämme 
In dem Forste niederrcisst. 

Also über Grenz' und Dämme 
Treibt der Zweifel Deinen Geist. 

Nur die starken Stämme ragen 
Nach dem Sturm in stolzem Schmuck, 
Nur die starken Seelen tragen 
Solches Kampfes schweren Druck. — 

Law’ Dir Zeit, Du junge Seele, 

Die der Sehnsucht Zauber spürt. 

Dass sich erst die Kraft Dir stähle; 

Denn nur Kampf zur Wahrheit führt. - 
Bremen. Johannes Meinen. 

Glaube. 

Wer den Glauben tief im Herzen, 

Mag auch fromm die Hände falten 
Und mit Gott im Himmel droben 
Betend seine Zwiosprach’ halten. 

Doch wer alle oflenbaruug 
Längst durch Wissen überwunden, 

Sei durch Wahrheit und durch Ehre 
Und durch Mauncsstolz gebunden. 

Noch viel schlimmer als den Mächt'gcn 
Dieser Erde kriechend schmeicheln, 
Schlimmer ist es. Gott im Himmel 
Echtgcfärbteu Glauben heucheln. 
Oldonburg. Georg Ruseler. 

Umsonst. 

Und oh Du grollst und ob Dn klagst, 

Dass diese Welt nur Trug und Schein — 
Wenn Du deu Andern nicht hehagst, 

Lässt mau uur Dich deu Narren sein. 

Und immer steiler wird Dein Pfad, 

Der Dornen wuchern schon so viel, 

Dass Du in jeder neuen Thal 
Erspähst das alte Possenspiel. 

Und ballst Du fluchend auch die Faust 
Und schreit Dein Herz verblutend aut: 

Ein Feuergeist ist bald verbraust — 

Und alles schleicht den alten Lauf. 
Hamburg. Emil Möbls. 


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Selbstbestimmung. 

Oh Tausende in Trilbsalsstundeu schmachten 
Nach eines schattenlosen Friedens Wonnen, 
Um sich in reinem Dauerglanz zu sonnen, — 
Ich will ihr thöriclit .Sehnen stolz verachten! 

Oh weichlich sie nach Lotterrnlic trachten, 
Nach Traumgebilden, die ein Wahn gesponnen, — 
Ich stähle meinen Mut in andern lironuen, 
Wenn dilst're Wetterwolken mich nmnachten! 

Wo nach des Frohgennsses heitern Tagen, 
Dem Leid erzitternd, jene heiss entbrennen, 
l)a will ich Sturmgelüst im Herzen tragen! 

Und was sic „Lebcusidcale“ nennen, 

Dem will ich trotzsrhob'neu Haupts entsagen: — 
Den M a nii e s w e r t lässt nur der K a m p f 
erkennen ! 

Strassbum i E. Christian Schmitt. 

Austrag. 

Ich hasse diesen Streit des Für und Wieder 
Und dieses Wort um nnd'rer Leute Geld, 

Ein jeder singe seine eignen Lieder, 

Trag' seinen Kittel, wie es ihm gefällt. 

Was kümmcrt's mich, mag seinen Weg er 
traben 

Auch anders, als wo meine l’fade gehn, 

Ich mag nicht Streit mit solchen Leuten haben, 
Die schliesslich doch mein Wollen nicht verstehn. 

Und wie er will, so mag ein jeder leben, 
Weu’s treibt, der mag auch kämpfen zäh und 
heiss. 

Nicht im Erreichten, nur im wachen Streben 
Beruht der Dichtung schönster Ehrenpreis! 

Hamm (Westf.) Uhlmann-Blxterhclde. 

In stiller Nacht. 

Auf Geislerflügelti durch die Nacht getragen, 
Schwebt durch das Sammetblau ein Sarkophag, 
Von dem es Schlichtern noch wie Herzblut 
träufelt . . . 

Im bleichen Mondlicht schleift das Bahrtuch 
nach. 

Ein Kerzenmeer begleiten ihn die Steine 
Bis wo am Bergfirst ragt der Tannen Nacht 
Wie eine stille, hehre Kirchhol'mauer, 

Die erlist umfängt des Lebens Windhauchpracht. 

Dort in ein Grab, das nie ein Mensch ergründet, 
ln jenem fernen, lichtduri hglänzten Reich 

Setzt man zur Ruh’ des Unbekannten Reste 

Noch flattert auf ein Kranzband — wolken- 
bleich . . . 

Zwei Sterne fällen gleich zartgoldneu Thräneu, — 
Durch meine Stube schleicht Maiglückchcn- 
dult, — 


Der Nachbar spielt g'rad eine Trauer- 

weise, — — — 

Fern hinterm Berg trägt mau ciu Glück zur 
Gruft. 

Rauschenberg (Hessen-Nassau.) Valentin Traudt. 

Er kommt! — er ist da! 

1. Er kommt! 

Schliess’ ich die Augen, — da! dann seit’ ich 
wieder, 

Wie hinter jener Säul’ hervor sich beugt 
Der Schatten, — wie er starr mit nimmer 
milder, 

Lang ansgestreckter Rechten auf mich zeigt. 
Von wem — , von was nun ist das wohl, der 
Schatten ? 

Was steckt dahinten: ’was Lebcnd’ges — — 
noch? 

Eins von den Dingern, die einst Leben hatten? 
Ein Untier, das da ans — wer weiss wo — 
kroch? 

So martert’s bis zu Pulses Fiebereile 
Mein armes Hirn. — Mach’ ich die Augen nuf, 
Dann ist kein Schatten sichtbar an der Säule — , 
Dahinter nicht vom Sockel his zum Knauf. 

So sch’ ich immer solche Schattendinger: 
Dasselbe stets, — bei Nacht, in Finsternis 
Stumm auf mich zeigen mit gestrecktem Finger 

Ansgähnend schwarzer Thilrcn offnem Riss. 

Ich weiss, dass kommt von meinem ew'gen 
Grübeln: 

„Was ist der Mensch — , der ringend arme 
Tropf, 

Zum Schluss ertrinkend in dem Meer von Übeln? 
Ach, und der Daseinszweck? — ein Totenkopf! — 
Die Menschheit, — auch nur ursaelt — , wir- 
kungszirklich, 

Von einem Gott regiert ? — Von Lüg’ und 
Geld! -* 

Und: „bin ich von mir Traum bloss? bin ich 
wirklich?“ 

Und: „was war dann wohl, wäre nicht die 
Welt?“ 

Schon schweift mein Denken an des Wahn- 
sinns Grenzen: 

Von drüben ist mir Düstres schon in Sicht ; 
Noch hat's mich nicht: seh’ ich den Blitz 
noch glänzen 

Und denk’: „es blitzt!“ dann traf er mich 
noch nicht. 

Doch kommt's! — mich kriegt 's! — Schon 
kann ich Etwas spüren 
So mit dem Finger in den Augenstern 
Hinein mir bohren und umher mir rühren 
Im Hirn, und in die Quer mein Denken zerm. 
Da liatt’ ich, — längst vergessene Geschichte! — 
Solch altes Bild; das taucht mir au! als neu 
Und weicht, nicht wieder: meiner Irrgeschichte 
Urbild ist dieses alte Konterfei. 

Das hab’ ich in den Tagen süsser Jugend, — 
Wie lang’ ist’s her schon ! — unter’s Dach 
gebracht, 

Weil mir, — so grässlirh aus dem Rahmen 
lugend 


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137 


Des Bililes Bilil verdarb so manche Nacht: 
Hervor das hol’ ich unter Spähn' und Schnitzel : 
Ob Wahnsinn mir entgegengrinst, — ich muss! 
Nach dieses Anblicks Wonnegraus der Kitzel 
Ist selbst schon Wahnsinn — , Wahnsinns 
Hochgenuss. 

In solch' lnngweil’ger Welt ist solch ein 
Schauen — , 

Erschauern neu. wie nie es mir geschah: 

„Es kommt! — da kommt’sp war schon ein 
wonnig (iranen, — 

Nun erst der sel'ge Schauer : „cs ist dn !“ 

2. Er ist da! 

Der Schleier hier, verstaubt, voll Spinneweben, 
Noch birgt des Bildes geisterhaftes Leben 
Vor mir. der in der Kerze Dämmerlicht 
Ich jetzt mich frage: Soll ich? soll ich? 

Reiss’ ich herab den alten Fetzen ? oder 
Ihn überlass’ ich weiter seinem Moder? 
Vielleicht jetzt, was dahinter steckt, belacht 
Der Graukopf, dem’s als Jüngling Grau’n 
gemacht. 

Doch — — ; nun herunter modriges 
Gewebe! — • — — 

Kaum kann ich seh’n — vor Angst, was ich 
nun sehe, — 

Ja, oder ist’» der Kerze Dümmerschein? — — 

So stell doch, Herze, dein Gehämmer ein ! 

Das ist der Saal ja wieder, — sich’! von 
Zeiten 

Wandwärts dnrehzogen roter Marmorsäulen, 
Tagsbell durchstrliint von Licht, das ausgesandt 
Von Kerzen wird an Marmor-Wand und Wand ; 
Doch da verschwimmt das Licht von Kerz’ 
und Kerze 

Im Hintergrund bis zu halbnächt’ger Schwärze. 
Und, weh! da ist Es, — Er! herein da starrt ’s 
Ans Pfortenrahmen schwärzer als das Schwarz. 
Da lugt ’s mir ja in Hamlet smantel, Degen, 
Kniehos' und Schlapphut immer noch entgegen. 
Und vor da hat’s die ew’ge Maske noch, 

Der 'was entgliiht durch Augen- Loch und Loch — , 
Zeigt mit ‘dem Finger noch auf den Be- 
schauer — , 

Auf mich und schüttelt mich mit altem Schauer; 
Die Hand hat’s an der Maske noch bereit, 

Sie augenblicks zu lüften, — auch noch 
heut. — 

So lauert’s all die Jahre ohne Weichen, 

Dort hinter seiner Saul' hervorzuschleichen; 
Und — einstens hab’ ich oft mich so gefragt, -- 
Worauf nur lauert 's, eh’s hervor sich wagt? 
Jetzt weiss ich’s, — jetzt: ist erst im Saal 
verglommen 

Das letzte Licht, dann wird ’s geschlichen 
kommen ; — 

Wenn meine Kerz’ erlosch: im Katzenschlich 
Dann kommt’s hervor dort, auf mich zu — , 
auf mich! 

Was wttrd’ ich seh’n, würil’ es die Maske 
lü ften? 

Hn, ein lebendiges Gesicht ans Grüften 1 

Llisch’ ich mein Licht aus, — was dann werd’ 
ich seh’n? 


I Vom Bilde her schon fühl’ ich’s modrig 
weh’n. — — 

| Thu’ ich’s? — ich thu’s! - ha, dieser Wonne- 
kitzel! 

Dies Blitzen vor den Augen, dies Gcblitzel ! 

I Jetzt! — soll ich? Ach, die Flamm’ hat das 
Gesicht 

I Mir schon versengt, — wie? oder thn’ icb’s 
nicht? — 

Jetzt — — lösch’ icb’s ans! hihi! der 

Schleicher, Späher 

I Reckt schon den Hals, — — rückt schon die 
Maske höher; — 

Ich thn’s , thu’s nicht! — — Vor’m Ohre 

dies Gebraus’! — 

Ich thn’s ! das hat das letzte Wort ! 

Aus ! aus ! — 

i ’s ist Nacht : die Finger spreizend flieht er, — 
stückwärta, 

Anfkreisehend, Ins zum offnen Fenster rückwärts : 
Man fand zerschmettert ihn. gesträubten Haars, 

Frühmorgens auf dem Hof. Sein Bestes 

war’s. 

Magdeburg. Wilhelm Schubert .Peter Merwin). 

1 

Meine Jugend. 

Ich hab’ meine Jugend eingesargt, 

In den Sarg ilie Nägel geschlagen. 

Bei jedem Schlage doch war es mir, 

1 Als hört’ ich die Leiche klagen. 

Ich neigte mein Ohr und lauschte sacht, 

Da röchelt’ es stöhnend, hange. 

Das war nur mein Herz, das närrische Ding, 
Es hatte geschwiegen schon lange. 

Ich Hess die gleitenden Seile nach, 

Dann blickt’ ich mich sehnend, lugend, 
Dnmpftönenil kollert die Erde il'rauf, 

Und d'runteu lag meine Jngend. 

Wien. Richard Schaukal. 


Sommerregen. 

Erquickende, feuchte Rpgenluft 
Erfrischt die verschmachtenden Lnngen, 

In meinem seligen Herzen sind 
Viel tausende Knospen gesprungen. 

Wie ein Weil), das sehnend des Mannes geharrt, 
Anfschanert bei seinen Küssen, 

So bebte die Erde wollustouitt 
Unter strömenden Regengüssen. 

Ein saatenschwangerer Enlgemch 
Steigt auf in herben Düften. 

, Und jubelnd singen ihr jauchzendes Lied 
Die Vöglein hellauf in den Lüften. 

Tiefsinnend stell' ich am Ufersrand. 

Seil’ Welle um Welle hadern, 

Da läuft mir ein Trotz, ein flammender Trotz. 
Wildsehänmeml durch Nerven und Adern: 


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Ich will, ich will und dreimal: ich will 
Trotz Mensrhensatznng und Richten, 

Und glntbeiss fühl' ich in meiner lirnst 
Ein Trachten und Schaßen ntid Dichten. 

Dann wird'* mir, als strich deine weissc Hand 
Liebkosend durch meine Haare, 

Und feierlich klingt es aus meinem Mmol 
Wie I’riestcrgelttbd’ am Altäre: 

„Ich will, ich will und dreimal: ich will 
Mag Trug und Lug mich auch schwärzen, 
Tagsüber im flammenden (ieiaterkampf 
— Tnd Abends an Deinem Herzen“ 

Köln a Kliein. Georg Barthel Roth. 

Es war einmal. 

Märt, lag auf seiner Mutter Schoss, 

Des Menschen allerschönstes Los, 

Die sang mit Märchen ihn in Schlaf 
Vom bösen Wolf und guten Schaf: 

Es war einmal — 

Die Mutter starb, er musst' hinaus 
In weite Welt vom Vaterhaus, 

Da traf er, von der Sonne gebräunt. 

Im (ilitck auf einen guten Freund: 

Es war einmal — 

Er nahm darnach sich eine Frau 
Und lebte wie der Fuchs im Rau, 

Die hat ihn fast zu Tod gequält 
Mit Märchen, über ihn erzählt : 

Es war eiutnal — 

Der Märchen ward er endlich satt, 

Er fand eiu Wirtshaus in der Stadt, 

Dort sitzt er in der Eck’ allein 
Und denkt hei einer Flasche Wein: 

Es war einmal — 

Es war einmal ein kleines Kind, 

Das war als Knah' sehr froh gesinnt. 
Dem ward als Mann das Lehen heiss, 
Der ist nun alt, ein müder Ureis: 

Es war einmal — 

Im Walde stand ein Tannenbaum, 

Wie lange Zeit, Märt dacht' es kanm. 
Der ward gefällt ntid dann zersägt 
Zn Rrettern. d’rin zur Rulf man trägt 
Es war einmal — . 

München. Heinrich v. Reden. 

Ballade. 

I. 

Es heben meine heissen Lippen. 

Die schwere Brust wogt aut und ah, 

Da unten zu den dunkeln Klippen 
Zog mich sein Schnieichelwort hinab. 

Ich folgt’ ihm, arglos Mägdelein, 

Hell glänzte da der Mondenscheiu. 


Dort unten, wo die Brandung zischte, 

Wo ungestüm die Woge sprang, 

Da, wo sich Schaum und Schatten mischte. 
Da war’*, wo mich sein Arm umschlang. 

Da küsst’ mol küsste mich sein Mund. 

Und küsste meine Lippen wund. 

Ich hatte bald mich losgcrissen. 

Uestossen den Verwegnen fort; 

Nein, nein, ich lasse mich nicht küssen! 
Und ich entfloh dem dunkeln Ort. — 

Und er? Er holte mich nicht ein! 

Wie? kann das heisse Liebe sein? 

Ich schleife jetzt mein spitzes Messer, 

Demi morgen hei des Vollmonds Schein 
Da wehr’ ich mich wahrhaftig besser: 

Ich stoss es ihm in's Herz hinein, 

Sobald er mich zn küssen wagt! — 

Stell hei mir, du, o heil’ge Magd. 

Wieder glänzten jene Klippen 
Hell in Phöbcs samftem Strahl, 

Wieder küsst’ er ihre Lippen 

Und — vergessen war der Stahl! — — — 

Morgenlicht trieb sie nach Hans, 

Heil'ge Magd ! was wird daraus ? 

II. 

Ich wäre lieblich, jung nnd schön! 

Das Wort ward mir zum wilden Föhn, 

Der fuhr hinab in’s stille Tlml, 
Durchbmusste verderbend die Ohren! 

0! kurze Lust, o! lange tjnal! 

Verloren, auf immer verloren ! 

Nicht Schönheit mehr nnd Jugend frommen, 
Da meine Tugend mir genommen! 

Dahin, dahin, du höchstes Out 
Verloren, du heilige Ehre, 

Entflohen ist mein Lebensmut. 

Zerbrochen sind meine Altäre! 

Don Oöttom Finch! die mir verliehen, 

Was nnr zum Unheil mir gediehen ! 

Und wenn ich zehnmal schöner wär’, 

Mit ewig gleissender Jagend, 

Hin wiirf ich alles für die Ehr’, 

Für meine verlorene Tugend. 


Lustig blasen die Trompeter, 

Die Schwadronen zielm zum Streit. 

' An der Spitze der Verräter. 

Der sich stolz des Sieges front. 

Wieder glänzen jene Klippen 
Hell in I'höhes sanftem Strahl : 
Lilienblciche Wangen, Lippen, — 
Rosenroter, hliit’gcr Stahl 

Hlldcshefm. K. v. Wisset!. 


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139 


Sturm. 

Die Brandung schlägt au des Ufers Rami, 

Ein wildes Brausen und Zischen ! 

Der Himmel ist schwarz und der Donner rollt, 
Und Blitze zucken dazwischen. 

Am Ufer erhebt sich ein hohes Kreuz, 

Daran ist der Heiland geschlagen, 

Um die Opfer des Meeres soll es hinauf 
Zum gütigen Herrgott klagen. 

Und an dem Kreuze da rufen laut 
Die Weiber des Heilands Namen: 

Herrgott, o schütze den Vater uns. 

Den Sohn und den Bruder. Amen! 

Und cs richtet der Blick sich bang hinaus 
In die Ferne, die endlos graue, 

Ob nicht des Auges sehnender Stern 
Ein nahendes Boot erschaue. — 

Ich lag im Sande, und es dnrehbebt 
Mein Herz eine Todesahnung, 

Ich fühle den Sturm des Meeres in mir 
Als laute Stimme der Mahnung. 

Es gleicht der launischen Woge der See 
Das Walten der Menschenseele: 

Wer weiss ob zu friedlicher Einkehr ich 
Den Augenblick nicht verfehle ? . . . 

Des faltet' auch ich die Hände still, 

Und leise Gebete kamen : 

Herrgott, ich liehe im Staub zu dir, 

Verlasse mich Armen nicht. Ameu I 

Dresden. Ernst Roeder. 

Strandbild. 

Die Wellen schlagen ans Ufer sacht, 

An Steine und bunte Kieselpracht. 

Ein Toter liegt auf dem flachen Strand 
Und hält in krampfhaft geballter Hand 
Vom Grunde schmutziges, nasses Grün. 

Still liegt er mitten im Sonnenglüh'n. 

Das glasige Auge stier und gross. 

Die breite Brnst bis aufs Hemde bloss. 

Das Haar zerweicht und die Wangen fahl. 
Ein stiller Triumph. Vorbei die Qual. 

Zwei Kinder stehen und sehen ihn an. 

Den bleichen, den toten, den ernsten Mann. 
Rom. A, v. Sommerfeld. 

Das alte Lied. 

Und immer klingt mir in den Ohren 
Das nlte Lied, das sie einst sang, 

Als morgenprächtig aus den Thoren 
Die Sonne stieg im Siegesgang. 

Im dnft’gen Schmuck die weiten Fluren, 

Ein Spielplatz für den Morgenwind, 

Und hier — im Antlitz Thränenspnren, 

Ein elendes, vergess'nes Kind. 


Auf ihren blassen, hager’n Wangen 
Gliih’n Todesriislein purpurrot, 

Und ob die Zähren heisscr drangen 
Ins Auge ihr, — sie sang — aus Not. 

Hier Elend, todes wundes Ringen, — 

Dort Glück und Frieden wundermild, 

Hier Tod — dort Leben, frisches Springen, 
Mein Herz schlug Leid durchzuckt und wild. 

Sie sang — brach ab — und wandte leise 
Den Schritt in müdem — müdem Gang, 

Und immer noch die alte Weise 

Ins Ohr mir klingt, was sie einst sang. 

Melderlch. Richard Weber. 

Sternenliebe. 

Einsam wandelt durch die Nächte 
Sonnenfern der gute Mond, 

Tiefe Sehnsucht auf dem milden, 

Lieblich bleichen Antlitz thront. 

Denn er kann sie nicht erreichen, 

Die allein sein Sehnen stillt. 

Steigt er snehend auf am Himmel, 

So eutflieht das Sonnenbild. 

Und das lange, bange Sehnen 
Zehrt ihm fast die Seele auf; 

Doch die HofTmtng ihn ermntigt, 

Und er wächst in seinem Lauf. 

Und es wächst auch seine Liebe 
In so mancher langen Nacht, 

Bis er prankt am dunklen Himmel 
Wieder ganz in voller Pracht. 

Acb, es dauert seit Aeonen 
Dieses Kommen, dieses Flieh'n, 

Und die vielen tausend Sterne 
Mitleidsvoll hernieder glüh’n. 

Doch Erbarmen hat die Sonne; 

Stärker zieht den Mond sie an; 

Endlich reist sie übermächtig 
Ihn ans seiner Waiulelbahu. 

Schwingt mit ihren Wunderkräften 
Ihn im Sturme weltenwärts, 

Und er stürzt mit matter Seele 
An das grosse Sonnenherz. 

Sternenlicb’ — ein Stemensterben ! 

Doch solch Sterben dauert lang; 

Denn der Sterne Tod bedeutet 
Einen Welteunntergang. 

Bremen. Wilhelm Emanuel Backhaus. 

Am Wege. 

Ich wanderte ein heim Abendschein 
Und kam vor des Wirtes Thür, 

Da tönte Gesang und lustiger Reih'n, 

Das schnitt in die Seele mir. 


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HO 


Nicht neid' ich euch, ihr Hochzeitleut' 

Den frühen Tanz und .Sang. 

Doch euer Lied erweckt mir heut, 

Lang, lang verschollenen Klang. 

Herr Wirt, Herr Wirt, ich zieh fürbass 
Im hellen Mondesglanz, 

Zn suchen mir ein still (Je lass, 

Fern ab vou Spiel und Tanz. 

Bad Kosen, Carl Schützo. 

Keinen Durst. 

(•lanbt ihr wohl, ich liebe nicht 
Wein nnil gut' (lesellcn, 

Weil ich heimlich schleich' vorbei 
An des Wirtes Schwellen? 

(ilanht ihr wohl, mich plagt nicht Durst, 
Dörrt mir aus die Kehle? 

Arger noch als Durst vom Wein 
Nagt - » an meiner Seele. 

Mögt ihr singen männiglieh, 

Knun's 111 r mich nicht taugen: 

Ist die Kehle trocken mir, 

Sind mir nass die Augen. 

Bad Kosen. Carl Schütze. 

Ein Traum. 

(An Sophie.) 

Geträumt von dir halt' ich die ganze Nacht. 

Doch war cs wohl ein Tramn gar schwer und 
schaurig, 

Denn weiueud bin ich morgens anfgewneht 
Und war den ganzen Tag hindurch tief-traurig. 

Du fragst, was ich geträumt? — ich weiss 
cs nicht, 

Nur eines kliugt mir ewig in deu 'ihren; 

Als wie ein banger Schlnssrcim im Gedicht, 

Das eine Wort voll Gram und Weh: „Verloren!“ 

Das ist es, Kind, was mich so traurig macht, 
l ud meinen Lehensbecher füllt mit Wehrinnt, 
Wenn ich des Traumes denk’ von gestern Nacht, 
Des hangen Traums voll Bitterkeit und 
Schwermut. 

Wien. Ottokar Stauf von der March. 

Der dämon*). 

Ein dftmnn wont in meiner brüst, 

Wi fro auch meine pulfe klopfen; 

In jedem becher, den di Inst 

Mir »larreicht, triinft er wermutstropfen. 

Kr blendet äuge mir und finn; 

Freu ich der frncht mich oder blttte, 

Pflanzt er den dorn mir ins geinflte 
Und zeigt mir, dass der wurm darin. 

*) NH. In r T lM>rffangsschr»ibnna: des ..algemeincn 
femim für fereinfurlitA m’htHi’hreilmiig:* tSielie An- 
zeige den Vereins in vorl. Nummer.) 

Die Scliriftleitung. ! 


Kr reist fon jedem holden schein 
Den bunten lorhang ran zurükke; 

Was ich als schön erknnt und rein 
Zerschlägt er mir in tote stükke. 

So tind ich freude niclit nnd ru ; 

Erkentnis nennen es di andern 
Ich nber möchte wandern, wundern 
Dem gltikkc zu, dem friden zu. 

Berlin. Richard Zoozmann. 

Sonnentraum. 

In ein Meer getaucht von bunten Farben 
Prunkt in Mittagsglut der Weltcnranm, 
Schwelgend in rotglüh’ndeu Feuergarben 
I herm Weiher träumt der Sonnentranm. 
Wie von Ätherwellen sanft geschaukelt 
Wiegt ein Falter sich im Himmelslicht. 
Dnrch die Seele schönheitstruuken gaukelt. 
Ein phantastisch Traumbild mein Gedicht. 

Üpp’ge dunkeläugige Violen 
Baden sich in einem Meer von Duft, 

Wie des Schlummers tiefes Atemholen 
Haucht durch Biättergrün die Frühlingslnft. 
Von dem Kirchlein tönen dumpfe Psalmen 
Meine Seele jauchzt: Eselsior! 

Und mir ist’s, als hört’ ich Friedenspalmen 
Hänschen an des Paradieses Thor. 

Wo der Horizont sich niederbreitet 
Starrt die Ferne silbergrau umsäiiml, 

Und das srhönheitsmflde Auge gleitet 
Nach dem Lande, wo die Sehnsucht träumt. 
Phantasie sprengt der Gedanken Mauer 
Wie im Nebel schwinden Kanin nnd Zeit, 
Meine Seele ahnt mit tiefem Schauer 
Das Geheimnis der Unendlichkeit. 

So vorbei in farbeusatten Bildern 
Tollt des Sonnen traumes holder Wahn, 

Ach! kein Dichter kann die Schönheit 
schildern 

Und kein Pinsel eines Tizian 1 
Von Gedankenwellen sauft geschaukelt 
Träum’ ich mich empor in’s Sonnenlicht, 
Durch die Seele schünheitstrunken gankelt 
Ein phantastisch Traumbild mein Gedicht. 
Wien. Josef Schmld-Braunfels. 

Sonnenstaub. 

In diistem Winterstunden, 

Als scliinerzeustiefe Wunden 
Das Schicksal schnitt ins Herz. 

Da galt dem Lenz mein Sehnen, 

Von dem ich unter Thränen 
Balsam erhofft für meinen Schmerz. 

Nun flutet gold'ner Schimmer 
Verklärend durch mein Zimmer 
Und kündet Frühlingszeit, 

Der lamz ist ciugetroffeu 
Und nahm mein selig Hoffen; 

Hat nicht die Brnst vom Web befreit. 


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141 


Im Sonnenstrahlen-Reigen 
Sich tausend Stäubchen zeigen, 
Verborgen sonst dem Blick. — 

So stimmt im Friihiingswehen 
Von Glück nnd Lnst umgeben 
Mich doppelt traurig mein Geschick. 
Bremen. Wilhelm Becker. 


Wunsch. 

Ich wünscht, meine Lieder alle, 

Uie wären ein luftiger Wind 
Und brausten mit Donnerschalle 
Durch Erdenfernen geschwind. 

Ich wünschte, es wären Strahlen 
Von Sonnen- und Mondenschein 
Und drängen zu tausenden Malen 
Den Menschen in's Herz hinein. 

Ich wünschte, sic wären die Rosen, 
Die morgens die Liebste bricht. 

Dann würden die Lippen kosen 
In jedem Iilatt ein Gedieht. 

Forst (N.-L.). Franz Kirschfeld. 


Ein einfach Lied. 

Ich hab die Nacht geträumt von Dir, 

Du warst so lieb, so gut zn mir. 

Wir schritten wieder Hand in Hand 
Hinaus iu's frtthlingshlüh’nde Land. 

Das Wiesenthal, den Hach entlang, 
Hinauf zum sonn'geu Rebenhang. 

Dort stand ein Baum in Blütenprnebt, 
Da haben still wir Rast gemacht. 

Du schlangst die Arme fest uin mich: 
,0 nimmermehr vergexs ich dich.“ 

Und Lipp’ auf Lippe fest sich schloss, 
Und Seel' in Seele überfloss. 

Die Nacht entwich ; der Traum zerraun. 
Der alte Zeit zn neuer spann. 

In fremdem Laude fand ich Rast, 

Ob Du mich wohl vergessen hast!? 

Zürich. W. Lüdeggor. 


Prüfungszeit. 

Do prüftest mich ein halbes Jahr 
Viertausend dreihundert Stunden ; 

Ich hoffe, dass du mein Lichen wahr 
Und standhaft und treu befunden. 

Du prüftest mich und timtest gut. 

Die Zeit nicht milde zu kürzen 
Und hingerissen von Liehesglut 
Mir an den Hals zu stürzen. 

Würben O.-S. Carl Kllngs. 


Ende. 

Es ist vorbei ! - mag ich gleich nicht d'ran 
glauben. 

Verloren bist du mir für alle Zeiten : 

Wir werden nun nicht mehr gemeinsam streiten. 

Ach! dass dich Herrliche die Welt musst' 
rauhen! — 

Gesessen hab’ ich oftmals dir zn Küssen, 

Geldickt dir in die engeirrinen Züge ; 

Ich schwur darauf, dass dein Mund niunuer 
lüge, — 

Und muss es nun. mich einsam härmend, 
küssen. — 

Burg (Bremen). Julius Sierenberg. 


Die Liebe. 

Wenn ein Prophet der Liehe anferstünde, 

Wie jener, den der Volkswalin hingcschlnchtet, 
Weil Lieh' er Liehe nennt und Sünde Sünde, 

Er stünde heut wie jener unbeachtet, 

Ein Prediger in iveltverlass'ner Wüste, 
Verhöhnt vielleicht von vielen und verachtet. 

Ich aber würde, dass den Gram ich hilsste, 
Den meine sünd'ge Liehe dir bereitet, 

. Himvandcln, dass ich das Gewand ihm küsste, 

| 

Und sprechen: .Herr! Von Liehe irrgeleitet, 
Hali’ ich gefehlt nach menschlichem Ermessen 
Und seihst der Reue nicht mein Herz geweitet. 

Ich konnte nicht verschmerzen nnd vergessen 
Und hab' für Liebe Liehe nur gegeben. 

Nun wollen Zweifel mir das Heiz zerpressen. 

Nimm mir das Recht auf jedes fern'rc Leben; 
Die Menge hat es hingst mir abgesprochen,* — 
Und schreiend wttrd' die Menge sich erheben. 

Nur dass sie künde, was mein Herz verbrochen, 
| Wär’ mir die Menge höhnend narhgegangen 
! Und würde eitrig auf Verdammnis pochen. 

Ich aber blickt' zum Meister voll Verlangen 
Und sagte ihm, wie ich mein Herz kasteite 
Und wie mein Leben war voll Furcht und 
Bangen, 

1 Voll Angst tun die, der ich die Sünde weihte, 
Voll Angst um ihrer Unschuld hcil'gen Namen, 
Da Arglist spottend Fleck an Flecken reihte. 

Und harrend würden schweigen, die da 
kamen. - 

I Dich aber hätt’ die Lieh* mir nachgetrieben ; 
Ich schaute dich und spräch ein duldend Amen. 

Und du erschienst, ein Bild von meinem Lichen, 
j Und zu den Pharisäern bingewendet 
j Spriieli er, wie jener, wie cs stellt geschrieben 


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142 


.Wer unter euch sieh rein glaubt und vollendet, 
lier werfe diesen Stein, dass er ihn richte. 
Dass sein Verbrechen mit dem Lehen endet!“ 

tllaub mir! Vor deinem reinen Angesichte 
L'nd seiner Hoheit wtird’ es keiner wogen, 

Ans Furcht, dass ihn der Himmel selbst 

vernichte. 

l'nd hin zu dir wllrd’ erden Richtstein tragen, 
Die du in deiner Reinheit ferngestanden, 
lind ob du richten wollest, ernst dich fragen. 

Dann machtest meine Sllnde du zu schänden, 
l'nd würfet den Stein weit über Fels und 
Klüfte. 

Dass fern er drllhnte, wie das Jlecresliranden, 

Und jenes Stimme hallte durch die Lüfte : 

„Im Reich der Liebe giebt es keine Sünden, 
Sie weckt die Toten auf, sic sprengt die (iriifle, 
Sie heilt und segnet — ihr nur bleibt die 
Blinden!* 

Hamburg. Johannes Gläser. 


,. Baumeister Solness“ oder „Die verhäng- 
nisvolle Ritze“ oder „Das Unmögliche“ 

Rin« sehr symbolistische Fragczcichenkomthlie an» dem 

Norwegischen de» Henrik Ibsen von Karl Kraus. 

Personen: 

Barnneister Solness. 

Alftie, »eine Krau. 

Pr. Herdal. 

Hilde Wangel. 

Der Mann mit dem robusten Gewissem 

Solness: Nein, jetzt, halt’ ich cs bald nicht 
langer aus. 

I)r. Her dal: Ja, aber warum denn nicht? 

Solness: Der Umschwung! Mir graut es vor 
dem Umschwung. 

Dr. Herda 1: So? Wirklich? Graut es Ihnen 
vor dem Umschwung? 

Solness: Das thut es. 

Dr. Herdal: Und woher sollte denn der Um- 
schwung kommen? 

Solness: Von der Jugend. Eines Tages, da 
kommt die Jugend hieher mul klopft an der 
Thür — (es klopft, er fährt xusAiuinon.) Klopfte 
es nicht? 

Dr. Herdal: Das that cs. 

Solness: Herein! 

(Hilde Wan ge 1 tritt ein) 

l)r. Herdal: Das ist die Jugend, aber eine 
von einer ganz andern Art. Heissen Sie 
nicht Hilde Wangel, Fräulein ? 

Hilde (siebt ihn lustig-verwundert an): Ja freilich 
thil’ ich das. 

Dr. Herdal: Dann sind Sic vielleicht eine 

Tochter vom Bezirksamt oben in Lysangor? 

Hilde (siebt ilm lustig-verwundert an): Ja, von 

wem sollte ich denn sonst die Tochter sein? 

Solness: So, dann sind Sie ja eine Stieftochter 
von der .Frau vom Meere“, von der ver- 
rückten Ellida? 


Hilde (sicht ihn lustig- verwundert an): Ja freilich 
thu* ich das. 

Dr. Herdal: Aber ich muss mich jetzt em- 
pfehlen ; ich liah’ einen Krankenbesuch zu 
machen. Adieu ! (ab.) 

Hilde: Das thu’ ich — (verbessert sich:) adieu! 
Baumeister, wissen Sie, was ich heute ge- 
träumt habe? 

Solness: Nein, das kann ich nicht thun. 

Hilde: Also hören Sie. Ich stürzte von einer 
ungeheuer hohen und steilen Felswand herab. 
Träumen denn Sie nie so was? 

Solness: Na, das will ich meinen. 

Hilde: Denken Sie nur! Es ist so entsetzlich 
spannend, — wenn einer so fällt und fällt. 

Solness: Es ist so ein eisiges Gefühl, scheint’* 
mir. 

Hilde: Ziehen Sic die Heine in die Höhe, wenn'* 
kommt? 

Solness: So weit hinauf, wie ich nur kann. 

Hilde: Das thn* ich auch Wissen Sie, 

Baumeister, dass es heute g’rade zehn Jahre 
her ist. dass Sie mich geküsst haben? Wissen 
Sie. damals, wie Sic oben hei uns die Kirche 
bestiegen und den Kranz an der Spitze be- 
festigten? 

Solness: So? That ich das wirklich? 

Hilde: Ja. das timten Sie damals, und Sie 
versprachen mir. dass Sie mich in zehn Jahren 
holen würden und mich zur Prinzessin machen 
und mir ein Königreich schenken würden, 
das Königreich Apfelsin ia. 

Solness: So? Das that ich auch? 

Hilde: Sie werden’s doch nicht leugnen? 

Solness: Nein, nein, es ist schon möglich ; ich 
erinnere mich auch, all' die zehn Jahre 
hernmgegangen zu sein und immer an die 
Küsse gedacht zu haben; aber ich küsste 
so viel damals — 

Hilde: Nein, denken Sie nur. das tliaten Sie? 

Solness: Und wie ich's that! Soll ich's Ihnen 
noch einmal zeigen, wie man das thut? 

Frau Al ine (tritt ein): Nein, das erlaube ich 
nicht. Hier darf nur ich geküsst werden. 
Denn das ist ja meine Pflicht. 

Hilde: So? Ist das Ihre Pflicht? 

Al ine: Das thut es. 

Hilde: Wer sind Sic denn dann eigentlich? 

Ali ne: Nein, denken Sie nur, dass Sie das 
nicht wissen! Ich hin doch die Meisterin. 

Hilde: (zu ihm): So? Ist sie wirklich die Mei- 
sterin ? 

Al ine: Aber ich halte mich zu lange auf. Ich 
muss wieder in die Küche hinuusgehen. 
Heute haben wir Kalbsbraten. Denn das 
ist ja meine Pflicht. (Ab.) 

Hilde: Pflicht - Pflicht — brrr, das hört sich 
so kalt an, das sticht ordentlich. Finden 
Sic das nicht auch? 

Solness: Du lieber Gott, was hätte sic denn 
sagen sollen? 

Hilde: Was anderes hätte sic sagen können. 

Solness (»ichi nie au): Auf die Art wollen Sie’s 
also haben? 

Hilde: Ja, just auf die Alt. 


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143 


Hihlc: Sagen Sie, Baumeister, warum bauen ! 
Sie ilcnn keine Kirchtürme mehr? 

Solness (schüttelt den Kopfi: Die Menschen wol- j 
len’s nicht so haben. 

Hilde: Denken Sie nur, — dass die das nicht 
wrdlcn ! 

Solness: Jawohl. Jetzt haue ich nur llituaer, 
Heimstätten für die Menschen. 

Hilde: Heimstätten für die Menschen? 

Solness: Aber ich selbst habe keine Heim- 
stätte. Einst, hatte ich eine. Alter damals 
war ich noch nicht das, was ich jetzt bin, 
als Künstler. Um das zu werden, musste 
ich mein ganzes glückliches Familienleben 
opfern. Und das nennen dann die Leute 
Glück haben, wenn man — wenn man eine 
hautlose Stelle auf der Brust hat. Sic ver- 
stehen das natürlich nicht. 

Hilde: Das tliut nix — (schnell verbessernd:) 
das thu‘ ich. Aber sagen Sic nur — Nein, i 
wirklich ! ? 

Solness (geht herum): Ja. ja. 

Hilde: Ja. aber wie haben Sic denn Ihr Glück 
verloren V 

Solness: Ja, sehen Sic. das kam so. Unser 
grosses Hans, das meine Frau von ihren 
Eltern hatte, brannte nieder. Ich wünschte 
aber den Brand herbei. Denn dann konnte 
ich bauen und was werden. Ich verstand 
sic zu rufen, die Helfenden und die Die- | 
nenden. 

Hilde: Welche Helfenden und Dienenden? 

Solness: Na, die Teufelchen 1 

Hilde: Welche Teufelchen? 

Solness: Na, die Teufelchen! 

Hilde: Ja so! — Nun, und? 

Solness: Und dio grosse Burg brannte eines 
schönen Tages, vielmehr in einer unschönen 
Nacht nieder, meine Frau holte sich den 
Schnupfen davon und siechte hin. und die 
beiden Kinder starben bnld. Aber ein be- 
rühmter Baumeister bin ich darauf geworden. | 

Hilde: Wieso brannte denn die Burg nieder? 1 

Solness: Ja, sehen Sie, da war eine Kitze im 
Schornstein, so eine ganz kleine, schwarze 
Ritze. Ich bemerkte diese Ritze, dachte 
aller nie daran, die Röhre ausbessem zu 
lassen ; denn durch die kleine, schwarze 
Ritze, dachte ich mir, könnte ich mich viel- 
leicht emporschwingen, als Baumeister. 

Hilde: Wissen Sic, dns ist zwar sehr spannend, 
aber durch die kleinwinzige, schmale Ritze | 
konnten Sie sich doch nicht emporschwingen? 

Solness: Ja, und ich sollte einmal draussen 
mit Aline Schlitten fahren, dachte ich mir. 
und die Dienstboten sollten stark geheizt 
haben, damit cs Aline dann recht wann hätte, 
dachte ich mir — 

Hilde: Denn die friert gewiss leicht? 

Solness: Das timt nix — (schnei! verbessernd:) 
das timt sic. Ja. und dann sollten wir den 
Rauch sehen, und dann sollte der ganze alte 
Krempel in helllichten Flammen stellen. Auf 
die Art wollt’ ich’s haben: sehen Sic? 

Hilde: Aber, Du lieber Gott, dass es nicht so 
kommen konnte! 


Solness: Ja, das können Sie schon sagen, 
Hilde. 


Hilde: Baumeister, wissen Sic auch ganz be- 
stimmt, dass das Feuer von der kleinen Ritze 
im Schornstein lierrilhrte? 

Solness: Aber keine Spur! Es brach vielmehr 
in der Garderohe aus. 

Hilde: Ja, zum Kuckuk, was faseln Sie denn 
dann immer fort von der ewigen Ritze im 
Schornstein? - — Jetzt sehen Sie übrigens, 

dass ich recht hatte : durch die kleine Ritze 
haben Sic sich also doch nicht durchschwingen 
können ! 


Solness: Darf ich noch ein wenig mit Ihnen 
weiter reden, Hilde? 

Hilde: Ja, wenn Sie unvernünftig reden wollen, 
mit Vergnügen. 

Solness: Ich werde mir recht viel Mühe nehmen. 

(Kr rückt seinen Stuhl näher.) • 


Hilde: Also, heraus mit der Sprache, Bau- 
meister! 

Solness: Sehen Sie. Hilde, ich bin also doch 
eigentlich daran schuld, dass ich kein Familien- 
heim mehr habe. 

Hilde: Ja. wieso denn? 

Solness: Ja, wegen der Tcufclchen! 

Hilde: Richtig, die Teufelchen. Während Sie 
von der Kitze gesprochen haben, habe ich 
ganz die Tcufclchen vergessen. 

Solness: Sehen Sie, und den Gedanken ertrag’ 
ich nicht. 

Hilde: Sie sind krank. Baumeister. 

Solness: Was fehlt mir? 

Hilde: Ein robustes Gewissen fehlt Ihnen. 

Solness: Na hören Sie, das soll ich auch noch 
haben ? Nein, was die aber alles verlangen ? 
Haben denn Sie vielleicht eines? Tadeln 
kann ein jeder Bauer, besser machen — 

Hilde: NeeSpass beiseite, so'n rechter Wikinger 
sind Sic nicht. Die hatten jeder ein robustes 
Gewissen. 

Solness: Wikinger? 

Hilde: Die konnten Häuser rauben und Weiher 
plündern und dann noch fest saufen. Oh, 
das muss angenehm für eine Frau gewesen 
sein, von einem solchen Wikinger gefangen 
genommen zu werden. Alter Sie sind eben 
kein Wikinger. 

Solness (für sich): Wenn ich sic nur verstünde! 

Hilde: Sich getrauen, was man am liebsten 
möchte, das nenn’ ich ein robustes Gewissen 
haben — selbst das Unmögliche zu wagen, 
(bur lieh:) Na, deutlicher kann ich schon 
nicht mehr reden. (Mit plötzlicher Wendung:) 
Sagen Sie, Baumeister, sind hier die Bau- 
meister alle so dumm? 

Solness (vertieft): Ja, das tlmn sie allerdings 
— aller Das Unmögliche? 

Hilde: Jawohl, das Unmögliche. 

Solness: So, so, das Unmögliche — (für sieb:) 
Wenn ich nur wüsste, was das ist, ich 
I thät’s ja gerne. Am besten ich gehe. — 


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144 


Ja. adieu. Fräulein Hilde, ich — ich muss 
in die K flehe gehen; denn da« ist ja meine 
Pflicht. (Ab) 

Hilde (flüfttort ein paar Worte vor sieh hin, von 
«lenen man nur hört): spannend, ent- 

setzlich spannend — — — 

(Als «lens ex machiiiA erscheint her Mann mit «lein 
robusten 1 9 e w i s s «■ n .) 

Milde. Ja. wer sind Sie denn dann eigentlich? 

Er: Ich hin der Mann mit dem robusten Ge- 
wissen. 

Hilde: Ist es sehr robust? 

Kr: Furchtbar. (Saluts* erscheint wieder.) 

Hilde: Und was wollen »Sie? 

Kr: l>as l'nmögliidic. 

Hilde: Nein, denken Sie nur! dass Sie das 
wirklich wollen? 

Er: Gewiss will ich das. (Kr geht auf sie au und 
kii.HSt sie.) 


Hilde: Und wollen »Sie das Unmögliche nicht 
noch einmal probieren? 

Kr: Das tllll 1 ich (köasl sie wieder). 

So I n ess (geht vor lind macht «'in verzweifeltes (Sc* 
sicht): Auf die Art wollen »Sic’s also haben? 
Hilde: Ja. just auf die Art! 

(Vorhang fallt.) 

Litterarische Rundschau. 

Dir frühere (icschäftslcitung des .Vereins 
•ler Bücherfreunde“ hatte am 1. Januar il. J. 
einen Drei« von Jf älXH) für einen Hinnan aus- 
geschrieben Von 130 cingcrcichten Romanen 
ward keiner des Preises oder der Veröffent- 
lichung für den Verein wert erachtet. 

Die von Bertha von .Suttner hcrausge- 
gehene Zeitschrift ,Die Waffen nieder" ist so- 
eben in den Verlag von K. l’icrson in Dres- 
den übergegangen. Ans der letzten Xr. sei 
zunächst zur Charakterisierung der vornehm 
ausgestatteten Zeitschrift (jährlich li Jt ) aus 
dem reichhaltigen Inhalte folgendes hervorge- 
hoben : M. .1. Bonn, .Die Sozialdemokratie und 
die Friedensfreunde,“ — M. v. Egidy, .Krnste 
tiedanken," Hermann Fürst, .Die Ablehnung 
der Militär-Vorlage," Marchese I'. l'andolfi, 
.Die Föderation und der Friede.“ — Rudolf 
Ural Iloyos, .Nach X-tattscnd Jahren," 
ürieitx, „Vaterland ! . . . National! . . . Fahne! 
. . — .Zeitschau,“ — .Für den Krieg,“ — 

.Hegen den Krieg,“ — „Festabend der üsterr. 
(iesellschafr der Friedensfreunde,“ — „Eine 
französische Flugschrift,“ — „1 nrres|K>ndenz,“ 
..Interparlamentarisches Amt in Bern,“ (Offi- 
zieller Bericht.) 

Von nnserm Mitarbeiter Williclm Roland 
in San Koni» erscheinen in Kürze zu Paris und 
Stuttgart eilte Sammlung „Legendes du Rhin.“ 
von der belgischen Akademie 1R'J2 mit dein 
ersten Preise gekrönt. Von demselben gelang- 
ten soeben in der ,1. Roth'selicn Verlagsbuch- 
handlung in Stuttgart zu Ausgabe: „Pro l’a- 
tria!" Nationale Dichtung in 4 Szenen und ein 
l.ieden vehts „Max von Mexiko“. 


Filter dem Titel „Netto Schrift“ erschien so- 
eben von A-B-L' liei Max Hoffschläger in Berlin der 
Versuch einer „neuen deutschen rechtschrcibung“. 
Die Schrift ist von dem («kannten Dichter 
Richard Zoozmann idem Verfassen Berlin 0., 
Stralauefplatz Iß I. für 1 «ä! frei zu beziehen. 
Wenn die interessante Schrift auch nicht ge- 
nügend die wissenschaftlichen Forschungen auf 
dem (iebiete der Rechtschreibung, wie dieselben 
vom „Verein für vereinfachte Rechtschreibung“ 
gepflegt werden, berücksichtigt, so wird sie 
i doch manche Anregungen schaffen und ver- 
dient umsomehr Bonchtiing, weil sie beweist, 
dass die Frage der Rechtschreibung auch in 
Schriftstellerk reisen mehr lind mehr Beachtung 
findet. (Siehe auch (bis liedieht „der dämon“ 
in vorl. Xr.) — 

Von unserer geschätzten Mitarbeiterin 
Marie Anna Kr ejei, Pseudom. E. Von in 
l’rag geht uns ein längerer interessanter Bericht 
litior die vom Kunstverein für Böhmen vom 
lß. April — IS. Juni in Prag veranstaltete 
Kunstausstellung zu, aus dem wir an dieser 
Stelle leider nur die erfreuliche Thatsaehc hor- 
vorheben können, dass diese Ausstellung ein 
erfreuliches Bild des gegenwärtigen Kuiistlcbens 
in Böhmen und Österreich ergeben hat und 
sicher dazu beitragen wird, das Interesse nn 
der Kunst auch dort zu vertiefen. 

Uerliart Hauptmanns „Weber“ sind 
mit grossem Erfolge in Paris anfgefilhrt. Vor- 
bereitet wird dort jetzt das Drama „Einsame 
Menschen“. Hauptmanns nächstes Stück „Flo- 
rian tieyer" wird unter dem neuen Direktor 
Otto Brahm im Deutschen Theater anfgefilhrt 
werden. • 

Die hochhedeutsame Juli -Nr. der „Hesell- 
schaft“ enthält unter nnderm einen „Wiener 
Kctzcrbrief" von nnsenn wert geschätzten Mit- 
arbeiter Anton Lind n er. „Strindberg in Wien" 
betitelt. Mit meisterhafter Ironie und heissen- 
der Schärfe wird in diesem prächtigen Briefe 
die Wiener „Kritik (fr beleuchtet Wir em- 
pfehlen diesen Artikel allen schablonenhaft 
arbeitenden Tageskritikern zu eingehendster 
Beachtung. Es giebt noch Männer, die offen 
und ehrlich die Wahrheit sagen mögen. Anton 
Lindncr wird ohne Zweifel dabei in ein Wes- 
pennest gegriffen haben, — aber der Anerken- 
nung aller liir Besserung iin Pressleben wirken- 
den Männer kann er versichert sein Es muss 
einst Frühling werden! Fort mit den bezopften 
Tagcskritikcm. die sich in ihrer l'nfähigkeit. 
dichterische Individualitäten zu verstehen, ihrer 
hohen Aufgabe, Publikum und Dichter einander 
nahe zu bringen, nie bewusst werden! 

Vom neuen .lahrgange der „X. 1. Bl.“ 
lOktolier) an wird die „Litterarische Rundschau“ 
mit Hilfe eines auserlesenen Mitnrheiterkrcises 
derartig gestaltet und erweitert werden, dass 
die Monutsnptizcn einen möglichst vollständigen, 
objektiven (berblick über die Litteratur der 
tiegenwart gewähren. Die Rundschau wird 


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145 


zum Sellins* in jeiletu Monate eine ..Litterarische 
Zeitnngsschan" bringen, in «ler diejenigen Auf- 
sätze namhaft gemaelit werden , die dem 
Litleraturfreunde das Studium nnd Verständnis 
der gegenwärtigen Litteratur erleichtern. Wir 
bitten unsere Leser frenndlichst dabei um l'rtcil 
und Unterstützung. Letztere durch Übersendung 
geeignet erscheinender Aufsätze in der Tages- 
presse u. s. w. Die eingehende Prüfung wird 
dann über die Aufnahme in der Rubrik „Littcr. 
Zeitungsscbau“ entscheiden. Lediglich nur 
namhaft gemachte Arbeiten können nicht an- 
geführt werden. Als kurzes Beispiel sei dies- 
mal Folgendes gegeben : 

Litterarische Zeitungsachau : 

Maurice von Stern, Redaktionelle Taktlosig- 
keit. Stern’s Littcrnrisches Bulletin, II. 
Jahrgang Xr. 1 vom 1. Juli. 

M II. Conrad, Llie litterarische Bewegung in 
Deutschland. „Die < I esell schalt “ Jahrg. 
181(3, 11. Heft. 

Dr. W. llolza, Friedrich Hölderlin (Zur 50- 
jährigen Wiederkehr seines Todestages). 
Neue Ziireher-Ztg. vom 7. Juni 181)3. 
Fritz Stoffel, Freie Rhythmen. Litterarisches 
Unterbaltungsblatt für Wcstdcuschland. 
181)3. Xr. 10/11. Köln, den 1. Juni. J. 
(I. Schmitz'sche Buch- und Kunsthandlung. 


Eingesandte Neuerscheinungen. 

Ernst Rosmer. Wir Drei. Fünf Akte. München 
181)3, Verlag von Albert & Cu.. Scparat- 
Konto. Preis Mk. 1,60. 

Neue Musikzeitung. 14. Jahrgang. Xr. 7. Stutt- 
gart-Lcipzigl8'J3, Verlag von Carl Urttninger. 

Adolf Franke, Lachende Wahrheiten. 300 Kpi- 
gramme. A. Hartleben s Verlag in Wien, 
Pest mul Leipzig 1893. Preis in Original- 
band Mk. 2. 

Laurenz Fornasari Edlen von Verce, Trakt. 
Lehrbuch der italienischen Sprache. 4. Auf- 
lage. A. Hartleben s Verlag in Wien, Pest 
nnd Leipzig 1893. Preis geh. Mk. 2. 

Anna Croissant-Rust. Lebensstücke. Ein No- 
vellen- und Skizzenbuch. München, Verlag 
von Dr. E. Albert & Co, Separat- Konto 
1893. Preis broseb. Mk. 2. 

Franz ledrzcjewskl, Ein Veilcbenstrnuas. Skizzen. 
Bielefeld, Verlag von A. llelmieh's Buch- 
handlung 1893. 

A-B-C, Neue Schrift. Versuch einer neuen 
deutschen rcchtsrhreibuug mit regeln und 
Wörterverzeichnis. Berlin 1893, Verlag 
von Max HoffschlKger. Preis Mk. 1. 

Paul Rassnitz, Im Zeichen Mercurs! Leipzig 
1893, Verlag von Wilhelm Friedrich. Brosch. 
Mk, 2. geh. Mk. 3. 

Gabriele von Bülow. Tochter Wilhelm von Hmn- 
boldt’s. Ein Lebensbild aus den Familieu- 
papieren Wilhelm von Humboldt’* und seiner 
Kinder 1791 — 1889. Mit 2 Bildnissen. 


Berlin 1893, Verlag der Kgl Hufbuch- 
handlung E. S. Mittler & Sohn. Preis geh. 
Mk. 10, elfg. Mk. 11,50. 

Pol de Mont. Idyllen. Nachdichtungen nach dem 
Vlämischcn von Albert Möser, Berlin 1893. 
Verlag von Hans LQstenüder. Preis Mk. 2. 

Die undeutsche Litteratur der Gegenwart. Ein 
Wort an die Modernen. Von einem Pro- 
vinzler. Berlin 1893, Verlag von Hans 
Lüstenöder. Preis Mk. 0,90. 

Das zwanzigste Jahrhundert, 3 Jahrgang. Hefte 
7 - 9. Vierteljährlich Mk. 2.59. Berlin 
1893, Verlag von Hans LQstenüder. 

Graf Enterich von Stadion. Sub spinis Hörens. 
Ein Osterbuch. 1893. Verlag von Scliaum- 
bnrg-Fleischcr in Leipzig nnd Wolfgang 
Schaumburg in Berlin. 

Ludwig Bussler, Praktische Harmonielehre in 
54 Aufgaben, systematisch-methodisch dar- 
gestellt 3. vermehrte Und verlt Auflage. 
Berlin 1893, Verlag von Carl Habel (Lttde- 
ritz'sche Verlagsbuchhandlung). 

Max Kretzer. Irrlichter und Gespenster. Origi- 
nal -Volksrumnn. Weimar 1893, Verlag der 
Schriftenvertriebsanstalt. Hefte 13—2(1. 

Franz Weber. Lieder und Bilder. Gedichte. 
Alteuburg 1893. Verlag von Stephan Geibel. 
Preis ? 

Eduard Eggert. Der Bauernjörg. Ein Saug 
aus Oberschwaben. Stuttgart 1893, Job. 
Roth'sche Vcrlagshaudlutig. 

Wilhelm Arent, Irrtiammen. Stimniuiigs-Xervo- 
sismen, lyrische Sensationen und Tage- 
Imchblätter. Manchen 1893, Druck und 
Verlag der Münchener Handelsdruckerei und 
Verlagsanstalt M. Poessl. 

Anna Croissant-Rust, Gedichte in Prosa. Mün- 
chen, Druck und Verlag von Dr. E. Albert 
& Co. Separnt-Uonta 1893. Preis Mk. 2. 

Franz Wolff, Neue Gedichte. Leipzig, Verlag 
von Oswald Mutze 1893. 

Bertha von Suttner, Die Waffen nieder ! Monats- 
schrift zur Förderung der Friedensbewegung. 
Dresden, E. I’ierson's Verlag. Preis des 
Jahrganges Mk. (1. 

Otto Julius Bierbaum. Fritz von Hhde. Mit dem 
Bildnisse des Meisters in Heliogravüre nach 
einem Gemälde Leo Sambergers. München 
1893, Verlag von Dr. E. Albert & t.’o. 
Preis Mk. 10. 

Ans dem Verlage von E. I’iersou, 

Dresden und Leipzig, gingen heim Redaktions- 
schluss folgende Neuerscheinungen ein: 

Gebell-Ennsburg. Gynlas' Liehe. Gedichte in 10 
Gesäugen aus dem Ungarischen des Alexander 
Kisfaludy. Mk. 2,50. 

Gustav Lowke, Tamienberg. Drama in 5 Aufz. 
Ureis Mk. 2. 

Georg Wilhelm Peters, Fata Morgana. Sozial. 
Drama in 5 Aufz. Ureis Mk 1,50. 

Camilla Leonhard. Gedichte. Preis Mk. 2. 


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Hfl 


Willy Leutrodt, An* Traum uuil Wahn. See- 1 
liscbe Fragmente. Mk. 1. — 

Christoph Waiden, Novellen und Skizzen. Preis 
Mk. 2. 

I. I. Brochet. Ein moderner Don Juan. Roman. 
Preis Mk. 4. 

Robert H. Cowdrey, Millionltr und Vagalmud. 

Sozial. Roman. Preis Mk. 3. 

Balduin Groller. Lori Bergmann. Novellen. 
Preis Mk. 3. 

Hermann Fürst, Die neuen Ideale. Evolutionäre 
Plaudereien. Preis Mk. 2. 

Franz Mehring, Die Lessing-Legemle. Verlag 
von I. II. W. Dietz, Stuttgart. 1893. 
VIII und 500 Seiten 8°. Preis Mk. 3, 
geb. Mk. 3,50. 


Beurteilungen. 

Max Wundtke. Wildlinge. Nene lyrische und 
satirische Dichtungen. Strasslmrg i. E. 
und Leipzig. Verlag von II. Fiieilemaun 
Naehf. 1893. 

.Mein armes deutsches Volk! Will denn 
kein Künigssobn kommen, mit seinem Kusse 
die schlafende Kuust zu erlösen und mit dem 
kritischen Richtschwert tabula rasa machen 
unter deu Kronenränbern ?* So schliesst Wundtke 
eines seiuer schönsten Stücke: eine Allegorie 
in Märcheuform : Und cs ist charakteristisch 
für ihn. dass ihm die Kuust als eine junge 
schöne Königin erscheint mit goldenen Locken, 
einem Zauberstabe und all dem Wunderlichen 
und Himmlischen, das nach deutschem Empfinden 
eine Märchenprinzessin ausmacht. Natürlich 
fehlt es auch nicht au jenen überirdischen Lebe- 
wesen, die derlei gütigen Feen das Geleite geben. 
Hier sind es die beiden Erzengel, die vor dem 
Thore des Herrn Wache halten, der Engel der 
Liebe und der Engel der Reinheit. Ich wüsste 
nicht, was für Wundtke’* Kunst bezeichnender 
wäre. Ein junges schönes Weib — ein Weib 
mit natürlichem Sinn — mit viel ursprünglichem 
Gefühl, viel Kraft und Wahrheit, viel Feuer, 
Wagemuth und Leidenschaft ; dabei ein wenig 
schalkhafte Ironie, die sich über die Schlechtigkeit 
der Welt und dergleichen Dinge lächelnd hiu- 
wegzu täuschen sucht, ein wenig Schwermut 
und Zweifel, ein wenig Heiterkeit, Lebenslust 
und Tändelei, viel, sehr viel Sehnsucht nach 
dem Wunderbaren: nach Glück, Reinheit und 
Liebe — das wäre Max Wundtke’* Muse, l'nd 
wenn man weiter forschen wollte, würde ich 
mit des Dichters eigenen Wortes fortfahren: 
„ . . bekümmerten Herzens zieht sie sich oft 
allein bei Nacht und Nebel in deu Wald. Hier, 
abseits von dem tosenden Getriebe der Welt, 
von dichtem Baschwerk umgehen, lässt sic sich 
nieder. Dranssen ist Sommer, die Sonne scheint 
hell und freundlich, die Vögel singen so lieblich, 
die Blumen duften so süss, die Kroueu rauschen 
uud die Eichkätzchen hupfen sorglos von Zweig 


zu Zweig. Und ihr Geist träumt von ihrer ein- 
stigen Heimat dort oben ; sie gedenkt, wie nie 
doch jetzt so elend, so verlassen sei, mul der 
Schmerz versenkt sie in einen liefen, tiefen 
Schlaf . .* Und dann muss er kommen, er 
selbst, der Königssohn, der Dichter. Ruhelos 
irrt er umher uud endlich trifft er sic Im 
Waldesdunkel ; er erkennt „die schlafende 
Königin“ und drückt einen Kuss auf ihre Lippen. 
Nun kommt auch die Lebenslust wieder, das 
Vertrauen und die Kraft. Aus dem Träumer 
wird ein Dichter, der. ein Apostel des Reinen 
und Schönen, seinem Volke Schönheit und Wahr- 
heit bringen will. 

. . Ich hatt’ einen schönen Traum geträumt, 

Der Traum ist jäh zerronnen . . . 

So steigt er mit seiner Braut zu Thal. 

Nun möchte auch ich zu Thal steigen: 
Was mir an Wundtke misslällt, wäre die oft 
ziemlich stiefväterlich behandelte Versform nud 
(bei aller Eigenart, die hier nicht zu verkennen 
ist! seine Anlehnung au Heine. Nicht selten 
verfällt er sogar in s Triviale. Das Beste des 
Buches schienen mir, abgesehen von einzelnen 
Liedern, die mehr als „Talent verraten“, ilie 
„Allegorien“, welche mehr oder minder satirische 
Märchen im Tone unserer braven deutschen 
Fabulisten bringen. Erwähnt seien noch die 
„kleinen Bosheiten“. 

Denn natürlich verfehlt auch er nicht, jenen: 
kunstsinnigen Köuigssohne gleich, unten im 
Thale angelaugt, „strenges Gericht über die 
unreinen Elemente zu halten, welche das Volk 
verführt hatten“, l'nd so erkennt mau in ihm 
schliesslich auch den Satiriker. Das scheint ja 
recht löblich, dass sielt aber Wundtke gemässigt 
sieht u. a. den „Naturalisten“, der „Lazareth- 
poesie“ uud im speziellen dem Dreigestirn 
Zola — Ibsen — Hauptmann kleine Seitenhiebe 
zu versetzen, scheint mir mindestens sonderbar. 

Musste es sein, Herr Wuudtke V 

Wien. Anton Lindner. 


Urania. Gedichte von C. Henri. Dresden und 
Leipzig. E. Picrson's Verlag 1892. > 

In einem seiner Gedichte spöttelt der Ver- 
lasser über die alte Leier, über den Sang von 
Scheiden und Meiden, 

Wo die Tante und die Base 
Ärgernis nicht nehmen d ran 
Und die Mutter bei der Tasse 
Kaffee auch mit reden kann 

und führt uns dann in jene Höhen, wo seihst 
die Grammatik aulhört. Wo der Gedanke nicht 
unklar ist, wird er cs wenigstens durch die 
Form, und, da meistens beides der Fall ist, so 
entsteht eine wahre Prcisrätsclpoesie. Als Probe 
ilic Anfangsstrophen eines clfstrophigcn Ge- 
dichtes 

Erlösung. 

Gewiegt von schmeichelnden Gestalten, 
Geistern warmer Fcneht’ nmwebt, 


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Umflossen von Geldschein-Gewalten 
Zar*, Gebilde aufwärts strebt, 
l'ml wächst nnil wächst mit Jugendkraft. 
Freigeschaffne Form zu füllen ; 

Wie Jugendkraft ilie Welt erschafft, 
Weltgenuss im Sdhstcnthüllcn. 

Auch die Sprache möge selbst gegen sich 
zeugen : 

Philolog. 

I>a sich den Philolog 
Kritisch betilekcln 
Genius hohen Flug 
.Schwächlich vernickeln 
Gcistes-Gold, peinlich buch- 
stäblich entwickeln: 

Kr hebt sich einen Bruch, 

Muss es zerstückeln! 

Das ist nicht etwa Ironie, sonst wäre das 
ganze Buch nichts anderes. 

Johannes Gläser. 


Dies irae und andere Gedichte von Georg 
Schau in bürg. Mit dem l'ortait des 
Dichters. München. Dr. E. Albert ft Co. 
Scparat-Konto. 

Es ist doch etwas Herrliches um die Litte- 
ratur, die jedes beliebige PfüfJlein oder Poli- 
zistchen im Vollgefühle seiner staatscrhal- 
tenden Fähigkeiten einfach mundtot machen 
kann! Wo es Verbote giebt, dort giebt cs 
auch eine anständige Litteratur! Wohin sind 
die Zeiten, wo in unserem sehlappsch winzigen 
Oesterreich noch Litteratur konllskationcn vor- 
kamen! Unsere Calehausdekndenten befassen 
sich viel lieber mit symbolistischen Heimlich- 
keiten und verschmähen es, staatsgefithrlieh zu 
werden. ,Sic haben ülierwunden!' „ Es war zu 
der Zeit, wo ich noch die ganz wilden .Sachen 
schrieb * betont Hermann Bahr häufiger 
als nötig ist. Die glücklichen Münchener, die 
noch verboten werden können! Zu dem präch- 
tigen Oscar Panizza, dem Verfasser der für 
Deutschland konfiszierten „l'nliefleckten Em- 
pfängnis der Päpste*, gesellt sieh nun Georg 
Schaumberg mit seinem Gedichtslrach „Pies 
irac" Ich war auf „Dies irae“ sehr gespannt, 
da mir mein lieber Freund Paul Barsch-Breslau, 
bevor ich noch etwas aus seiner Feder kannte, 
vom „echten Dichter“ Schniimberg schrieb: 

ln der Tliat: eine hervorragende lyrische 
Begabung. Mail lese nur „Auf der Hast " (S. 10), 
.Albumldatt" (S. 50). in welchen Gedichten er 
Töne von recht lyrischer, wohltbuender Weich- 
heit anschbigt, oder das glutvolle , .Seit jener 
Sacht“ (8. 11). 

Höher steht mir noch der Satiriker. Ais 
solcher kommt Schaumlierg gleich nach einem 
Otto Ernst. 

Beide Arten der Satire sind vertreten: Die 
ätzende, spottende sowie die ernsthafte, stra- 
fende pathetische Satire. Er ist ganz der Mann 
im Sinne Conrad's, der begeisterte Kämpe für 
Freiheit und Wahrheit, der rücksichtslos gegen 


| die Pbiliäterci und alle sozialen Gebrechen zu 
Felde zieht und vor dem „Dies irac“, der da 
einmal hcrcinbreehen muss, mit feuriger Beredt- 
samkeit warnt, kurzum ein höchst „gefährlicher", 
„öffentliches Ärgernis“ erregender Mensch. leb 
hebe besonders hervor: „Prozession“ (S. 18), 
„Dichterkrönung“ (8. 28), „Dies irae“ (S. 85), 
den entzückenden „König Schlappschwanz!' Alier 
, ich müsste eigentlich fasst alle Puesieen „bc- 
sonders hervorheben“ Und damit die Sosnosky's 
auch was d'ran zu verdienen haben, sei noch 
der kleinen Unebenheit der äusseren Form (in 
Keim- und Veranlass) gedacht, die sieh in die- 
sem (trotz dem denunzierenden Pfaffen!) Iioch- 
bedeutsainen Werk der Knmpfiuoilerne vorfinden, 
wenn man sie finden will. Dem ausgezeich- 
neten Verlage Albert sei für die schöne Aus- 
stattung inniger Dank gesagt. 

Wien. Karl Kraus. 


Karl Henckell : „Aus meinem Liederbuche“ 

München. Druck und Verlag von Dr. 
E. Albert & Go. Separat -Gonto. 203 

Seiten. Preis brasch. Mk. G. 

Wer sich nicht damit begnügt, seinen Geist 
an reicligebmidener Cotta-Lyrik zu erquicken, 
sondern sich zu der allerdings recht seltenen 
Überzeugung himlnrehgerungen bat, dass auch 
die Gegenwart, ihre Dichter hat und sogar 
Dichter, welche ebenso vollbegründeten Anspruch 
auf Beachtung haben, wie die Prachtband-Cotta- 
Lyriker, der wird auch schon in mancher 
modernen Zeitschrift einem frischen, kraft- 
strotzenden und krafttrutzenden Liede Karl 
Henekells liegegnet und durch die Eigenart 
desselben gefesselt worden sein. Dem grösseren 
Publikum ist der junge Lenzbnrgcr Poet aller- 
dings fremd, denn er meidet die verwässerten 
Familienblättcr. Er ist ein moderner Geist 
und will diesem Geiste auch Ausdruck leiben ; 
das aber können die sebwachnervigen Familicn- 
blätter nicht vertragen. 

Zu Beginn seiner Poetenlaufbabn schloss 
sich Henckell der jüngstdeutsehen Schule an, 
ja er galt sogar wegen der besonderen Ver- 
wegenheit und oft etwas „anrüchigen“ Derbheit 
seiner Sprache lür eins der führenden Häupter. 
Der jugendliche Gischt musste sich erst absetzen. 
Bald aber kam er zu der Erkenntnis, dass 
dtireb das „genossenschaftliche Gcbrülle“ seine 
starke Dichtcrindividualität nur leide, und unbe- 
kümmert um die Anfeindung kleiner Geister 
nahm er von seinen früheren Gefährten mit 
folgenden recht offenherzigen Versen dauernd 
Abschied : 

„Jetzt Imb’ ich's satt. Wohl war ich auch dabei, 
I Joch aus dem Halse bängt mir das Geschrei. 
Nicht dass der Seele frischer Geist verbrannt. 
Nein, nein, der Zukunft weih' ich Herz und 
Hand. 

Indoss geniert sieli meiner Seele Fülle 
Vor dem genossenschaftlichen Gebrülle, 

Der ganze Lärm und Grössenwnhnseandai 
1 Ist mir egal.“ 


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148 


.Nur das Bedeutende nahm ich auf's Korn, 

Doch das (Jcmcine drängte jjü-Ii nach vorn. 

Pie Gcistesunzucht. die euch Sippe schafft. 

Ward — um Verzeihung — schliesslich ekelhaft, 
llulilt, werte Freunde, mit dem Chaos weiter, 

Des l’egasusses lahme l’rosarciter, 

Ich setze filrder (Iber Stock und Stein 
Im Lied allein.“ 

Seinen jetzigen Standpunkt kennzeichnet 
er mit den /eilen : 

„Der Nachtgeist meiner Jngendtago, 

Die zügellose liier entweicht; 

Die pilgermüde Liekesklage 

Hat das gelobte Land erreicht.“ 

Trotz seines Abschwcnkens von der „moder- 
nen“ Schule ist Henekell durch und durch 
modern geblieben ; nur hat er seinen Blick auf 
etwas anderes, als auf die Geschlechtsliebe 
gerichtet, er ist der Dichter der Unterdrückten, 
der sich mühenden und plagenden, der wünschen- 
den und entsagenden Proletarier geworden. Er 
hat wie kein .zweiter Dichter das Lieben und 
Hassen, das Ächzen und grimmige Hoffen der 
armen Unterdrückten geschildert, und wollen 
wir den Genius Hcnckells in seiner ganzen 
Grösse bewundern, so müssen wir zu seinen 
sozialen Gedichten greifen, die uns oft wie ein 
Flammenschwert durch die Seele dringen und 
selbst das ruhigste Blut in stürmische Wal- 
lungen bringen werden. Ich kenne kein modernes 
Gedieht von grossartigerer Wirkung, als .die 
kranke Proletarierin“ ipag. Iti4 der vorliegenden 
.Sammlung). Zwar wird Henekell in seinen 
Gedichten gegen die besitzende Klasse oft un- 
gerecht, zuweilen verletzt er auch recht schroff 
das Gefühl derjenigen, die seinen politischen 
Standpunkt nicht teilen, stets aber merkt man 
seinen sozialen Gedichten an, dass sie mit 
warmem Herzblut geschrieben und keine poeti- 
schen Treibhauspflanzen sind. 

Wenn wir auch die wahre Grösse Hcnckells 
in seinen sozialen Gedichten zu suchen haben, 
so ist doch seine reine Gefühlslyrik durchaus 
nicht bedeutungslos. Auch hier macht sich i 
modernes Empfinden geltend, und oft halten 
wir Gelegenheit, den Geist moderner Naturauf- 
fassung in seinen Versen zu erkennen. Daneben 
entrücken uns prächtige poetische Bilder und 
eigenartige Wortbildungen, welche eine vollen- 
dete Meisterschaft in der Beherrschung der 
Sprache bekunden. Henekell hat ja die deutsche 
Sprache auch durch das Wort .Lockspitzel“ 
bereichert Oft aber macht sich ein jäher 
Stimmungswechsel bei dem Dichter bemerkbar, 
der da zeigt, dass er das seelische Gleichgewicht 
noch nicht gefunden hat. 


Vorherrschend aber ist der Zug kräftiger, 
herzerquickender Lebensfreude, wie sie in den 
Zeilen zum Ausdruck gelangt : 

„So lang meine Seele noch leuchtet und blüht. 
So lange der Geist, mir noch fruchtet und trägt, 
Das wonnige Leben, nicht werd' ich es mild’, 
Der Baum meiner Freude, nicht sei er zersägt.“ 

In dem vorliegenden jüngsten Werke 
Hcnckells linden die Freunde des Dichters leider 
nicht ein einziges neues Gedicht. Das Werk 
.Aus meinem Liederbuch“ enthält nur eine 
Auswahl von solchen Gedichten aus früheren 
Werken des Autors, die nichts irgendwie Ver- 
letzendes in sielt tragen sollen. Da können 
wir nun nicht umhin, dem Herrn Verfasser den 
Vorwurf zu machen, dass er die alten Gedichte 
nicht sorgsam genug kritisch überarbeitet hat. 
Es linden sich itu Verhältnis zu viele Abson- 
derlichkeiten, ja sogar Fehler. Einige Beispiele 
mögen dies beweisen. 

Auf Seite 193 reimt Henekell „Scheibe“ 

| auf „Kreise“. 

Auf Seite 196 singt er: 

.Du alte zerschmetterte Tanne heut 
Mir deinen moosgrünen Kücken.“ 

Es soll sich nämlich etwas auf „heut“ 
reimen ; deshalb darf man aber doch keinen 
grammatischen Fehler machen! 

Auf Seite 8 heisst es: 

„Reine Laute 
Betören mich tiber- 
Allüberall.“ 

Solche Wortzerrcissungen habe ich bisher 
in ernster Poesie noch nicht, gefunden und will 
nicht hoffen, dass sic dort üblich werden. 

Auf Seite 193 „träumt der Baum von 
grünem Sonnen.“ Dies Bild mit den „grünem 
Sonnen“ ist doch wohl etwas zn frei, wenn 
man auch weiss, was der Dichter sagen will. 

Bei uns zn Lande sind Vergissmeinnichtc 
blau und nicht „lilla“ (cf. |ig. 179). 

Sonderbar klingt es wohl auch, wenn der 
Dichter sagt: 

„Ich starrte heftig in den Wellcniluss“ 
ipg. 149) und „Mein köstlich Weih zu sein“ 
(pg. 10) ; ein „köstliches“ Weih besitzt doch 
einen ironischen Beigeschmack! 

Ob sich Wortbildungen wie „schönmädchen- 
nackt“ (pg. 199) einbürgern werden ? 

Das Bild: 

.Und wie der Fisch im Wasser schwimme 
In Deiner Huld ich hochbeglückt* 


„Viel Trauben schwellen an den Reben, (PS- 1?) ist weder besonders schön noch ver- 

(Jelb runzelt sich das Lindenblatt; stündlich. 

So quillt und welkt mein Erdenleben, Geradezu grotesk wird Henekell alter an 

SaftüberflUlt und sterbensmatt,“ folgenden Stellen: 


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140 


.Wir Schatten tanzen aut Deinem Leib 
Wie Elefanten zum Zeitvertreib 
Auf einer Lotosblüte' (pg. 12X) und 

.Sie (die Seele nämlich) schwimmt so leicht 

wie ein Stflckchen Ziinmt, 
So zart, wie Venus Cythcre* (pg. 109.) 

Der von mir hoehverelirto Dichter wird 
zngelum müssen, ilass er die hier hervorge- 
hobenen Stellen hei einiger Selbstkritik leicht 
hätte vermeiden können. Hoffentlich wird er 
mir we^en des Hervorhebens derselben nicht 
(trollen und nun nicht auch ton mir saiten. 
dass ich ihn .mit ]dum|!cm Rüssel schnU|>iicrnd 
untersucht“ hätte (cf. pg. Sl). Das Fehler- 
schnülTeln liegt mir fern ; ich will nur den 
Autor auf einige Mängel aufmerksam machen, 
die ui c i n c s E r n c h t e n s seinem schönen Huche 
noch anhaften. 

Die Ausstattung des Werkes ist die denk- 
bar beste ; es dürfte sich seines Inhaltes und 
seines Aeussern wegen vorzüglich als Geschenk 
auch für Damen eignen. 

WcIlburK a. d. Lahn. Gustav Adolf Erdmann. 


Himmel und Erde. Dichtungen von Wilhelm 

Ktiland und Laurenz Kiesgen. 

Leipzig. Robert Clanssner 1893. 

Die Epik, wie atteh die episch-lyrischen 
Jiixta cotnposita; Ballade und Romanze sind 
ans der deutschen Dichtung so gut wie ver- 
schwunden. Die zumeist vom Wind der Phrase 
gebauschte Hochflut grell-sensationeller Stim- 
mungs-Norvosismen und neurotischer Pntschuli- 
Dekadcnzpflanzreisseteien scheint diese Kraft- 
äusserungen selbstherrlicher Individualität, ur- 
wüchsiger Sinncsrichtnng. welche gowissermasson 
I lamme bildeten gegen alles Schlaffe. Apatische, 
Inadäquate, mit Stumpf und Stiel ausgetilgt 
zu haben. Des Gedankens, oder besser: der 
intimen Stimmung Blässe, das poetische Gigerl- 
tum hatte leichtes Spiel mit der Wegräumung 
des Robusten, zumal dieses nur scheinbar von 
Kraft strotzte, in Wirklichkeit aber auf der 
Etappe zur Dekadenzmcicrci begriffen war. Seine 
Wurzeln steckten schon tief im Sande der Rheto- 
rik, statt des rauhen Eisenhemdes umgaben es 
die wollüstig-weichen Falten des Pathos und 
an Stelle des wuchtigen Zweihänders schwang 
es einen Spazierstock mit raifiniert -ausgc- 
sebnitztem Elfenbeinknopfe. Man vergleiche die 
episch-lyrische» Dichtungen eines Bürger mit 
denen eines Schüler und Goethe — dort unbe- 
stimmtes Zwielicht, atemlose Hast, sprachliche 
Inkorrektheiten, hier sonniger Tag. behagliche 
Breite. Formvollendung, dort Natur, hier Kunst. 

. . . Von den Epigonen sind die meisten den 
„Klassikern" gefolgt, so (’hamissu, I’laten, | 
Freiligrath, Lcitner. Seidl, Geihel. I.ingg. Schack, 
Vierordt u. a„ zum grossen Teil auch Uhland. 
Die Mitte zwischen Natur und Kunst halten 
Dahn. Möser. Hertz. Wildenbruch und Jcnsen. 
Das Erbe Bürgers haben nur zwei deutsche 


Dichter angetreten : Der leider früh verstorbene 
(iraf Strarhwitz und Theodor Fontane: — dieser 
ist cdine Frage der bedeutendste Balladcndichtcr 
der Gegenwart und vielleicht auch der letzte, 
der diese Dichtungart pflegt, denn die jüngeren 
und jüngsten Singvögel im deutschen Dichter- 
walde liehen nur das Salonfähig-Glatte, Kon- 
ventionelle: Die einen verzehren sich in fieber- 
hafter Ncrvenznpferei, die anderen schwelgen in 
ebenso rückgrat loser, aber unendlich widrigerer 
Blaublllineleinpoesicprosn. Dort und hier Phrase*). 
— Ein Büchlein mit episch-lyrischen Dichtungen, 
wie das vorliegende, berührt darum doppelt an- 
genehm. Im allerungttnstigsten Falle besitzt es 
doch eine eigene Physiognomie und atmet fri- 
schere Luft, was heutzutage nicht zu unter- 
schätzen ist. Himmel und Erde enthält weit- 
aus historische in Balladen und Romanzen ver- 
arbeitete Stoffe. Vor allem erwähne ich „Das 
Abtlein zu St. Gallen" (v. I,. Kiesgen), das von 
Kraft im Ausdruck zeigt, hie und da ist. noch 
etwas Schablonenhaftes. Gleiches gilt von „Die 
Hosen des Herrn Erich (von Kuland). Der 
Chronikstil ist sehr gut verwendet in „In billiger 
moiren nacht“ (v. Kiesgen), ans dem 1. Teil 
erwähne ich noch „Der Henker von Zürich“ 
(v. Kuland). Die Gedichte „Im Galopp“ und 
„Der Spielmann von Neuenahr" hätten ohne 
Schaden wegbleibcn können. Der II. Teil ent- 
hält „Geistliche Dichtungen“ voll inniger 
Frömmigkeit. Etwas stofflich forciert scheint 
tler Soncttenkranz um die „Maienfestc" (von 
Rulandt, besonders angesprochen hat mich „Die 
Geisterharfe!' Die Autoren sind, wenn mich 
nicht alles trügt, noch jung, dass sie aber etwas 
leisten können, beweist das Buch, der gährendo 
Most lässt guten Wein erwarten. Vivat seqnons! 

Wien. Ottokar Stauf von der March. 

Ein Testament. Aas den hinterlassenen Papieren 
eines Componisten von Hans v. Bascdo w. 
Verlag der Münchener Handelsdruckerei 
und Vcrlogsanstalt M Poessl. 

Eine geniale Lebenssymphonic, zusnmmen- 
gefiigt aus hiinmelhorhjaurhzendeu Lichcsak- 
korden, aus wilden, weltanklagenden Schmerz- 
solfcggien, ans todestrüben Trauerweisen! Eine 
fast verzehreude Leidenschaft durchflutet das 
Buch und umarmt uns beim Lesen, ilass man 
nicht los kann, bis die letzte Seite überwniiden 
ist. Ja. es ist ein starkes Bnch, aber es ver- 
langt auch starke Leeer, nervenstark und 
willenserhaben und frei von der Moral der 
Alltäglichkeit. Familicnblattlescr werden schon 
nach ein paar Seiten schamentrüstet ans der 
Haut fahren und cs in die Ecke werfen — oder 
es heimlich nach wurmstichigen Früchten wollnst- 
scliwanger dnrehstöbern. Gewiss hat dieser 
Künitlerroman, seihst wenn man ihn mit dem 
Massstalje einer freien Antiheekmcsserkriiik 
misst neben Goldkörnern auch viele, viele 


•> So llist verständlich hat das auf die koz. Lyrik 
eines llenckell, die refleet. eines Ernst und die intime 
stimininiKMK'i'Me eines I.iliencron u. a. keinerlei Besag. 
Da ist Mui k, Energie im Stoff sowohl, als in der Form. 



Schlacken, aber als Ganzes betrachtet, er- 
scheint er als eine künstlerische That. Der 
knapp bemessene Kaum ilieser lililtter versagt 
es mir, ilen Human bis in seine Kinzclheiteu 
auseiuauderznlegeu — nie es ilie Tagesblätter 
tlrnn. mit dem Publikum Lektüre und Kauf 
zu ersparen. Den Mittelpunkt des Werkes 
bildet die Liebe eines Componisten und einer 
Kellnerin, zweier reich angelegter, für einander 
geschaffener, aber vom Giftstachel der Welt- 
iuural bis in's tielinncrste Mark verletzter 
Naturen: Die Liebe lässt sie den Schmerz über- 
winden, aber die falsche heuchlerische Welt 
streut doch das tütente Gift in den Becher des 
Glückes. Wie hat es nun der Verfasser ver- 
standen, die Gefühls- und Charakterwelt seiuer 
Personen mit dem Spiegel der Psychologie bis 
in ihre verborgensten Tiefen hinab zu beleuch- 
ten! Er cisciiert die Empfindungen mit der 
peinlichsten Genauigkeit und zeigt sieb in seiner 
Seelenanalyse als der geistesverwandte Fretuid 
des unglücklichen Conradi. Wie suggestiv 
zwingt er uns in die Seclenstände der Personen 
hinein! Mancher wird dem Verfasser vorwerfen, 
seine Figuren seien Bahr'sche Fin de siecle- 
Menschen : gewiss geherden sie sieh bisweilen 
so, aber die frische Herbheit und Rauhheit 
einer gesunden Natur kommt immer wieder zum 
Durchbrach, und schliesslich heilt die Liebe da* 
von des Zweifels Blässe Angekränkelte ihres 
Wesens. Entschieden verdammen muss man 
ilie hin und wieder eingestreuten, hässlichen 
Tintenflecke einer extrem-naturalistischen Ans- 
dracksweise, die in vielen Fällen ganz un- 
natürlich, gesucht erscheint, l’ud noch eins: 
Wie kommen die schlechten Gedichte mit dem 
leeren Keimgeklinge! in das so vorzüglich ge- 
schriebene Buch ? Trotzdem bleibt es aber ein 
gewaltiger, hiureisseuder Seelenkilndcr! 

Grosszschochcr. Wilhelm Schindler. 

Alfred Friedmann. Die Danaiden. Roman. 

Mannheim. Jf. Beusheiiucr's Verlag 1893. 

Preis geheftet f> .ff. eleg. gebund (> .H — 

Die Heckenrose. Roman. Verlag von 

Kusenbaum & Hart, Berlin 1893, 

Diese beiden Romane bilden endlich einmal 
wieder eine wirkliche Bereicherung unserer 
deutschen Romaulitteratur. Es ist keine Unter- 
haitungslektüre im gewöhnlichen Sinne des 
Wortes, sondern es sind tiefempfundene und 
echt künstlerisch ansgestaltete Schöpfungen eines 
wahren Dichters. Alfred Friedmann hat 
in seinen früheren Romanen bereits treffliche 
Proben seiner hervorragenden Begabnng als 
Romanschriftsteller gegeben. Ein Vergleich 
mit den früheren Schöpfungen „Schnell reich", 
..Zwei Ehen“ und den in der Reclamschen 
Universalbihliothek veröffentlichten Novellen 
beweist, dass der Dichter fortgesetzt in seinem 
künstlerischen Schaffen gestiegen ist. Die beiden 
vorliegenden Romane sind grundverschieden in 
ihren Stoffen und damit, — das scheint mir ein 
besonderer Vorzug zu sein — in ihrer Technik. 

In den „Danaiden" wird uns das vergebliche | 


Ringen nach einer ersehnten Lebensstellung 
im Kampfe ums Dasein ohne besondere welt- 
schmerzliche Anwandlungen mit grosser Wahr- 
heit in der Schilderung der Charaktere und 
Handlungen vorgefiilirt. Mit besonderer Fein- 
heit ist der Charakter des Dr. Leuch tenfels 
bis zu jener Stufe gezeichnet, wo auch er die 
„Grenzen der Menschheit“ kennen lernt. Zn 
dem Romane „Heckenrose' 1 hat sich der Dichter 
nicht ein Weltpioblem zum Vorwurfe gewählt, 
sondern mehr ein rein psychologisches Thema 
dichterisch gestaltet. Die Liebe eines geistig 
hochstehenden Mannes zu einem echten, einfachen 
Naturkunde wird in all’ ihren Stadien, in all 1 
ihren Conflikten mit ausserordentlicher Fein- 
heit gczeichuet. Mit grosser Wahrheit hat 
der Dichter auch das jeweilige Lokalkolorit 
wiedergegeben, sei es nun eine deutsche Stadt 
oilcr seien es die Prairien Südamerikas, in die 
uns der Romancier führt, Alfred Fried manns 
Hnuptstürke liegt auch in diesen beiden Romanen 
in der lebenswahren Zeichnung der Charaktere. 
Es wird kein Leser ohne eine Fülle von An- 
regungen diese Bücher aus der Hand legen. 

Bremen. Erich Bardewiek. 


Athur Holitscher. .Leidende Menschen“, No- 
vellen. Dresden und Leipzig, E. Piersons 
Verlag. 1893. — 

Der vierandzwanzigjahrige Verfasser, zur 
Zeit Beamter in Budapest, führt uns hier sechs 
tiefergreifende Bilder vor Augen, wovon jedes 
eine andere Art seelischer Marter behandelt. 
Die Entscheidung würde mir, wenn ich unter 
dem halben Dutzend das unbedingt beste Stück 
auszmvählen hätte, thatsächlich schwer lallen. 
Der geist- und gemütvolle Erzähler fesselt des 
Lesers Interesse durchweg im höchsten Masse. 
Seine Stoffe sind dem heutigen Gcsellschafts- 
lcbcn entnommen, nn dessen krankhaften Er- 
scheinungen sich Holitscliers psychologische 
Sezierkunst erprobt. Und wahrlich: unser Autor 
verfügt über eine Gründlichkeit der Menschen- 
1 kenntnis. über einen Reichtum an eigener Er- 
fahrung und über eine Schärfe des Urteils wie 
wenige Schriftsteller seines Alters. Dabei ist 
sein Styl, von einigen Flüchtigkeiten und 
absonderlichen Wendungen abgesehen, ein ge- 
wandter mul durch ungezwungene Eigenart 
packender und fortreissender. Das auch äusscr- 
iicli gut ausgestattetc Büchlein, dessen Preis 
leider etwas übermässig hoch angesetzt ist, — 
er beträgt bei einer Stärke von 8 Druckbogen 
i Mark. — sei jedem Freunde der modernen 
Litteratnr bestens empfohlen; wer von Vorur- 
teilen frei ist, wird es nicht ohne Genuss zu 
Ende lesen. Des teilnehmenden Entgegenkom- 
mens der bekannten knieratschenden Fraubasen- 
tugend und der nicht minder bekannten eng- 
herzigen Zoplgclchrsauikcit werden sich diese 
.Leidenden Menschen" allerdings wohl kaum 
erfreuen dürfen; alter darauf hat 's der talent- 
volle Dichter auch gewiss nicht abgesehen. 

Strassburg. Christian Schmitt. 


151 


Auf buntbewegten Gassen. Novellen und Bilder 
von Kiehanl Erfurtb. Dresden und 
Leipzig, l’iersons Verlag IK92. 

Der Name des Verfassers ist mir zum 
ersten Male in Nr. H der -N. 1. Bl." begegnet. 
Sein dort abgedrucktes Gedieht . Frühhngs- 
uinhnen* hat mir nicht übet gefallen, besonders 
hat die letzte Strophe einen bleibenden Ein- 
druck hinterlassen Dasselbe kann ich von den 
Novellen und Bildern Uicbard Erfurths sagen. 
Der Titel sagt uns, wo der Verfasser seine 
Beute gefunden und beobachtet hat. Als echter 
l’oet greift er in das bunte Treiben des Lebens 
und nimmt die Stoffe, wo und wie sic sich ihm 
bieten. Da giebt es keine i'bertrcibung, keine 
Schminke, keine Lilge \ Als besonders gelungen 
möchte ich die Erziihlnng „Endlich gefunden“ 
bezeichnen. 

Als Erstlingswerk ist das Buch freudig zu 
begriissen; dem Verfasser ein Glückauf zu 
weiterem Schaffen! 

Hamburg. Emil Möbls. 


Otto Julius Bierbaum. Stndentenbeichten. Mün- 
chen. Dr. E. Albert & Co. 1.50. 

„Und nun ergreift mich ein unabänderliches 
Verlangen, wieder einmal zwischen dunkclroten 
Mützen zu sitzen und zu singen : Es blühen 
«lie Kosen im Tliale . . . .“ rief Bierbaum einst 
in der .Gesellschaft“ aus, als er einen „philo- 
sophischen Brandfuchs“ abgekanzelt, der das 
— Äh Bäh — Gigerl als Typus des Korps- 
studenten hingestellt hatte. In den „Stndenten- 
beichten“ giebt Bierbaum nun seine eignen 
Erfahrungen und Beobachtungen unter lse- 
mUtzteo und unbemützten Studenten zum besten. 
Er bleibt nicht an der Oberfläche, deren schil- 
lernder Schein als Staffage sieh so hübsch in 
liomanen verwerten licss, sondern er taucht 
tief hinab und beleuchtet z. B. in der Skizze 
„der Negerkomiker“ den Sumpf der Vcrburn- 
nielung und Verführung, in dem so mancher 
schon stecken blieb. 

Die Beichtbriefe, die der Assessor über die 
letzte Musterung seiner Billets doux und der 
eifersüchtige Liebhaber von der Festung schreibt, 
die poetischen und prosaischen Ergüsse, in 
denen der Jurist Colline seinem Entzücken 
Uber das prächtige Waschermadl Ausdruck 
giebt, würden bei den betreffenden Herrn Papas 
wohl nicht allzu freundliche Absolution timlcn. 
und die Moralisten beiderlei Geschlechts werden 
die Hände ühcr'm Kopf zusammenschlagcn und 
Anathema rufen, aber die Schilderungen sind 
wahr, voll warm pulsierenden Lebens und ge- 
sunder Sinnlichkeit, burschikos und Hott im 
Ausdruck, da und dort eine kleine Dosis Katzen- 
jammer und Sentimentalität. — Das blanke 
Waffenspiel kommt in der kleinen Parodie .die 
erste Mensur“, zur Geltung. Für Freunde ern- 
sterer Contrahagen gieht s in Skizze Nr. 2 ein 
Pistolcnducll. Bierbaum erhebt natürlich nicht 
den Anspruch, mit seinen Skizzen ein allgemein 


gütiges und erschöpfendes Bild des heutigen 
Studentcnlebcns gegeben zu haben, aber falls 
einmal die Naturgeschichte de« deutschen Stu- 
denten geschrieben wird, dürften sic als Bau- 
steine willkommen sein. 

Die Worte: „Erstes Tausend“ auf dem 

Umschlag verraten die Hoffnung auf weitere 
Taugende abgesetzte Exemplare. Nun, Deutsch- 
land hat in diesem Semester ca. 20000 Jlitsen- 
siiltne auf seinen Hochschulen, und das schmucke 
Wapiien mit dem Paukanten in Auslage und 
dem pfeildurchbohrten Herzen, das Franz Stucks 
Palette beigesteuert, wird manchen Blick auf 
sieh ziehen. 

Leipzig. Heinrich Slümcke 

Indivi. Ein absonderlicher Reisebericht von 
Wilhelm Bode. Bremerhaven und 
Leipzig. Verlag von Chr. G. Ticnken. 

Der Verfasser verlegt sein Wunderland, in 
I welchem er seine ethischen, moralischen und 
] sozialen Anschauungen verkörpert verführt, 
mitten in die Lüneburger Heide, und die Zeit, 
in welcher ein solches Idealland zu finden ist, 
in die Gegenwart, Die Bewohner dieses Landes 
sind glücklich in jeder Beziehung, einmal, weil 
sie körperlich und geistig zu einer gesunden 
Natürlichkeit zurückgekehrt sind, und dann, 
weil der rohe Egoismus, der heute die wirkliche 
Welt regiert, in Indivi keinen Platz finden kann. 
Jeder lebt in der weitesten persönlichen Freiheit, 
einzig und allein soweit beschrankt, als die 
persönliche Freiheit des Nächsten nicht lieein- 
trächtigt w ird. Und das ist wohl der Kernpunkt 
der treulichen Idylle — denn so möchte ich 
das Werkelten lieber benennen — dass die 
Menschheit unendlich viel glücklicher leben 
könnte, wenn der gesunde Familiensinn, der 
vom Verfasser mit voller Innigkeit geschildert 
wird, wieder erwacht und mehr gepflegt wird, 
und wenn der abscheuliche Egoismus, die wahr- 
haftige Erbsünde der Menschheit, zurücktritt. 
Wenn auch so nicht alles gebessert werden 
kann — und das wagt auch gewiss der Ver- 
fasser selbst nicht zu hollen — so könnte doch 
unendlich Vieles besser werden und sein. 

Das Werkelten gehört zu den Volksbüchern 
im besten Sinne des Wortes, denn es unterhält. 
' belehrt und bessert zu gleicher Zeit und zeigt 
uns Lebensverhältnisse, die in mancher Beziehung 
erreichbar sind, wenn wir sie nur wirklich er- 
reichen wollen. 

Bremen. Dr. Karl Bornhard. 

Gabriele von Biilow. (Siehe auch unter ,,Littcr. 
Neuerscheinungen.) 

Die Lebensbeschreibung bedeutender Mcn- 
I sehen enthält stets eine innerlich fördernde Lek- 
türe. vorausgesetzt, dass sie eingehend und ver- 
ständnisvoll dargestellt wird. Als uiustergiltig 
in dieser Hinsicht muss die Biographie von 
Humboldt*« Tochter Gabriele. Gemahlin des Ge- 
| sandten von Biilow, hervorgehoben werden. 


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152 


Aus den nachgelassenen Briefen ihrer berühmten I 
Eltern und ihren eigenen Erinnerungen ist im ] 
Verlag der Hofliiichhandlnng von Mittler & Sohn 
s« eben ein höchst wertvolles Buch, sehr schön 
ausgestattet, erschienen. Es enthält die Fami- 
liengeschichte von Wilhelm von Humboldt, seiner 
(•euinhlin, geborene Caroline von Dachröden. 
seiner Kinder und Enkel Zugleich entrollt 
sich darin eine Darstellnng der historisch- 
|Hdi tischen Zustände der Zeitläufte im Beginn 
dieses Jahrhunderts. Jede Andeutung darüber 
ist lehrreich und zugleich unterhaltend. Auch 
das ltciselehcn des Ehepaares Humboldt, wel- 
ches im Anfang ihrer Ehe stattfand und bis 
nach Spanien sich ausdehnte, bietet interessante 
Kapitel dar. Der Aufenthalt in Italien, nament- 
lich in Rotn, enthält reiches kunstgeschichtliches 
Material und Schilderungen des Hoflebens, Das 
individuelle Interesse der Biographie konzentriert 
sich aber doch um Wilhelm von Humboldt und 
seine Gemahlin. Er giebt über diese merk- 
würdige, vielbesprochene Frau, die so ungerecht 
von ihren Zeitgenossen behandelt wurde, einige 
sinnige, schöne Aussprüche, die hier mitgeteilt 
zu werden verdienen: .Seitdem ich wieder in 

Deutschland hin. wo ich so vielen Frauen be- 
gegne. fühle ich, dass Du einzig bist, dass so 
viel .Selbständigkeit, so viel Liebe, so viel tiefe 
Grösse und so viel himmlische Weiblichkeit nir- 
gends zu linden sind, als bei Dir. Dass Du hei 
Deiner Treue, hei dem einfachen Beschränken 
auf den häuslichen Kreis, hei dieser Liebe und 
dieser Lust an dem Beschäftigen mit dem Klein- 
lichen und dabei doch den freiesten Schwung 
des Geistes und der Phantasie, ja die vollkom- 
mene Freiheit des Herzens bewahrst, das muss 
ich an Dir immer wieder bewundern ! Dass die 
Wolzogon sich also nicht mit Dir vergleichen 
lässt, wirst Du mir nun wohl glauben!“ So 
sagte Humboldt. 

Ülicr das Äussere schrieb er begeistert an 
seine Tochter Gabriele: .Das Gesicht war so 
unendlich schön, ganz seelenvoll und hatte etwas 
so tief Menschliches, nur ihr Angehöriges:’ Der 
befreundete Maler Wach hatte nach dem Tode 
ein sehr ähnliches Bildnis von ihr entworfen, 
welches sie in der Mitte des Lebens darstellt 
und den Kopf trotz des nahenden Alters noch 
in seiner .Schönheit wieilergiebt. Der trauernde 
Gatte liess davon durch l 'anova’s Meisterhand 
in Marmor die geliebten Züge narhbilden. Am 
2(5. März 1821t starb Frau von Humboldt und 
am 8. April 1885 folgte ihr der Gemahl in den 
Tod. Beide fanden in Tegel ihr Grab. Es ist 
ein vielgefeierter Wallfahrtsort der gebildeten 
Welt. 

Berlin. Fr. von Hohenhausen. 

Henri Gartelmann. Sturz der Methaphysik als 
Wissenschaft. Kritik des transscenden- 
talen Idealismus Immanuel Kants. (Ver- 
lag von 8, Fischer. Hofbuchhnndlung, 
Berlin 1S!)8. Preis 7 Mark.) 

Gartelmann. der kühne Angreifer des Aristo- 
eles (vcrgl. seine Dramatik in gleichem Verlage) | 


tritt hier in seinem neuen Werke als Gegner 
Kants auf. um in dessen transscendcnlalen 
Idealismus Bresche zu legen, hei welcher Ge- 
legenheit auch Fichte und Schopenhauer an 
passender Stelle ihr Teil abbekommen. Gartel- 
mann ist nicht der erste, welcher die blöden 
Stellen des .grossen Chinesen von Königsberg“ 
(Nietzsche) beleuchtet, aber ich kenne kein Werk, 
in welchem dies eingehender geschähe, als in 
dem vorliegenden. Mit unverkennbar dialek- 
tischem Geschick unterwirft der Verfasser die 
Grundlagen der transzendentalen Ästhetik (die- 
sen Teil der Kant’schcn Kritik der reinen Ver- 
nunft nimmt er von einer durchschlagenden zer- 
setzenden Kritik, und indem er die Äprioritäts- 
tlicsen Kant s, die daraus gezogene Scheidung 
vom „Ding an sich" und „als Erscheinung“, 
seine Auslegung der analytischen und synthe- 
tischen l’rtcile, die behauptete Notwendigkeit 
und apodiktische Gewissheit und Allgemeinheit 
mathematischer Satze als haltlos nachweist, ent- 
zieht er einer „Metaphysik“ den Boden. Den 
Hauptinhalt seiner kritischen Untersuchungen 
stellt der Verfasser gewissermassen ausgekernt 
in einer „Schlussbetrachtnng" zusammen, wobei 
auch ein interessanter Exkurs über das Wesen 
der Kunst seine Stelle tindet. Die Anlage des 
Werkes ist höchst praktisch. Es wird immer 
zuerst der angegriffene Kant’schc Text in latei- 
nischen Lettern gegeben, worauf mit augen- 
fälligem Alistand die kritischen Auslassungen 
Gartelmanns folgen; hierdurch wird eine grosse 
Übersichtlichkeit erzielt und das Studium sehr 
erleichtert. Die Schreibweise ist frisch und 
leicht verständlich und hält sich frei von philo- 
sophischer Dunkelheit. 

So macht das ganze Werk den Eindruck 
eines klaren, spekulativen Kopfes. Getragen 
von dem Geiste wissenschaftlichen Freimuts ist 
[ cs eine Quelle ersten Ranges zur kritischen Er- 
1 kenntnis des transscendcntalen Idealismus Kaufs 
und sticht so wohltimend ah von gewissen an- 
dern philosophischen Erzeugnissen kritischen 
Autoritätsglaubens. 

Leider verstauet der Zweck der ,,N. I. Bit* 
keine nähere eingehende Kritik; so mögen diese 
kurzen Bemerkungen genügen und Veranlassung 
gehen zttm Studium des Buchs. 

Zürich. Dr. W. Bol/.a. 

Kurt Baecker. Die Volksunterhaltung vom 
sozial-politischen Standpunkte Erstrebtes 
- Erlangtes — Erwünschtes. 18! 18. Verlag 
der Deutschen Schriftsteller -Genossen- 
schaft. Berlin. — Preis Mk. 1,80. 

Das ist ein Buch, das jedem wahren Volks- 
freunde aufs wärmste empfohlen werden muss. 
Mit grosser Sachkenntnis und Lielie für den 
behandelten Gegenstand geschrieben, giebt der 
Verfasser eine Reihe anregender und frucht- 
barer Gedanken, die es verdienten, von einer 
jeden Stadtverordnetenversammlung aufs ein- 
gehendste erwogen zu werden. „Helfet, gebildete 
und opferfällige Männer und Frauen! Schaffet 
gute, erlichende Volksunteriialtungen!* Das ist 


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153 


der eindringliche Kal des Verfassers. Möge er / Vor einigen Jahren hat sielt in Berlin NO. 
im deutschen Beiclte nicht nngchört verhallen, /vielte Königsir. No. 31 ein Verlag aufgethan. 
Dein prächtigen, gut ansgestatteten Buche aber * der allwöchentlich ein Blättchen „Splitter“ er- 

wünsehc ich die Verbreitung, die es seines ge- scheinen lässt, in diesem von den Herren Hr. 

diegenen Inhaltes wegen verdient. Jeder Leser, Benard Lehel und Maximilian Böttcher redi- 

der bisher der Volksunterhaltungsfragc fern gierten Organ .für Humor und Unterhaltung - 


stand, wird nach der Lektüre dieses Bnchos 
gewiss begeistert nach Kräften zu einer Ver- 
wirklichung der angeregten Vorschläge mit- 
wirken. Her daraus entspriessende Segen aber 
wird ein ungeahnt herrlicher sein. 

Br. F. H. 

Das Land. Nr. 12, Zeitschrift für die sozialen 
und volkstümlichen Angelegenheiten auf 
dem Lande (Verlag von Trowitzsch & Sohn 
in Berlin i enthält : 

Die litmlliclii'ti Du rMienskasson -Vereine nach 
Raiffeisen. Von Dr. Engen .lauter. !. — I>«*r Zu« vom 
Lamle Von lleinmh Sohnrev- 4 „Der Oberförster 
schüttelt den Baum! 1 - DerLatnlprediger. — l’ mach au : 
Prinz Ludwig von Bayern. - Eine mächtige Bewegung. 

- Verarmung. der Grundbesitzer. — Landwirtsclialts- 
kninniem - LMmt das bäuerliche Erbrecht. f iter 
die inneren Wanderungen. - Die Sacbaengängerei. — 
Bentengiitor und Ansiedelimgttstellen. — Eine neu« 
vegetarisch« Obstban-Kolonie, Ausartung einer Sitte. 

— I.ilterariselie Erscheinungen: Niederdeutsche Sprich- 
wörter und volkstümliche Redensarten. Der ländliche 
Persunalkrcdit. Unter der Dorflinde: Wie in 
der Lüneburger Heide lloehzeit gefeiert wird. Von 
11 VVaigand (Northeim i. H.) — Spälte. — Briefkasten. 


Musterverleger. 

(Ein Beitrag zur Würdigung gewisser Schaden im 
litterarischen Leben dei Gegenwart-.) 

Es giebt in unserem litterarischen Leben 
Vorgänge, welchen das Verdienst gebührt, aus 
dem Schatten ihrer jeweiligen Einsamkeit näher 
in das Licht der Öffentlichkeit gerückt und 
dort den hellen Sonnenstrahlen des Hechts und 
der Wahrheit ausgesetzt zu werden. Man 
findet in unserem schöngeistigen, viele Talente 
erzeugenden Vaterlande leider noch immer Ver- 
leger. denen die Werke, namentlich jüngerer 
Autoren nur .die melkenden Kühe 1 “ sind, .die 
sie mit llntter versorgen". Her Wert des 
litterarischen Erzeugnisses kommt dabei gar- 
niclit in Betracht für sie. Wenn der Autor 
die Herstellungskosten beglichen, ist er für sie 
völlig gleichgültig und Autor und Werk sind 
dem Schicksal der Vergessenheit anheimge- 
geben. 

Mag.es nnn immerhin für einen Verleger 
hei der Überproduktion geistigen Schaffens von 
grösster Wichtigkeit sein, die Krage zu erörtern, 
oh das angebotene Werk einen materiellen 
Nutzen überhaupt verspricht, ob es als ewiger 
Ladenhüter seine BQcherhalle zieren oder schnell 
durch die Hände des Publikums wandern werde, 
— verpflichtet wird er jedenfalls sein, seine 
Verbindlichkeiten dem Autor gegenüber zu er- 
III Men. 

In welcher Weise letzteres geschieht, mag 
ans einem Kalle erhellen, der ganz besondere 
Beachtung verdient. 


werden den Einsendern des besten Gedichtes, 
liiitsels tt. s. w. namhafte Geldbeträge in sehr 
bezeichnender, marktschreierischer Weise nnge- 
| priesen. Natürlich verfehlt diese Art von Köder 
ihre Wirkung nicht in einer Zeit, wo die Kunst 
„nach Brot zu gehen - gezwungen ist, wie 
kauin jemals. In jeder Nr. Ser „Splitter“ prangt 
j denn auch in grossen Leitern der Name des 
! Glücklichen, der einen 20 51- (Hier gar 50 JL- 
l’reis sich errungen hat. Wie nun aber der 
bctreflendc Preisgekrönte zu seinem Geldbe- 
träge kommt, bedarf freilich einer Erläuterung. 
Beispiele erhärten, dass diese vom „Splitter" 
ausgeschriebnen Geldsummen weder durch 
eine wiederholte Bitte, noch durch 
eine Mahnung, ja nicht einmal durch 
einen Postauftrag zu erlangen waren. 
Bicses biedere Verhalten des gekennzeichneten 
Berliner Verlages und seine Gesinnungsweisu 
kann jedes Kommentars entbehren. Das ganze 
ehrenhafte (jebahren des Verlages des „Splitter“ 
kann alicr nocli weiter beleuchtet werden. Mit 
äusserst günstigen Versprechungen ist derselbe 
bereit, stets für das Interesse des Autors cin- 
zutreten und es nach jeder Richtung hin zu 
wahren. Selten wir nun, wie das geschieht ! 

Kür einen ganz enormen Preis, der für die 
Herstellung des betreffenden Werkes gezahlt 
wird, erhält man ein mit schlechtem Papier 
und Druck ausgestattetes Buchexemplar, das 
in keiner Weise im Einklänge zu den gemach- 
ten Versprechungen stellt. Dem Antor wird 
der Reingewinn abzüglich einer kleinen Provi- 
sion von 25“'(> für den Vertrieb zugesprochen, 
und so wiegt sich der junge, ahnungslose 
Littcrat in kühnen Hoffnungen. Wie gestaltet 
sich nun aber der Vertrieb? Abgesehen von 
den Anzeigen int Organ der beiden Berliner 
Biedermänner, thut der Verlag in keiner Weise 
etwas im Interesse des Autors. Ja, er hält es 
nicht einmal für nötig, Rezensionsexemplare 
zu versenden oder auf eine Anfrage tiin zu 
antworten. Dabei hat Herr Dr. Lehel die Stirn 
zu schreiben wörtlich wie folgt: „Wir sind 
dem jungen Dichter nicht nur Verleger, sondern 
auch Bundesgenossen im schweren Kampfe, den 
nlle ausnahmslos durchzukämpfen haben“. — 
Von diesem Vertrieb „nach bestem Wissen und 
Gewissen“ tiiesst dem bedauernswerten Autor 
ausserdem nicht ein Heller in seine Tasche, 
wolern er nicht seihst energisch den Verkauf 
seines Buches bewirkt. 

Dieses zur Charakteristik des Verlegers 
der „Splitter" Berlin NO. Nette Königstr. Hl, 
dessen Verhalten vor das Komm der öffent- 
lichen Meinung gehört. 

Wir sind weit entfernt, in die Rechtlichkeit 
des deutschen Verlagswesens Zweifel zu setzen, 
fühlen aber die Notwendigkeit, auf einen Krcbs- 


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154 


schaden in unserem literarischen Handel und 
Wandel aufmerksam zu machen nnd im Inter- 
esse aller, namentlich jüngerer Talente, eine 
dringliche Warnung laut werden zu lassen. 
Zu näherer Auskunft sind gern bereit: 


Laurenz Kiesfren, 

Uastc r 1». Bedburg, 
Rheinland. 


Christian Schmitt, 

Strass bürg i. K 
Schildgassc 7. 


Johannes Krüger 

Schriftsteller in Kiel, 
Brunswickcnttrasse 54. 


Walther Meinzer, 

B :i men 
Mittelstrasee 45. 


Ewald Müller, 

( ' o 1 1 h II * 
Kar Ist lasse ml. 


Otto Elsermann, 

Sekretär u. Kassen* 
Assistent in Suraii N. L. 
Kl.Kirchstras.se S, 1. 


Literarisches Wegelagertum. 


schweige!“ muss die Losung sein. Bis dahin 
mag man. hei Kritiken ohne Unterschrift, sofort 
suppliereu : Gauner. Das Gewerlie mag Gehl 
einhringen. alter Ehre bringt'« nicht ein. Denn 
liei Angriffen ist Herr Anonymus ohne Weiteres 
Herr Schuft, und Hunderte gegen Eins ist 
zu wetten, dass, wer sich nicht nennen will, 
darauf ausgeht, das Publikum zu be- 
trügen“ 

„Keine Lüge ist so frech, dass ein ano- 
nymer Rezensent sie sieh nicht erlauben sollte: 
er ist ja nicht verantwortlich. — “ 

Dem tapferen Referenten der „Wescrztg“ 
| aber stelle ich folgendes Gedieht aus Otto 
Ernst'« „Neuen Gedichten“ für «ein Stamm- 
buch gern zur Verfügung: 

Die beiden Hähne. 


Von Herrn Henri Gartelmann*)-Bremen 
geht mir unter dieser Überschrift ein längerer 
Abwehr-Artikel zu. der wie folgt Iieginnt: „Hö- 
chen erschien im Verlage von Eduard Iiampe, 
Bremen, eine Schrift, betitelt „Der bremische 
Lessing“ Es fehlt dieser Schrift nichts, um ein 
wirkliches Pamphlet zu sein. Zur Charakteri- 
sierung desselben sei folgendes ans demselben 
mitgetcilt.“ Doch Herr Gartelmann wird es mir 
gewiss nicht verübeln, wenn ich die nun ange- 
gebenen drei ersten Seiten aus dieser Schrift 
nicht ahdrucke. Meine Leser milchten es mir doch 
kaum verzeihen können, wenn ich diese beweis- 
losen, schülerhaften Stammelversuehc eines Feig- 
lings hier wiedergebe. Da aber ein ebenfalls 
ungenannter Cliquenlitterat in der Wesor- 
zcitung vom 21. Juni für dieses Pamphlet in einer 
zwar kurzen, »her an Unverfrorenheit reichen 
Besprechung eine Lanze zu brechen versucht, 
mögen folgende Stellen Schopenhauers, die 
Herr Gartelmann zur Abwehr eines derartigen, 
unter ehrlichen Männern verachteten Gebahrens 
hcrunzieht, einen Platz finden. Es mag damit 
zugleich mein Standpunkt anonymen Angriffen . 
gegenüber gekennzeichnet werden. Auf das oben- 
genannte Machwerk selbst cinzugchcn, liegt für 
Herrn Gartelmann, wie er schreibt, keine Ver- 
anlassung vor. Der Verfasser der Schmähschritt 
— er nennt sieh „<’erberns“(!) — möge sich also 
folgende Worte des grossen Schopenhauers 
einmal näher ansehen — oh er jedoch bereits 
die genügende sittliche und geistige Reife lie- 
sitzt, sie zn verstehen, wage ich zu bezweifeln: 
„Wie es Universal-Medieinen giebt, so ist 
folgendes eine Uni Versal- Antikritik, gegen 
alle anonymen Rezensionen, gleichviel, ob sie 
das Schlechte gelobt, oder «las Gute getadelt 
Italien: „Hallunke, nenne Dich! denn ver- 
mummt und verkappt Leute anfallen, «lic mit 
offenem Angesicht einhergehen, das timt kein 
ehrlicher Mann: das tlmn lluhen und Schufte. 
Also: Hallunke, nenne Dich!“ 

„Anonymität ist in der Litteratur, was die ' 
materielle Gaunerei in der bürgerlichen I 
Gemeinschaft ist. „Nenne Dich Lump, oder | 


*) Siehe die Besprechung des neuesten Werkes 
von Henri (iartchnann in vorliegender Nummer, S. 152. 


Ein junges, keckes Hähnchen schrie 
Hell in die Luit sein Kikriki. 

Das klang so kräftig-wunderbar. 

So herzerlrischcnd-morgenklar : 

Tausend Nachtmützen, unerhört! 

Wurden vom Kissen aufgestört. 

Beschwichtigend rief ein alter Hahn: 
„Schlaft weiter!“ Ich bah' cs nicht gethan. 
Nicht ich, der amtliche Wächter im Hof, 
Der besoldete Dünger-Philosoph, 

Es war die Stimme des Dilettantismus, 

Ein frecher Nenling war'«, der schrie. 

Es hat keine Atmung, das gute Vieh, 

Vom akailcmischcn Kikerikismus. 

Br. F. H. 


Briefkasten. 

E. M. in H. Brief endlich erhalten? Obgleich 
ich mich von sogenannten Briefkastonstindcn frei weis«, 
hat Maurice von Stern in der Juli-Nummer «eines 
„Lltterarischon Bulletins" durch seinen treulichen und 
zeitgemässen Aufsatz „Redaktionelle Taktlosigkeit" 
veranlasst, dass ich den Briefkasten von jetzt an ver- 
sehwinden lassen werde. 

Über den „Schriftsteller* und Jonrtiallstentag*, 
der gegenwärtig in München tagt, wird in der nächsten 
l Nummer berichtet werden. Möge seinen Ycrhund- 
1 hingen reicher Segen beschieden sein! 


Zu freundlicher Beachtung. 

Vom 14. Juli bis 11. August bitte ich alle 
Briefe, Manuskripte ctc. unter meiner Adresse 
nach „Hotel zum Wilsdorfer Hof“ bei Königs- 
winter am Rhein oder an den Verleger zu senden. 

Der Redaktionsschluss für Nr. 12 limlct am 
15. August und liir Nr. 1 (2. Jahrg.l am 12. 
September statt. Franziskus Hähncl. 

Berichtigung. 

Wie soeben heim Reilaktionsschlnsse mit- 
gcteilt wird, findet «1er S. 127 unter „Zweig- 
verein Berlin“ mitgeteiltc Sommeramdlug bereits 
am 16. Juli statt. Anmeldungen dazu erbittet 
Herr Siegfried Engel, Berlin, Nanynstr. 40. 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Die Neuerscheinung«*»! der seUriftsfollerinleii Mitglieder •!•*»■ ..litterarische» Gesellschaft Psychodrama.“ werden 
einmal frei in der Litteraturtafel aurgiMiomm«» Im \Vie«Ierholnngsfalle wird der Anzeigenpreis von 20 Plg. 
für die Kleinzeile berechnet. welcher auoli fiir Nichtinitgliedcr festgesetzt ist. Anzeigen sind an die Schrift* 

Icitung zu richten.) 



Heinrich Stümcke, 


G. Conrad. 

— c Eine Litterarische Skizze, 

elegant broiscli. Mk. 0,20. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung 
(Gustav Winter) Bremen. 

4^>4 4^4 4^4 4^4 4^4 4,4 4,4 4,4 4^4 4,4 4,4 4,4 4,4 


Franz Jedrzejewski, 

in JJcilrijniftrrtuß. 



miini Skizzen, ■niiiin . 

Inhalt: Paul Baelir. Herrn. Kicline. Hedwig 
Pohl. Kmil Palleske. Grat E. von Stadion. 
Georg Klingcnliurg. Wilh. Hey. 

— t- Hocheleg. geb. Mk. 2. - f — i - ■ 

Verlag von A. Helmich in Bielefeld. 


Tm Verlage von Kien & Erlcr, Kerlin 
X (Kgl. Siichs. Hnfmusikslienbändlcr) erleiden 
y und ist durch jede Musikalienhandlung an 
beziehen : 

Stimmungen. 

Sechs Stücke für Violine u. Pianoforte 

von 

Johannes Palaschko. 

1. Lied 1,— Mk. 

2. Klfentanz 1,20 ,, 

3. Tarantella 1,20 .. 

4. Walzer 2,— „ 

5. Spanisches Stündchen. 1,20 „ 

ti. Etndc l.öO „ 


Verlag von J. Kühtmanns Buchhdlg. 
(Gustav Winter) in Bremen. 

.Soeben erschien : 

Franziskus Hähnel, 

Die brciiiifdjen Didjtrr imii Bdjrift- 
(tcUcr Der (ßrgcinntnl 

Eine litterarische Plauderei. 

Elegant cart. I Mk. 

Geh. ll.dVat Prof. Joseph Kürschner: «Ich 

wünschte wohl, dass jede Stadt ein ähnliches Werk- 
chon aufzuweisen hatte. Es würden Hausteine sein, 
mit zlicli für «len grossen Hau der deutschen Litteratur- 
gcschichte.“ — 

Äusserst günstige Beurteilungen itn „Hamburger 
Kmmlenblatt", „Bremer Courier*, „Provinzialztg “ etc. 

Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 


Wilhelm Ruland und >loioioioi< 
B >I< >I< >I< >I< >I< Laurenz Kiesgen, 

Himmel i?id Ifda* 

'rasüv: >si~. xr >5 

wwvwn Dichtungen. 

LEIPZIG, Verlag von ROBERT CLAUSSNER 1893. 

(J^* Preis Mk. 2 . tPM 


Schriftsteller und Litteraturfreunde 

sollten es nicht versämnen, der 


nnil 


mmi 


Kritischen Rundschau, 

Monatsschrift zur Förderung des 
Schrifttums 

hcrausgegeben von Hugo C. Jüngst 
naher zu treten. Frei von allem Partei- und 
Cliquenwesen wird die Zeitschrift jeder Rich- 
tung. jeder gereiften Ansicht ihre Spalten öffnen 
und dadurch ein getreuer Spiegel der Geistes- 
strömungen sein. — Ausserdem: Novellen. Essays 
und Gedichte in sorgfältigster Auswahl. (Pflege 
des Psychodramas). — Ernste, gediegene, nörgel- 
freie Kritik. — Porträts und kritische Würdi- 
gung bedeutender Dichter der Gegenwart ote. 

Jährlich 12 Hefte; jedes mindestens 64 
Seiten Umfang in eleganter Ausstattung. — 
Abonnementspreis bei freier Zusendung jährlich 
j nur 4 Mk. (halbjährlich 2 Mk.) 

Bestellungen möglichst umgehend erliefen an die 

Administration der Litteratur- Korrespondenz 

(Hugo C. Jüngst's Selbstverlag) 

Homberg n. Itliein iKegbz. Düsseldorf). 


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„REFORM“ 

Zeitschrift 

I) des Vereins für 
Lateinschrift, 

2) des algemeinen fer- 
eins für fereinfachte 
rechtschreibung. 

Der rechtsehrcibfcrcin (er- 
langt 

nnwcndnng iler lateinsrlirift. 
groslmchstabcn nur für fnz- 
anfang nn<l eigcnnamen ; 
er bcleitigt 

di überflüssigen denungs- 
buchstaben, 

di konfonantenlerdoppclung 
in einer mul derfclben lilbe, 
und 

gibt jedem laute den im zu- 
koinmendcn bucbstaben. 

Obninn beider tereine: dr. 
Edw. Lohmeyer in Kassel. Ord. 
mitgl. erhalt, für 2 Jt di 
munatsäebrilt Reform, zu be- 
stellen bei Irl. Pauline Loh- 
meyer in Kassel, di auch 
imdicmtmmern und lercins- 
prospekte Irei lerfendet. 


Jülirlid] circa 1200 JUttlTrafiuiirit aus allen f&cbitlrn 
itco iOillcito. 


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Halbmonatsschrift für Scherz u. Ernst. 

Herausgeber: Carl Neumann. 

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Unter Mitwirkung v»n Richard von Meerheimb, 
Pauline Hoffmann von Wangenheim. Ernst Roeder 
Wilhelm Becker, Felix Zimmermann. Alice Frelin 
von Gaudy und Wilh. Schubert i Peter Merwin) 
lierausgcgeben von 
Franziskus lläliiiel. 

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Inhalt: Unsere Leser. II. S. 12a. — Ans der .Litt. Oes. Psyeh“. S. 127. Judas. Psyhodrama von 
Laurenz Klesaen. S. 127. — INyi li. Kcho. S. ist». M. <L Conrad. Litt Skizze von Heini*. Stümcke. s. 12«.— 
fJodulite von Arthur Pfungst. Felix Zimmermann, Max Hoffmann. Uhlmann-Blxterhelde, Wilhelm Schubert, 
Heinrich von Rcder u. v a in. S. i:«. S. Mg Baumeister Solness. Von Karl Kraus. S 1 12. — Lttte- 
ra rische Rundschau. — Neuerscheinungen. — Beurteilungen. — Musterverleger. Literarisches Wegelager- 
tum. — ' Briefkasten. — Anzeigen. 


Verantwort! Srhriltleiter: Franziskus Iliihnel. Bremen. Drink von HomeyrA M ♦» yr r . Brnm-n. Hutenhof 

Her (icsaintuiifluge dieser Nummer liegt ein Prospekt der Verlagsbuchhandlung von Wilhelm Friedrich 
in Leipzig über die Monatsschrift „Die Ctescllschatt* zu geneigter frdl. Beachtung hei. — 


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und 


Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Litteratur. 


Jlerauagegebcn von Franziskus Hähnel. 

Verlag von J. Kühtmanns Buchhandlung (G. Winter), Bremen. 

m I II I i I i I I M mi IM i m i • • m i m I i M • • I I m i i ilTfl i ri Tr i ' lT 

lli« ,,N«uen litt<?rarischen Blatter“ ersrhelnen vorläufig monatlich und »erden an die Mitglieder der 
„litter. tJeaellsrl». Payelil* fr«*i verwandt Für Nichtmitglieder der Uesellschaft sind die „N. 1. Bl.“ durch den 
Verleger: .1. Kttlit inanna Buchhandlung ((». Winter) in Bremen, sowie durch alle Buchhandlungen und 
Postanstalten zu beziehen. Bezugspreis 3 Mk. jährlich. Kinzelnnmmeru 40 Pfg. Anzeigen w erden mit tfQ Pfg. 
für die gespaltene Kleinzeile berechnet. 

Nachdruck der psychodramatiselu n Dichtungen nur unter l»e»onderer Vereinbarung mit dem Herausgeber ge* 
stattet. Nuehdruek de» übrigen Teiles der ,,N. 1. Bl.“ unter Quellenangabe erwünscht. 
tnirMnhn.il i-i.u • 1 1 1 • 1 1 1 IJ.Q.U • n.tmri t * •«««««••• » • • * ■ hithdiiu ••••«•• uutii crr.f'jn: 


Ein Jahr. 

.Alten gefallen ist acliwer, mit eigenen Angrn 
erlaubt mir 

Sinnend die Welt zu bezcliau'ti : nur was dem 
innersten Sinn 

Eigenstes antging. kann ieli gestalten, ruhigen 
Muts daun 

lllet’ irh's: wähle sieh (Trans Jegiieher. was 
ihm gefällt“ 

Albert Möser, Klgene Richtung ■'Gedichte 
2. Auflage). 

■Jplils 'Irr Herausgeber durch die Gründung 
3f der „X. 1. Tili' seinem Herzenswünsche 
Genüge that, ein Scherllein zur Weckung des 
litterarijehen Interesses beizutragen, versprach 
er sieh zunächst herzlich wenig Erfolge. Die 
Menschen der Gegenwart werden vom Daseins- 
kämpfe viel zu sehr in Anspruch genommen, 
als dass sie Müsse gewännen, den Quellen sich 
zuzuwenden, ans denen sie allein rechte Er- 
iptiekung und Weibe lür des Lebens Sturm nml 
Drang finden könnten, l'm so aussichtsloser 
erschienen dem Herausgeber seine Bestrebungen 
zu sein, du es ihm vergönnt war, den Ursachen 
nachziispfiren, die zum grossen Teile das Er- 
sterben jeglicher Anteilnahme am litterarischen 
Schaffen mit vcranlassten. Doch darüber später 
einmal. Wenn der Herausgeber aber jetzt einen 
Rückblick auf das erste Lebensjahr seines lflattes 
tbut und sich dabei vorführt, unter welchen 
Schwierigkeiten dasselbe insDascin trat , so vermag 
er holfnnngsfroh seine Angen der Zukunft zn- 
znwenden ; denn die Aufnahme des ersten Jahr- 


ganges ist eine derartige gewesen, dass er gern 
vergisst, wie man ihm zuweilen etwas arg ztt- 
gesetzt, — sind doch ea. 1400 Briefe allein mit 
Gedichten eingelanfen, — dass er sogar das 
lür den Anfang nicht zu umgehende Defizit zu 
vergessen sucht. Wenn von den vielen Tausend 
Bogen der „X. 1. Bit 1 auch nur ein einziger 
hellen Sonnenschein in eine Hütte gebrnclit hätte, 
der Herausgeber würde mit neuem frischen 
Mute erfüllt werden, das nächste Posthündelchen 
zu öffnen. Allen seinen Lesern sendet der 
Herausgel>er freundliche Grfissc und dankt herz- 
lich für die Nachsicht, die man ihm in seinen 
Bestrebungen stets hat zu Teil werden lassen. 
Möge auch im kommenden Jahrgänge das Ver- 
trauen seiner Leser und Mitarbeiter, denen an 
dieser Stelle herzliche Dankesworte anszu- 
sprechen ihm Bedürfnis ist, nicht wankend 
werden. Wenn der Herausgeber auch schwer- 
lich allen Wünschen gerecht werden kann, so 
wird er sich doch bemühen, möglichst viele 
I.eser zufrieden zu stellen. Von Oktober an 
werden die „N. 1. B11‘ in etwas erweitertem 
Umfange allmonatlich ohne jegliche Doppel- 
nnuimcr erscheinen und für die Mitglieder der 
„litterarischen Gesellschaft Psychodrama“ eine 
zwanglos herauskommende Gratisbeilage erhal- 
ten. Möge man seine Zufriedenheit mit dem 
Herausgeber durch das Werben immer netter 
Freunde bekunden; dann hat derselbe Ursache, 
mich mit seinen diesjährigen Lesern vollauf 
zufrieden zu sein. 

Br. F. H. 


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15 « 



sychodramenwelt.0 


Aus der „Litterarischen Gesellschaft 
Psychodrama“ 

Die diesjährige Hauptversammlung 
lindet am 3. u. 4. Oktober in Rerlin statt. Das 
Nähere darüber finden die geehrten Mitglieder 
in dem Einladungsschreiben, das dieser Nummer 
lieiliegt. Miige der Verlauf dieser Versammlung 
liir die (ieaellsehaft, sowie für weitere Kreise 
ein recht gesegneter werden. 


Der Vorstand 


Uor „bitter. Gesellschaft Psychodrama!* 


Zweigverein Berlin. *) 

Der hiesige Zweigverein hat jetzt ancli 
eine Bibliothek begründet, zu deren würdiger 
Ausgestaltung leider zur Zeit noch nicht die 
.Mittel des Vereins allsreichen. Es ergeht des- 
halb an die schriftstellernden Mitglieder der 
Gesellschaft die herzliche Bitte, von ihren er- 
schienenen Schriften der Bibliothek zn Händen 
des Schriftführers Herrn Wilhelm Becker, Berlin 
S. (). 16, Franzstrasse 10, überweisen zu wollen. 


Zweigverein Posen. 

In T’osen ist ein Zweigverein in derOrtlndung 
begriffen, der Ende August seine erste eonsti- 
tnierende Sitzung abgehoben hat. Auskunft 
bereitwilligst durch Herrn S. Bernhard, Posen, 
Bergstrasse lUn. 


Loa wir vier! Va sann chi va piano! — 

0 wie hebt sieh meine Brust gewaltig! 

Ja, hier atmet man die Luft des Himmels. 

Ist man ihm doch aneh ein gut Stück näher! . . 

Stufen hann ? Aha, da heisst es : Vorsicht ! 
Und auf allen Vieren muss man kriechen. 

Das erinnert fast an unsern Urahn; 

Vater Darwin wäre sehr erfreut 
Säh’ er uns hier Urzeitkfinste üben! 

Was ist das nur für ein heis'res Lachen. 

Das icli stets am Seile hinten höre? 

So ein Kichern, wie es Freund Mephisto 
Auf der Bühne höhnisch pflegt zu spenden . . . 
(irans’gcr Schreck! Da hinten geht der 
Teufel, 

(irinst mich boshaft an und nickt recht 
spöttisch — 

Halt! Halt! Halt! — 

Nein, nein, kein Schwindel! — 
Seh’ es schon, das ist ja unser zweiter 
Führer mit den eingefallnen Wangen 
! Und dem sonderbar geformten Spitzhart. 

Na, ’s ist gut. — fragt mich nicht, länger 
Prosit ! — 

Jeden wird der gute Cognac laben. — 

Weiter! Weiter! — Oben also endlich! 

Ja. das lohnt sieh: wie ein kleines Kärtchen 
Ruht die bunte Welt zn unsern Füssen. 

Seid gegrttsst, ihr cw’gen Felscndome, 

Weiss wie Marmor, glitzernd wie Kristall! 

Seid gegrttsst, smaragdne Wasseraugen, 

Drin Natur als Jungfrau sich bespiegelt! 

Ferne Matten, dunkle Tannenwälder, 

Seid gegrttsst! Ein Hoch den freien Bergen. 
Wo kein Eisen quält die stumme Scholle : 

Wo kein Haus heniinmt den tiefen Atem! . . . 


Im Hochgebirge. 

Psychodrama von Max Hoffman n>Berlin. 
Motto: 

0 Ironie des Kiiitagslliegen-Seius! . . . 

O plötzlich Sonnenscheiden ohne Dämmerung ! 

Hieb. v. Meerheimb 
(Royal George). 

.So. du bärenknochiger, ergrauter 
Führer, mit dem Rucksack auf dem Rücken! 
da, du hast uns gut durchs Seil verkoppelt! — 
Du als erster? Recht so! Du verstehst dich 
Auf dein Handwerk ja wie kaum ein andrer . . . 
Machst dich gut als zweiter, Junger Fritz“, 
Glaub es wohl, dass du ein tücht’ger Klettrer, 
Wusstest doch mit deinen langen Stelzen 
Schon zur Schulzeit alle Bank" und Tische 
Mit gewalt’gen Sätzen kühn zu «nehmen“. 
Etwas lästig ist das Seil. Es drückt mir 
Gerad* den Magen, und der zweite Führer 
Hinter mir zieht straff, als spielt 1 er Hemmschuh. 
Na, ich füge mich, als junger Bergfex. 

• Leiücr können wir die ausführlicheren Berichte 
de* Zweigvereins noch nicht alalruckon. da es an 
Raum fehlt. Im neuen Jahrgang wird zu diesem 
Zwecke den „N. 1. Bl * für die Mitglieder der „I,. (i. 
Puy cli.* eine eigene Beilage gegeben werden. 


Jetzt hinunter: Satt sind unsre Augen. 

Andre Reihenfolge? Schön, ’s ist gut so! 
Gehe gern als zweiter. Fritz mag mit dem 
„ Spitzbart“ 

Hinten sein Jangbein’ges Heil“ versuchen . . . 

Doch warum nur dieses heft'ge Zerren 
Hinten? Fff! Ihr schnürt mir ja die Lunge! 
Und nun wieder jenes heis’re Kichern? 

Halt! — Zum Donner: Unser Seil gerissen!! 
Fest wie du, ergrauter, biirenknoehiger 
Führer will ich stehn, doch sieh nur, sieh! 
Fritz und jener andre sind verloren. 

Haltet euch! - Weh! Sieh: Ein einziger Knaul, 
Mit den Armen kramplhaft sich umklammernd, 
Stürzen beide zucken«! in «len Abgmnd! — 

Horch! Tönt nicht von unten ein Gelächter? 
(hier war s des Gletscherhachs Geplätscher? — 

Traurig, traurig wohl ist dieser Abstieg 
Zn der kleinen, blockhausart 'gen Hütte! 

Kommt herbei, du starker Wirt, ihr Knechte! 
Hört: Zwei Mann hat uns der Berg entrissen. 
Sucht und holt die armen blut'gen Leiber, 
Sucht, o sucht, der Mond dient euch als Fa« kel! 
Hier erwart* ich euch allein v«dl Jammer . . . 


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159 


Einsam tickt die Wanduhr Nur bisweilen 
Schreckt mich in der ungeheuren Stille 
Langhinrollendes I.awinondröhnen. 

Wirft der harte Berg noch auf die Leichen 
Schnee und Eis, um selbst sic zu begraben? 
Kort ihr diistern Bilder! — Was steht dort 
Für ein Buch im kleinen braunen Wand- 
schrank? — 

.Wilhelm Teil“ von Deutschlands edlem Dichter! 
Recht für die Gebirgswelt hier geschaffen, 
Bring’ du mir Erquickung. Freiheitssang! 

Aber — grausam! - Schlag' ich auf der 
Mönche 

Herzdurchbohrendes Memento niori: 

Kasch tritt der Tod den Menschen an. 

Es ist ihm keine Frist gegeben ; 

Es stürzt ihn mitten in der Bahn, 

Es reisst ihn fort vom vollen Lehen. 
Bereitet oder nicht, zu gehen. 

Er muss vor seinen Richter stehen! 

Weich Gemurmel dranssen? — Habt iiir ihn? 
Ach Fritz! Mein lieber Fritz! — — — 
l’fni! Wie grauenvoll bist du verstümmelt ! 
Eilig ist aus dieser klaffenden Wunde 
Auf der Stirn' die Lebenskraft entflohen. 

l’nd wo ist der andre? — Nicht gefunden? — 
Keine Spur von ihm? — Wie seltsam! — 
Seltsam — ! 

(NB. Auch in -Max Holtmanns neuem in kürze 
erschuinadun (terlichtbuche „Morgeustiunnen und 
anderes“ enthalten. München. Verlag von I)r. K 
Albert A Co., Separat “Konto. Mit dem Bildnisse 
des Dichtern. — Die Schriftl.) 

Psychodramatisches Echo. 

(Unter dieser Rubrik werden wir die Urteile hervor* 
ragender Kritiker über das Psychodrama bringen.) 

Dr. Adolph Kohut schrieb im 9. Jahr- 
gang, Nr. 13 des ,D. Dichterheims“, u. a. alter 
Richard ¥ Meerlieimb’a Psychodramen : 

»Ich halte Gelegenheit gehabt, einzelne Payilio- 
draiueii von Rezitatoren und Rezitator innen zu hören 
und ich muss sagen, dass die Wirkung, welche diese 
Meerheimb' sehen Kabinettstücke dramatischer Szenen 
auf den Zuhörer aimühten. eine tiefgehende und er- 
greifende war. Ohne Effekt-mittel , ohne Kulissen- 
rehwerei wird hier ein gewaltiger Eindruck erzielt 
uml zwar ausschliesslich nur durch die Macht der 
Dichtkunst, durch die packende Kraft dramatischer 
Seelenmalcrei. Ein wahrer Zauberkünstler ist dieser 
Bühnendichter ohne Buhne, dieser Dramatiker ohne 
ein Drama, dieser Psycholog ohne ein KathederP 


— «E^O-=s8t- - 




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©s®a®£S Aus der 

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itteratur der Gegenwart. 


~^15 


Letzter Ritt. 


Sic hat mich betrogen, sie hat mich verlacht! 
Hörst du es mein Rappe, mein treuer!? 
Schäum’ in die Zilgel mit Macht, mit Macht — 
Wir halten doch Hockzcitsfeier! 


Uber Hecken und Dorn, über waldigen Weg 
Hinab, hinunter zum Grunde ; 

Sehen (lieget der Vogel vom Baumgcheg, 

Gell hallet sein Schrei in der Runde. 

Schon seh’ ich die schimmernden N'ehel wch’n, 
Jbir’ raunen das Schilfrohr im Winde; 

Ich komme, ihr lockenden Wasserfee’n! 
Geschwind mein Rappe, geschwinde! 

Da sieh', wie im leuchtende» Mondenglnnz 
Mit den wallenden Schleiern sic schweben ! 
Fluch Dir, Du Falsche! Frisch auf zum Tanz! 
Jnchbcissa, ade du Leben! 

Zürich. W. Lüdoggor. 

Dans l'hombre d’un menage. 

.Dans l'hombre d’un nienage“ — wie lange her , 
Dass mir dies Wort so mahnend klanir ins Ohr. 
Im strahlenden Paris, bei Kerzenglanz 
Hört’ ich’s zuerst — ungläubig lacht' ich dn 
Und sehnte mich an meines Liebsten Herz 
Ins traute Nest — ,dans l’hombre d un menage:' 

.Dans l'hombre d'tin menage“ — verstand ich 's 
auch, 

Die ; Schatten lichten, die erst klein und kurz, 
Da sich die Tage mehren, immer länger 
Mir quer durchs Leben schneiden - mir und ihm? 
Vermag icti's nur, das eigne Herz zu zügeln? 
In Kotten pocht’s — .dans l’hombre d un menage!' 

.Dans l’hombre d'un menage-, voll Seligkeit 
Glaubt’ ich, es müsste Herz zu Herz sich finden, 
Und Frieden, Glück, wie Wunderblumen blilli’n. 
1 >och weh — ein Nesselgarten kleiner Leiden 
Spricsst es empor mit jedem neuen Tag, 

Mein Herzblut tropft ,dans l’hombre d un menage!’ 

Und leuchtend gross, wie eine Sonne steigt 
Sic mir empor, die bitterste Erkenntnis, 

Lässt sich verhüllen nicht und nicht vergessen: 
„Du bleibst in Deines Lehens Kern allein, 
hu Leben wie im Sterben gliiekverlassen 
Und ungeliebt — „dans l'hombre d’uu nienage!!’ 
Höckcrndorf I-, Slctlin. Hermine von Preuschen. 

Kröteneitelkeit. 

Kiiie Kabel von Max Wundtke-Berlln. 

Ein stolzer Hirsch lag, getroffen von der 
Kugel des Jägers, verendend in einem Thal- 
sumpf. .(• diese ungerechten Menschen!“ weh- 
klagte das edle Tier. .Mein Wert ist cs. der 
mir ihre Verfolgung zuzieht, und so wird mein 
Wert zu meinem Untergang!“ .Dein Wert?“ 
sprach eine hässliche Kröte, die oben unter ihrem 
Steine hervorkroch, mit höhnischem Tun „Dein 
Wert? Du irrst. Hirsch! Deine .Schwäche ist 
es, die Dir den Tod bringt! Du hast das 
Schicksal, das Du verdienst! sieb mich an“ — 
und sie blähte sieh dick auf vor Selbstgefühl — 
„Warum wagen sieh die Menschen nicht an 
m ich ? ~ 

.Ekelhaftes Geschöpf!“ rief der Jäger dei- 
chen hervorgekommen war, und stiess die Kröte 


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mit dom Kuss beiseite. »Mein Widerwille 
ist os, der Hieb schützt, mein Widerwille und 
Heine Nichtigkeit! ich hilttc Dich sonst zer- 
treten: 1 

Litterarische Rundschau. 

Vom 7. bis 14. Juli fand in München der 
„ Allgemeine den t sc he Journalisten - und 
Schriftstellertag“ statt. Herselbe war von 
den Münchener Schriftstellern vorzüglich vor- 
bereitet und nahm unter dem Protektorat des 
Prinzen Ludwig von Bayern einen wahrhaft 
glänzenden Verlauf. Paul lleyse hatte zur 
Eröffnung ein prächtiges Festspiel geliefert. 
Mit grosser Begeisterung ward am Hanptvcr- 
saminlungstage der von Ludwig Viereck 
namens des Pensionsansschusses erstattete ein- ' 
gellende Bericht über das Pensionsstatut begrilsat 
und der Entwurf ohne Änderung angenommen. 
Auch wir freuen uns aufrichtig zu diesem Akte 
echter Selbsthilfe und wünschen der .Pensions- 
kasse deutscher Journalisten und Schriftsteller“ 
ein recht kräftiges Gedeihen zum Besten des 
deutschen Sehriftstellerstnndes. 

.Vor’sGeriehf.ein abend füllendes Schau- 
spiel von Hans von Basedow geht noch vor 
der Berliner Aufführung erstmalig am Stadt- 
theater zu Pelle in Szene, auf besonderen Wunsch 
des Autors, der in dem dortigen Direktor Dr. 
Karl Michol, einem lickannten Charakterspieler, 
einen vortrefflichen Darsteller der Hauptrolle 
gefunden hnt. 

Das Preisrichterkollegium des Vereins .Freie 
Volksbühne“ hat als die beiden besten Fest- 
spiele anerkannt: das Festspiel „Der junge 

Dichter“ von Ad. Bartels, Frankfurt a. M., 
und die Allegorie „Empor zum Lichte* von 
E. Gersdorl, Dresden. Die Preise von Mk. 
150 wurden unter beide Autoren gleichmiissig 
verteilt. Am 3. Stiftungsfeste (23. Juli) der 
„Freien Volksbühne“ gelangte die Allegorie 
„Empor zum Lichte" zur Aufführung. 

Von Max Hoffmnnn erscheint mit Bildnis 
des Autors im Verlage von Dr. E, Albert in 
München soeben eine neue Gedichtsammlung 
.Morgenstimmen und Anderes" betitelt, von 
Heinrich Stümcke in demselben Verlage die 
Gedichtsammlung „Präludien! 1 — 

In Kürze erscheinen bei C. Heissner in 
Leipzig ein zweibändiger Roman von Konrud 
Telmann „In den Dolomiten* und eine Novel- 
lcttensammlung von Herinine vonPreuscben. 
„Tollkraut“ betitelt. 

Von unserem Mitarbeiter Martin Maak, 
Lübeck, wird demnächst im Verlage von Baumert 
& Kongo, Grosscnhain und Leipzig ein neues 
fünfnktiges Drama „Der Messias“ heranskommen, 
das diesen Winter in verschiedenen Städten 
durch ölTcntlichc Rezitationen bekannt ge- 
geben wird. 


NB. Von Oktober an wird die ..Litter. 
Bund- und Zcitungsschau- (Siche Nr. 10,11) 
eine besondere Ptfege erfahren. Wir verweisen 
nochmals auf die Bemerkung am Schlüsse der 
letzten „litt. Kundschau! 1 

Eingesandte Neuerscheinungen. 

Milena Mrazovic, Selam. Bosnische Novellen. 
Berlin 1893, Verlag der Deutschen Schrift- 
steller-Genossenschaft. Preis eleg. b rösch. 
Mk. 3. 

Otto Erich Hartleben, Hie Erziehung znr Ehe. 
Eine Satire. Berlin 1893, S. Fischer’ s Ver- 
lag. Preis Mk. 2. 

Valentin Traudt. Seelenliebe. Roman in drei 
Büchern. Marburg a. L.. Verlag von 
Ose. Ehrhardt 1893. Preis Mk. 3. 

Schmidt Brädikow, Valentin Traudt und Chr. 
Schmitt, In Sturm und Sonnenschein. 
Gedichte. Marburg a. L. 1893, Verlag von 
Oscar Ehrhardt. 

Heinrich von Reder, Lyrisches Skizzenbuch. 
München 1893. Druck und Verlag von 
Dr. E. Albert & Po., Separat-Ponto. Preis 
brosch. Mk. 4. in Originalprachtband Mk. 5. 
Richard Dehmel. Aber die Liebe. Ein Ehenmnns- 
und Menschenbuch. München 1893. Verlag 
von Dr. E. Albert & Co., Separat-Ponto. 
Preis brosch. Mk. 5, in Originalprachtband 
Mk. 6. 

Gustav Falke, Tanz und Andacht. Godichtc 
aus Tag und Traum. München 1893, 
Verlag von Dr. E. Alliert & Po., Separat- 
Conto. Preis brosch. Mk. 5, in Original- 
prachtband Mk. (i. 

Fritz Schultze, Liebe und Arbeit. Gedichte. 

Dresden und Leipzig, Heinrich Minden. 
Rudolph Braune, Lindenblüten. Gedichte. Franken- 
hausen. Selbstverlag von Rudolph Braune 
1893. Preis Mk. 1. 

Wilhelm Ruland, Max von Mexico. Licder- 
Cyclus. Stuttgart, Jos. Roth 'sehe Verlags- 
buchhandlung 1893, 

Wolfgang Madjera, Moderne Sonette und Vier- 
zeilern Wien 1893, Verlag von Pari Konegen. 
Preis Mk. 1,20. 

Albert Schnitter, Gewehr heraus! Heitere Bilder 
aus dem österreichischen Soldatenleben in 
Prosa und Versen, Graz, Verlag von F’ranz 
Pechei. 

Adalbert Schneider. Der Offizier im gesellschaft- 
lichen Verkehr. 17 Essays. Graz, Verlag 
von Franz l’eehel. 

C. Klings, Licbeswonne. Gedichte. Leipzig 
1893. Verlag von Robert Claussncr. Preis 
brosch. Mk. 1. geh. Mk. 1,50. 

H. Bonte Weben und Streben. Gedichte. Preis 
brosch. Mk 1.20. geb. Mk. 1,60. 

Amadeus Georgi. Saul und Jonathan. Drama- 
tische Pharakterzoichnung in 5 Aufzügen. 
Leipzig, Verlag von Robert Claussncr. 
Preis brosch. Mk. 1.50. 

E. Merx. Kaleidoskop. Novellen. Leipz. 1893, 
Verlag von Robert Claussncr. Preis brosch. 
Mk. 5. 


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lfil 


Heinrich Stiimcke, Michael Georg Conrad. Kremen 
1893, Verlag vuii J. Kiihtmanns Kiichli. 
(Gustav Winter', l'reia eleg. brosch. Mk. i 1.30. 
Dr. ion Lehmann, Der Günstling des Clären. 
Eine Erzählung aus Russland Mainz 18113, 
Verlag iler Joh. Wirt sdien llufhnelulruekerci 
A. (i. Preis Mk. ft. 

Dr. W. Emil Peschei, Theodor Kümer's Tage- 
liueli und Kriegslieder aus dem Jahre 1813. 
Mit dem Bildnis Theodor Körner’*, Ah- 
hildnng seiner Grabstätte, sowie sechs 
ailtotypierten Gedichten und einem Briete 
Theodor Körner s. Nach der Originalhantl- 
schrift veröffentlicht. Freiburg i. B., Ver- 
lag von Friedrich Ernst Fehscnteld 181)3. 
Emil Möbis, Ferdinand Möhring. Ein Lebens- 
bild. Stolp i. Pommern. Verlag von Hans 
Hildebrandt 1803. Preis Mk. 1. 

An Zeitseliriften gingen ein: 
Litterarisches Unterhaltungsblatt tiir West- 
deutschland. No. 19, Köln, den 1. Juli. 
Litteratur-Corrospondenz und Kritische Rund- 
schau. Herausgeber Hugo C. .Hingst in 
Homburg n. Rh. 1. Jahrg. Heft 1 und 2. 
Stern's litterarisches Bulletin der Schweiz. 
2. Jahrg. Nr. 2. 

Hausbuch deutscher Lyrik. Juli 1893. Heraus- 
gegeben von Hermann Kichne, Nordhausen. 
Blätter für Deutsche Dichtung. Nr. 7. Wien, 
Verlag des Vereines »Ostarrichi“. 

Die Zerstreuung. Herausgegeben von Carl 
Neuinann und Carl Pitlik. Rostock i. M. 
Nr. 8 und 9. 

Das zwanzigste Jahrhundert. 3. Jahrgang. 

Heit 11. Verlag von Hans Lüstcnöder, Berlin. 
Die WafTen nieder. 2. Jahrg. Nr. 7. Dresden. 
E. Picrson's Verlag. 

„Nordwest“. Juli. August. Verlag von Chr. G. 
Ticnkon, Bremerhaven und Leipzig. 

Beurteilungen. 

Reinhold Fuchs. Strandgut. Neuere Dichtungen. 
2. durchgesehene und vermehrte Auflage. 
Gera, Verlag von Karl Bauch. 

Reinhold Fuchs gehört seit einigen Jahren 
bereits zu denjenigen inodemcu Dichtem, die 
sieh ein Hausrecht in der deutschen Familie 
erworben haben. Schöne, abgerundete, nicht zu 
weil ausgespunnene Gedanken, eine Fortnenbe- 
lierrschung, wie inan sie selten findet, — man 
vergleiche nur dieherrlichen „Nordsee-Sonette“, — 
sind die besonderen Vorzüge der Gedichtssamm- 
lung »Strandgut*, deren 2. Auflage fast um 
die Hälfte vermehrt ward. Ein Prachtstück 
eines erzählenden Gedichtes ist die Nordsee- 
erinnenuig »Inge*, die von namliafteu Rezitatoren 
viel lach grösseren Kreisen im Vorträge geboten 
ward. Unter den neu hinzngekommenen Stim- 
mungsbildern liebe ich als besonders bezeichnend 
für Fuchs’ dichterische Eigenart , Frühling im 
Bergwalde*, »Auf der Düne* und das tiefem- 
pfundene Gedieht .Bergpredigt“ hervor. Mögen 
sich den alten Freunden der Fuchs'suhen Muse 
immer neue zugesellen und möge der Dichter 
uns noch recht oft dnreh Sammlungen seiner 


formschönen, Poesie im edelsten Sinne des Wortes 
enthaltenden Dichtungen erfreuen. 

Bremen. Erich Bardcwlek. 

Paul Grotowsky. Der toten Mutter. Ein Lieder- 
kranz. Grossenhain und Leipzig 1893, 
Verlag von Baumert & Rouge (Heinrich 
ltonge). 

Man muss ihm von Herzen gut sein, dem 
Dichter dieses Liederkranzes; denn so warm, so 
tief empfunden ist wohl selten einer Mutter 
Andenken gesungen worden. Unsere Litteratnr 
ist gerade nicht arm an Liedern, die ein Solm 
seiner heinigcgangenen Mutter weihte, und als 
ieli Grotowsky's Buch zuerst in die Hand nahm, 
schwirrte mir unwillkürlich Arno Holz’ Epigramm 
aus dem »Buch der Zeit* auf einen bekannten 
Mutterlicderfabrikanten durch den Kopf. Doch 
bald verflog meine Spottstiminung und eine 
heilige Weilte durchzog mein Herz, als ich einige 
der Lieder gelesen. Ich möchte am liebsten 
zitieren, wenn ich nicht fürchtete, den ganzen 
Liederkrauz dann zu bringen. Das Buch wird 
nicht nur alle fühlenden Herzen erquicken und 
anregen, es wird jeder Freund echter Poesie 
die prächtige Liedergabe mit grossem Genüsse 
leseu und nachempUndeu. 

Br. F. H. 

Max Gelssler, Ausfahrt. Dichtungen. Dresden, 
Lchmann’sche Bnchdruckerei und Verlags- 
buchhandlung 1893. 

Der junge Poet, der in diesem Buche die 
erste Sammlung seiner formschönen Gedichte 
bietet, ist auch den Lesern der „N. 1. BL* kein 
Unbekannter. Max Geissler ist ein Dichter, der 
gewiss in kurzer Zeit unter den Säugern der 
Gegenwart eine hervorragende Stellung eiu- 
uchmcn wird, obgleich man nicht behaupten 
kann, dass er ein moderner Poet im Sinne der 
jungdeutschen Bewegung ist. Der Grundton 
seiner Lyrik ist ein ganz anderer, und hätte 
Geissler einige Jahrzehnte früher gelebt, so 
würde er unter den Romantikern gewiss einer 
der Boden ten- ren und Geklärtesten geworden 
sein. Doch der herbe Hauch der Gegenwart 
hat auch sein Herz berührt und so durchzieht, 
auch seine farbvollen, stimimmgsreichen, roman- 
tischen Dichtungen die Sehnsucht, der Zeit genug 
zu thnn. Wer unter den Litteraturfreundeu 
der Gegenwart das Gfthren und Brausen, das 
Ueberscbänmeu der Leidenschaft in der moderueu 
Poesie mitetnptiudet, dem werden Geissler’s Ge- 
dichte durch ihre tiefe Empfindung, durch ihre 
Ruhe, durch die Widerspiegelung einer glück- 
lich belauschten Natur, — die Haide ist es be- 
sonders, die dem Dichter schöne Vorwürfe lieh. — 
wirklich erquickend entgegentreten. Unter Max 
Geissler’s Gedichten finden sich auch wahre 
Pabincttsstücke für den Vortrag. Geradezu 
hiureissend wirken u. a. .Müder Sonnenschein“ 
iS. 38), »Scheiden* (S. 49), »Grossmütterleins 
Mahnung“ (S. 53). Man darf auf die weiteren 
Schöpfungen des jungen I’oeteu gespannt sein. 

Bremen. Erich Bardewiek. 


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Drei Lyrika. 1. S. Barin kay. Buch der Rosen. 

2. Rudolf Br ii na, Krt räumte Liebe. 

3. Paul Warncke. Gedichte. Verlag 

von E. I’ierson, Dresden und Leipzig 1893. 

Man kann diese drei lyrischen Erzeugnisse 
ohne Skrupel zusammenfassen und sie besprechen, 
denn sie tragen alle die gleiche Signatur 
mangelnder dichterischer Individualität Meist 
Liebesgedichte — bewegen sie sich in alten 
ausgefahrenen Geleisen. Nichts scheint aus 
einer wahrhaftigen Stimmung herausgeboren, 
überzeugend, zwingend, sondern es dünkt mich, 
als habe man sich Gefühle znsammenphantasiert, 
sich in Stimmungen hineingedichtet. So bleibt 
denn auch nach der Lektüre selbst dem auf- 
merksamen Leser nichts zurück als die Erinnerung 
au schablonenhaften, gemachten Singsang mit 
unreineu Reimen, nnpoctischen Wendungen und 
Prosaismen und was sonst noch eine derartige 
Produktion mit im Gefolge hat. Als „Familien- 
wochenblattlyrik“ mögen diese Gedichte gehen, 
weitere Bedeutung kommt ihnen nicht zu. Ob 
sich je einer der drei Autoren über dieses 
Niveau erheben wird, scheint mir recht fraglich. 
Vielleicht mag hei Warncke, unter dessen, wenn 
ich recht gezahlt, 132 Gedichten sich 4 vor- 
linden (p. 13 Freundlich überm Meeresspiegel; 
p. 53 und 33 Abenddämmerung breitet: im 
Lenz: im Sommer) welche als ziemlich gelungen 
bezeichnet werden könnten, ein hoffnungseliger 
Kritiker die Ansicht aussprechen, dass W. 
unter Umständen — strengste Selbstsucht vor- 
ausgesetzt — noch einmal etwas besseres zu 
Stande bringen wird, als es ihm in diesen seinen 
»Gedichten“ gelungen. 

Noch bemerken möchte ich, dass man bei 
Bruno eine ganz ansprechende Ballade (,1m 
Schilfmoor*, p. 33 flg.) antrifft; aber was besagt 
dies, bei dem vielen Minderwertigen? 

Zürich, Dr. W. BoJza. 

Paul Frltsche, Bilderbuch eines Schwermütigen. 

Stolp, Verlag vou Hans Hildebrandt. 

Preis Mk. 1. 

Etwas misstrauisch ging ich an die erste 
Lektüre dieses Buches; denn ich erwartete eineu 
Pessimisten vom reinsten Wasser. Ich sollte 
angenehm enttäuscht werden. Ein prächtiger 
Dichter trat mir entgegen, so dass ich bedauerte, 
seine Bekanntschaft nicht früher gemacht zu 
haben. Eine Reihe treulicher erzählender Ge- 
dichte nehmen den grössten Teil des Buches 
ein, Bilder von überzeugender Naturwahrheit, 
von denen ich mir .Wie sehliesst das Märchen 
nur?“ (8. 2). „Grossmuttcrs Segen* (S. 9), 
.Zirkusbild“ iS. 93), .Der Fremdeulegiouär“ 
(S. 13), .Berliner Augenblicksbilder“ (S. <U>) 
hervorheben will. Paul Fritscbe ist ein ernster 
Dichter. Seines Volkes Leid hat ihn erfasst; 
er weiss demselben oft ergreifend Ausdruck zu 
geben, ohne dabei unmännlich zu klagen. In 
dem Anhänge. .Fliegende Blätter* bezeichnet, 
tritt der Dichter uus als Satiriker nud Kämpfer 
entgegen. Der Spott steht ihm nicht schlecht, 
wie folgendes Epigramm beweisen möge: 


„Du bist dein eigener Verleger, — 

Warum auch nicht? Die Frau Mama 
Hat Geld wie Heu und liebt ihr Böhnchen 
Und seine Lyrik-opera. 

Drum immer weiter fortgedichtet. 

Bis du „berühmt“ geworden bist! 

Das kann zwar lange dauern, wenn man 
Poet von — „Mutters Gnaden“ ist!“ 

Allen Freunden mannhafter, kerndeutscher 
Dichtung sei dieses .Bilderbuch eines Schwer- 
mütigen“ warm empfohlen. 

Bremen. Erich Bardewiek. 

Hans Eschelbach. „Wildwncbs“, Gedichte. Ver- 
lag von Robert Clanssner in Leipzig, 1893. 

Der Verfasser dieser nahezu 120 Seiten 
füllenden Reimproben ist nach eigenem Be- 
kenntnis« der felsenfesten Ueberzeugnng, dass 
unsere Nation in ihm einen wirklichen, wasch- 
echten „Dichter“ zu begrüssen habe, einen 
Dichter, den einst zum wohlverdienten Lohne 
und zur Entschädigung für alle diesseits erlitteue 
Bitternis Sankt Peter und der himmlische Chorus 
„jubelnd“ an der Pforte des Jenseits empfangen 
würden. „Rein und makellos“ hat er „freudig 
seine Lieder erhalten“. Die Geliebte, den 
„guten Engel“, — nicht wahr : ein funkel- 
nagelneues Schmeichelmätzchon? — hat er 
„unsterblich gemacht“. Ja, er fühlt sich sogar 
zu der beängstigenden Drohung veranlasst, dass 
sein Herz, welches er. wenn es nicht so käme, 
schlecht kennen müsste, sich zu einem „Vulkan" 
entwickeln werde, dessen „LiederHaimuen“ einst 
„die Welt verbrennen“. Doch merkwürdig; itn 
„Nachhall“ bricht’s wie der Ruf eines trostlos 
Verzweifelnden aus des sonst, so selbstbewussten 
Sängers Brust: „0. gebt mir Timten! Gebt 

mir Thateu!“ — Ei, da soll doch ! 

„Thaten"? — Nun frag - ich blos: Sich als 
eigenlicrrlicber Sohn der Musen des Anrechts 
auf Silz und Stimme im Reiche aller Seligen 
zu versichern, „„reine und makellose“ Verse nur 
so aus dem Ärmel zu schütteln, einer staub- 
geborenen Menschenblüte die „Unsterblichkeit“ 
zu ersiugen. eine ganze „Welt“ mit sprühenden 
„Licdertlammeu" zu „verbrennen“ — sind das 
etwa keine „Thaten“? — Oder ist vielleicht 
bei der Auslese dieses verschiedenartigen „Wild- 
wuchses“ der alte Glaube des Sammlers an 
sein unverbesserliches Kraftgeuie zu guter Letzt 
doch noch iu's Schwanken geraten? — Nun, 
daun wäre ja auch schon die berufene Helferin, 
die klarängige „Selbsterkenntnis“, vor der Thür, 
und wir könnten nnsern frcvelmutigcn „Welt- 
verbrenner“, wenn er derselben Einlass gewähr- 
te. dazu nur von Herzen beglückwünschen. Er 
verfügt ja, und das sei ausdrücklich hervor- 
gehoben, über ein Sprachgefühl, eine Stimmung*- 
beweglichkeit und einen Formsinn, an denen 
sich eine hingebende Schulung immerhin ver- 
lohnen dürfte. Das in der gegenwärtigen 
SamndungGcbotene übersteigt in jeder Beziehung 
fast nirgends die Grenzlinie „besserer“ ftilet- 
t antenarbeit. 

Strassburg. Christian Sehmitt. 


«I 


163 


Adolf Frankl. Lachende Wahrheiten. 300 Epi- 
gramme. Wien, Pest, Leipzig. A. Hart- 
lehens Verlag. 1893. 

Das prächtig vom Verlage ansgestattete 
und von P. K. Kosegger mit einem launigen 
Vorworte versehene Huch hat mir manche ver- 
gnügte Minute gemacht. Wenn auch nicht alle 
Epigramme hei der grossen Anzahl gleichwertig 
sind, so ist doch auch nicht ein Vierzeiler 
darunter, den ich missen mochte. Alle atmen 
sprühenden Witz, tiefes Qemüt und vor allem 
einen tüchtigen Dichter und einen ganzen Mann, 
der die Welt kennt und auch sein Teil dazu 
beitragen möchte, dass manches anders und 
besser wird. Indem ich mit Rosegger den 
.Lachenden Wahrheiten“ viele lachende Leser 
wünsche, gebe ich zur Probe, — eine Auswahl 
ist hier schwierig, — das letzte der Epigramme: 
Für*« Vaterland. 

Bedroht ein grimmer Feind es mit Verderben, 
Ist man bereit fürs Vaterland zu sterben. 
Doch seltner geht da hi n des Menschen Streben, 
Vollauf auch fiir das Vaterland — zu leben. 

Br. F. H. 

Mattgold. Neue Dichtungen von Maurice Hein- 
hold von Stern. (Verlag von „Sterns 
litterarischen Bulletin der Schweiz“. 
Zürich.) 1893. 

Wieder hat uns der produktive, hervor- 
ragende Lyriker eine neue Gabe verabreicht 
und wieder ist dieselbe wertvoll. Wie in seinen 
früheren Schöpfungen, können wir anch im 
.Mattgold" des genialen Dichters idealen 
Schwang, die ungebrochene poetische Kraft, 
die machtvolle Sprache bewundern. Stehen auch 
nicht alle Gedichte auf besonderer Höhe und 
lassen manche Formfehler erkennen, die über- 
wiegende Zahl ist schön, sehr schön zu nennen 
und lässt, die Fehler gern vergessen. Die Freunde 
von Sterns Muse werden „Mattgold" ebenso lieh 
gewinnen, wie dessen „Höhenrauch“ und „Sonnen- 
staub“. 

Linz. Karl Pitlik. 

M. Manuela. Rudolf v. d. Wart. Trauerspiel 
in fünf Aufzügen. Dresden und Leipzig. 
K. Piersons Verlag. 

Wieder eine historische Jamhen-Tragödie ! 
Unterscheidet sich von den anderen dieser 
Gattnng dadurch, dass die Verse fast durchweg 
gereimt sind. Für die Charakterzeichnung hat 
der Verfasser (oder Verfasserin ?) natürlich nur 
zwei Farben auf der Palette: weiss und schwarz. 
Manche Scenen zeugen wohl von einiger drama- 
tischer Kraft; trotzdem ist das Stück öde und 
langweilig. Das kommt davon, wenn man 
unserem Schiller das Räuspern und Spucken 
abgucken will. 

Wien. Josef Schmid-Braunfels. 

Franz Wichmann. Dichter-Ehe. Roman. Leipzig, 
Verlag von Robert Claussner 1892. 

Es sind zwei Momente, die Franz Wichmann 
in dem vorliegenden Romane zur dichterischen 
Gestaltung zu bringen suchte, Einmal lockte 


| ihn das Problem einer Ehe zwischen einem 
! sogenannten modernen Handwerkspoeten und 
| einem warm und wahr empfindenden Weibe, 
das der Meinung ist, einem echten, gottbe- 
gnadeten Dichter. — ihrem Ideale — ihre 
Hand gereicht zu haben und zum andern wollte 
er manchen litterarischen Zuständen der Gegen- 
! wart einen klaren Spiegel Vorhalten. Gewiss 
I eine grosse Aufgabe. Erforderte dieselbe ein* 
I mal einen Dichter, der mit grossem psyclio- 
i logischem Scharlhlicke Charaktere zu erfassen 
{ verstand, an auch einen Dichter, dem „die Kunst 
zu hoch und heilig ist, um der Menge zu dienen.“ 
Dass diese Aufgabe trefflich gelöst wurde, trotz 
eines scheinbar etwas gewaltsam herbeigefürten 
Schlusses, beweist, dass Franz Wichmann ein 
Dichter ist, der uns noch manches echte Kunst- 
werk schenken wird. Der eitle Egoist. Heimo 
| Herzer, der nur deshalb sein Publikum gefnn- 
I den hat, weil für ihn „die Stimme der Menge 
I die Stimme Gottes ist“, und seine Frau Cilly, 
die zu spät erkennt, wie sehr sie sich in ihrem 
i Manne getäuscht hat, wie so ganz anders ge- 
| wisse „Dichter“ heutigen Tages sind, als es in 
ihrem Herzen geschrieben stand, sind meister- 
haft ent worfen, klar entwickelt und gezeichnet. 

! Auch die Satire des Buches ist keine gewalt- 
| same, gesuchte, sondern wird bis zum 4. Kapitel 
| mit liebenswürdigstem Humor geboten. Vom 
| 4. Kapitel an hat der Diehter niehts gespart, 

' mn seine Gestalten psychologisch zu vertiefen und 
' uns menschlich nahe zu bringen. Der Roman 
verdient einen weiten Leserkreis und wird 
besonders von litterarischen Dilettanten mit 
grossem Nutzen gelesen werden dürfen, vor- 
ausgesetzt. dass sie verbesserungsfähig sind. 

Bremen. Erich Bardewiek. 

P. K. Rosegger, Gute Kameraden. Persönliche 
Erinnerungen an berühmte und beliebte 
Zeitgenossen. 31 it 12 Porträts. A. Hart- 
leben’s Verlag in Wien, Pest und Leipzig 
1893. Preis tA 3.—, eleg. geh. M. 4.~~. 

Mit liebenswürdigem Humor, mit einer 
I Fülle von treffliehen Bemerkungen Uber Kunst, 
Poesie und 31enschenleben schildert uns Kosegger 
in seinem neuesten Werke, das wie alle seine 
Vorgänger von «lern seeleuergrüudenden Forscher- 
I blick des allheliehten Dichters Zeugnis ab- 
I legen, seine Beziehungen zu Ludwig Anzen- 
gruber, Friedrich Schlögl, Anastasius Grün. 
Franz Stelzhamer. Berthold Auerbach, Ferdinand 
Kürnberger, EmilVacano, Rudolf Falb, Gottfried 
Ritter von Leitner, Karl Morre, Jacob Scbtnölzer 
und Josefine Gallmeyer. Der Verleger hat diese 
„Guten Kameraden" auch in guten Bildern dem 
Buche beigegeben. Wer gern in solcher Gesell- 
schalt sich befindet, wird dieses prächtige Buch 
auf*« Freudigste begrüssen. 

Br. F. H. 

Zu freundlicher Beachtung. 

Vom t. Oktober ab werden die „N. I. Bl!* pünkt- 
lich am ersten Taue eines Monats ausReaeben werden 
und ohne Doppelnummern erscheinen Der Redak- 
tionsschluss Ist stets am 14. d. vorh. Monats. 

Hie Srbririleitnnir 



lfil 


32101 064055021 


Litteraturtafel und Anzeigen. 

(Die Neuerscheinungen der schriftstellernden Mitglieder der „litterarinelicn Gesellschaft Psychodrama,“ werden 
einmal frei in »l**r Littcraturtatcl atifgfinmiincii. Im Wiederholungsfälle wird der Anzeigenpreis von so Pf«, 
für die Rlciit/.cile liercchiiet, welcher auch fiir Nichtmit-glieder festgesetzt ist. Anr.fi gen sind an die Schrill* 

Icitung zu richten.) 


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von Gaudy uml Wilh. Schubert (Peter Merwini 
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lage eine a asserordentl i eh e Verbreitung finden. 

IW* Annahme von Inseraten bis 1.5. September. ‘WO 


Inhalt: Ein Jab r. s. 157. Aus der ,litt Gesellsch. Psyoli!* S. 158.— ZwnigvcrciiiK Berlin. Posen. 
8. Iäh. — Im Hochgebirge, Psychodrama von Max HofTmann. 8. 15s. — Psychodr. Echo. S. 159. — Gedichte 
von W. Lüdcggcr. Hcrmlne von Preuschen. Max Wundtke. S. 159—160. — Eingesamlte Neuerscheinungen. 
8. 100. — Beurteilungen. S. llll-lftl. - Anzeigen uml Litterat urtatol. S. 164. 

Verantwort!. Schriftleiter: Franziskus Hähne), Bremen. Druck von IlomeyerA Meyer. Bremen. Kuteiihof. 


Der Oesamtautlage dieser Nummer liegen zu freundlicher Kenntnisnahme bei: 

1. Prospekt aus dem Verlage von Wilhelm Friedrich in Leipzig. 

2. Prospekt der Zeitschrift „Die /.erst renuiiK“ in Rostock.